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Informationen zu „Dernière Volonté“ und „HAURUCK!“

„Dernière Volonté“ („Der letzte Wille“) ist die Military-Pop-Band des französischen Musikers Geoffroy D. (bei Live-Auftritten in der Regel mit Trommler-Unterstützung). Als Band-Logo diente lange Zeit das Zeichen der in Frankreich stationierten SS-Division „Götz von Berlichingen“. Thematisch beschäftigt sich Geoffroy D. insbesondere mit Vichy-Frankreich, Kameradschaftlichkeit und der Gedankenwelt faschistischer und reaktionärer „Vordenker“.

So beteiligte sich Dernière Volonté 2001 mit dem Lied „Ma Foi Est Mon Combat“ („Mein Glaube ist mein Kampf“) an einem CD-Sampler zu Ehren des rumänischen Reaktionärs Corneliu Codreanu, Anführer des antisemitisch-nationalistischen Kampfbundes „Legion Erzengel Michael“.

Schnell jedoch wurde das alte Logo durch ein selbstentworfenes, unbedenkliches Symbol ausgetauscht. Die Nutzung von SS-Symbolik „bedauert“ Geoffroy D. nun öffentlich und beteuert zu der Teilnahme an dem Codreanu-Sampler förmlich genötigt worden zu sein. Interesse habe nur an dessen „gnostischer und föderaler Seite“ bestanden. Nach dieser Distanzierung, die über das rechte Internetportal „Neo-Form.de“ erfolgt ist, fährt er jedoch fort die „Intelligenz […] und [das] maßloses Werk“ Albert Speers, dem er mit „A.Speer“ ein Lied gewidmet hat, zu loben und bezeichnet es als ein „schreckliches Ende [..], dass A. Speer zu all diesen „verfemten“ Künstlern“ gehöre.

Trotz einiger ästhetischer „Entschärfungen“ – die Musik von Geoffroy D. wird zunehmend poppiger – bewegt Dernière Volonté sich inhaltlich weiterhin auf bekannten Pfaden. So auch auf ihrer neusten Veröffentlichung mit dem Titel „Devant Le Miroir“ („Vor dem Spiegel“).
Die CD setze sich hauptsächlich mit dem Buch „Le Feu Follet“ („Das Irrlicht“) des Faschisten Pierre Drieu la Rochelle auseinander. (Ein Zitat von la Rochelle: „Wir europäischen Faschisten […]. Wir können beruhigt sterben. Wir haben eine Aufgabe vollbracht, die andere als wir in Europa nicht vollbringen konnten.“)

Die CD kommt in rechten Szene-Kreisen gut an. So erhält sie auch in der Zeitschrift „zwielicht“ (verlinkt auf der [krankpop]-Homepage) des rechten CD-Labels Eis&Licht (ebenfalls verlinkt bei [krankpop]) von Stephan Pockrandt eine – sehr aufschlussreiche – positive Kritik:


[…] ihre Musik wurde poppiger […]. Ein streng militärisches Flair bleibt jedoch durch die militärischen Trommeln, das Bühnenoutfit und die virilen Texte, die den Wert der „Kameradschaft“ preisen, erhalten. […] Auf „Devant Le Miroir“ sind die Pop-Elemente noch erheblich ausgebaut worden, atmosphärisch und konzeptionell bleibt jedoch alles beim Alten, und das ist auch gut so, denn ihr Stil ist einfach stimmig […] Textlich wird auf die großen Europäer Pierre Drieu La Rochelle und Guillaume Apollianaire zurückgegriffen

Rochelle, seit 1934 Parteigänger des französischen Faschismus, leitete von 1940 bis ’43 die avantgardistische Literaturzeitschrift NRF und veröffentlichte drei Bücher. Nach dem Sieg der Alliierten beging er Selbstmord. Sein Grab ziert die letzte Seite des Booklets der CD „Devant Le Miroir“. Darüber steht der Text des Liedes „Die Freude Vor Dem Tod“ („La Joie Devant La Mort“).

Eine gewisse „Grauzone“, in der sich viele Bands dieser Musiksparte bewegen, hat Dernière Volonté auch durch die enge Zusammenarbeit mit der rechten Military-Pop Band „Der Blutharsch“ und dessen Label „HAURUCK!“ verlassen.

„Der Blutharsch“ ist ein Musikprojekt des Österreichers Albin Julius. Gegründet 1997, fiel „Der Blutharsch“ schnell durch exzessive Verwendung nationalsozialistischer Symbolik (u.a.. handelt es sich bei dem Bandlogo um ein Eisernes Kreuz mit Lorbeerkranz) und Tonausschnitten aus der NS-Zeit auf. Julius, der in Interviews ein totalen Migrationsstopp fordert und von einer Rückkehr zu einem Europa der Nationalstaaten phantasiert, arbeitet dabei sehr eng mit bekennenden Sozialdarwinisten, wie z.B. dem US-Noise-Künster Boyd Rice, zusammen (Zitat: „Wenn ich irgendwelche Probleme diesbezüglich hätte, würde ich wohl nicht mit ihm auf Tour gehen.”).

Neben Mitgliedern der Band „Genocide Organ“ („Sprachrohr des Völkermords“), die bei Live-Auftritten auch schon mal lautstark „Freiheit für Pinochet!“ fordern (und auch bei [krankpop] in der Playlist auftauchen), war Geoffroy P. von Dernière Volonté dabei mehrmals mit von der Partie. Neben diversen Split-LPs von Dernière Volonté und Der Blutharsch wirkte dieser auch auf der Blutharsch-Veröffentlichung „Time is thee enemy!“ mit – ebenso wie der Kopf von Genocide Organ.

Dies ist kaum verwunderlich, handelt es sich bei Dernière Volonté doch um eines der Vorzeige-Projekte des rechten Labels „HAURUCK!“, das Albin Julius von Der Blutharsch betreibt.

Dernière Volonté reiht sich dabei ein in Veröffentlichungen von rechten Bands wie „Spiritual Front“, “Zetazeroalfa”, „SPQR” etc. und rechten Musikprojekten wie die “Adresso viene il bello”, die Vertonung italienischer Märsche, größtenteils aus der Zeit des Mussolini-Faschismus. Eine Gesellschaft in der man sich allem Anschein nach sehr wohl fühlt – auch die nächste CD wird wohl auf „HAURUCK!“ erscheinen.

Quelle: Polit-Cafe Azzoncao

Bunkermystik IV

Der rechtsextreme Teil der Gothic/Neofolk-Szene möchte sich wieder einmal ein Stelldichein geben. Dazu dient ein alter Weltkriegsbunker am Murtensee sowie 2 Bands und DJ’s. Mobilisiert wird konspirativ via E-Mail. Nur blöd, wenns dann an die Öffentlichkeit gelangt.

Organisiert wird der Anlass von Stephan Ribbaux, welcher unter dem Pseudonym „Mannaz“ die Internetseiten Nordkunst.ch und yggdrasil.ch.vu betreibt. Darauf finden sich neben Konzertberichten von rechten Neofolkbands unter anderem auch Beschreibungen, wie man gemütlich Filme von Leni Riefenstahl (Filmemacherin im 3.Reich) angesehen hat und ähnliches.

Auftreten sollche 2 Bands, namentlich Wappenbund und Trincea. Beides sind keine unbekannte Protagonisten, Trincea hat schon mehrmals an den Bunkermystik-Partys gespielt. Kein Wunder, ist doch Antonine aka DJ Antz der Kopf hinter Trincea eng mit Mannaz befreundet.
Antoine selber ist kein unbeschriebenes Blatt. Zusammen mit Lars Kophal (welcher gerne mal mit SS-Hut auftritt) ist er der führende Kopf von Soleilnoir.ch, welche sich verantwortlich zeigen für diverse Konzerte mit rechtsexremen Gothic/Neofolk-Bands. Unter anderem sei hier Death in June, Blood Axis, Allerseelen und Les Joyaux de la Princesse genannt.
Mehr zu Soleil Noir gibt es auf Antifa.ch Communique zu einer SoleilNoir-Veranstaltung: http://www.antifa.ch/comm/comm051027.shtml

Über Wappenbund ist nicht allzu viel bekannt. Wie die meisten dubiosen Bands in dieser Szene geben sie sich mit eindeutigen Aussagen bedeckt und lassen lieber Bilder sprechen. Eindeutig zweideutige CD-Covers sind nur ein Teil davon. Auch die CD-Titel sprechen einen Sprache, die aufhorchen lässt. Titel wie „Preussen“, „Heimatflamme“ und ähnliches hören sich verdächtig an. Dazu kommt, dass Wappenbund auf den Insidersites der rechten Neofolkgemeinde neben eindeutigen Bands wie Blood Axis, Allerseelen oder Von Thronstahl angeboten wird.

Auch der Flyer, mit welchem für die Party geworben wird, mindestens fragwürdig. Mit Kreuzrittersymbolik für ein Konzert und eine Party Werbung machen?

Diese Fakten zusammen mit der heimlichen Mobilisierung dürften verdeutlichen, was für ein Puplikum sich an diesem Abend an der Bunkermystik IV versammeln wird.

Quelle: Indymedia Schweiz

„Völkische Graswurzelrevolution“

In der Juli-Ausgabe der NPD-Zeitschrift Deutsche Stimme finden sich zwei bemerkenswerte Artikel. Einer ist „Angst vor der völkischen ‚Graswurzelrevolution‘. Nationale Jugendkultur setzt sich zunehmend durch“ betitelt. Bemerkenswert sind die Zeilen des Mitglied des sächsichen Landtags Jürgen W. Gansel insofern, als der Autor hier kein Wort der im Untertitel konstatierten Dominanz „nationaler Jugendkultur“ widmet, und statt dessen die Bemühungen verspottet, dem etwas entgegen zu setzen:

„Solche ‚Argumentationstrainer‘ werden ganz sicher keine Schutzdämme gegen den modernen Nationalismus errichten können, der mit seinem glaubhaften Widerstand gegen Zuwanderung, EU-Fremdbestimmung und Globalisierung schlicht und einfach den Nerv der krisenhaften Zeit trifft.“1

Wo nur noch konstatiert wird, „Nationale Jugendkultur setzt sich zunehmend durch“, und nicht durch Argumente und Fakten belegt, ist zumindest in der Wahrnehmung der extremen Rechten erreicht, was Roland Bubik in der Zeitschrift Junge Freiheit bereits 1993 einfordert hatte:

„[Der Machtfrage] gilt es, sich zu stellen, die Jugendkultur von heute bietet erfolgversprechende Ansätze hierfür.
[…]
So kennzeichnet es die Lage trefflich, dass im besten Sinne reaktionäre Ästhetik und Lebensauffassung nicht von ‚rechten Postillen‘ am erfolgreichsten verbreitet wurden, sondern mittels silberner CD-Scheiben. Neo-Folk, Gothic, Gruppen wie ‚Dead can dance‘ oder ‚QNTAL‘ (Leser der JF-Musikkritik wissen Bescheid) sprechen eine andere Sprache als die der Moderne.“2

„Die Kultur als Machtfrage“ war der Text übertitelt. In ihm griff Bubik zumindest implizit Vorstellungen der Neuen Rechten auf, wonach vor einem politischen Umsturz in einem „ideologischen Stellungskrieg“, wie es der neurechte Vordenker Alain de Benoist formuliert hatte, das Feld der „kulturellen Macht“ zu besetzen sei. Diese habe den Vorteil, dass „ihr direktiver und suggestiver Charakter als solcher nicht klar erkannt wird und folglich nicht auf die dieselben rationalen und bewussten Widerstände stößt“.

„So vollzieht sich unter der Wirkung der kulturellen Macht die Umkehrung der ideologischen Mehrheit3

Ganz ähnlich argumentierte Bubik, als er den „nicht-kognitiven“, also den verstandesmäßig nicht erfahrbaren Charakter von Jugendkulturen bei der Übermittlung ihrer Botschaften hervorhob. Hier werde, s. o., eine „andere Sprache als die der Moderne“ gesprochen.

Welche Sprache dort gesprochen wird, wo jene „Jugendkultur“ sich versammelt, an die schon Bubik seine Hoffnungen geknüpft hatte, das berichtet die Deutsche Stimme Nr. 7 / 06 in ihrer Reportage über das 15. „Wave-Gotik-Treffen“ vom 2. bis 5. Juni 2006 in Leipzig.

Am Abend des 4. Juni hatte die NeoFolk-Band Orplid zu Konzert und Lesung ausgerechnet in die Krypta des Leipziger Völkerschlachtdenkmals geladen.

„[…] dann blicken die vier zehn Meter hohen Statuen der Totenwächter auf den Besucher herab, die die deutschen Volkstugenden Glaubensstärke, Tapferkeit, Volkskraft und Opferbereitschaft personifizieren sollen. […] In dieser weihevollen Atmosphäre warten am frühen Abend des 4. Juni 2006 Hunderte von Freunden neufolkloristischer Musik und deutscher Dichtung […] Die gespannte Atmosphäre löst sich, als Uwe Nolte eines der frühesten Lieder von ‚Orplid‘, den ‚Bruder Lucifer‘ anstimmt und mit seiner getragenen Stimme die Zuhörer sofort in ihren Bann zieht. […] Frank Machau und Uwe Nolte gehören zu der kleinen Gruppe von Künstlern, die noch ganz stilsicher und sprachfertig aus dem abendländisch-antiken Erbe Europas schöpfen und dabei heidnische, romantische und christliche Motive verarbeiten.“4

Mit von der Partie war der Dichter Rolf Schilling, der, wie das Online-Lexikon Wikipedia ohne Arg meldet, die „Beschwörung eines endzeitlichen Rausches“ zu seinem Hauptthema mache. Im Rahmen des Orplid-Konzertes las Schilling aus seinem Essay „Geheimes Deutschland“, in dem er dafür plädiert, Adolf Hitler nicht zum „Universal-Erben und Allein-Eigentümer des deutschen Mythos“ zu machen, der „fruchtbar für künftige Zeiten“ bleibe.

Orplid-Mann Uwe Nolte las aus seinem Barbarossa-Zyklus, ein Thema, das in Noltes Bearbeitung an den Wieland-Mythos angelehnt ist.

„Noch atmend, gefangen im Wort der Legende,
Mit Fesseln von Flüchen an Armen und Hals,
Jahrhunderte grüßend, verharre ich durstig
Am Born meines Schicksals, in steinerner Pfalz.
Es ist eine Lüge, das stumm ich die Jahre
Durchschlafe als leblose Sagengestalt.
Mein Name im Blute erkorener Völker
Mit lockendem Klange fanfarengleich hallt.“5

Diese Zeilen zitiert auch der Deutsche-Stimme-Autor Arne Schimmer. Sie sind für ihn der „intensive und unter die Haut gehende Abschluss“ eines Auftritts, der den „unbezweifelbaren Höhepunkt des diesjährigen ‚Wave-Gotik-Treffens‘“ markiert. Schimmer schwärmt von der „entspannt-kameradschaftlichen Atmosphäre im heidnischen Dorf“ während des Treffens. Getrübt sei es einzig durch die Medienberichterstattung und ihren „Alarmismus über vermeintliche und tatsächliche ‚Rechte‘ unter den Besuchern“ worden. Er zitiert aus der Leipziger Volkszeitung vom 6. Juni 2006, die vom „BDM-Look einiger Blondinen“, von „Braunhemden und Uniformen einiger Scheitelträger“ berichtet hatte: „Da kapituliert der Verstand“. Diese Vorlage lässt sich der Deutsche-Stimme-Autor nicht entgehen:

„Nun, gerade beim ‚Wave-Gotik-Treffen‘, bei dem sich alljährlich alle künstlerischen Formen der Romantik – ob nun in ihrer populären oder auch klassischen Form – präsentieren, darf der Verstand ruhig einmal für vier Tage Pause machen.“6

Man mag einwenden, dass kein Künstler sich sein Publikum aussucht: Niemand ist davor gefeit, nach einem öffentlichen Auftritt von Medien der extremen Rechten besprochen zu werden. Auch, dass zentrale Themen des historischen Nationalsozialismus und des Neonazismus aufgegriffen werden können, ohne dass sie dadurch automatisch diskreditiert sind, mag mancher anführen. Im Neofolk hingegen ist es neurechtes Konzept: Anlässlich des Wave-Gotik-Treffens im Jahr 2000 bemühte Sabine Behrendt für die Zeitschrift Metapo Nr. 3 / 2000 des neurechten Thule Seminar (www.idgr.de) die in der Szene durchaus übliche Sprachregelung von der „Hatz- und „Diffamierungs-Kampagne“, die von einer Allianz aus Verfassungsschutz, der APO-Generation der 68er, Antifas und Medien lanciert werde. Auch sei die „Schwarze Szene“ unpolitisch, referiert sie eine andere beliebte Mär: „in den Liedtexten [ist] von Politik keine Rede“. Mit dieser Mischung aus Verschwörungsparanoia und vorgeschobener Naivität bewies Frau Behrendt in ihrem Artikel „Gothik-Festival in Leipzig“ eine gehörige Portion Kaltschnäuzigkeit, denn im selben Heft der Metapo sprach ein anderer Vordenker der Neuen Rechten Klartext:

„Wir wissen ja, warum wir kämpfen: für unseren Boden, für unser Volk, die gefährdet sind, für ihre Identität, für den langfristigen Aufbau Eurosibiriens […]
Es hat keinen Sinn, das gegenwärtige System ‚reformieren‘ zu wollen: Das Übel sitzt zu tief, der Punkt, ab dem es kein Zurück mehr gibt, ist schon erreicht worden. […]
Die Machtübernahme dank die identitäre Weltsicht [sic!] sowie ihre Übersetzung im Bereich der Großpolitik bleiben unser übergeordnetes, strategisches Endziel. […]
Der ‚Gesellschaftswechsel‘ wird nunmehr nur aus einem Prozess des Umbruchs und des Chaos hervorgehen können. […]
Das politische Endziel aller ideologischen, kulturellen, aufklärerischen Arbeit muss nie aus den Augen verloren werden. […] Das Politische dagegen dient der Volksgemeinschaft. […]“7

Quelle: Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung

  1. Deutsche Stimme Nr. 07 / 06, Juli 2006 [zurück]
  2. Junge Freiheit Nr. 10 / 93 [zurück]
  3. A. de Benoist: Kulturrevolution von rechts. Gramsci und die Nouvelle Droite. Krefeld 1985, S. 51; Benoists Hervorhebung [zurück]
  4. Deutsche Stimme Nr. 7 / 06, Julin 2006 [zurück]
  5. www.noltex.de [zurück]
  6. Deutsche Stimme Nr. 07 / 06, Juli 2006 [zurück]
  7. Guillaume Faye: Die Strategie der Vorkriegszeit (in: Metapo Nr. 3 / 2000, S. 6f.) [zurück]

In rosa Watte

Wird ihr die Verharmlosung des Judenmords vorgeworfen, meint der Holocaust für die Dark-Wave-Band »Death In June« im Zweifelsfall eine »vulkanische Landschaft«.
von christian dornbusch und andreas speit

Die Eingabefrist für den »Death in June Art Contest« ist abgelaufen. Bis zum 1. Mai dieses Jahres konnten die Fans zum Thema »Visualize DIJ« ihre Beiträge für den Wettbewerb einreichen, der von Neo-Form, dem Online-Magazin »für Neofolk, Industrial, Avantgarde und Kultur« veranstaltet wird. Die Teilnahme sei einfach: »Visualisiert einen Song von Death in June! Fotos, Fotomanipulation, Malerei (…) jede Art der visuellen Kunst ist zur Teilnahme berechtigt.« Der Gründer der Band »Death in June«, Doug­las Pearce, werde über »jedes neue Kunstwerk« informiert, und der Gewinner soll von ihm persönlich geehrt werden.

Der subkulturelle Gestus der Dark-Wave-Szene, zu dem eine gewisse Introvertiertheit und Intellektualität gehören, dürfte sich ästhetisch und konzeptionell in den eingereichten Beiträgen widerspiegeln. Dies könnte auch die Ähnlichkeit zu Wettbewerben übertünchen, die etwa Bravo gerne veranstaltet: »Mal ein Bild von deinem Superstar, bau eine Collage!« Hauptgewinn: Besuch beim Star!

»Irgendwie scheinen dem Kunstwerk auch Grenzen gesetzt zu sein, wenn man es per Mail schicken soll«, kommentiert jedoch ein Interessierter im Forum. Ein anderer Fan von »Death in June« hingegen könnte es sich vorstellen, gleich eine CD seiner Lieblinge zu visualisieren: »Also ›Rose clouds of Holocaust‹ wäre bei mir eine Art Modelleisenbahn mit entsprechendem Lager, und aus dem Schornstein kämen rosa Wattebällchen. Huuuaaar makaber!«

Provokanter Scherz oder politischer Ernst? Seit Jahren lieben Protagonisten aus der Dark-Wave-Szene das Spiel mit vermeintlichen Tabus. Ein Bestandteil dieses Spiels sind die erwartbaren Reaktionen von Kritikern. Echauffieren sollen sie sich. Die Spielregeln sind bekannt: Nach einer Aussage, etwa einer Idealisierung oder Relativierung des Holocaust, erfolgt die Erwiderung: Derlei sei keineswegs beabsichtigt, die Fans würden das provokante Konzept erkennen, und nur die Kritiker könnten nicht zwischen ästhetischen Motiven und politischen Aussagen unterscheiden.

Die Independent-Szene versteht sich selbst, wie vermutlich alle Popszenen, größtenteils als »unpolitisch«. Die Fans mögen die Musik der frühen Szenestars »Joy Division« oder die Lieder von »Goethes Erben«. Mit den melancho­lisch-romantischen Klängen oder harten Rhyth­men verbinden sie weder politische Aussagen noch politische Motive. Die rechten kulturkritischen Töne überhören so einige Fans immer noch gern, etwa wenn Pearce den Band-Klassiker »Death of the West« singt: »They’re making the last film / They say it’s the best / And we all helped make it / It’s called the death of the West / The kids from fame / Will all be there / Free Coca-Cola for you!«

Die Daily Soap und die Getränkemarke stehen im Song als Synonym einer »Unkultur« des amerikanischen Westens, die sich in aller Welt ausbreite. Die Rettung scheint Pearce im Wiedererwachen einer heidnischen Tradition in Europa zu sehen, wenn er intoniert: »A star is rising in our northern sky / And on it we’re crucified.«

Seit Anfang der neunziger Jahre sind rechtsextreme Tendenzen in der »Schwarzen Szene« evident. Einer der Trendsetter ist bis heute die Band »Death in June«, die im Jahr 1981 von Douglas Pearce und Tony Wakeford gegründet wurde. Bereits der Name »Tod im Juni« ist eine Aussage, nämlich eine Reverenz an den SA-Führer Ernst Röhm. Im Interview mit dem Magazin Zillo erzählte Pearce einmal: »Auf der Suche nach einer zukünftigen politischen Perspektive stolperten wir über den Nationalbolschewismus, der sich wie ein Leitfaden durch die Hierarchie der SA zog.«

Die Band war nicht die einzige, die auf der Suche nach neuen ästhetischen Inspira­tionen auf alte politische Ideen stieß. »Allerseelen«, »Blood Axis«, »Von Thronstal«, »Der Blutharsch« oder »Waldteufel«, all diese Bands ließen sich in ihrer Beschäftigung mit den Themen der Szene – nämlich Tod, Zerfall, Treue, Liebe, Reinheit, Einfachheit und Natürlichkeit – von rechtsextremen Ideologemen, Symbolen und Metaphern anregen.

Sie bedienen sich bei völkischen Künstlern, konservativ-revolutionären Literaten, faschistischen Theoretikern und manchmal eben auch bei nationalsozialistischen Funktionären. In ihren ästhetischen Projekten komprimieren sie die antimodernen Mo­tive der extremen Rechten zu einer politischen Synthese, durch die der individuelle Pessimismus und die kollektive Melancholie der »Schwarzen Szene« zum heroischen Realismus und totalen Antimodernismus der braunen Szene wird.

Dabei ist weniger das einzelne vermeintlich »Tabuisierte« oder »Häre­tische« problematisch, sondern die Kombination und der Kontext der rekurrierten Metaphern und Mythen. Mögen die rechtsextremen Dark Waver sich damit verteidigen, die Synthese von faschistischen Ideologiefragmenten sei »reine Kunst« und die faschis­tische Ästhetik »reiner Fetisch«, sind sie es selbst, die mit diesen Operationen ihre Ästhetik politisieren, und nicht erst die Kritiker, die darauf aufmerksam machen.

Die Anleihen bei den Nazis bewogen das frühere Bandmitglied Patrick Leagas zum Ausstieg. »Wir hatten gerade ein Konzert in Bologna absolviert«, erzählte er rückblickend, »als sich eine junge Frau näherte und schrie: ›Ich hoffe, deine Mutter hasst dich!‹ (…) Wir trugen SS-Uniformen in einer Stadt, in der rechtsradikale Terroristen gerade viele Menschen umgebracht hatten. Ich schämte mich.«

In der Lyrik, dem Artwork des Booklets oder bei den Live-Auftritten wartet man vergeblich auf eine Dekonstruktion der nationalsozialistischen Motive. Vielmehr verdichten die rechtsextremen Dark Waver die harmonische Inszenierung zu einem »faschistischen Stil«, den auch der neurechte Theoretiker Armin Mohler schätzte.

In diesem Stil, meinte Mohler, drücke sich die Sehnsucht nach einer »un­bedingteren Lebensform« aus, die nur in Grenzerfahrungen des antibürgerlichen Lebens erlebt werden könnten, vom Drogengenuss bis zum Sturmangriff.

So inszeniert »Blutharsch« permanent Kampf und Tod als nihilistischen Akt. Vielleicht denkt die Band dabei an Gottfried Benns Einlassungen über die »Liebe zur Gefahr« oder »die schönen Ideen, für die man stirbt«. Die Glorifizierung des Kriegs geht, bemerkte Walter Benjamin, mit der Idea­lisierung von Brutalität und Barbarei einher.

Wie bewusst Pearce Stile, Symbole und Metaphern verwendet, erläuterte er selbst: »Death in June hat immer alles mit sündlos gutem Geschmack getan und mit dem passenden Verständnis für die Ästhetik und den Symbolismus hinter solchen Dingen.« Das Bandlogo, der SS-Totenkopf, sym­bolisiere denn auch »den totalen Ein­satz« und zeige den Feinden, »dass sie nicht toleriert werden«.

Angesichts dessen dürfte die Idee des Fans, der mit »verspielten Bildern« eines Vernichtungslagers das Cover von »Rose clouds of Holocaust« gestalten möchte, nicht überraschen. Solche Assoziationen dürfte Pearce jedoch unterbinden wollen. Insbesondere, seit ein Rechtsstreit wegen der CD anhängig ist. Im vergangenen Jahr wurde nämlich das Album »Rose clouds of Holocaust«, das bereits im Jahr 1995 erschienen ist, auf Empfehlung des Brandenburger Landeskrimi­nalamts von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien indiziert.

Im Titelsong singt Pearce: »Rose clouds of Holocaust / Rose clouds of flies / Rose clouds of bitter / Bitter, bitter lies / And when the angels of ignorance / Fall down from your eyes / Rose clouds of Holocaust / Rose clouds of lies.« Die anfänglich klare Aussage wird im folgenden kryptischer: »Rose clouds of twilight truth / Rose clouds of night / Rose clouds of harvested / Love, all alight / And when the ashes of life / Fall down from the skies / Rose clouds of Holocaust / Rose clouds of lies.«

Die Irritation, die der Text auslöste, wurde von der Single-Auskopplung »Sun Dogs« verstärkt. Deren Cover zeigt ein linksdrehendes, aus Hundeköpfen gebildetes Haken­kreuz mit einer blühenden roten Rose in der Mitte. Doch natürlich war alles nicht so gemeint, wie man als unbedarfter Beobachter hätte annehmen können. Vor beinahe zehn Jahren, als die Wochenzeitung Junge Freiheit Pearce nach seiner »Inspiration« für das Stück »Rose clouds of Holocaust« fragte, verwies er auf ein Naturerlebnis in Island.

Gegenüber der Bundesprüfstelle er­neuer­te er diese Geschichte: »Ich erfuhr ein spirituelles Erlebnis.« Das Wort »Holocaust« bedeute »verbranntes Opfer«, und Island sei eben voller Vulkane. »Die vulkanische Land­schaft ist der ›Holocaust‹, von dem hier die Rede ist.« Dieser »Holocaust« habe nichts gemein mit der »Verfolgung und Vernichtung von Juden, Homosexuellen, Zigeunern und anderen in Deutschland während der Zeit des Dritten Reichs«.

Die Prüfstelle ließ sich von diesen Einlassungen allerdings nicht überzeugen und blieb bei der Auffassung, dass der Verfasser »den Holocaust während des sog. ›Dritten Reichs‹ mit Lügen« gleichsetze. Diese »Lüge vom Holocaust«, meinte die Behörde weiter, soll »wie ›die Engel der Ignoranz‹ von ›den Augen der Menschen‹ ›abfallen‹«. Zudem sei »Holocaust« ein »feststehender Begriff für die Ermordung von Millionen Menschen in Konzentrationslagern«. Dass der Verfasser den Holocaust als »Rosenwolke«, mit »Rosenwolken aus bitteren Lügen« und einer »zwielichtigen Wahrheit« beschreibe, impliziere, dass er diesen Massenmord »als Lüge entlarven« wolle. Gegen die Entscheidung wurde eine Klage eingereicht, wie eine Sprecherin der Behörde der Jungle World berichtete.

Gleichzeitig dürfte die Indizierung die Platte endgültig zum »Kultobjekt« erheben – und zwar nicht nur bei eingefleischten Fans. Diesen Effekt kann man fast schon klassisch nennen.

Anfang der neunziger Jahre, als die Intellektuellen der »Neuen Rechten« damit begannen, sich in bestimmte popkulturelle Szenen einzumischen, und fast gleichzeitig Intellektuelle aus der »Mitte der Gesellschaft« auf den rechtsextremen Ideologie- und Symbolfundus zurückgriffen, betonte Umberto Eco: »Um tolerant zu sein, muss man die Grenzen dessen, was nicht tolerierbar ist, festlegen.« Man könne nicht das Tolerierbare ablehnen und zugleich tolerant sein. Indizierungen markieren Grenzen. Aber sie ersetzen keine Diskussionen.

Quelle: Jungle World