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„Ostara“ – Reaktionäres poppig verpackt

„Ostara“ ist eine sog. „Darkpop“-Band, die 1999 von Richard Leviathan und Timothy Jenn gegründet wurde, um, nach eigener Aussage, tiefer ihr „abendländisches Erbe“ zu ergründen.

Die Band gilt als Nachfolgeprojekt der neonazistischen Formation „Strength Through Joy“ („Kraft Durch Freude“), die eine intensive Zusammenarbeit mit der rechten Band „Death in June“ pflegte, offen nationalsozialistische Inhalte affirmativ wiedergab (Titel wie „The Blond Beast“, z.B. spielen klar auf das „Ariertum“ an) und völkischen Ritualen ganze CDs widmete (wie mit „Salute to Light“, basierend auf Bildern des Hitler-Malers Fidus).

Der Name „Ostara“ spielt dabei einerseits auf eine germanische Frühlingsgöttin, andererseits auf die 1905 gegründete Zeitschrift gleichen Namens ostaraalbumvon Jörg Lanz von Liebenfels an. Diese okkulte Publikationsreihe hatte sich die „Erforschung und Pflege des heroischen Rassentums und Mannesrechts“ zum Ziel gesetzt und übte wesentlichen Einfluss auf die Ideologie der Nationalsozialisten aus. Die „Ambiguität“ des Bandnamens sei gewollt, gibt Leviathan in Interviews zu.

Die Band besteht heute aus vier Mitgliedern (Leviathan, Stu Mason, Tim Desmond und Dave Renwic) und spielt melodisch massentauglichen Pop – als Vorbilder gibt man Placebo und NIN an – mit antichristlichem und okkultem Inhalt. Die Bezugnahme auf rechte Ideologie ist dabei, wenn auch nicht mehr so eindeutig wie bei „Strength Trough Joy“, weiterhin Bestandteil der Band.

Die Veröffentlichung „Ultima Thule“, z.B., beschäftigt sich thematisch mit dem Thule-Mythos, der Legende einer germanischen „Urheimat“ am äußersten Nordrand („Ultima Thule“) der Welt, an. Schlagworte wie „Arier“ etc. werden dabei vermieden, stattdessen ergeht man sich in okkulten Untergangsphantasien.
Zwei Lieder der CD sind Leni Riefenstahl gewidmet. Die Propagandistin Hitlers gilt heute im rechten Rand der Neofolk-Szene als Ikone. Ihr gewidmet sind zahlreiche Sampler rechter Bands und ihre Bilder zieren so manches CD-Cover (u.a. auch von „Strength Through Joy“).

Dass rechtsextremes Gedankengut beim Kopf der Formation fest verankert ist, wird in zahlreichen Interviews – in denen er Ostara klar als „politisch“ klassifiziert – überdeutlich.

Den Nationalsozialismus klassifiziert Leviathan als „primitivistische Form des Faschismus, die einige Prinzipien hatte, die nicht einfach als pervers oder böse abgetan werden können“. Geboren aus „Kameradschaft und Leid an der Front“ habe dieser immerhin „viele der absoluten Unterscheidungen zwischen Klassen, die die alten Strukturen der Gesellschaft pervertiert hatten, aufgelöst.“ Dem vermeintlich „linken“ Flügel der NSDAP, wie den Gebrüdern Strasser, bescheinigt er einen Oppositonsstatus – exakt wie die rechte Band „Death in June“ es seit Jahren bei Ernst Röhm tut. Massenmord und Krieg wären einzig Hitlers Schuld.

Besonders der faschistische Intellektuelle Julius Evola hat es Leviathan angetan. Evola pflegte enge Verbindungen zum italienischen Faschismus (auch zu Mussolini persönlich), arbeitete zeitweise mit der, der SS unterstellten, Forschungs- und Lehrgemeinschaft „Ahnenerbe“ zusammen und hatte auch nach dem Zweiten Weltkrieg großen Einfluss auf rechtsextreme Organisationen (wie z.B. „Ordine Nuovo“).
Leviathan sieht Evola als lyrische Inspiration für sich und „Ostara“. Die Band zitiere ihn zwar nie direkt, aber Evola sei stehts „irgendwie im Hintergrund“. Besonders die „eurozentrische Denkweise und [sein] Verlangen die Wurzeln unserer Zivilisation wiederzuentdecken, zu erneuern und zu bekräftigen“ haben es dem Textschreiber von „Ostara“ angetan.

Des Weiteren sieht Leviathan, der Sohn säkularisierter jüdischer Eltern, die Notwendigkeit einer „spirituellen Elite“, einer „Aristokratie des Geistes“. Eindruck auf ihn habe in diesem Zusammenhang der neuromatische Dichter Stefan Anton George gemacht. Der reaktionäre und antiaufklärerische Lyriker entwarf in „Das neue Reich“ (1928) die Idee einer hierarchischen Gesellschaft, geführt von einer geistigen Elite. Dies veranlasste die Nazis dazu massiv um dessen Gunst zu werben, was George jedoch abwehrte. Diese reaktionäre und antidemokratische Opposition zu Nazideutschland attestiert Leviathan auch Von Stauffenberg, den er als einen „Patrioten“,„theoretisch loyal zum Regime“, fasst.

Auch Ernst Jünger, stj-coverAntidemokrat und Autor des kriegsverherrlichenden Buches „In Stahlgewittern“, gegenüber äußert der Sänger Interesse. Dieser, ebenso wie weitere Autoren aus dem Zusammenhang der „konservativen Revolution“, hätten großen Einfluss auf seine Musik gehabt.

Somit lässt sich „Ostara“ klar als Band charakterisieren die sich der okkult-mystischen Grundlage des Faschismus verschrieben hat und nationalistisches, antidemokratisches und antiaufklärerisches Gedankengut propagiert – all dies verpackt in poppigem Gewandt. Kritik wird mit Verweis auf Leviathans Elternhaus pauschal als Rufmord abgetan.

Dazu passt es sehr gut, dass „Ostara“-CDs in Deutschland über das rechte Label „Eis&Licht“ vertrieben werden. Das Label von Stephan Pockrandt gibt das rechte Fanzine „zwielicht“ (Nachfolgeprojekt von Zinnober) heraus, veröffentlichte CDs der rechten Formationen „Waldteufel“, „Von Thronstahl “ und „Voxus Imp.“ und vertreibt über seinen Onlineshop „Neofolk.de“ rechte Szenegrößen wie „Death in June“, „Blood Axis“ und „Les Joyaux de la Princesse“.

Alle Zitate: wörtliche Übersetzungen von „Interview with Richard Leviathan (Ostara), 30/01/2001″, „Richard Leviathan of OSTARA. Interviewed by Troy Southgate“ und „OSTARA Interview. 23.02.2002″

Quelle: Polit-Cafe Azzoncao

In rosa Watte

Wird ihr die Verharmlosung des Judenmords vorgeworfen, meint der Holocaust für die Dark-Wave-Band »Death In June« im Zweifelsfall eine »vulkanische Landschaft«.
von christian dornbusch und andreas speit

Die Eingabefrist für den »Death in June Art Contest« ist abgelaufen. Bis zum 1. Mai dieses Jahres konnten die Fans zum Thema »Visualize DIJ« ihre Beiträge für den Wettbewerb einreichen, der von Neo-Form, dem Online-Magazin »für Neofolk, Industrial, Avantgarde und Kultur« veranstaltet wird. Die Teilnahme sei einfach: »Visualisiert einen Song von Death in June! Fotos, Fotomanipulation, Malerei (…) jede Art der visuellen Kunst ist zur Teilnahme berechtigt.« Der Gründer der Band »Death in June«, Doug­las Pearce, werde über »jedes neue Kunstwerk« informiert, und der Gewinner soll von ihm persönlich geehrt werden.

Der subkulturelle Gestus der Dark-Wave-Szene, zu dem eine gewisse Introvertiertheit und Intellektualität gehören, dürfte sich ästhetisch und konzeptionell in den eingereichten Beiträgen widerspiegeln. Dies könnte auch die Ähnlichkeit zu Wettbewerben übertünchen, die etwa Bravo gerne veranstaltet: »Mal ein Bild von deinem Superstar, bau eine Collage!« Hauptgewinn: Besuch beim Star!

»Irgendwie scheinen dem Kunstwerk auch Grenzen gesetzt zu sein, wenn man es per Mail schicken soll«, kommentiert jedoch ein Interessierter im Forum. Ein anderer Fan von »Death in June« hingegen könnte es sich vorstellen, gleich eine CD seiner Lieblinge zu visualisieren: »Also ›Rose clouds of Holocaust‹ wäre bei mir eine Art Modelleisenbahn mit entsprechendem Lager, und aus dem Schornstein kämen rosa Wattebällchen. Huuuaaar makaber!«

Provokanter Scherz oder politischer Ernst? Seit Jahren lieben Protagonisten aus der Dark-Wave-Szene das Spiel mit vermeintlichen Tabus. Ein Bestandteil dieses Spiels sind die erwartbaren Reaktionen von Kritikern. Echauffieren sollen sie sich. Die Spielregeln sind bekannt: Nach einer Aussage, etwa einer Idealisierung oder Relativierung des Holocaust, erfolgt die Erwiderung: Derlei sei keineswegs beabsichtigt, die Fans würden das provokante Konzept erkennen, und nur die Kritiker könnten nicht zwischen ästhetischen Motiven und politischen Aussagen unterscheiden.

Die Independent-Szene versteht sich selbst, wie vermutlich alle Popszenen, größtenteils als »unpolitisch«. Die Fans mögen die Musik der frühen Szenestars »Joy Division« oder die Lieder von »Goethes Erben«. Mit den melancho­lisch-romantischen Klängen oder harten Rhyth­men verbinden sie weder politische Aussagen noch politische Motive. Die rechten kulturkritischen Töne überhören so einige Fans immer noch gern, etwa wenn Pearce den Band-Klassiker »Death of the West« singt: »They’re making the last film / They say it’s the best / And we all helped make it / It’s called the death of the West / The kids from fame / Will all be there / Free Coca-Cola for you!«

Die Daily Soap und die Getränkemarke stehen im Song als Synonym einer »Unkultur« des amerikanischen Westens, die sich in aller Welt ausbreite. Die Rettung scheint Pearce im Wiedererwachen einer heidnischen Tradition in Europa zu sehen, wenn er intoniert: »A star is rising in our northern sky / And on it we’re crucified.«

Seit Anfang der neunziger Jahre sind rechtsextreme Tendenzen in der »Schwarzen Szene« evident. Einer der Trendsetter ist bis heute die Band »Death in June«, die im Jahr 1981 von Douglas Pearce und Tony Wakeford gegründet wurde. Bereits der Name »Tod im Juni« ist eine Aussage, nämlich eine Reverenz an den SA-Führer Ernst Röhm. Im Interview mit dem Magazin Zillo erzählte Pearce einmal: »Auf der Suche nach einer zukünftigen politischen Perspektive stolperten wir über den Nationalbolschewismus, der sich wie ein Leitfaden durch die Hierarchie der SA zog.«

Die Band war nicht die einzige, die auf der Suche nach neuen ästhetischen Inspira­tionen auf alte politische Ideen stieß. »Allerseelen«, »Blood Axis«, »Von Thronstal«, »Der Blutharsch« oder »Waldteufel«, all diese Bands ließen sich in ihrer Beschäftigung mit den Themen der Szene – nämlich Tod, Zerfall, Treue, Liebe, Reinheit, Einfachheit und Natürlichkeit – von rechtsextremen Ideologemen, Symbolen und Metaphern anregen.

Sie bedienen sich bei völkischen Künstlern, konservativ-revolutionären Literaten, faschistischen Theoretikern und manchmal eben auch bei nationalsozialistischen Funktionären. In ihren ästhetischen Projekten komprimieren sie die antimodernen Mo­tive der extremen Rechten zu einer politischen Synthese, durch die der individuelle Pessimismus und die kollektive Melancholie der »Schwarzen Szene« zum heroischen Realismus und totalen Antimodernismus der braunen Szene wird.

Dabei ist weniger das einzelne vermeintlich »Tabuisierte« oder »Häre­tische« problematisch, sondern die Kombination und der Kontext der rekurrierten Metaphern und Mythen. Mögen die rechtsextremen Dark Waver sich damit verteidigen, die Synthese von faschistischen Ideologiefragmenten sei »reine Kunst« und die faschis­tische Ästhetik »reiner Fetisch«, sind sie es selbst, die mit diesen Operationen ihre Ästhetik politisieren, und nicht erst die Kritiker, die darauf aufmerksam machen.

Die Anleihen bei den Nazis bewogen das frühere Bandmitglied Patrick Leagas zum Ausstieg. »Wir hatten gerade ein Konzert in Bologna absolviert«, erzählte er rückblickend, »als sich eine junge Frau näherte und schrie: ›Ich hoffe, deine Mutter hasst dich!‹ (…) Wir trugen SS-Uniformen in einer Stadt, in der rechtsradikale Terroristen gerade viele Menschen umgebracht hatten. Ich schämte mich.«

In der Lyrik, dem Artwork des Booklets oder bei den Live-Auftritten wartet man vergeblich auf eine Dekonstruktion der nationalsozialistischen Motive. Vielmehr verdichten die rechtsextremen Dark Waver die harmonische Inszenierung zu einem »faschistischen Stil«, den auch der neurechte Theoretiker Armin Mohler schätzte.

In diesem Stil, meinte Mohler, drücke sich die Sehnsucht nach einer »un­bedingteren Lebensform« aus, die nur in Grenzerfahrungen des antibürgerlichen Lebens erlebt werden könnten, vom Drogengenuss bis zum Sturmangriff.

So inszeniert »Blutharsch« permanent Kampf und Tod als nihilistischen Akt. Vielleicht denkt die Band dabei an Gottfried Benns Einlassungen über die »Liebe zur Gefahr« oder »die schönen Ideen, für die man stirbt«. Die Glorifizierung des Kriegs geht, bemerkte Walter Benjamin, mit der Idea­lisierung von Brutalität und Barbarei einher.

Wie bewusst Pearce Stile, Symbole und Metaphern verwendet, erläuterte er selbst: »Death in June hat immer alles mit sündlos gutem Geschmack getan und mit dem passenden Verständnis für die Ästhetik und den Symbolismus hinter solchen Dingen.« Das Bandlogo, der SS-Totenkopf, sym­bolisiere denn auch »den totalen Ein­satz« und zeige den Feinden, »dass sie nicht toleriert werden«.

Angesichts dessen dürfte die Idee des Fans, der mit »verspielten Bildern« eines Vernichtungslagers das Cover von »Rose clouds of Holocaust« gestalten möchte, nicht überraschen. Solche Assoziationen dürfte Pearce jedoch unterbinden wollen. Insbesondere, seit ein Rechtsstreit wegen der CD anhängig ist. Im vergangenen Jahr wurde nämlich das Album »Rose clouds of Holocaust«, das bereits im Jahr 1995 erschienen ist, auf Empfehlung des Brandenburger Landeskrimi­nalamts von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien indiziert.

Im Titelsong singt Pearce: »Rose clouds of Holocaust / Rose clouds of flies / Rose clouds of bitter / Bitter, bitter lies / And when the angels of ignorance / Fall down from your eyes / Rose clouds of Holocaust / Rose clouds of lies.« Die anfänglich klare Aussage wird im folgenden kryptischer: »Rose clouds of twilight truth / Rose clouds of night / Rose clouds of harvested / Love, all alight / And when the ashes of life / Fall down from the skies / Rose clouds of Holocaust / Rose clouds of lies.«

Die Irritation, die der Text auslöste, wurde von der Single-Auskopplung »Sun Dogs« verstärkt. Deren Cover zeigt ein linksdrehendes, aus Hundeköpfen gebildetes Haken­kreuz mit einer blühenden roten Rose in der Mitte. Doch natürlich war alles nicht so gemeint, wie man als unbedarfter Beobachter hätte annehmen können. Vor beinahe zehn Jahren, als die Wochenzeitung Junge Freiheit Pearce nach seiner »Inspiration« für das Stück »Rose clouds of Holocaust« fragte, verwies er auf ein Naturerlebnis in Island.

Gegenüber der Bundesprüfstelle er­neuer­te er diese Geschichte: »Ich erfuhr ein spirituelles Erlebnis.« Das Wort »Holocaust« bedeute »verbranntes Opfer«, und Island sei eben voller Vulkane. »Die vulkanische Land­schaft ist der ›Holocaust‹, von dem hier die Rede ist.« Dieser »Holocaust« habe nichts gemein mit der »Verfolgung und Vernichtung von Juden, Homosexuellen, Zigeunern und anderen in Deutschland während der Zeit des Dritten Reichs«.

Die Prüfstelle ließ sich von diesen Einlassungen allerdings nicht überzeugen und blieb bei der Auffassung, dass der Verfasser »den Holocaust während des sog. ›Dritten Reichs‹ mit Lügen« gleichsetze. Diese »Lüge vom Holocaust«, meinte die Behörde weiter, soll »wie ›die Engel der Ignoranz‹ von ›den Augen der Menschen‹ ›abfallen‹«. Zudem sei »Holocaust« ein »feststehender Begriff für die Ermordung von Millionen Menschen in Konzentrationslagern«. Dass der Verfasser den Holocaust als »Rosenwolke«, mit »Rosenwolken aus bitteren Lügen« und einer »zwielichtigen Wahrheit« beschreibe, impliziere, dass er diesen Massenmord »als Lüge entlarven« wolle. Gegen die Entscheidung wurde eine Klage eingereicht, wie eine Sprecherin der Behörde der Jungle World berichtete.

Gleichzeitig dürfte die Indizierung die Platte endgültig zum »Kultobjekt« erheben – und zwar nicht nur bei eingefleischten Fans. Diesen Effekt kann man fast schon klassisch nennen.

Anfang der neunziger Jahre, als die Intellektuellen der »Neuen Rechten« damit begannen, sich in bestimmte popkulturelle Szenen einzumischen, und fast gleichzeitig Intellektuelle aus der »Mitte der Gesellschaft« auf den rechtsextremen Ideologie- und Symbolfundus zurückgriffen, betonte Umberto Eco: »Um tolerant zu sein, muss man die Grenzen dessen, was nicht tolerierbar ist, festlegen.« Man könne nicht das Tolerierbare ablehnen und zugleich tolerant sein. Indizierungen markieren Grenzen. Aber sie ersetzen keine Diskussionen.

Quelle: Jungle World

Rechte Tendenzen in der Wave- und Gothic-Szene

Rechte Tendenzen in der Wave- und Gothic-Szene
Von Arne Gräfrath

Zum Anfang eine Erklärung zum Begriff Wave- und Gothic-Szene. In dem folgenden Text umfasst dieser Begriff die gesamte Bandbreite der sogenannten schwarzen Szene mit all ihren Spielarten von Darkwave, Gothic, EBM, Industrial bis hin zur Fetisch-Szene, auch in dem Bewusstsein, dass manche(r) in eine Ecke gedrückt wird, in der sie/er nicht hineingehören.

Seit etwa Ende der Achtziger Jahre wurde in der Wave- und Gothic-Szene immer wieder rechte Tendenzen im Bezug auf Musik-Bands beobachtet. Aber weder allgemeingültige (rechte) Entwicklungen lassen sich in der Wave- Gothic-Szene (WGS) definieren, noch lassen sich die Inhalte der Gruppen und Personen repräsentativ für diese Musik- und Kulturszene ableiten. Es handelt sich aber hier um akzeptierte Erscheinungen in dieser Szene.

Rechte Einflüsse auf die Wave-Gothic-Szene

Versuche von Neonazis in die Wave-Szene einzudringen, gibt es schon so lange, wie die Szene an sich existiert. Die Wave-Gothic-Szene entwickelte sich aus der Punkbewegung der Siebziger Jahre – sie verstand sich allerdings als unpolitische Gegenkultur. Jeder Meinung, die verbindende Elemente zur Wave Szene besass, stand man tolerant gegenüber (und ermöglichte so den Rechten erste Erfolge). Auffällig ist dabei, dass Toleranz oftmals mit Kritiklosigkeit, Ignoranz und Beliebigkeit verwechselt wird. Gerade bei der Kritiklosigkeit gegenüber neofaschistischen Meinungen und Inhalten wird ein Widerspruch innerhalb der Szene am deutlichsten – einerseits versteht sich die WGS als Kritik und Gegenkultur zur menschenverachtenden-technokratischen Gesellschaft, anderseits wird selber mit Symbolen kokettiert, die menschenverachtender nicht sein können. Verbindende Elemente zur Neonaziszene sind Esoterik, Okkultismus und Neoheidentum.

Als The Cure 1979 den Song »Killing an Arab« veröffentlichte, gab es die ersten Versuche britischer Neonazis (die der BNP – British National Party) in der Punk-/Wave-Szene Fuss zu fassen und den Song und die Band für sich zu vereinnahmen. Dies scheiterte jedoch daran, dass The Cure sich sofort vehement gegen diese Entwicklung aussprachen und es auf den Konzerten regelmässig zu Auseinandersetzungen zwischen anwesenden Neonazis und Grufties kam. Mit dem Aufkommen von sogenannten Neofolk-Bands Ende der achtziger, Anfang der neunziger Jahre bestimmten immer mehr Heidentum und Elemente faschistischer Ideologie die Ikonographie der WGS. Auch ein deutliches Interesse der sogenannten »Neuen Rechte« (besonders der rechtsextremen Zeitschrift Junge Freiheit) an der Gegenkultur der Grufties war zu erkennen.

Roland Bubik, Stipendiat der Konrad-Adenauer-Stiftung und Autor der Jungen Freiheit (JF) schrieb im Kulturteil der JF im Herbst 1993: »…die Jugendkultur von heute bietet erfolgversprechende Ansätze (…) Ein merkwürdiges Bewusstsein, in einer Phase des Niedergangs zu leben, ist virulent, vom ’age of destruction’ ist die Rede, die Parties der Tekkno-Szene gleichen makabren Totenfeiern einer Epoche. Man (…) misstraut der Erklärbarkeit der Welt, wendet sich sogar rückwärts, etwa in Form der verschiedenen Independent-Szenen.« In seinen Texten beruft sich Bubik auf den italienischen Kulturphilosophen und Vertreter der Anti-Moderne Julius Evola (1898 – 1974), den Umberto Eco einen »faschistischen Guru« nannte. Evolas »Revolte gegen die moderne Welt« glaubt Bubik in der Dark Wave Szene wieder zu finden. Nachdem Bubiks Träume von der Techno-Szene (»Stahlgewitter als Freizeitspass«) sich bald als Schäume entpuppten (»seelische Vergewaltigung durch Beat-Computer und Masse«), vermeinte er in der Neo-Folk- und Gothic-Szene Anknüpfungspunkte zu finden. Er nennt Bands wie Dead Can Dance oder Qntal, deren »mittelalterliche ‚Musik’ eine andere Sprache als die der Moderne« spreche. In Wahrheit haben beide Bands nichts mit rechtem Gedankengut zu tun. Qntal gehören in den Kreis der deutschen Dark Wave – Bands (Deine Lakaien, Estampie, Das Ich), die sich wiederholt und vehement gegen den rechten Kulturkampf zu Wort gemeldet haben (siehe auch Aufruf zum Dark-X-Mas-Festival 1992). Und Bubiks Redaktionskollege Peter Bossdorf (s.u.) musste feststellen, dass Dead Can Dance längst nicht auf eine Rezeption mittelalterlicher Musik zu reduzieren sind und keine (musikalischen) Grenzen kennen. Anlässlich ihrer CD »Spiritchaser« (4 AD/Rough Trade 1996) stellt er enttäuscht fest: »Man parodiert in gezierter Pose den Orient, (…) begleitet von nicht mehr an Langeweile zu übertrumpfenden Percussion-Einlagen der Marke Dschungel. (…) Wenn dies Weltmusik sein soll, ist die Welt nicht zu beneiden.« (JF 29/96).

Doch es gab durchaus reale Anknüpfungspunkte in der Szene: Bubiks Lebensgefährtin Simone Satzger (alias Felicia), Sängerin der Gruft-Band Impressions Of Winter, propagierte 1995 eine rechte Kulturinstrumentalisierung und empfahl, »sich aktuellen kulturellen und politischen Phänomenen zu öffnen, um sie für die eigenen Zwecke zu nutzen.«1

Darüber hinaus existierten schon damals eine Reihe von Bands mit tatsächlich rechten Inhalten. Von Interesse für die »Neue Rechte« war zudem ein in der Gothic-Szene verbreiteter Hang zum Mystischen. Auch die Bezüge von Teilen der Szene zu Romantik, Heidentum und Esoterik sind für die Rechten von Interesse, da sie ein Anknüpfungspunkt für rechte Propaganda sind.

Bands, Verlage, Fanzines – die Verquickung von Kommerz und Ideologie

Die »Operation Dark Wave« nahm in der Jungen Freiheit ihren Lauf. &Üuml;ber einen Nachwuchswettbewerb konnte eine mit Dark Wave vertraute Schreiberin gefunden werden, die freilich bald das Handtuch schmiss. Sie warnte in einem offenen Brief an Rainer »Easy« Ettler, dem Herausgeber der Szenezeitschrift Zillo, eindringlich vor dem rechten Kulturkampf und gab den Gothics mit auf den Weg, dass sie für die Rechten nur »nützliche Spinner auf dem Weg zur Macht« seien. (Leider wurde der Brief vom Zillo nie abgedruckt, obwohl er 1996 genau dort hingehört hätte und bis heute keine breite Debatte darüber stattgefunden hat).

Mit Peter Bossdorf, der auf eine lange Vergangenheit u.a. im Thule-Seminar und bei den Republikanern zurückblicken kann, konnte Mitte der 90er Jahre ein Junge Freiheit-Redakteur in der auflagenstärksten Zeitschrift der »Independent Szene« platziert werden: Das Zillo war sich zudem nicht zu schade, wiederholt rechte Anzeigen abzudrucken, darunter auch der Jungen Freiheit (Zillo 2/96). Die Liaison Zillo/Junge Freiheit war aufgrund von Protesten aus der Szene bekannt geworden: das Hamburger Wave-Label »Strange Ways« (u.a. »Goethes Erben«) und der Vertrieb Indigo machten den Skandal öffentlich. Nach dem Tod des Zillo-Chefredakteurs Rainer Ettler wurde Peter Bossdorf im Frühjahr 1997 endlich vor die Tür gesetzt.

Doch damit ist der rechte Kulturkampf nicht zu Ende. Mittlerweile haben sich feste Strukturen herausgebildet und vernetzt. Verlage, Zeitschriften und eine ganze Reihe von Bands sind durch eine kontinuierliche Arbeit für die Sache einer rechtsextremen »Kulturrevolution« aufgefallen.

Exkurs: Death in June

In erster Linie sind Death in June zu nennen. Sie schafften es zu einem Novum: 1997 erschien ein Artikel über die Band in der »Bravo« der Nazi-Skins, der RockNord, einer rechtsextremen Skinheadzeitschrift. Der Name ist bei der Band Programm: Sie berufen sich offen auf den »national bolschewistischen« Flügel der NSDAP um SA-Führer Röhm, der am 30. Juni 1934 in der sogenannten »Nacht der langen Messer« auf Weisung der NSDAP- Führung umgebracht wurde.

Ebenfalls zu nennen wäre das Fanzine »Sigill« (Untertitel: Magazin für die konservative Kulturavantgarde Europas), das in seiner Konzeption vielleicht ernstzunehmendste rechte Blatt der schwarzen Szene. In Sigill kommt der Kern des rechten Segments der Dark-Wave-Szene zu Wort: Death In June, Sol Invictus, Radio Werewolf, Kirlian Camera, Orplid, Strength Through Joy, Allerseelen, Forthcoming Fire, The Moon Lay Hidden Beneath a Cloud usw. Auch wenn Sigill viel Wert darauf legt, nicht als Nazi-Blatt angesehen zu werden, so spricht doch die Autorenschaft von Leuten wie Markus Wolff (Waldteufel), Kadmon (Allerseelen) oder Martin Schwarz, der auch für das NPD-Blatt Deutsche Stimme schreibt, eine andere Sprache. Ebenso ihre durch die »Deutsch-Maschine« gezwirbelten Artikel: so heissen Compact Discs bei Sigill nicht CDs, sondern Lichtscheiben… So wird auch sprachlich vorbereitet, was Sol Invictus mit Freude besangen: »The Death Of The West«. Das rechtsextreme Label mit angegliederten Buchverlag VAWS ist ein weiteres Beispiel.

Viele Mitglieder rechter Neo-Folk und Industrial-Bands arbeiten nebenbei in rechtsextremen Verlagen und an Zeitschriften, die das auch in den Songtexten vorhandene rechte Gedankengut in intellektueller Form vertiefen. Fans werden auf Dauer nicht dabei stehen bleiben, nur die Platten ihrer geliebten Künstler zu kaufen, sondern sich auch für die schriftlichen äusserungen interessieren. Gemeinsam ist praktisch allen der genannten Zeitschriften ein Mix aus Berichterstattung über neurechte Bandprojekte aus dem Neo-Folk, Black Metal und Industrial, heidnischen Themen, Germanen-, Kelten- und Wikinger-Kult, Runenkunde und mehr oder weniger deutlich ausgeprägten nazistischen, antisemitischen oder nationalrevolutionären Themen. Immerwiederkehrend ist auch die Berufung auf die »Meinungsfreiheit«, die »Künstlerische Freiheit« und ein »Freidenkertum« jenseits von »Schablonen« wie links und rechts. Auf den ersten Blick macht das die Sache sehr verwirrend und widersprüchlich, wenn Leute wie Moynihan sich etwa als »Anarchisten« bezeichnen, gleichzeitig aber liberale und demokratische Freiheiten ausnutzend sozialdarwinistisches, antisemitisches und rassistisches »Blut und Boden«-Gelaber vom Stapel lassen und sich in rechten Zirkeln tummeln oder sie gar selbst gründen.

Auch wenn die Auflage aller rechten »Wave«-Zeitschriften kein Anlass zur Panik gibt, so sind sie doch wichtige Bindeglieder zwischen Grufties, die an den besprochen Bands oder am Heidentum interessiert sind, und dem rechten Kulturkampf. Dieser rehabilitiert auf diesem Wege die ganze esoterisch-mystische Seite des Nazi-Regimes (etwa das SS-Ahnenerbe und seine Wewelsburg bei Paderborn), die nationalrevolutionären Strömungen des NS wie etwa die SA, den italienischen Faschismus und die eng mit ihm verwobene Kunstrichtung des Futurismus, die faschistischen Eisernen Garden aus Rumänien und ihren Gründer Corneliu Codreanu Nazi-Künstler wie Riefenstahl, Thorak und Speer, Germanenkult, Sozialdarwinismus und Antisemitismus und damit entscheidende Ideologiebestandteile faschistischer, nationalrevolutionärer und nationalsozialistischer Gruppen und Organisationen. Auch über die oft spielerisch verbrämte Enttabuisierung von Symbolen wie dem Haken- oder dem Kruckenkreuz und der Etablierung von germanischen Runen versuchen die Rechten Schritt für Schritt den Blick auf das Dritte Reich und letztlich das ganze Weltgeschehen in ihrem Sinne zu verändern.

Auf bestimmten Festivals wie dem Internationalen Wave-Gotik-Treffen in Leipzig, auf Konzerten sowie in entsprechenden Plattenläden ist ein Grossteil der erwähnten Magazine zu erwerben und die Platten stehen auch in Läden, deren Betreiber weder rechts noch ahnungslos sind. Kommerzielle Interessen machen es dem rechten Kulturkampf besonders leicht.

Erwähnt werden muss in diesem Zusammenhang, dass ein Grossteil der Fans von Bands wie Death In June, Sol Invictus oder Kirlian Camera selbst nicht rechts ist, sondern nur auf die Musik dieser Neo-Folk-Bands steht. Das »rechte Image« der Bands ist den meisten bekannt. Doch gerade in Deutschland ziehen sich die Fans gerne auf in Musikzeitschriften veröffentlichte Distanzierungserklärungen und Ausreden der Bands zurück, die besagen, dass die Kritiker die Bands ja nur »missverstehen« würden. Es gibt aber belegte Fälle von Fans, die über die Beschäftigung mit Neo-Folk-Bands sich plötzlich für die protegierten Ideologen wie Ernst Jünger oder Julius Evola interessierten und schliesslich fasziniert davon selbst Teil des rechten Kulturkampfes wurden. Den Fans, die tatsächlich nichts damit zu tun haben wollen, fällt der Abschied von »ihrer Band« oft schwer. Immer wieder konnten wir regelrechte schmerzliche Abschiedsprozesse beobachten, was wohl jeder nachvollziehen kann, der sich vorstellt, sich von seiner Lieblingsband trennen »zu müssen«.

Quelle: D-A-S-H

  1. in: »Elemente«, veröffentlicht in Bubiks (Hg.) »Wir 89er«, 1995 [zurück]

Sommernachtstraum

Trotz antifaschistischer Öffentlichkeitsarbeit fand am 31. Juli 2004 das extrem rechte Dark Wave-Konzert „Mitternachtsberg-Fest“ in der Burg Vondern in Oberhausen (NRW) statt.

Als Veranstalter trat der „Forsite-Verlag“ [Trojaburg Versand] auf. Dieser gehört dem 31-jährigen Dennis H. Krüger aus Bottrop. In seinem Verlagsangebot zu „Frühgeschichte-Mythologie-Esoterik“ sind einschlägige Standardwerke der nationalsozialistischen „Rassenkunde“ ebenso zu finden wie die Werke der völkischen Antisemiten Guido von List und Jörg Lanz von Liebenfels. Aufgrund seiner häufigen Teilnahme an neonazistischen Demonstrationen wird Krüger von der örtlichen Antifa der neonazistischen Szene im Ruhrgebiet zugerechnet.

Aufgetreten sind die Neo-Folk-Bands „Cawatana“ (Ungarn) und „Lux Interna“ (USA) sowie die österreichische Formation „Allerseelen“. Angekündigt wurde diese Gruppe um den extrem rechten Esoteriker Gerhard Petak lediglich unter dem Namen „Aar“ – zu groß war scheinbar die Sorge vor der kritischen Öffentlichkeit hinsichtlich der seit Jahren formulierten Kritik an der Band und dem Musiker. Jüngst erst steuerte „Allerseelen“ einen Song zur Compilation „Wir rufen Deine Wölfe“ bei, die dem Begründer des „Neuen Nationalismus“ und Kämpfer gegen die Weimarer Republik Friedrich Hielscher gewidmet ist. Die CD wurde im übrigen auf dem Label „Aorta“ von Petak veröffentlicht, die LP-Fassung auf „Ahnstern“, einem Sublabel von „Steinklang Records“ (Österreich).

Nachdem die örtliche Presse berichtet hatte, versuchte der Vermieter, der „Förderkreis Burg Vondern“, den Vertrag zu kündigen, scheiterte aber an juristischen Schwierigkeiten. Auch die Stadt fand keinen Grund, die Genehmigung für das Konzert zurückzunehmen, engte aber über Auflagen den Veranstaltungsrahmen ein.

Letztendlich fanden nur ca. 60 zahlende Gäste den Weg zur Burg. Der angekündigte „Mitternachtsberg“ wurde nicht erreicht, denn pünktlich um 22 Uhr musste das Konzert beendet sein. Verfassungsfeindliche Symbole wurden, wie sonst auf vielen derartigen Veranstaltungen üblich, hier nicht zur Schau gestellt. Die Präsenz der Polizei sorgte wohl für dieses verhaltende Auftreten. Unscheinbar am Rande platziert wurden Interessierten lediglich die aktuellen Ausgaben der Magazine „Zinnober“ und „Wolfszeit“ sowie ein paar CDs angeboten.

Um die Burg herum hielt sich eine Hundertschaft der Polizei auf. Sowohl in der verhältnismäßig zahlreich anwesenden Security als auch unter den Gästen befanden sich einige Neonazis aus dem Ruhrgebiet. Als geschäftsfördernden Einstand im neuen Metier der Konzertveranstaltungen dürfte dieser Abend für den Veranstalter jedenfalls mächtig daneben gegangen sein.

von Jochen Koblinski

dieser Artikel erschien im Rechten Rand Nr. 90

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Im folgenden dokumentieren wir einen aktuellen offenen Brief der antifaschistischen Zeitung „Lotta“ und des Antifaschistischen Bündnisses Oberhausen (ABO):

Offener Brief

An:

- Stadt Oberhausen – Der Oberbürgermeister u.a.

- Förderkreis Burg Vondern e.V.

Nachrichtlich an:

- Regionale Presse

- Lokale Parteien, Organisationen, Initiativen und Einzelpersonen


Konzert der extremen Rechten auf Burg Vondern?

Oberhausen, 29. Juli 2004

Sehr geehrte Damen und Herren!

Am übermorgigen Samstag, 31. Juli 2004, soll laut Einladung des Veranstalters „im Burghof der Burg Vondern / Oberhausen (Ruhrgebiet)“ ein so genanntes „Mitternachtsberg-Fest“ stattfinden. Diese Veranstaltung wird von Aktivisten der extremen Rechten organisiert.

Bei dem Event handelt es sich um ein musikalisch der Darkwave- bzw. Gothic-Szene zuzuordnendes Konzert. In dieser auf Individualität, Romantik und religiöse Sinnsuche ausgerichteten Szene existiert seit einigen Jahren auch ein kleiner rechter Bereich. Dieser ist jedoch weder inhaltlich noch von seinem Äußeren her z.B. mit der rechten Skinhead-Szene vergleichbar.

Hier wird Individualität zu Elitedenken erhöht, romantische Retrospektiven wandeln sich zu einer Ablehnung der Moderne inklusive der Ablehnung des demokratischen Denkens.

Auch in den Kreisen der extremen Rechten, z.B. der „Neuen Rechten“ wird versucht, die Darkwave-Szene zu agitieren und den rechten Teil dieser Szene zu fördern und daraus Nutzen zu ziehen. Sei es seitens der rechtsintellektuellen Wochenzeitung „Junge Freiheit“ oder Werner Symanek, der bis vor kurzem in Oberhausen seinen extrem rechten Versand VAWS betrieb1.

Auch bei dem „Mitternachtsberg-Fest“ existiert ein solcher Hintergrund und es lassen sich Verbindungen zur extremen Rechten nachweisen. Als Veranstalter wird der „Forsite-Verlag“ genannt. Über diesen in Bottrop ansässigen Verlag können auch die Eintrittskarten bezogen werden.

Dass es sich hierbei um einen der extremen Rechten angehörigen Verlag handelt, zeigt schon ein kurzer Blick in sein Internet-Angebot2. In nahezu jedem Bereich des Angebots finden sich Vertreter der extremen Rechten, sogar des Nationalsozialismus. Im Bereich „Frühgeschichte“ wird z.B. die

„Rassenkunde des deutschen Volkes“ von Hans F. K. Günther angeboten und als „gründliche Untersuchung des bekannten Wissenschaftlers zur Eugenik“ gepriesen.

Bei dem Werk handelt es sich um ein Standardwerk der nationalsozialistischen „Rassenkunde“. Ebenfalls in diesem Bereich wird „Die symbolhistorische Methode“ des Gründers der SS-Forschungsorganisation „Ahnenerbe“, Herman Wirth, beworben. Im Bereich der „Kelten & Indogermanen“ wird Karl Penkas: „Die Herkunft der Arier“ angepriesen, unter „Mythologie“ die Werke „Guido von List: Die Armanenschaft der Ariogermanen“ und „Jörg Lanz von Liebenfels: Theozoologie“. Bei List und Liebenfels handelt es sich um äußerst rassistische und antisemitische Mystiker der vorvorigen Jahrhundertwende, die als Vordenker des NS bezeichnet werden können3. Ebenfalls im Angebot zu finden sind die Schriften der neuheidnischen „Goden“ und „Armanen“, welche in der Fachliteratur als extrem rechts gewertet werden4.

In der Rubrik „Zeit-Schriften“ wird u.a. auch die Folge 2/1997 des Heftes „Sol Invictus“ angeboten. Das Heft zum Thema „Mitternacht“ umfasst nach Angaben des Verlages „Texte zum Mythenkomplex Mitternachtsberg -Schwarze Sonne – Lichtbringer – Thule u.a Auszüge aus Wilhelm Landig, Julius Evola, Otto Rahn, Kurt Eggers, Rudolf Mund, Werner von Bülow.“ Das Titelblatt der Publikation ist mit einem Foto der „Schwarzen Sonne“, einem von der SS entworfenen Bodenmosaik aus der Wewelsburg, gestaltet. Diese Wewelsburg sollte unter Leitung von Reichsführer SS Heinrich Himmler zur Ordensburg der SS ausgebaut werden und der mystische Mittelpunkt der Welt werden.

Bei den Personen, deren Texte abgedruckt sind, handelt es sich durchweg um Personen, die mit dem Faschismus bzw. dem Nationalsozialismus in Verbindung stehen, so z.B. um den italienischen Mussolini-Berater und antidemokratischen Theoretiker Julius Evola, dem Dichter der SS Kurt Eggers, den SS-Mystikern Otto Rahn und Rudolf Landig.

Es ist naheliegend, dass dieser Personenkreis und dieses Themenheft auch den ideologischen Hintergrund des angekündigten „Mitternachtsberg-Festes“ bilden und es sich bei diesem „Fest“ mitnichten um ein harmloses Konzert handelt.

Zumal sich auch die angekündigten Bands des Abends in einem Spektrum bewegen, die eben jenen Ideologen huldigen. Womit hier nicht gesagt werden soll, dass es sich bei den Bands zwingend um extrem rechte Formationen handeln muss.

Angekündigt sind die Bands folgendermaßen: „Aar (Apocalyptic-Folk Österreich), Cawatana (Neo-Folk/Ungarn), Lux Interna (Neo-Folk/USA)“. Zumindest die beiden Bands „Cawatana“ und „Lux Interna“ veröffentlichten ihre CDs beim Dresdner Label „Eis & Licht“. Bei diesem Label von Stephan Pockrandt handelt es sich um das wichtigste Label in Deutschland, welches rechte Einflüsse im Darkwave fördert. Pockrandt etablierte als Herausgeber die rechte Musikzeitschrift „Sigill“ (später „Zinnober“), welche eine Mischung aus Ideologie und Musik darbot5. In diesem Spannungsfeld bewegen sich auch die Bands, so ist „Cawatana“ mit einer Version des Gedichtes „Michelsgebet/Wir rufen Deine Wölfe“ von Friedrich Hielscher auf dem Sampler „Wir rufen deine Wölfe“ vertreten. Hielscher, einer der Begründer des „Neuen Nationalismus“ und Kämpfer gegen die Weimarer Republik, wird auf dieser Compilation von extrem rechten Bands wie „Blood Axis“, „Waldteufel“ und „Turbund Sturmwerk“ interpretiert.

Es steht zu befürchten, dass sich der extrem rechte „Forsite-Verlag“ mit dem Konzert am 31. Juli präsentieren möchte, dort gar extrem rechte Literatur etc. angeboten wird. „Daneben erwartet Sie ein Bücher-/Tonträger-Verkauf“ heißt es in der Einladung.

Inhaber des „Forsite-Verlages“ und damit Veranstalter des Konzertes ist der 31-jährige Dennis Henry Krüger, früher in Duisburg, dann in Mülheim/Ruhr und heute in Bottrop wohnhaft. Er gehört seit langen Jahren der nazistischen Szene an und war bereits häufig auf neonazistischen Aufmärschen anzutreffen, so z.B. in Dortmund, Bottrop, Frankfurt am Main, Hagen und in vielen anderen Städten. Er wird dem Kreis um die neonazistische Zeitschrift „Der Förderturm“ (FT) zugerechnet6, die zunächst im Ausland, dann in Duisburg, später in Mülheim/Ruhr erschien und aktuell über eine Bottroper Adresse zu beziehen ist. Auch der nordrhein-westfälische Verfassungsschutz stuft diese Postille als neonazistisch ein und spricht in diesem Zusammenhang sogar von einer „in dieser Weise noch nie da gewesene[n] kämpferische[n] Aggressivität, was die Durchsetzung der neonazistischen Ziele angeht“7.

Wir gehen davon aus, dass Ihnen diese Hintergründe bisher nicht bekannt waren. Wir bitten Sie hiermit höflichst und fordern Sie gleichzeitig nachdrücklich dazu auf, das Ihrige zu tun, damit das Konzert nicht stattfinden kann.

Für Rückfragen steht Ihnen ein Vertreter des „Antifaschistischen Bündnis Oberhausen“ (ABO) heute und morgen von jeweils 14.00 bis 16.00 Uhr unter der Telefon-Nummer 0208 / 23037 zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen

Jan Brüsser (i.A. der Absender/innen)

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Laut einer Meldung der Neuen Rhein Zeitung (NRZ) Oberhausen vom 30.7.04, sieht die Stadt keine Möglichkeit, die Genehmigung zurückzuziehen.

Mehr Infos gibts bei der Lotta.

Quelle: Turn it down

  1. Zu VAWS siehe: Martin Dietzsch/Helmut Kellersohn/Alfred Schobert: Jugend im Visier, Duisburg 2002, Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung, S. 57 ff. [zurück]
  2. hXXp ://forsite-verlag.de [zurück]
  3. Vgl. Nicholas Goodrick-Clarke: Die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus, Graz 1997 [zurück]
  4. Vgl. Jens Mecklenburg: Handbuch deutscher Rechtsextremismus, Berlin 1996, S. 368, 372 [zurück]
  5. Vgl. zu dem gesamten Bereich: Andreas Speit: Ästhetische Mobilmachung. Dark Wave, Neofolk und Industrial im Spannungsfeld rechter Ideologien, Münster 2002 [zurück]
  6. Vgl. JD/JL Duisburg: Duisburg – rechts um!? Neonazismus im Großraum Duisburg/Oberhausen, Duisburg 2002, S. 60-64, sowie: Der Rechte Rand, Nr. 88, Mai/Juni 2004, S. 9 [zurück]
  7. Innenministerium des Landes NRW: Verfassungsschutzbericht des Landes NRW über das Jahr 2003, S. 34. Siehe auch WAZ Lokalausgabe Bottrop vom 08.02.2003: „Volksverhetzung bleibt jetzt doch ungesühnt“. Bei dem Halter des dort genannten Fahrzeuges, in dem Neonazi-Material transportiert wurde, handelte es sich um Dennis Henry Krüger, sein damaliges Autokennzeichen: DU-FT 1488, wobei „FT“ hier für „Förderturm“ stehen dürfte, die „14″ als Code für eine neonazistische Formel dient, die aus 14 Wörtern besteht („14 words“: „We must secure the existance of our people and a future for white children“) und die „88″ für „Heil Hitler“ (die „8″ für den 8. Buchstaben im Alphabet, also das „H“) steht. [zurück]