Archiv der Kategorie 'Stalingrad'

Kirlian Camera in Sachsen

Kirlian Camera zählen zu den bekanntesten Bands aus dem rechten Neofolkspektrum. Die Tour anlässlich ihrer neuen CD soll sie nach Meissen und Görlitz führen.

Konzerte am Rechten Rand
- am 10. und 11. Februar spielen KIRLIAN CAMERA in Sachsen -
eine Kurzmitteilung der antifa2005

Wenn die italienische Band Kirlian Camera die zwei einzigen Konzerte in Deutschland während ihrer aktuellen Tournee am 10. Februar im Luisenkeller zu Görlitz und tags darauf in der Meissener Hafenstraße geben wird, werden unter den Gästen nicht nur musikbegeisterte Grufties, Gothics und DarkWaver sein.

Auch eine ganze Reihe von Aktivistinnen und Aktivisten des extrem rechten Neofolksspektrums wird sich einfinden und sofern die Band ihr Lied „U-Bahn V.2 HEILIGENSTADT“ spielen wird, auch der hier gesampelten Rede von Corneliu Codreanu lauschen. (CD Kirlian Camera: Todesengel. The Fall Of Life. 1991)


the first…

Codreanu war Begründer und Führer der faschistischen „Legion Erzengel Michael“ in Rumänien, die sich später „Eiserne Garde“ nannte. Die extrem rechte Vereinigung beging Feme-Morde und war insbesondere durch ihren aggressiven Antisemitismus berüchtigt geworden. (vergl. Informationsdienst gegen Rechtsextremismus: www.idgr.de)
Innerhalb der rechten Darkwaveszene besitzt Codreanu Kultstatus
Konsequenterweise waren Kirlian Camera neben anderen einschlägigen Projekten vertreten auf dem geplanten Codreanu-Gedenk-Sampler „Erinnerung an den Kampf – official release of the commandants and generals of the iron guard“ – Das Begleitbuch sollten u.a. Texte des
italienischen Faschisten Julius Evola und des deutschen Nationalisten Ernst Jünger ergänzen. (vergl. Dornbusch/Raabe:RechtsRock. Bestandsaufnahme und
Gegenstrategien. Münster 2002)

the second…

Für ein gemeinsames Konzert von Kirlian Camera im Sommer 2000 in Kassel mit Kapo!, Ostara (vormals strength through joy), Les Joyeaux De La Princesse, Death in June sowie Aurum Nostrum – allesamt rechts zu verortende Bands – warb u.a. die Freie Nationale Jugend Celle. (Speit: Ästhetische Mobilmachung. Münster 2002)
Das wundert nicht, sind Kirlian Camera doch bekannt für ihre Auftritte mit Dia- und Videoinstallationen, bei denen dann auch mal Hakenkreuze und Szenen aus dem Dritten Reich im Hintergrund über die Leinwand flackern, davor der schwarz uniformierte Sänger der Band.

the third…

Mit dem Nebenprojekt Stalingrad beteiligte sich Kirlian Camera an einem Gedenk-Sampler für Josef Thorak, einem der relevantesten nationalsozialistischen Bildhauer. Das Lied „er Letzte Flug“ ist benannt nach einer gleichnamigen Statue Thoraks, welche eine Frau mit ihrem toten Sohn im Arm darstellt.
„Der durch die Verbindung des Namens Stalingrad mit der Plastik Der Letzte Flug zustande kommende Interpretationsrahmen meint weniger den tragischen Tod eines einzelnen Menschen als den „Opfergang“ der Wehrmachtssoldaten. (…) Es ist der Schmerz der Täter,
das Leid der Opfer bleibt in dem Song unerwähnt, sodass er ein Trauergesang für den „gefallenen Helden“, für den „Opfergang für Volk und Vaterland“ ist. (Speit: Ästhetische
Mobilmachung. Münster 2002)
Natürlich, wie symptomatisch für die rechte DarkWaveszene, versucht auch Kirlian Camera beständig die Kritiken zu relativieren, es handele sich vielmehr um Kunst, Ästhetik, und überhaupt sei man doch unpolitisch.

the fourth…

Die Hafenstraße Meissen gilt als eher alternativ geprägter Klub. Nichtsdestotrotz konnten dort schon einmal im November 1998 offen agierende Neonazis auftreten. Organisiert vom Dresdner Szeneverlag EisLicht fand ein Konzert der US-Amerikanischen Band Blood Axis statt.
Dessen Kopf Michael Moynihan macht keinen Hehl aus seiner Meinung: „Einerseits denke ich, daß die Zahl 6 Millionen nur zufällig und ungenau und wahrscheinlich eine große Übertreibung ist. Ich habe revisionistische Bücher gelesen, die gut gegen den Holocaust-‘Kanon‘ argumentieren, und selbst die jüdischen Historiker verändern fortwährend ihre Ansprüche. Doch mein Hauptproblem bezüglich der Revisionisten ist, daß sie von der Annahme ausgehen, das Töten Millionen unschuldiger Menschen sei als solches ‚böse‘. Mehr und mehr neige ich zur entgegengesetzten Schlußfolgerung. Ich geriete nicht aus der Fassung, wenn ich herausfände, daß die Nazis jede ihnen zugeschriebene Grausamkeit begangen hätten – ich zöge es vor, wenn es wahr wäre.“ (In einem Interview mit No Longer A Fanzine, zitiert nach Alfred Schobert:
Heidentum, Musik und Terror in Junge Welt, 18.4.1997)

the end …

Wir halten den geplanten Auftritt von Kirlian Camera nicht für einen fauxpas der Hafenstraße Meissen und des Luisenkeller Görlitz. Konzertveranstaltungen mit solchen Bands sind Podien für die Darstellung einer martialischen maskulinen, faschistoiden Ästhetik unter Verwendung entsprechender Symbolik.

Wir werden dem etwas entgegenzusetzen wissen.

antifa2005 at web.de

Quelle: Indymedia

Black nach rechts

Das Darkwave-Magazin Black lobt neuerdings den rumänischen Faschisten Corneliu Codreanu und übt sich in rechten Statements.
von christian dornbusch und andreas speit

Fetisch- und SM-Fotos sowie Friedhofsszenen werden mit Vorliebe auf den Covern von Fanzines der Darkwave-Szene abgedruckt. Nur geheimnisvoll muss es aussehen. Man kann die einschlägigen Heftchen inzwischen fast an jedem Bahnhofskiosk kaufen. Eines von ihnen heißt Black und gehört zu den bekannteren Publikationen.

Schon seit 1995 schreibt die Black-Redaktion über »Industrial, Noise, Electro, EBM, Neofolk, Dark-Ambient, Synthie-Pop and more«. Das Konzept des Chefredakteurs Thomas Wackert ist erfolgreich. Inzwischen ist das Underground-Magazin aus der subkulturellen Nische herausgetreten und erscheint in einer Auflage von 5 000 Exemplaren. Selbst in den Filialen von World of Music (WOM) kann Black erworben werden.

In den mehr als 100 Seiten umfassenden Ausgaben von Black waren direkte politische Statements bisher kaum zu finden. Warum auch, schließlich sollte es ja um Musik gehen, um die Subkultur. Doch das hat sich nun geändert.

Bereits Ende des Jahres 2000 übernahm Dominik Tischleder, ein Politikstudent aus Trier, eine Redakteursstelle bei Black. In der Frühjahrsausgabe dieses Jahres rezensiert er den Sampler »Codreanu: Eine Erinnerung an den Kampf«, ein Machwerk zu Ehren des rumänischen Faschisten Corneliu Codreanu. Wohlwollend stellt Tischleder fest: »Die Eiserne Garde und Corneliu Codreanu bieten offensichtlich einer jungen Generation von heute den Stoff, aus dem Mythen sind. (…) Hier haben die Kulturkämpfer dieser Tage wirklich etwas besonderes geleistet, (…) jedes Projekt liefert das Beste«. Zum Weiterlesen empfiehlt er seinem Publikum Armin Mohlers »Der faschistische Stil«.

Tischleder hat mit Theoretikern der »neuen Rechten« offensichtlich keine Probleme, mit Antifas und den mit ihnen verbündeten »Grufties« jedoch um so mehr. »Die Frage ob ‚unsere Szenen‘ von (…) ‚Faschisten‘ oder gar von ‚Nazis‘ unterwandert wird, erhitzt schon lange die Gemüter«, hat er beobachtet. Oft würden »regelrechte Anklageschriften verfasst (…), um anschließend mit einem gewissen Timbre eine ‚glasklare Distanzierung‘ (…) zu verlangen«. Doch statt das »kultivierte Gespräch« zu suchen, werde mit »Schlagwörtern« und »emotionalen Kampfbegriffen wie ‚Faschismus‘ oder ‚rechts‘« zugeschlagen.

Denn »wer sich heute ‚Antifaschist‘ nennt«, der sei »entweder Vertreter einer extremistisch-sektiererischen Ideologie oder er/sie ist ein meist jugendlicher Mensch auf Identitätssuche«, meint Tischleder. Diese »ganze Gefühlsduselei« müsse endlich »einer rationalen Sichtweise Platz machen«. Über die VVN spottet er: »Sie gründen Organisationen mit lustigen Namen wie ‚Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten‘, wobei sie mit ‚Opfern‘ sich selbst meinen.«

»Im übrigen«, so behauptet der Kenner der Neofolk-Szene, sei »der Zusammenhang zwischen ‚Nouvelle Droite‘ und Neofolk vollkommen konstruiert«. Man müsste schon ein »Talent für Verschwörungstheorien mitbringen, um Künstlern finstere ‚metapolitische‘ Strategien zu unterstellen«, schreibt Tischleder und zitiert ausgerechnet den Cheftheoretiker der französischen Nouvelle Droite, Alain de Benoist, um seine Argumentation zu untermauern.

So offen rechtsextreme Töne wurden bisher bei Black nicht angeschlagen. Auch wenn das Blatt schon öfters teils zustimmend über den rechten Rand der Szene berichtet hat, sei es in Rezensionen von Platten einschlägig bekannter Bands oder in Interviews mit bekannten Rechten wie Stephan Pockrandt vom Zinnober-Magazin, Gerhard Kadmon von der Band Allerseelen oder Henryk Vogel von der Gruppe Darkwood. Aber das Magazin war immer um eine vermeintliche »Ausgewogenheit« bemüht.

Wohl um die Illusion dieser »Ausgewogenheit« aufrechtzuerhalten, präsentiert die aktuelle Ausgabe auch ein längeres Interview mit der Bremer Initiative Grufties gegen Rechts. Die Vertreter der Initiative sprechen über die Probleme der Szene mit rechten Tendenzen und merken an, dass sie sich auch vom Black etwas mehr »Zurückhaltung wünschen«.

Der Wunsch ist verständlich. Denn der rechtsextreme Vormarsch in der Schwarzen Szene geht trotz der inzwischen seit Jahren geführten Auseinandersetzungen munter weiter. Schon vor dem diesjährigen Wave-Gotik-Treffen, das über Pfingsten in Leipzig stattfand, kritisierten die Bremer Grufties den Auftritt der Bands Kirlian Camera, Stalingrad und Darkwood, die sie dem rechten Rand der Szene zuordnen.

In ihren Statements wollten die Bands glauben machen, dass sie weder rassistisch noch antisemitisch seien. So argumentierte Henryk Vogel, der Bandleader von Darkwood, dass sie sich als ein »reines Kunstprojekt« verstünden.

Die Songtexte der Band lassen jedoch andere Schlüsse zu. So heißt es in dem Lied »Mord und Lüge«, mit dem die Band auf der Compilation zu Ehren von Codreanu vertreten ist: »Aufrechter Blick, ein Herz voller Güte. Dem Freunde Freund, dem Feinde Tod. Entschlossen handeln für die Sache, den Kameraden Vater in jeder Not. Die Erde ihres Heimatlandes, für ihren Kampf ist sie das Blut, sei alles Gold vergessen. Die Tugend ist ihr höchstes Gut.«

Obwohl in diesen Zeilen der politische Charakter mehr als deutlich wird und bei vielen Zuhörern durchaus ankommt, was gemeint ist, betonen Bands wie Darkwood in der Öffentlichkeit fortwährend ihre »Harmlosigkeit«.

Doch ähnlich wie beim Magazin Black scheint es auch für die Veranstalter des Wave-Gotik-Treffens zur »Ausgewogenheit« zu gehören, rechte Bands zu präsentieren und rechtsextremen Unternehmen wie etwa der Firma Verlag und Agentur Werner Symanek (VAWS) Platz einzuräumen. Solange die nicht rechten Fans und Bands so etwas hinnehmen, dürfte sich daran auch nichts ändern.

Wenigstens einige Redakteure von Black haben inzwischen ihre Konsequenzen gezogen. Sie haben das Blatt aus politischen Gründen verlassen.

Von den Autoren ist soeben das Buch »Ästhetische Mobilmachung, Dark-Wave, Neofolk und Industrial im Spannungsfeld rechter Ideologien« im Unrast-Verlag erschienen.

Quelle: Jungle World

Gothics und die Neue Rechte

Wir dokumentieren hier Auszüge aus der Diplomarbeit „Ideologie einer Jugendkultur am Beispiel der Gothic- und Darkwave-Szene“ von Oliver Zimmermann. Die komplette Diplomarbeit steht auf der Homepage der Gothics gegen Rechts als Download zur Verfügung.

Gothics und die Neue Rechte

Die von Gothics so geliebte Beschäftigung mit allem, was nach Mystik, Okkultismus und Kirchenkritik klingt, bietet leider auch ein Einfalltor für die oben beschriebenen rassistischen und menschenverachtenden Theorien. Spätestens nachdem ungefähr Mitte der 80er Jahre Gerüchte über das Weltbild der Band Death in June auftauchten, war es vorbei mit der heilen Welt des Gothic und das Problem wurde offensichtlich. Teilweise geriet die Szene insgesamt ins Visier von einigen autonomen antifaschistischen Aktivisten, was nicht unbedingt für die aufklärerische Qualität dieser Art der „antifaschistischen Arbeit“ spricht.1 Mittlerweile haben sich die Vorwürfe jedoch versachlicht, nicht zuletzt durch (leider noch alles andere als übliche) antifaschistische Arbeit von Menschen aus der Gothic- Kultur selbst. Doch was hat es nun mit dem rechten Rand der Szene auf sich? Am Anfang scheint, wie schon mehrfach erwähnt, die Neo- Folk Band Death in June zu stehen. Der Name der Band, die 1980 von Douglas Pearce, Patrick Leagas (O´Kill) und Tony Wakeford gegründet wurde, steht für den Todesmonat des SA-Führers Ernst Röhm. Douglas Pearce, der mittlerweile das einzige verbliebene Mitglied von Death in June ist und in Australien lebt, erklärte dazu 1992:

„Auf der Suche nach einer zukünftigen politischen Perspektive stolperten wir über den nationalistischen Bolschewismus, der sich wie ein Leitfaden durch die Hierarchie der SA zog. Leute wie Gregor Strasser und Ernst Röhm (…) fielen uns auf. (….) Man kann sich fragen, ob Röhm im Falle eines Sieges über Hitler den 2. Weltkrieg verhindert hätte.“2

Völlig totgeschwiegen wird von Pearce, der angeblich einst Geschichte studiert hat, dass der nationale Sozialismus der NSDAP, mit seiner Unterscheidung von „schaffenden und raffenden Kapital“, unter zweiterem wurde das jüdische Kapital verstanden, nur wenig bis gar nichts mit marxistischem Sozialismus zu tun hat. Außerdem entbehrt die Theorie von Röhm als theoretischen Friedensstifter jegliche historische Grundlage und dürfte vergleichbar mit der langjährigen Hess- Verehrung der deutschen Neonazi- Szene sein. Denkbar wäre es auch, dass der homosexuelle Uniformfetischist Pearce (das ist nicht abwertend gemeint, sondern beschreibt nur Tatsachen) in Röhms SA, der ja nachgesagt wurde, viele Homosexuelle als Mitglieder zu haben, eventuell eigene erotische Fantasien verwirklicht sieht.3 Das Symbol von Death in June besteht aus dem leicht veränderten Totenkopf der SS. Pearce betont zwar immer wieder, dass er ursprünglich mal in einer trotzkistischen Punk- Band gespielt hat und dadurch gar kein Faschist sein könne; in seinen Statements und seiner Kunst gibt es jedoch immer wieder Hinweise an dieser Eigenbeurteilung zweifeln zu müssen. Allerdings ist Death in June natürlich keine primitive Skinhead- Band, deren Texte man eindeutig beurteilen könnte (und so tölpelhaft, sich offen rassistisch zu äußern, ist ja nicht einmal der Armanen- Orden). Auffällig ist aber eine ständige Beschäftigung mit, bestenfalls, germanentümelnder Symbolik, wie beispielsweise der von der SS- benutzten Runenzeichen und anderen, ebenfalls vom Nationalsozialismus her, bekannten „Kunstwerken“. Hinweise auf zumindest kritisch zu beurteilende Inhalte ihrer Platten bzw. CDs gibt es zuhauf, ich möchte nur einige wenige nennen: auf der LP-Brown Book, wiederveröffentlicht als CD namens „The Cathedral of Tears“, ist das Lied „Brown Book“ enthalten. In diesem Lied singt ein Sänger (wahrscheinlich Ian Read) das, in Deutschland verbotene, Horst-Wessel-Lied in Deutsch, wenn auch mit starkem britischen Akzent. In dem Lied sind auch noch andere Samples enthalten, wie etwa der Text einer jüdischen Großmutter, die ihrem HJ-Begeisterten Enkel ein Gleichnis erzählt (entnommen aus dem antifaschistischen Nachkriegsfilm „Die Welt in jenem Sommer“). In einem anderen Sample hört man einen Nazi, der über die homosexuellen Neigungen von SS und SA spekuliert (ebenfalls aus „Die Welt in jenem Sommer“). Pearce selbst fasst dieses Lied als bewusste Provokation auf, wen und vor allem warum er damit provozieren will, bleibt selbst nach dem Lesen seiner Stellungnahmen zu dem Lied schleierhaft.4 Das einzige was deutlich wird ist, dass er wieder einmal mit nationalsozialistischen Motiven gearbeitet hat. Andere, willkürlich herausgegriffene Liedtitel, die anscheinend nicht provokativ gemeint sind, da nach Pearces Eigenaussage „Brown Book“ sein einziges Lied war mit dem er „vorsätzlich provozierte“ sind „Rose Clouds of Holocaust“, „Burn Again“, „Omen- filled Season“, „Symbols of the Sun“, „Rule Again“, „Blood Victory“ und „Red Dog – Black Dog“. Da hier wirklich nicht der Raum ist, eine Analyse jedes einzelnen Liedes zu leisten und man sich anscheinend selbst dann nicht immer zu einer eindeutigen Aussage über die politische Haltung von Pearce durchringen kann (wie z.B. die Pearce und andere Künstler, man möchte manchmal vermuten, gegen besseres Wissen, verzweifelt verteidigende Stöber zeigt) überlasse ich es dem Leser die Symbolkraft dieser Liedtitel zu deuten. Einige Hinweise auf die politische Gesinnung Pearces geben aber vielleicht die Spende der Erlöse der Death in June Platte „Something Is Coming – Live And Studio Recordings From Croatia“ von 1993 an ein Militärkrankenhaus der oft als faschistisch bezeichneten, nationalistischen kroatischen HOS-Miliz. Pearce verweigerte sowohl beim „Dark X- Mas“– Festival 1992 in Hamburg die Unterschrift unter eine sich von Neonazis und Faschisten distanzierende Petition (Anlass waren damals die Pogrome von Hoyerswerda), wie auch beim 1994 stattfindenden „Festival Of Darkness“. Außerdem äußerte er in dieser Zeit Verständnis für die pogromartige Stimmung in den neuen Bundesländern (wahrscheinlich bezogen auf Rostock- Lichtenhagen):

„Hast du jemals Tür an Tür mit Zigeunern gelebt? Ich kann denn Groll, der in Ostdeutschland zum Vorschein kommt, verstehen … .“5

Der einzige ehemalige Musiker von Death in June, der sich anscheinend mittlerweile grundlegender von Pearces Einstellungen abgewandt hat, ist Patrick O´Kill (jetzt Sixth Comm und Mother Destruction), der eingesteht,

„dass das, was mal als Provokation in den ´linken 80ern´ gedacht war in etwas tatsächlich Negatives umgeschlagen ist. Seine ´menschenverachtende Phase´ sei Vergangenheit.“6 Das dritte ehemalige Gründungsmitglieder von Death in June, Tony Wakeford (heute Sol Invictus und L´Orchestre Noir), vertritt offensichtlich eine magische, kulturpessimistische und sozialdarwinistische Denkweise, die aus der Theosophie nur allzu bekannt ist. Er titelte eine seiner Platten nach einem Buchtitel des faschistischen italienischen Philosophen Julius Evola (1898- 1974): „Against the Modern World“. Er sagt allerdings, dass er das tat, ohne wirklich etwas über Evola zu wissen:

„´Wider die moderne Welt´- das hat damals genau auf den Punkt gebracht, wie ich mich gefühlt habe, aber eher in einem allgemein heidnischen als politischen Sinn“.

Er äußert sich in dem selben Interview aus dem Jahr 1991 (über Aleister Crowley und Widersprüche zwischen Crowleys Lehre und „Nordischer Tradition“):

„Er war ein echter Individualist, mit einem gesunden Ekel vor jeglicher Vermassung. Leider scheinen die meisten Leute, die ihm auf den Pfaden von Thelema (übersetzt: ´Willen´; Kurzform von Crowleys wichtigstem Gesetz: ´Tu was du willst´ O.Z.) folgen, genau die Sorte schwacher, liberalistischer Narren zu sein, auf die Crowley voller Abscheu gespuckt hätte. Aber man kann nicht ihn verantwortlich machen für die Sklavengeister, die seinen Namen mißbrauchen. Die Runen und ihre Tradition scheinen mir das stärkste aller magischen Systeme, mit denen ich gearbeitet habe, in ihm fühle ich mich am meisten verwurzelt. Wahrscheinlich, weil ich glaube, daß sie ein Teil meiner Vergangenheit sind… (…) Wesentlich scheint mir die Erkenntnis von der natürlichen Ordnung der Dinge. Auf der Welt wird einem nichts geschenkt und die Starken werden immer über die Schwachen hinwegschreiten, ohne sich darum zu kümmern, für wie unfair wir dies vielleicht halten.“

Im weiteren Verlauf des Interviews benutzt er zwar das Wort „Rasse“, ohne diesen Begriff auch nur andeutungsweise zu problematisieren. Er bestreitet aber, wenn auch mit etwas eigenwilligen Argumenten, Rassist zu sein:

„Zum Begriff ´Rasse´ will ich nur sagen, daß ich nicht glaube, daß irgendeine Rasse einer anderen überlegen ist. Um mich herum gibt es zuviel weißen Abschaum, als daß mir dergleichen wahrscheinlich vorkommen könnte… Jede Rasse bringt einige Kreative und Massen von Kretins hervor.“

Zum Thema Politik äußert er folgendes:

„Für Politik interessiere ich mich nicht mehr, sei es nun ´linke´ oder ´rechte´; vielmehr glaube ich, daß alle politischen Dogmen und Parteien nichts als reine Zeitverschwendung bedeuten. Die einzige Hoffnung liegt wahrscheinlich im selbstbewußten Zurückweisen der Massenkultur und ihrer Massenideale. Ich glaube jedes Individuum hat das Recht zu leben, zu denken und zu sagen wie und was es will. Wohl kaum eine Ansicht, mit der sich Kommunisten oder Faschisten anfreunden könnten!“7

Wohl aber die Neue Rechte, deren Elitedenken und Antidemokratismus sich deutlich mit den Ansichten Wakefords trifft. Im Umfeld der oben vorgestellten Künstler sammelten sich auch andere Musiker mit ähnlichem Gedankengut, die sich jeweils häufig als Gastmusiker gegenseitig unterstützen. Die meisten davon sind ebenfalls Vertreter des Neo- Folk. Dazu zählen die Bands (die eigenlich fast alle nur Soloprojekte jeweils eines Musikers sind) Fire & Ice (Ian Read), Blood Axis (Michael Jenkins Moynihan), Radio Werwolf (Nikolaus Schreck8), der Sänger Boyd Rice (NON), Sorrow (Wendy van Dusen, ehemals Strawberry Switchblade) und neuerdings auch die österreichischen Bands The Moon lay hidden beneath a Cloud sowie Der Blutharsch (beide Albin Julius). Boyd Rice begann als Vertreter des Industrial. Damals wollte er normale Hörgewohnheiten brechen und die Zuhörer am Produktionsprozeß selbst beteiligen. So war seine Platte „Pagan Music“ mit verschiedenen Löchern versehen, um so diszentrisches Abspielen zu ermöglichen. Außerdem erhielt sie den Hinweis „playable at any speed“. Seine Live- Performances waren reine Lärmorgien. Damit vertrat er damals ein ähnliches Konzept, wie die Einstürzenden Neubauten und andere Bands. Geändert hat sich sein musikalisches Konzept mit der CD „In the Shadow of the Sword“ (1989). Sie beginnt mit dem Lied „Total War“:

„Do you want/ Total war/ Turn man into/ Beast once more/ Do you want/ To rise and kill/ To show the world/ An iron will“9

Die Frage wird am Ende mit „ja“ beantwortet, was nicht überrascht wenn man die theosophische, sich in den Schwanz beißende Schlange, welche das Cover ziert, mit der Aussage des Liedes verbindet. Auch die anderen Lieder der CD lassen nur eine Interpretation zu: Die Welt muss zerstört werden, um eine neue aufzurichten. Mit dem Lied „A World on Fire“ wird diese Aussage noch deutlicher:

„`In meinem Traum sehe ich eine Welt befreit von der Last der Falschheit. Ich sehe eine Welt wiedergeboren in Perfektion. Ich sehe die Herrschaft der Reinheit. Und wie kann dieser Traum wahr werden?` Rice weiß die Antwort: Großes und schreckliches Leiden sowie Zerstörung seien notwendig, die Wiederkehr der Kämpfe um Land, Nahrung und Wasser, eine Rückkehr zur Barbarei. In seinem Traum sieht er die Plätze der Städte erhellt durch die brennenden Leichname gekreuzigter Christen.(…) Die hinter ihr (seiner Musik O.Z.) stehende Ideologie ist eine Mischung aus Sozialdarwinismus und Feindschaft auf das Christentum.“10

Seit 1993 erscheint in Dresden das Fanzine „Sigill. Magazin für die konservative Kulturavantgarde Europas“, welches auch in diversen Plattenläden, besonders in solchen mit Schwerpunkt auf der Gothic- und Darkwave- Szene verkauft wird. In diesem Magazin sind neben vielen Plattenkritiken von Neo- Folk- und Industrial- CDs und Interviews mit den entsprechenden Bands, Beiträge mit den Schwerpunkten neues Heidentum und Neue Rechte zu lesen. Kurze Zeit später (ungefähr 1995) gründet sich in Berlin, das inzwischen wieder eingestellte Fanzine „Europakreuz“ (ihre Aktivitäten verlegen die ehemaligen Macher nun auf das Internet), welches in Berliner Gothic- Clubs auslag und das auch einen Mailorder- Katalog beinhaltete, in dem faschistische und heidnische (ariosophische) Literatur angeboten wurde. Beide Fanzines versuchen (bzw. versuchten) über Interviews, Plattenkritiken und Berichten über Heidentum , natürlich nur über das in ihrem Sinne praktizierte, die Gothic- Szenen zu umarmen und ihrer rechtsextremistischen Szene anzugliedern. In der Szene wurde das Anfangs als die Spinnerei Einzelner abgetan und nicht weiter beachtet.11 Eine andere Qualität bekamen diese Vorfälle jedoch als die „Junge Freiheit“, das Zentralorgan der Neuen Rechten, im „Zillo“, dem damals größten Szene- Magazin, im Februar 1996 Werbung schaltete. Dank der Proteste des Hamburger Labels „Strange Ways“ wurde bekannt, dass der ständige Redakteur der „Jungen Freiheit“ Peter Boßdorf, auch seit einiger Zeit im „Zillo“ Artikel veröffentlichte. Boßdorf war bis 1989 stellvertretender Vorsitzender des „Ostpolitischen Deutschen Studentenverbandes“ (mittlerweile „Gesamtdeutscher Studentenverband). 1985 ist er Mitglied des „Witikobundes“, einer ultrarechten Gruppierung in der, auch nicht gerade für Linksradikalismus bekannten „Sudetendeutschen Landsmannschaft“. Seit 1992 ist er außerdem Mitarbeiter des „Thule- Seminars“, veröffentlichte in „Nation und Europa“ und engagierte sich kommunalpolitisch für die Republikaner.12 Zur gleichen Zeit schaltet auch das „Europakreuz“ Werbung im damaligen Berliner Veranstaltungskalender für die Gothic- Szene „Black Book“. Erst nach Leser- Protesten entschloss sich die Redaktion, diese Anzeigen nicht mehr abzudrucken. Die Reaktion des „Zillo“ dauerte etwas. Nach einer längerer Zeit des Schweigens und sich häufenden Protestbriefen (sowie von Drohungen mehrererer Plattenlabels, keine Werbung mehr zu schalten), trennte sich die „Zillo“– Redaktion aber letztendlich (im Frühjahr 1997) von Boßdorf. Alle diese Aktivitäten können nur als abgesprochene Aktionen der Neuen Rechten gewertet werden, um ihre Position in der Gothic- und Darkwave- Kultur zu stärken. Erklärbar wird dieser Versuch, wenn man weiss, dass die Rechte vorher damit scheiterte, die Techno- Kultur zu unterwandern. So schrieb Roland Bubik, langjähriger „Junge Freiheit“ (JF)- Redakteur, 1993 unter der Überschrift „Die Kultur als Machtfrage“, dass er in dieser Popmusik Anknüpfungspunkte für eine „Revolte gegen die moderne Welt“ sieht:

„…die Jugendkultur von heute bietet erfolgversprechende Ansätze hierfür. (…) Ein merkwürdiges Bewußtsein, in einer Phase des Niedergangs zu leben, ist virulent, vom ´age of destruction´ ist die Rede, die Parties der Tekkno- Szene gleichen makabren Totenfeiern einer Epoche. Man (…) mißtraut der Erklärbarkeit der Welt, wendet sich sogar rückwärts, etwa in Form der verschiedenen Independent Szenen.“13

Aus Bubiks anfänglicher Begeisterung für Techno („Stahlgewitter als Freizeitspaß“), wurde bald Enttäuschung („seelische Vergewaltigung durch Beat-Computer und Masse“). Welche Mechanismen und Einstellungen dazu führten, dass die Vereinnahmung der Techno-Kultur für die Neue Rechte als (zumindest vorerst) gescheitert erklärt werden kann, müsste an anderer Stelle untersucht werden. Das hält allerdings JF-Autoren wie Jürgen Hatzenbichler (Mitglied der FPÖ) weiter nicht davon ab, so abstruse Fragen zu stellen wie: „Ernst Jünger: der erste deutsche Raver?“14 Bubik indessen entdeckte die Gothic-Szene als neues Schlachtfeld für den Kulturkampf der JF. Im Jahr 1996 veröffentlicht er eine Reportage über die Verleihung des „Zillo“-Preisen an Tilo Wolff (Lacrimosa):

„Deutschland ist das Zentrum einer Musikkultur geworden, die ihre Wurzeln im antimodernistischen Gestus der ´Gothic-´ (gemeinhin auch Gruft-) Szene besitzt. (…) Dieses Gemisch birgt eine Sprengkraft, vor der sich alteingesessene Sittenwächter des Musik- Mainstreams in Acht nehmen müssen. Wenn das Mystische und Irrationale, der Wunsch nach anti- aufklärerischer Innenschau und gelebter Transzendenz ihre Stimme in der Jugendkultur finden, ist der ästhetische Konsens des Westens durchbrochen. Wenn die Bezugspunkte Mittelalter und deutsche Geisteskultur darstellen statt ´Love and Peace´, wenn die Seele gegen den Intellekt ins Feld geführt wir – dann schneidet sich ein Keil in das Establishment oberflächlicher Beliebigkeit.“15

Durch diese nur sehr oberflächliche Betrachtung der Gothic-Szene wird der Ansatzpunkt deutlich, an dem Bubik den Hebel zur Aushebelung der „linken“ subkulturellen Traditionen der Gothic-Szene ansetzen will: Mystik und Irrationalismus. Lächerlich, aber in NS- Tradition, ist natürlich die Darstellung „deutscher Geisteskultur“ als „Kampfes der Seele gegen den Intellekt“. Bubik zählt anscheinend nur die Romantik zur „deutschen Geisteskultur“– und selbst bei Betrachtung dieser kulturellen Epoche wäre sein Bild deutlich zu eindimensional (die von ihm so abschätzig beurteilten Werte „Love and Peace“ haben bspw. auch deutlich ihre Wurzeln in der Romantik). Obwohl dieser Kulturkampf seitens der JF und neuerdings auch einigen NPD nahen Publikationen recht offen geführt wird (auch im Internet hat sich eine vermutlich von der NPD gesteuerte Gruppe „Gothics für Meinungsfreiheit“ gegründet), gilt es in der Szene immer noch umstritten, dass es Unterwanderungsversuche gibt. Auch ein offener Brief der ehemaligen JF-Redakteurin und Mitherausgeberin des Fanzines „Scharlach“ bzw. „Scarlet“ Gerlinde Gronow an den (inzwischen verstorbenen) Chefredakteur von „Zillo“, konnte daran nichts ändern:

„Derlei ist bewährte Taktik der jungen Freiheit: Potentielle Bündnispartner werden dezidiert umarmt (in Wirklichkeit ist es eine Umklammerung), um sie gesellschaftlich und kulturell zu isolieren. Kritiker werden generell als ´Lügner´, ´PC- Kommissare´, ´Meinungswächter´ (O- Ton junge Freiheit) abgetan, bis ihr selbst glaubt, die Junge Freiheit ist die einzige, die es gut mit Euch meint. Mit jedem gutgemeinten Leserbrief, der Toleranz und Meinungsfreiheit einklagt, begebt Ihr Euch, obwohl Ihr es ehrlich meint, immer tiefer in das Fahrwasser der Jungen Freiheit. Der Jungen Freiheit geht es nicht um diese Werte – sie hat ganz andere politische und kulturelle Ziele. Eines davon ist die ´Erringung der kulturellen Hegemonie´. Was man sich darunter vorzustellen hat, beschreibt Roland Bubik unumwunden in seinen Programmschriften: man müsse unpolitische Szenen unter dem Deckmantel der Kultur unterwandern, ohne sich als Rechter zu erkennen zu geben, um Schlüsselpositionen in der Ku(l)turlandschaft zu erringen. Erst dann ist Zeit, sich an die Umsetzung der politischen Ziele zu machen. Anstatt Euch auf Scheingefechte über Meinungsfreiheit und Toleranz einzulassen, solltet iht Euch klar machen, was eine reaktionäre Kulturpolitik für zum Beispiel eine Subkultur, wie es die Wave- Szene ist, bedeuten würde. (…) Für die Junge Freiheit seid Ihr nichts anderes als nützliche Spinner auf dem Weg zur Macht. Als ich dies begriffen hatte, habe ich meine Mitarbeit bei der Jungen Freiheit eingestellt. Nun sehe ich, daß sich meine persönliche Geschichte in größeren Dimensionen zu wiederholen droht. Ich kenne noch die kleinen Anfangstage des Zillo, stamme selbst aus der Wave- Szene – Stichwort Death In June, Sol Invictus, NON. Dadurch wurde ich auf Autoren wie Evola, D`Annunzio, Ernst Jünger aufmerksam. Obwohl ich mich diesen Bands und Schriftstellern ursprünglich kritisch näherte, wurde ich nach und nach durch die unleugbare Faszination, die von dieser Welt ausgeht, ästhetisch so gleichgeschaltet, daß mir der Schritt zur Jungen Freiheit irgendwann als ganz natürliche Konsequenz erschien. Mein ´Einstiegshelfer´ war übrigens Roland Bubik. In dem etwas über einem Jahr (1994- 1995), das ich für die Junge Freiheit schrieb, war ich seine engste Mitarbeiterin. Schon damals hatte Roland Bubik große Pläne für die Wave- Szene, die durch ihre romantische und ästhetizistische Haltung besonders leicht zu beeinflussen wäre (ob sie das ist, wird sich nun herausstellen).“16

Auf jeden Fall fällt auf, wie häufig die JF in den letzten Jahren Wave- und Gothic- Musik, natürlich vor allem die ihr politisch nahestehenden Bands (positiv) rezensieren. Auch im Privatleben hat Bubik Kontakt zur Gothic-Szene. Seine jetzige oder ehemalige Lebensgefährtin Simone Satzger (Felicia), ist Sängerin der Band Impressions of Winter und veröffentlichte auch in Bubiks Buch „Wir 89er“.17 Ebenfalls 1996 greift zum erstenmal ein rechtsextremistischer Verlag in die Musikproduktion der Gothic-Szene ein (wenn man das unbedeutende Projekt des „Europakreuz“-Herausgebers Marco E. Thiel nicht berücksichtigt, der auf seinem Label „Abyss Recordings Europe“ ebenfalls Musik verlegte). Unter dem Namen „Heliocentric Distribution“ wird ein Musiklabel des Bingener Verlages „Verlag & Agentur Werner Symanek“ (VAWS) gegründet. Dort erscheint eine Doppel CD zu Ehren der Filmregisseurin Leni Riefenstahl, die aufgrund ihrer Filme über NSDAP-Reichsparteitage (Sieg des Glaubens (1933) und Triumph des Willens (1934)) und über die Olympiade 1936 (Fest der Völker, Fest der Schönheit) im Dritten Reich Berühmtheit erlangt hat. Warum ausgerechnet Riefenstahl ausgesucht wurde, um dieses erste eindeutig rechtsextremistische Projekt in der Gothic-Szene zu verwirklichen ist unklar. Es könnte mit der Ästhetik der Riefenstahlfilme zu tun haben oder mit ihrem mystischen Erstlingsfilm „Das blaue Licht“; möglicherweise hat man aber auch einfach nach einer Person gesucht, die nahe genug am Nationalsozialismus dran war, um sie mit ihm zu identifizieren und doch auch weit genug von ihm weg, um auf eventuelle Kritik mit dem Totschlagargument der „eingeschränkten künstlerischen Freiheit“ argumentieren zu können. VAWS verlegt neben CDs rechtsextreme Bücher, so z. B. Schriften von Jürgen Rieger, kriegsverherrlichende Literatur über den „Wüstenfuchs Rommel“ und Propagandaschriften gegen die Ausstellung „Verbrechen der Wehrmacht“. Außerdem werden von ihm seit 1969 die „Unabhängigen Nachrichten“ des „Unabhängigen Freundeskreises“ verlegt.

„Gegen die ´Unabhängigen Nachrichten´ laufen seit Jahrzehnten immer wieder Verfahren wegen Volksverhetzung und Aufstachelung zum Rassenhaß. Mitglieder des Freundeskreises wurden 1994 wegen terroristischen Straftaten (z.B. Bombenattentate auf AntifaschistInnen) verurteilt. Symanek arbeitet auch mit dem rechten Arun- Verlag zusammen, der Bücher aus dem rechten und extrem rechten Spektrum zu ´Großdeutschland´, sowie heidnisch- esoterische Bücher verlegt.“18

Auf dem Riefenstahl-Sampler sind u.a. die Bands Forthcoming Fire (D), Strength through Joy (IRL), Death in June (GB/AUS), Allerseelen (AUT), Swirling Swastikas (IT), Andromeda Complex (IT), Turbund Sturmwerk (D), Voxus Imp. (D), Von Thronstahl (D), Northwende, Rückgrat, Preussak (D), Lady Domino, Projekt Blauland und Tombstone vertreten. Das Elektro Projekt PP?, das ebenfalls auf dem Sampler vertreten ist, distanzierte sich später. 1998 erschien die Nachfolge- CD – diesmal zu Ehren des Nazi-Bildhauers Josef Thorak. Auf ihr waren u.a., neben auch schon auf dem ersten Sampler vertretenen Musikgruppen, Stalingrad (IT produziert von Angeo Bergamini von Kirlian Camera) und Egoaedes (Musikprojekt des „Europakreuz“– Herausgebers Marco E. Thiel) vertreten. Das japanische Duo Jack or Jive, welches ebenfalls ein Lied beisteuerte, zeigte sich nach Erscheinen der CD entsetzt über das politisch-musikalische Umfeld, in das sie aus Ahnungslosigkeit geraten waren.19 Von VAWS vertrieben werden außerdem die Bands Waldteufel (USA), Mjölnir Tonkunst (D) und Unternehmen Dreizack (D). Zusammengestellt hat die beiden Sampler Jay Kay (Josef Klumb), der Frontmann von Forthcoming Fire. Er ist Mitarbeiter des VAWS und anscheinend befreundet mit dem Ufo-Esoteriker und Antisemiten Jan van Helsing (Jan Udo Holey), dessen Machwerk „Geheimgesellschaften und ihre Macht im 20. Jahrhundert“ wegen Volksverhetzung verboten wurde und den er auf seinen Plattencovern grüßt. Aufgrund einiger wirrer und rechtsextremistischer Stellungnahmen in Interviews, u.a. zum Thema Illuminaten

„Es ist die Hochfinanz, es sind die Kräfte, welche hinter ihren Marionetten die Welt bewegen (…) Das Gesicht dieses kommenden Regimes drückt sich aus durch die UNO, NATO, Weltbank, Zionismus…“20

verweigerte ihm Forthcoming Fires ehemaliges Label „Hyperium“ bzw. „Hypnobeats“ eine Vertragsverlängerung. Der 8. Mai 1945 war für ihn

„…trotz allem eine Eroberung, eine Unterwerfung und eine Unterdrückung des Geistes, die bis heute anhält und mir sogar mein Bewußtsein noch streitig machen möchte.“21

Es spricht für sich, für wen er nicht spricht:

„Man muß ein für alle mal erkennen, daß, wenn ich für Deutschland rede, ich nicht für circa 50 Millionen geistige Totgeburten spreche, (…), sondern daß die ´Volksseele´, die bis ins Heute so brutal vergewaltigt wurde, daß ich für dieses Heiligtum (…) den Kern und das Zentrum des Begriffes Deutschland eben verteidigen werde…(…)“22

Klumb ist auf den beiden besprochenen Samplern auch mit seinen Projekten Preussak und Von Thronstahl vertreten. Mit einem anderen Projekt, nämlich Weissglut, gelang es ihm tatsächlich einen Plattenvertrag bei „Epic“, einem Unterlabel von „Sony-Music“ zu bekommen, welcher beste Karriereaussichten im Musikgeschäft eröffnet hätte. Im Januar 1999 trennte sich Weissglut jedoch von Klumb, wahrscheinlich auf Druck von Epic. Eine Rolle dürfte dabei sicherlich spielen, dass im Dezember 98 eine Verleumdungsklage von Klumb gegen den „Spiegel“, der ihn in der Ausgabe 44/98 als „Nazi“ tituliert hatte, von Klumb zurückgezogen werden musste. Inzwischen musizierte er auch mit dem verurteilten Thüringer „Sondershausener Satansmörder“ Hendrik Möbus und dessen Metal-Band Absurd, bevor Möbus sich aufgrund einer erneuten Verurteilung, diesmal wegen „Verunglimpfung eines Toten“, ins Ausland absetzte. Möbus hatte seinen Mord an einem jüngeren Mitschüler in Moynihans Buch „Lords of Chaos“ mit den folgenden Worten kommentiert:

„Wenn aber das NS- Recht wirklich auf uns angewordet wäre, hätte man uns für die Vernichtung eines Volksschädlings nicht gestraft, sondern gelobt.“23

Zum Abschluss dieses Kapitels sollen hier noch einige andere Ansichten von weiteren Personen aus diesem rechten Spektrum der Dark-Wave- und Gothic-Szene vorgestellt werden. An erster Stelle soll der eben als Buchautor genannte Michael Moynihan (Blood Axis (USA)) stehen. Auch er stellt sich, wie eigentlich alle der in diesem Kapitel beschriebenen Musiker, gerne als unschuldig Verfolgter dar, der keineswegs rechte Ideen vertrete oder gar Faschist wäre. So etwa in einem siebenseitigen Artikel über eine von Antifaschisten erzwungenen Konzertabsage in Seattle. Darin äußert er folgendes:

„I am not an ´anti- semite´ and to label me as such is deliberately creating a falsehood. But I am also not a humanitarian, and I will state outright I do not believe in any kind of elusive notion about a ´sanctity of human life´ and I would challenge anyone to prove to me that such a thing exists. I also do not believe in moral concepts of ´good´ and ´evil´ and thus am not particularly upset about episodes in history where large numbers of people died. I am not a Holocaust Revisionist, but I also do not really care about the Holocaust one way or the other. I don´t feel responsible for it, and while it may mean a lot (understandably) to some people, it has nothing to do with me.“24

Interessant wird diese verteidigend gemeinte Bemerkung in Zusammenhang mit einer anderen Äußerung Moynihans. Auf die Frage nach seiner Beziehung zur deutschen Sprache und den Begriffen: „Rasse“, „Nation“, „Pflicht“ und „Ordnung“ antwortete er:

„Ich bin durchaus sehr an der deutschen Sprache interessiert und versuche gerade, sie mir anzueignen. Lange Zeit dachte ich, sie sei einzigartig in ihrer Fähigkeit, eine Vielzahl von Bedeutungsnuancen und Gefühlszuständen in einem einzigen Begriff auszudrücken. In gewisser Weise scheint sie erfüllt zu sein von einer magischen Qualität des ´Aufgeladenseins´ mit Inhalten von tieferer Bedeutung. Neben dieser Erkenntnis wurde mein Interesse durch die Faszination verstärkt, die gewisse Perioden der deutschen Geschichte auf mich ausübten, sowie durch die aufrichtige Bewunderung, die ich für bestimmte deutsche Philosophen hege, von denen ich einiges gerne im Original gelesen hätte – Mit den genannten Begriffen verbinde ich folgendes: Rasse- Menschen gleicher Seele und gleichen Geistes; Nation- im Idealfall eine sich selbstversorgende, abgeschlossene Gemeinschaft (egal wie klein) von Menschen einer Rasse; Pflicht- das, was man tun muß, um in Einklang mit den eigenen Instinkten und dem eigenen Ehrgefühl zu leben; Ordnung- ein Zustand von Ausgeglichenheit und Klarheit, das Handeln und Entwicklung stark erleichtert.(…) Ich glaube, es gibt zwei Punkte von größter Wichtigkeit die ´Siege´ (eine Schrift des inhaftierten US- Neonazis James Mason O.Z.) ganz deutlich macht: Erstens, daß es für Reaktion und Konservatismus einfach zu spät ist, und das deshalb die einzig angemessene Strategie – wenn es überhaupt noch eine geben kann – darin bestehen muß, die Zersetzungsprozesse des gegenwärtigen Gesellschaftssystems möglichst voranzutreiben, weil dies der wesentlich vernünftigere und direktere Weg ist, Veränderungen zu erreichen. Zweitens, daß das Überleben an sich das wichtigste Lebensziel sein sollte, aber ohne daß man sich einer Gehirnwäsche unterziehen oder von der Leere der Gesellschaft aufsaugen läßt – also, um es auf den Punkt zu bringen: das Überleben als Geächteter.“25

Neben dem menschenverachtendem Konzept des Anti-Humanismus vertritt er also das, schon bekannte, theosophische Konzept des Untergangs um der Erneuerung willen. Welche Perioden der deutschen Geschichte ihn so sehr interessieren, dürfte nicht schwer zu erraten sein. Im Booklet seiner CD „Im Blutfeuer“ sieht man ihn am Grabe des SS-Brigadeführers beim „Ahnenerbe“ Karl Maria Willigut. Auf der CD selbst hört man Ausschnitte einer Rede des von Evola bewunderten Führers der faschistischen rumänischen „Eisernen Garde“ und eine Passage aus Ernst Jüngers Buch „Auf den Marmorklippen“. In diesem Zusammenhang ist es nicht weiter überraschend, dass Moynihans Verteidigungsbrief auf der Homepage einer Organisation „Third Position – Beyond Left and Right“ erscheint, die über sich selbst schreibt, dass sie eine „revolutionäre nationale Bewegung“ sei, die eine „New Social Order“26 will. Ein Pamphlet dieser Organisation endet mit den Worten: „For the Nation. Against the State!“27 Der geneigte Leser mag sich nun selber fragen: Steht Moynihan wirklich zwischen rechts und links? Die Band Ain Soph folgt dem Vorbild von Julius Evola, wenn sie dem Priesterkrieger Kshatyra, dem Leitbild Evolas für einen politischen Soldaten in seinem Buch „Menschen inmitten von Ruinen“, eine CD widmen. Sie singen auf ihrem Album „Kshatyra“:

„Die Treue ist stärker als Feuer/ Sich erheben, auferstehen/ Eine Form und eine Ordnung schaffen/ Aufrecht durch die Ruinen/ Den schwersten Weg auswählen/ Unseren Mut in Metall gießen/ Endlich wiedergeboren durch das Blut/ stark durch unsere Ehre/ Kshatyra“28

Natürlich könnte man solche Texte auch als spätpubertäre „Männerphantasien“ abtuen, wenn allerdings auf dem Cover ihrer CD „Aurora“ Evola abgebildet ist und sich ein Musiker „von Sebottendorf“ nennt – Sebottendorf war führender Aktivist der Münchener Thule-Gesellschaft, die in die Gründung der NSDAP involviert war – dann darf man sicherlich an dieser Interpretation zweifeln. Auf der Homepage der Dresdener Band Turbund Sturmwerk, der ich einige sehr interessante Interviewausschnitte mit den oben besprochenen Musikern verdanke29, wird, wenn auch nicht ganz offen, rechtsextremistische Propaganda betrieben. Auch wenn sie sich scheinbar von faschistischer Ideologie abgrenzen:

„Zwar rechneten wir mit den üblichen Unterstellungen von Seiten derer, die immer alles vom eingeschränkten Blickwinkel eines ´politischen Ortungssystems´ aus bewerten zu müssen glauben; damit haben wir in den vergangenen Jahren umzugehen gelernt. Wir wußten, daß sich einige finden würden, uns ureflektiert eine ´faschistoide Gesinnung´ oder gar ´Kriegsverherrlichung´ zu unterstellen, weil wir Runen gebrauchten, uns auf Nordische Mythologie bezogen und vom Wert des Opfermuts sprachen. (…) Was wir – ganz abstrakt – als Projektion im Sinne eines ´geistigen Kriegertums´ vorgeben wollten, nämlich das Ideal, sich als Mensch einer Sache in aller Konsequenz hinzugeben, schien für manchen also bereits mit zu ´eindeutigen´ Entschlüsselungshinweisen versehen.“

Um dann aber wenig später eine Abbildung auf dem Cover ihrer CD mit dem, völlig unwissensschaftlichen, „Runenschlüssel Williguts“ zu interpretieren. Ihre Interpretation beenden sie mit den folgenden Sätzen:

„Problematisch erscheint freilich, daß die Materialisation des menschlichen Geistes an sich und grundsätzlich leidbehaftet und negativ erscheint, was manchen – zurecht – nicht einleuchten will, selbst wenn bedacht wird, daß inzwischen längst auch Menschen mit relativ gesunder und harmonischer Persönlichkeitsstruktur an ihrer Umwelt und den äußeren Zuständen leiden, welche sie selbst gar nicht zu verantworten haben. Dies spricht freilich weniger gegen die ´äußere Welt´ als vielmehr gegen diejenigen, die – teils fahrlässig, teils willentlich – ein ´Jammertal´ aus ihr gemacht haben.“30

Da können wohl nur noch die „geistigen Krieger“ helfen! Sie selbst berufen sich vor allem auf „Nationalbolschewismus“ und „Hamburger Nationalkommunismus der 20er Jahre“ und arbeiten musikalisch an einer „Symbiose von Ernst Jünger und Heiner Müller“. Die im Moment in der Szene meist diskutierte Band ist die Band Kirlian Camera um den italienischen Musiker Angelo Bergamini. In einem „Zillo“– Interview mit Dirk Hoffmann wehrt sich Bergamini gegen Vorwürfe von Antifaschisten, hier einige Ausschnitte aus dem Interview:

„Zillo: Von Organisationen wie der Antifa werdet ihr als Neofaschisten bezwichnet, weil ihr ein Konzert mit dem Hitlergruß beendet haben sollt. Falls das der Tatsache entsprechen sollte: Was war euer Beweggrund dafür- reine Provokation oder steckt ein tieferer Sinn dahinter? Angelo: Eins muß von vorneherein klar sein: Ich protestiere gegen solche Gerüchte und Aussage, die zu beweisen versuchen, daß meine Band das Publikum mit dem Hitlergruß begrüßt. Ein gewisser Alfred Schobert hat in einem ´Spiegel´- Interview behauptet, daß wir – man beachte, daß wir – man beachte, daß er im Plural sprach und damit um alle meinte – das Publikum auf diese Weise be(g)rüßen. Das ist ein ernstes Statement und eine ernste Manipulation der Realität. Ich muß an dieser Stelle zum zigsten Mal wiederholen, daß andere Kirlian Camera- Mitglieder verschiedene (M)ale erklärt haben, daß sie ganz aufrichtig politisch links einzuordnen sind. (…) Diese Band hat durch all die Jahre Musiker aus ganz verschiedenen Richtungen (Schwarze, Weiße, Juden, Faschisten, Kommunisten, Christen, Schwule, Anarchisten) im Line- up gehabt und jeden einzelnen respektiert. Wenn aber jemand kindische Sachen mag, erkläre ich einiges zu Herrn Schoberts Aussagen: Im August letzten Jahres traten wir in Berlin auf, und ich muß ehrlicherweise zugeben, daß ich auf eine ähnliche Weise agiert habe, um einfach den schlechten Glauben von einigen Leu(t)en zu testen. Da habe ich die Leute mit ausgestrecktem Arm begrüßt. (…) Weder ich noch Emilia Lo Jacono und Barbara Boffelli haben je den Hitlergruß verwendet, da sie politisch viel zu korrekt sind. (…) Es gab keine versteckten politischen Botschaften in der Vergangenheit, und ich muß niemanden etwas erklären. Zillo: Gibt es denn etwas, das dich aus irgend einem Grund am Dritten Reich fasziniert? Angelo: Die Ästhetik des Dritten Reiches ist zweifellos faszinierend. (…) Aber was ich über Politik denke, geht nur mich etwas an, und das würde ich niemanden erzählen. Wahlen sind geheim, und es ist mein Recht es auch so zu halten. Ist es nicht so? (…) Zillo: Meinst du nicht, da(ß) Künstler eine besondere Verantwortung beim Gebrauch solcher Symbole haben, die eng mit dem Dritten Reich verknüpft sind? Angelo: Ich denke, es gibt zu viele Idioten, die versuchen, einige Werbung damit zu machen, Symbole und anderes Zeugs verwenden, von denen sie nicht mal die Bedeutung verstehen. Ich glaube, daß 90% dieser Bands, die Möchtegern- Nazis werden wollen, nichts weiter als ein Haufen von Verlier(er)n sind, die keine wirkliche Hoffnung besitzen. Sie verlassen sich darauf, populär dadurch zu werden, daß sie das Spiel der ´Verdammten´ spielen, aber sobald jemand kommt, um ihnen gefährlich mit Zensur zu drohen, leugnen sie alles, arme kleine Kätzchen!
(…) Übrigens haben Kirlian Camera nie ein Nazi- Symbol verwendet, weshalb wir mit dem Thema eigentlich nichts zu tun haben.(…) Viele Leute erheben den Anspruch, Dinge zu wissen, die sie nie erfahren werden, und legen dabei die wirklich intolerantesten Einstellung zutage: Sie verfolgen etwas, das sie nicht kennen. Suchen sie nach dem Antichristen oder was?“31

Auffällig bei den Äußerungen Bergaminis ist, dass er, wie auch bei früheren Interviews zu dem Thema, grundsätzlich nur über die politischen Einstellungen von anderen Bandmitgliedern redet. Dazu muss man wissen, dass Kirlian Camera letztlich ein „Ein- Mann-Projekt“ Bergaminis ist. Den Hitlergruß bzw. den „Kühnen-Gruß“ (mit zwei ausgestreckten Fingern), hat Bergamini in diesem Interview, soweit mir bekannt, hier zum ersten Mal zugegeben, nachdem er ihn in mehreren vorangegangenen Interviews abgestritten hatte. Diese Geste von ihm konnte man auch bei weiteren Konzerten von ihm beobachten. In dem Gesprächsteil über andere Bands, denen die Verwendung von NS-Symbolen nicht fremd ist, redet er nur über „Möchtegern-Nazis“. Wie würde er wohl über „richtige Nazis“ urteilen? Seine Ansichten dazu kann man möglicherweise vermuten, wenn man beachtet, dass er mit dem Stück „U- Bahn V. 2 Heiligenstadt“ auf der CD „Todesengel- The Fall of Life“ die „Eiserne Garde“ Codreanus „ehren“ wollte32 und Marco E. Thiel ihn im „Europakreuz“, als einen „Kameraden“ bezeichnet.33 In der selben Ausgabe des „Europakreuzes“ wird an den 52. Jahrestages der Zerstörung Dresdens „durch britische Luftangriffe“ gedacht und um einen „Kamerad Julius B. E. F. jun. (Pseudonym J. Streicher)“34 getrauert. Der österreichische Kadmon (Gerhard Petak), dessen Projekt Allerseelen dem Neo-Folk zugeordnet werden kann, fällt durch die Herausgabe der Magazine „Ahnstern“ und „Aorta“ auf. In diesen Magazinen kommt seine Gedankenwelt, beruhend auf einer Mischung von (NS-) Esoterik, faschistoider Philosophie und Satanismus zum Ausdruck. Ein Ausschnitt aus dem „Ahnstern“-Katalog:

„II. LUCIFER RISING II. Interview (1995) mit dem amerikanischen Filmemacher Kenneth Anger über: Lucifer Rising, Externsteine, Bobby Beausoleil, Aleister Crowley, Friedrich Nietzsche. (…) III: FEUERTAUFE: Ernst Jüngers Werke über den ersten Weltkrieg (…) V: HEIDNAT: Völkischer Weg und thelemitischer Weg. Heimat und Heidentum als Kraftfelder. Heidnat als Entwurf einer halben Moderne, die Technologie und Spiritualität verknüpft. Die Bedeutung von Selbstachtung. Erdung. Widerstand.(…) VII: KRAFTFELD: Das Kornzeichen in Flandorf, Niederösterreich, Juli 1996, eine rätselhafte Einheit aus Kraft und Form (…)“35

Er beteiligte sich an den VAWS-Samplern, wie auch an einem Sampler des Labels des Dresdener „Sigill“– Herausgebers Eislicht-Verlages (Eis und Licht Tonträger); dieser erschien, um „Julius Evola zu ehren“. Das Cover der Allerseelen-CD „Gotos – Kalanda“ ziert die sogenannte „Schwarzen Sonne“, ein Marmormosaik aus dem „Obergruppenführersaal“ der SS-Kult- und Schulungsstätte Wewelsburg. Auch er fühlt sich von Antifaschisten verfolgt, spricht sich aber immerhin für Gewaltlosigkeit seiner Anhänger aus.

„Daß jemand Flugblätter gegen Allerseelen verteilte, freute mich. Ich schätze die, die den Mut haben, Nein zu sagen, den Ketzer. Die sich Schwierigkeiten einbrocken. Daß manche Anhänger von Allerseelen glaubten, diesem Jugendlichen die Flugblätter aus der Hand reissen zu müssen, erfuhr ich erst hinterher. Es mißfiel mir.“36

Daneben benutzt er aber typische Argumentationsmuster der Neuen Rechten:

„Ich verabscheue Bücherverbrennungen und Holocausts, wie sie in Auschwitz, Dresden, Hiroshima und Mururoa geschahen. (…) Was die Anti- Faschisten im Zeichen des roten Pentagramms begehen, stellt die Anschläge rechtsextremer Skinheads in den Schatten.“37

Die Musikpresse und die meisten Plattenlabel fielen bis jetzt durch Totschweigen dieser gefährlichen Tendenzen dieses Teils der Szene auf. Vermutlich aus kommerziellen Gründen, denn die beschriebenen Bands verkaufen sich, nicht zuletzt wegen ihrer „umstrittenen Meinungen“, besser als viele andere, politisch nicht auffallende Bands. Die meisten Szene-Mitglieder dürften aber (noch) eher ungefähr so denken wie Ashley, Kopf der Band Whispers in the Shadow:

„Wenn man einfach akzeptiert, was man vorgekaut bekommt, kann dies üble Folgen haben, und plötzlich haben wir ein ´viertes Deutsches Reich´ und jeder ist plötzlich überrascht und tut so, als ob nichts wäre. Nach außen hin vertreten wir allerdings keine politische Richtung. Aber ich glaube kaum, daß uns irgendwer als ´rechts´ einstufen würde. Es ist wichtig, daß die schwarze Szene nicht ins rechte Lager abrutscht, wie das in letzter Zeit so der Fall ist. Dagegen werden wir uns auf jeden Fall wehren und ich hoffe, wir stehen da nicht alleine da.“38

Das zeigt, dass Pauschalverurteilungen der Szene (wie beispielsweise Jean Cremets Beiträge in der Jungen Welt und anderen Zeitschriften) kontraproduktiv wirken. Dann nämlich fühlen sich auch politisch liberale oder linke Gothics gezwungen, sich Hand in Hand mit den, immer noch wenigen, wirklich rechtsextremistischen und faschistischen Vertretern zu verteidigen. Und gerade gegen dieses falsche Zusammengehörigkeitsgefühl, welches der Umarmungsstrategie von JF und anderen entgegen kommt, muss die Szene in nächster Zeit vorgehen, sollte sie ihre eigenen Wurzeln nicht verleugnen wollen. Ein wichtiger Ansatz dazu war sicher die Gründung der Initiative „Grufties gegen rechts/ Music For A New Society“ (April 1998 in Bremen). Mit den Zielen dieser Initiative solidarisierten sich mittlerweile auch schon einige Musiker wie Deine Lakaien, Sepulcrum Mentis, Einstürzende Neubauten, Dirk Ivens (Dive, Sonar, ehemals The Klinik), Goethes Erben, Love Like Blood, Das Ich und Isecs. Eine Internet-Initative „Gothics gegen rechts“ versucht dem Beispiel der „Grufties gegen rechts“ zu folgen und über rechte Tendenzen in der Szene aufzuklären.

Quelle: Gothic gegen Rechts

  1. Bis vor kurzem war es auch nicht unüblich, der Szene insgesamt Sexismus und Frauenfeindlichkeit vorzuwerfen, möglicherweise wegen der offen zur Schau gestellten SM- Sexualität von Mitgliedern der Szene (so z. B. Anfang der 90er Jahre in einer Flugblattaktion einer Männergruppe vor einer von Gothics besuchten Freiburger Diskothek). Diese Vorwürfe haben mittlerweile nachgelassen. Ob nun auf Grund veränderten gesellschaftlichen Bewusstseins oder einer vorurteilsfreieren Sicht auf die Gothic- Szene mag dahingestellt bleiben. [zurück]
  2. Zillo 2/ 92, zitiert nach: Grufties gegen Rechts: Die Geister, die ich rief, im Internet unter: http://www.pc- easy.de/geister/brosch.htm [zurück]
  3. Dieses Interpretation von Pearces Antrieb liefert auch Steward Home in einem Interview mit dem Münsteraner Fanzine „Auf Abwegen“: „Ich glaube einfach, daß bei Death In June Sexualität im Vordergrund steht. Ich glaube, seine sexuellen Vorlieben sind der Schlüssel zum Verständnis von Death In June, und ich glaube nicht, daß Douglas heute noch ein aktives politisches Interesse hat“. (Zitiert in: Die geilsten Uniformen, in: Jungle World, 26. März 1998) [zurück]
  4. Pockrandt, Stephan: Sexy Uniforms, in: Sigill Nr. 6, 1994, Dresden, S. 20/21, zitiert in: Stöber, a.a.O., S. 69 f. [zurück]
  5. Zitiert nach: Antifaschistisches Info, Juli/ August 1997 [zurück]
  6. Grufties gegen Rechts, Geister, a.a.O. [zurück]
  7. Im Internet unter: http://www.myway.de/secretlab/dturbu56.htm [zurück]
  8. Douglas Pearce sagt in einem Interview von 1990 über Schreck allerdings: „Als ich Boyd Rice in Amerika besucht, hat der mir erzählt, in den USA gelte Schreck inzwischen als ´reicher Jude´, der sich in seltsame okkulte Dinge verstrickt habe. Wen interessiert schon dieser ganze amerikanische Werwolf- und Satanskram. Ich halte das alles für oberflächlich“, im Internet unter: http://www.myway.de/secretlab/dturbu55.htm. Eine Aussage, die Zweifel am Geisteszustand aller drei Beteiligten weckt. [zurück]
  9. NON/ Boyd Rice: Total war, von der CD: In the Shadow of the Sword 1989, zitiert nach Cremet, Jean: The dark side of the music. Jenseits von „Böhse Onkelz“ und „Screwdriver“. Über (neo-) faschistische Tendenzen in der Independent- Musik, in: analyse & kritik 389, 04/ 1996, S. 11 ff, im Internet unter: http://www.pc- easy.de/geister/cremet.htm [zurück]
  10. Cremet, a.a.O. [zurück]
  11. „Europakreuz“ war sich bspw. nicht zu schade, den unsäglichen „Heino der Neonazis“, Frank Rennicke zu interviewen. Orginalton Rennicke: „Frank Rennicke, nationaler Barde, verheiratet, vier Kinder, seit 10 Jahren im Freiheitskampf, gebürtiger Niedersachse, Steckenpferd: Volk, Vaterland, Familie.“ (…) „Ich bin tolerant genug, liberalere und auch radikalere Meinungen von Gleichgesinnten zu dulden, wenn diese mit der ganzen Persönlichkeit gelebt werden.“ (…) „Lest, lernt, treibt Sport, enthaltet euch dem Zeitgeist und sehet mit Abscheu auf die willigen Büttel eines Systems, das es für ´normal´ hält, 600.000 Rapper- und Techno- Idioten in Berlin straßenverdreckend latschen zu lassen, junge Deutsche aber, die für Meinungsfreiheit und Erinnerung an den Mord an Rudolf Heß auf die Straße gehen, einsperren will. Heil euch!“, Europakreuz Nr. 19, April 97, Berlin, S. 9- 12 [zurück]
  12. Grufties gegen Rechts,Geister, a.a.O. [zurück]
  13. Junge Freiheit 10/93, zitiert nach: Grufties gegen Rechts: Revolte gegen die moderne Welt – Braune Graswurzelrevolution in der schwarzen Szene? Über den neurechten Kulturkampf und Widerständiges aus der Gothic- Szene, im Internet unter: http://www.pc-easy.de/geister/aib.htm [zurück]
  14. Im Internet unter: http://www.jungefreiheit.de/108aa16.htm [zurück]
  15. Junge Freiheit 4/96, zitiert nach: Grufties gegen Rechts, Geister, a.a.O [zurück]
  16. Gerlinde Gronow: Offener Brief an Easy Ettler, im Internet unter: http://www.pc-easy.de/geister/easy.htm [zurück]
  17. Grufties gegen Recht, Revolte, a.a.O. [zurück]
  18. Grufties gegen Rechts, Geister, a.a.O. [zurück]
  19. Grufties gegen Rechts, Revolte, a.a.O. [zurück]
  20. Gothic Nr. 23, Sommer 1995, zitiert nach. Grufties gegen Rechts, Revolte, a.a.O. [zurück]
  21. Gothic Nr. 23, Sommer 1995, zitiert nach. Grufties gegen Rechts, Revolte, a.a.O. [zurück]
  22. Gothic Nr. 23, Sommer 1995, zitiert nach. Grufties gegen Rechts, Revolte, a.a.O. [zurück]
  23. Zitiert nach MDR- Fakt vom 26.4.1999, im Internet unter: [zurück]
  24. Im Internet: http://www.thirdposition.com/blrnewsbloodaxis.html [zurück]
  25. Im Internet: http://www.myway.de/secretlab/dturbu54.htm [zurück]
  26. Im Internet: http://www.thirdposition.com [zurück]
  27. Im Internet: http://www.thirdposition.com/blrnation-and-the-state.html [zurück]
  28. Zitiert nach: Cremet, a.a.O. [zurück]
  29. Auffallend ist, dass in letzter Zeit, sogar während der Monate meiner Recherche, immer mehr klare „politische“ Aussagen auf den Homepages der besprochenen Künstlern verschwanden. Ich halte es für möglich, dass das mit der beginnenden antifaschistischen Arbeit in der Gothic- Szene zusammenhängt. [zurück]
  30. Im Internet: http://www.myway.de/secretlab/dturbu25.htm [zurück]
  31. Hoffmann, Dirk: Das Versteck des Antichristen, in: Zillo Musik Magazin (7-8/ 99), im Internet: http://members.tripod.com/~Heydebreck/kczil.html [zurück]
  32. Sigill (Nr. 12, 1996/97), Dresden [zurück]
  33. Europakreuz Nr. 18, Februar 1997, Berlin, S. 1 [zurück]
  34. ebd. [zurück]
  35. Im Internet: http://www.geocities.com/SunsetStrip/Amphitheatre/6522/ahnstern.htm [zurück]
  36. Kadmon: Anti- Faschismus: Katholizismus ohne Gott, im Internet: http://www.geocities.com/SunsetStrip/Amphitheatre/6522/antifa.htm [zurück]
  37. ebd. [zurück]
  38. Back Again (Winter 97/98), Darmstadt und Hamburg, S. 8 [zurück]

Zur Absage eines Kirlian Camera Konzerts in Bremen 1999

Presseerklärung der Grufties gegen Rechts Bremen

Am 10.10.99 tritt die italienische Dark Wave-Gruppe Kirlian Camera im Tower in Bremen auf. Der Sänger der Band, Angelo Bergamini, verwendet auf seinen CD’s und bei Live-Auftritten häufig faschistische Symbole und Originaldokumente:

In ihrem Stück “U-Bahn V.2.Heiligenstadt” auf ihrer CD “Todesengel – The Fall of Life” verwendet Angelo Bergamini Ausschnitte aus einer Rede des rumänischen Faschisten und Antisemiten Corneliu Zelea Codreanu, Gründer der Legion Erzengel Michael (1927) und Führer der Eisernen Garde (ab 1930). In einem Interview mit dem rechten Fanzine Sigill (Nr.12 96/97) verkündet Angelo Bergamini hierzut: “Ich nahm diesen Song im Februar 1989 mit einem Teil von Codreanus Rede auf. Zu dieser Zeit suchte ich solches Material, um seine Legion zu ehren.”

Desweiteren beteiligte sich A. Bergamini als Produzent des Projektes Stalingrad an einem Sampler zu Ehren des Nazi-Bildhauers Josef Thorak. Dieser Sampler wird von dem rechtsextremen Verlag & Agentur Werner Symanek (VAWS) verlegt und vertrieben. Der Verlag und Vertrieb VAWS hat im NRW-Verfassungsschutzbericht von 1998 im Bereich Rechtsextremismus einen eigenen Eintrag. Diese Beteiligung Angelo Bergaminis erfolgte, trotzdem Kirlian Camera auf dem vorherigen VAWS-Sampler zu Ehren der Nazi-Filmerin Leni Riefenstahl aufgrund eines formlosen Verbotes ihres Labels Discordia nicht erscheinen durften.

Am Anfang des Stückes “The Days of Laura Zero” auf der CD “Erinnerung” verwendet Angelo Bergamini ein verlangsamtes Sample des Wehrmachtseides.

In einem Interview mit dem Zillo (Nr. 7/8 99) bezeichnete Angelo Bergamini die Ästhetik des Dritten Reiches als “zweifellos faszinierend”, was bei Liveauftritten der Band in Dia/Videoshows deutlich zum Ausdruck kommt.

Auf dem Dark Rush III-Festival am 2. 05. 98 in der “Arena” (Berlin) verabschiedete sich Angelo Bergamini mit der neonazistischen Variante des Hitlergrußes von der Bühne. Im Zillo (7-8/99) sagte er zu dem Vorwurf, mit dem Hitlergruß aufzutreten: “Im August letzten Jahres traten wir in Berlin auf, und ich muß ehrlicherweise zugeben, daß ich auf ähnliche Weise agiert habe, um einfach den schlechten Glauben von einigen Leuten zu testen. Da habe ich das Publikum mit ausgestrecktem Arm begrüßt. Sorry, aber meine Finger waren nicht ganz verbunden. Was gibt’s zu einem Hitlergruß ohne miteinander verbundene Finger zu sagen (Anmerkung: Entweder hat er sich im Datum geirrt oder Bergamini spricht von einem weiteren Vorfall).

Bei Kritik reagiert Bergamini häufig mit wenig glaubwürdigen, oberflächlichen Distanzierungen. So sagte er dem Sigill (Nr.12, 96/97): “Die anderen Mitglieder von Kirlian Camera stimmen mir da nicht so zu, wie gewöhnlich bei solchen Punkten, ich muß also sagen, daß das meine Gedanken sind, und nicht die von Kirlian Camera.” Im Zillo (Nr.7-8/99) konnte man Ähnliches vernehmen: “Ich muß an dieser Stelle zum zigsten Male wiederholen, daß andere Kirlian Camera-Mitglieder verschiedene Male erklärt haben, daß sie ganz aufrichtig politisch links einzuordnen sind.”

Wir können Angelo Bergamini nach sorgfältiger Prüfung der Tatsachen nicht von dem Verdacht freisprechen, die oben genannten Mittel in wohlwollender bzw. verherrlichender Weise einzusetzen.

Vor dem Hintergrund der in den letzten Jahren verstärkten Bemühungen rechtsextremistischer Ideologen, in der Dark Wave-Szene mittels eines rechten “Kulturkampfes” Fuß zu fassen, sollten sich die Veranstalter unserer Meinung nach ernsthaft Gedanken darüber machen, ob sie ein Konzert mit einer Band stattfinden lassen wollen, deren Sänger wiederholt durch eine Nähe zu faschistischen Zeitschriften, Verlagen und Bewegungen aufgefallen ist.

Bremen, 21. September 1999

______________________________________________

2. Pressemitteilung der Grufties gegen Rechts Bremen

Betreff: Konzert mit rechter Dark Wave-Band Kirlian Camera abgesagt

Am 27. September 1999 verschickten die Bremer „Grufties gegen Rechts“ eine Presseerklärung bezüglich des geplanten Auftrittes der italienischen Dark Wave-Band Kirlian Camera am 10. Oktober 1999 im Tower. Diese informierte zahlreiche Presse- und MedienvertreterInnen über rechtsextreme Äußerungen und Verstrickungen des Sängers der Band, Angelo Bergamini, mit faschistischen Zeitschriften, Verlagen und Bewegungen.

DER AUFTRITT VON KIRLIAN CAMERA WURDE VOR WENIGEN TAGEN VOM VERANSTALTER ABGESAGT!

Hintergrund dieser Entscheidung ist unseres Wissens nicht unser Schreiben, sondern aktuelle Ereignisse auf der laufenden Deutschland-Toumee von Kirlian Camera. Bei ihrem Auftritt in Berlin mit der englischen Band Attrition hielt sich eine Gruppe von Neonazis auf. Nach dem Auftritt der Bands gab es Angriffe auf den Tourbus von Attrition. Die englische Band, die mit rechtem Gedankengut nichts zu tun haben will, beschloß daraufhin die Tournee abzubrechen und nach England zurückzukehren. Von Attrition existiert dazu auch eine Presseerklärung. Der Bremer Veranstalter entschloß sich aufgrund der jüngsten Ereignisse dazu, das Bremer Konzert mit Kirlian Camera abzusagen. Unseres Wissens ist auch das Konzert in Gießen abgesagt worden und der Kirlian CameraAuftritt am 3. Oktober 1999 in der Kulturfabrik Krefeld fand ohne die Vorgruppe Laudanum statt. Wir begrüßen aufgrund der uns bekannten Fakten über Kirlian Camera und ihre Verstrickungen mit rechtem Gedankengut die Entscheidung des Bremer Veranstalters außerordentlich, das Kirlian Camera nicht in Bremen auftreten werden. Ebenso wie die Entscheidungen der Bands Attrition und Laudanum sind sie für uns ein Zeichen, daß es in unserer Gothic- / Wave-Szene nicht nur rechte Tendenzen, sondern auch Zivilcourage gibt.

Grufties gegen Rechts / Music for a new society
Bremen, 4. Oktober 1999

_________________________________________

Orkus 11/99

Nachdem Attrition nach ihren Berliner Gig mit Kirlian Camera von rechtsradikalen Anhängern eben jener Band angegriffen wurden, sagten sie sofort alle folgenden Deutschland-Termine mit Kirlian Camera ab. Attrition wollen sich hiermit bei den deutschen Fans entschuldigen. aber die Band hält es für überaus notwendig, gegen jegliche rechte Tendenz sofort einzuschreiten. Eventuell falsch Beschuldigte sollten nach Meinung der Band eine offizielle Gegendarstellung herausbringen. Alle ausgefallenen Termine ihrerseits verspricht die Band aber Anfang nächsten Jahres ganz sicher nachzuholen. Zur Absage des Konzertes am 10. Oktober im Bremer -Tower- hier die Stellungnahme des Club Noir:

Mit Bedauern müssen wir euch mitteilen, dass wir das geplante Konzert mit Kirlian Camera, Attrition und Breathe nicht veranstalten konnten. Der -Tower- Bremen war nicht mehr in der Lage. das Konzert stattfinden zu lassen. da davon auszugehen war, dass es von Seiten verschiedener Gruppierungen (Grufties gegen Rechts, Antifa etc.) zu Aktionen kommen würde, die die Sicherheit aller Beteiligten gefährdet hätten. Der Club Noir bedauert dies und möchte ausdrücklich darauf hinweisen, dass er die Vorwürfe gegen die Band Kirlian Camera nicht teilt.

_______________________________________

Lesebrief der Grufties gegen Rechts Bremen zu obenstehenden Artikel

Liebe Orkus-Redaktion,

bezugnehmend auf die Kurzmeldung im Orkus 11/99 (S. 16) möchten wir euch hiermit kurz unsere Seite des Disputs darlegen:

Im Vorfeld des Kirlian Camera Konzertes im Bremer „Tower“ am 10. 10. 99 verschickten wir die beiliegende Presseerklärung an die regionale Presse und an die Konzertveranstalter. Wie der Presseerklärung zu entnehmen ist, richtete sich unsere inhaltliche Kritik weder gegen den „Club Noir“ als lokalen Veranstalter, noch gegen den „Tower“ als Veranstaltungsort. Abgesehen von dieser Presseerklärung waren unsererseits keinerlei „Aktionen“ geplant und erst recht keine, die die „Sicherheit irgendeines Beteiligten gefährdet hätten“. Unsere Tätigkeiten bestehen darin aufzuklären und zu informieren. Zur Verdeutlichung unseres Selbstverständnisses legen wir euch unsere Selbstdarstellung bei. Auch von Seiten der Bremer Antifa sind uns keinerlei Aktivitäten bezüglich des Konzertes bekannt geworden. Uns ist schleierhaft, womit der „Club Noir“ den in seiner Presseerklärung geäußerten Vorwurf begründet.

Da es in einer Stadt wie Bremen selbstverständlich persönliche Kontakte untereinander gibt, gab es auch Gespräche über dieses Konzert. In einem dieser Gespräche sagte uns der Veranstalter des „Club Noir“, der Hauptgrund für die Absage sei die Erklärung von Attrition gewesen, mit denen er persönlich befreundet sei. Aus diesem Grunde haben wir in einer weiteren, ebenfalls beiliegenden, Presseerklärung den Schritt des Veranstalters ausdrücklich begrüßt.

Da es sich bei der Aussage des „Club Noir“ um eine Fehlinformation handelt, die erfahrungsgemäß dahingehend ausgelegt werden wird, daß wir mit gewaltsamen Mitteln versuchen würden Konzerte zu verhindern, bitten wir euch diesen Sachverhalt in eurer nächsten Ausgabe richtigzustellen.

Bremen, 4. 11. 99

Quelle: Grufties gegen Rechts Bremen