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Von Stahlgewittern und Gänseblümchen

Schwarze, wallende weite Kleidung, weiße Blusen und Hemden mit Rüschen und hochtoupierte Haare, so sieht er aus, der typische Vertreter der Wavebewegung. Die Mitte der 80er entstandene Subkultur, welche heute in der BRD ca. 150.000 Personen umfasst. Allerdings hat sie sich inzwischen feiner gegliedert hat, so z.B. in die Musikrichtungen Gothic u. Neo-Folk und längst nicht mehr alle SzenevertreterInnen laufen wie oben beschrieben herum. Ihren Ausgangspunkt hatte die Bewegung Mitte der achtziger Jahre. Eigentlich immer mehr der linken Subkultur zugetan, zeigen sich jetzt auch hier die Auswirkungen neurechter Aktivitäten.

Am 8.2. 96 veröffentliche die Junge Welt eine Artikel, in dem sie darauf aufmerksam machte, dass in der Feb. Ausgabe von Zillo, dem wohl bekanntesten, einflussreichsten und auflagenstärksten Blatt (70 000 Exemplaren pro Monat) der ’schwarzen‘ Szene, wie die Dark- Gothicszene auch genannt wird, eine Anzeige der rechtsextremen Jungen Freiheit sei. Des weiteren war aufgefallen, dass der Mitarbeiter der Jungen Freiheit Peter Boßdorf inzwischen Plattenkritiken für Zillo schreibt. Vorwürfe bezüglich dieser Zusammhänge wies der Zillo-Herausgeber Rainer Ettler jedoch in der März Ausgabe weit von sich und der Szene. ‚Zillo ist weder rechts- noch linksradikal!‘. Allerdings wolle man demnächst keine Anzeigen von politischen Zeitungen mehr annehmen. Ansonsten ‚will ich von diesem verdammten Thema kein Wort mehr hören‘, ließ er verlauten und hoffte vermutlich, damit das Thema vom Tisch zu wischen.
Was da bei Zillo zum Vorschein kam, war allerdings nur die Spitze des Eisbergs. Schon seit Jahren versuchen Rechte, einen Platz in der Gothic und Dark-Wave Szene zu finden. Und so ist Peter Boßdorf mit Sicherheit nicht ‚zufällig‘ sowohl für Zillo als auch für die Jungen Freiheit (JF) tätig, wie Ettle behauptet. Wir werden dies im Laufe des Artikels
aufzeigen.

Das Kind mit dem Bade ausschütten

Bevor wir uns allerdings weiter mit den rechten Einflüssen und ihren Ausprägungen in der Szene beschäftigen, soll noch erwähnt werden, dass es in diesem Artikel nicht darum geht, die Szene insgesamt in den Dreck zu ziehen oder in die rechte Ecke zu stellen, wie das im Moment das bayrische Fernsehen und Teile der Kirchen versuchen. Im übrigen verstehen sich Teile der Szene selbst eher links und haben auch gleich auf die Einflussnahme von rechts reagiert. So wehrte sich schon 1994 Gymnastic Records dagegen, dass der Nazivertrieb Werner Symanek, welcher schon 199? in seinem Versandkatalog die Sparte ‚Dark-Wave‘ einführte und Platten von Radio Werwolf, Death in June, Current 93 aber auch Deine Lakaien anbot, erfolgreich gegen den Vertrieb ihrer Platten durch den Nazi.
Auch nach der JF-Anzeige in Zillo organisierten einige Bands und Labels gleich eine Erklärung, in der sie eine eindeutige Distanzierung von der JF und rechtem Gedankengut fordern . Es soll im diesem Artikel darum gehen, die organisatorischen und inhaltlichen Verknüpfungen darzustellen und aufzuzeigen, wo Einfallstore für die Rechten in die Szene sind.

Die Dark-Wave- Independent- u. Gothicszene ist bunt und vielschichtig, noch sind die Einflüsse von Rechts nur in einem kleinen Randbereich zu erkennen, allerdings sind inzwischen Zeitungen, sog. Fanzines, als Sprachrohre dieses Teils der Szene entstanden. So stehen z.B. die Zeitungen Sigill, Codex, Aorta u. Europakreuz eindeutig rechts. An
ihnen lässt sich auch am deutlichsten erkennen, wo die Anknüpfungspunkte zu suchen sind. Von Seiten der Rechten wird die erkannte Verbindung inzwischen auch dargestellt und für Sympathie geworben, so widmete die burschenschaftlich orientierte Zeitung ‚Identität‘ schon 94 eine Ausgabe dem Thema ‚Radikale Ästhetik‘, welche
unter Überschriften wie ‚Stahlgewitter als Freizeitspass‘ oder ‚Schwarze Flaggen, stolze Herzen‘ den inhaltlichen Standpunkt der Musikszene, deren rechte politischen Vertreter (Blood Axis, Death in June) und deren historischen Vorbilder (den Futurismus, die Avantgarde und auch die Romantik) thematisiert. Auch die JF hat sich des Bereichs angenommen und veröffentlicht regelmäßig dazu u.a. Artikel über Forthcoming Fire, die Zillo Preisverleihung , Allerseelen oder ‚Jugendkultur im Blutfeuer – Neues aus der rechten Indepentent-Szene‘. Bisheriger Höhepunkt war mit
Sicherheit das Interview das JF-Chefideologen mit J.W. Klumb von Forthcoming Fire, welches unter der Überschrift ‚Die Lage darf sich nicht beruhigen‘ stand.

Worum geht es eigentlich?

Tod, Blut und Mystik standen schon immer auf dem Programm der Dark-Wave- und Gothicbands. An diesen Themen wird angeknüpft und sie werden mit rechten Inhalten aufgeladen. Es entsteht ein sonderbares Gemisch, in welchem Geschichtsrevisionismus, SS-Mystik, Sozialdarwinismus und Rassismus fröhliche Urstände feiern. Zentral scheint dabei die Angst vor der Mittelmäßigkeit, der Masse zu sein.

Jenseits von Mob und Vermassung

‚Essentiell ist einzig und allein das Ästhetische und Kulturelle, das Titanische und Heidnische, jenseits von Mob und Vermassung‘, so Stepfan Pockrandt im Vorwort des in Dresden erscheinenden Magazins Sigill. ‚Ich habe keine Achtung vor Religionen, welcher Art auch immer wenn sie zu einer Massenbewegung werden.‘ Ian Read, früher bei Current 93 (C 93), Death in June (DiJ) u. Sol Invictus (SI), ist heute zentrale Person von Fire & Ice. Ein anderer Musiker von Sol Invictus, Tony Wakeford, äußerte sich im Magazin ‚Scharlach‘ der ex-JF Redakteurin Gerlinde Gronow folgendermaßen: ‚Die Leute scheinen größtenteils wertlos zu sein‘.
‚Größtenteils versuchen die Leute nie, sich von der Masse abzuheben…‘. Fast erstaunt die Suche nach Stärke in der Masse, gewohnt vernimmt man Worte wie ‚Die größte Gefahr …ist, eine individuenlose Gesellschaft zu werden‘. Ließt man jedoch weiter wird schnell alles klar: ‚einer Massengesellschaft‘. Es geht hier nicht um das Individuum Mensch, mit seinen eigenen Bedürfnissen und Wünschen, sondern es geht darum, die Avantgarde eines Volkes zu sein. Ein Motiv, welches sich auch schon im Nationalsozialismus und im Faschismus fand.
Dieser Quellen ist man sich heute wohl bewusst: ‚Das 3. Reich ist ein Symbol für die Verschmelzung von der Technologie des 20. Jahrhunderts und einer archaischen Vorzeit, sowie ein totaler Dualismus zwischen Totalitarismus und dem Individuum.‘ So der Wiener Kadmon, Hrg. Des Magazins ‚Aorta‘ und Kopf der Gruppe ‚Allerseelen‘, in einem Interview nach einem Konzert in Dresden.

Ich liebe Stärke und Gewalt…

‚Wir alle sind Nachkommen von Kriegern. Und wenn wir unsere kämpferische Natur nicht wiedererlangen, werden wir als Volk verdammt sein…Ich liebe Stärke und Gewalt und hasse die Schwäche.‘ ‚Krieg ist etwas natürliches. Das Tierreich…entwickelte sich so.‘ oder auch:‘Scharlach: Das Gesetz des Starken scheint dich zu faszinieren? Sol Invictus: Ja es fasziniert mich…es ist die Erkenntniss, dass das Leben Kampf ist, dass die Natur den Starken, den Geschickten, den Raffinierten Leben zugesteht.‘…‘Ich glaube nicht an Gleichheit (equali)‘ Zitate wie diese finden sich laufend, es wird ein dem Tierreich entliehener Lebenskampf beschrieben, in dem nur der Stärkste ein Recht auf Leben und vor allem Führung hat. Vielleicht finden viele Gruppen das Motiv des Wolfes so reizvoll, weil er das klassische Beispiel für Leitwolf und Rudel, Lebenskampf und Gemeinschaft ist. So formuliert T. Wakeford auch in Sigill ‚Die Idee der Gemeinschaft ist gut…‘ Es geht um Ehre, Volk und Vaterland, denn auch wenn es um Patriotismus und Geschichtsrevisionismus geht, ist man in der Gothicszene nicht allein.

Schwarz – Weiß – Rot sind unsere Farben

‚Die Farben Schwarz, Weiß und Rot der Flagge … beeindruckten mich schon als Kind … Später kam ich zu dem Schluss, dass das Interesse angeboren war.‘ Boyd Rice von NON und SPELL redet hier von Deutschland und dem ‚Reich‘, von dem angeblich sein Name abgeleitet sei. Nicht ganz so abseitig klingt das Ganze im JF-Interview bei J.M. Klumb von Forthcoming Fire, dessen Vision ein Bewusstseinssturm in Deutschland ist, und welcher sich zur Romantik bekennt: ‚Man kann positiv zu Deutschland stehen und Hitler gerade deshalb nicht mögen. Meine Kritiker sollten sich vor Augen halten, dass für mich die Person Stauffenbergs Vorbildcharakter besitzt.‘ Sollte der gute Mann vielleicht ‚Hitlers rechte Gegner‘ aus dem von Sigill reichlich angepriesenen Arun Verlag gelesen haben? In einem Interview bezeichnete Klumb,
der ‚an die Reinheit und den Lichtgehalt dieser geschändeten Nation‘ Deutschland glaubt, den 8. Mai 1945 nicht nur als Tag der Befreiung, sondern auch als Tag der ‚Unterwerfung und eine Unterdrückung des Geistes‘ – oh du armes, unschuldiges Deutschland, welches nie einem anderen auch nur ein Haar krümmte. Ganz im Stil der normalen Neo-Nazipropagandisten wäscht Ian Read von Fire and Ice den Nationalsozialismus rein:
‚Keine Idee ist voellig wertlos, … alles ist Gleichgewicht. Die Deutschen haben einen riesigen Komplex, der ihnen ehrlich gesagt von einer Nachkriegsgehirnwäsche eingeimpft worden war.‘ ‚Ich biete dir folgenden Stoff zum Nachdenken an: Konzentrationslager sollen wohl KL abgekürzt werden, man führte jedoch KZ ein, weil das Z es viel schlimmer klingen ließ…‘
Ach ja, damals in Auschwitz im Ferienlager…

‚Blut und Ehre‘

So lautete der Wahlspruch der SS, jener Truppe, welche ihr brutales Handeln mit einer elitär, mystischen und biologistische Ideologie rechtfertigte. Blut und Ehre könnte auch das Motto mehrere Bands und Gruppen der Dark-Wave Szene sein. So trat z.B. Death in June, welche ihren Bandnamen vom Todesmonat des SA-Gründers Ernst Roehm ableitete, welcher im Juni 34 als Konkurrent im innerfaschistischen Machtkampf aus dem Wege geschafft wurde, in SS-Uniformen auf. Bandsymbol ist der SS-Totenkopf. Auf die Frage, ob er dieses richtig findet antwortete Douglas Pearce: ‚Death in June hat immer alles mit sündlosem, guten Geschmack getan, und mit dem passenden Verständnis zur Ästhetik und dem Symbolismus hinter solchen Dingen.‘ Aber DiJ sind nicht die Einzigen, die sich der SS bedienen, auch der ‚Neo-Folk Musiker‘ Eric Owens, welcher beste Beziehungen zur Skinbewegung hat und eigentlich aus
dem ‚Blut u. Ehre‘ Naziskin-Netzwerk kommt, verwendet den SS-Totenkopf als Symbol. In Dresden wurde ein Konzert mit Allerseelen von einem ‚Ahnenerbe Kulturzirkel‘ veranstaltet und mit einem Bild der Wewelsburg beworben. Das ‚Ahnenerbe‘ war die zentrale Forschungsstelle der SS unter Heinrich Himmler, die Wewelsburg sollte später der Sitz des SS-Ordens sein. Dass die organisierenden Personen dies nicht wussten erscheint fast unmöglich. Besteht doch immerhin eine enge Verbindung zur ebenfalls in Dresden herausgegebenen Zeitung ‚Zeitenwende‘, welche enge Kontakte zum Collegium Humanum des Oeko- u. Altfaschisten W.G. Haverbeck pflegt. Von diesem, welcher selbst noch Schüler bei Wirth war, wird die AutorInnenschaft der ‚Zeitenwende‘ auch ihre Vorliebe für Herman Wirth, den Gründer des ‚Ahnenerbe‘, haben.
Veranstaltet dieser Kreis doch inzwischen zusammen mit der rechtsextremen ‚Gesellschaft für Europäische Ur- und Frühgeschichte‘ Schulungsseminare zu H. Wirth in Dresden.
Auch die Musikszene hat es ihnen angetan, so wird der Zeitenwenderedakteur Sven Henkler in ‚Codex – Musik und Kult(ur)-Magazin‘ als Mitarbeiter geführt, hinter Peggy K. in Sigill wird die Zeitenwende-Redakteurin Peggy Kun vermutet. Diese könnte auch das Interview mit Kadmon von Allerseelen geführt haben, welcher ebenfalls dem SS-Kult anhängt. So zeigt das Cover seiner CD ‚Gothos = Kalanda‘ das zwölfarmige Sonnenrad aus dem Bodenmosaik der Wewelsburg. In seiner Heftreihe ‚Aorta‘ huldigt er dem SS-Mann und Himmlerberater Karl Maria Wiligut.
Angeblich wurde der Schöpfer des SS-Totenkopfringes nur ausgenutzt, weshalb er keine Probleme hat, sich auf ihn
zu beziehen. Das Heft Nr. 7 der Schriftenreihe beschäftigte sich mit dem SS-Gralssucher Otto Rahn, welcher im Auftrag der Himmlers durch die Welt zog.

‚Politik ist eine Niederung‘

Dieser Ausspruch Kadmons könnte auch ein Zitat von Ernst Jünger sein, welcher mit seinen Schriften den Krieg und die Gewalt pries und ideologisch den Faschismus vorbereitete. Mit den grausamen und schmutzigen Konsequenz ihrer Ideologie wollten die Vordenker der Vernichtung allerdings nichts zu tun haben, schon die NSDAP war Jünger zu bürgerlich. Kein Wunder also, dass sich die rechte Wave- und Independentszene auf Personen wie ihn bezieht. So z.B. Sigill, oder Michael Moyniham von Blood Axis, welcher Zitate von Jünger in seinen Texten verwendet und Juengers ‚In Stahlgewittern‘ im Techno-sound veröffentlichte. Aber auch andere Ideologen des Faschismus oder Praefaschismus stehen hoch im Kurs, so z.B. der germanentümelnde Antisemit Lanz von Liebenfels, der 1946 als Kriegsverbrecher hingerichtete ‚Beauftragte des Führers…für die weltanschauliche Erziehung der NSDAP‘ Alfred Rosenberg, Leni Riefenstahl der Kadmon eines seiner Aorta-Hefte widmete und deren Film ‚Das blaue Licht‘ er neu vertonen will. Riefenstahl wurde von Codex hofiert und die Gruppe ‚Wolfsheim‘ wollte das Video zu ihrem Lied ‚Its not too late‘ von ihr drehen lassen. Gern gesehen ist auch der Mussolini Berater Julius Evola, dessen Hauptwerk ‚Revolte gegen die moderne Welt‘ im Arunverlag erschien und in Sigill positiv besprochen wurde.

Revolte gegen die moderne Welt

Julius Evola, bzw. seine Ideologie scheinen ein weiterer wichtiger Bezugspunkt zu sein. Nicht nur weil seine Bücher positiv besprochen wurden, und angeblich die Platte ‚In The Shadow Of The Sword‘ von NON ‚Im Geiste Evolas veröffentlicht‘wurde, sein Buchtitel ‚Revolte gegen die moderne Welt‘ bildet
vielmehr die ideologische Klammer, mit welcher sowohl die Dark Wave-, die Gothicszene, als auch die Nazikreise angesprochen werden. Seine Zivilisationskritik und seine Verbindung von Bewegung, Aufbruch und Romantik ermöglichen auch den Übergang in breitere Kreise wie Zillo. ‚Romantik, Seelentiefe, Zauber, Begehren, Sehnsucht und immer wieder Sturm und Feuer‘ nennt J.M. Klumb von Forthcoming Fire im Jungen Freiheit-Interview als Kernelemente
des Dark-Wave. Daraus soll dann der angebliche Aufstand gegen das ‚Establishment‘ entsteht, allerdings ohne an den existierenden Machtverhältnissen etwas zu ändern. ‚Konservative Avantgarde‘ wollen sie sein, rückwärtsgewandte Nachahmer in den Faschismus führender Ideologen sind sie. Allerdings haben sie, wie gesagt gerade mit dem Konzept von Antimoderne den Hebel gefunden, über den Nazis mit ihren Inhalten über die rechte Musikszene
in breitere Kreise vorstoßen.

‚Ideen reichen weiter als Kanonen‘

Damit jetzt aber niemand auf die Idee kommt, dass wir es hier mit harmlosen Denkern zu tun haben, gleich weiter:‘früher oder später (tritt) der Zeitpunkt ein, wo man die Feder gegen das Gewehr tauschen muss, um sich nicht selbst zu belügen.‘ So das ‚neurechte‘ Thule Seminar, welche es als erste Stufe des Kampfes ansieht, nicht Wahlen zu gewinnen, sondern rechtes Gedankengut in die Koepfe der Menschen bringen. Dabei griffen sie zurück auf eine Strategie. welche von dem Kommunisten Antonio Gramsci in den 30er Jahren entwickelt wurde. Diese
Strategie der ‚Metapolitik‘ und der ‚kulturellen Hegemonie‘ besagt, dass sich die Macht in einem Staat nicht allein in der Regierung und der militärischen Macht ausdrückt, sondern dass sie in den Köpfen und den Gedanken der Menschen anfängt. Und dass dieses Denken nicht nur durch Wahlkämpfe und politische Reden,
sondern vielmehr auch durch den kulturellen Bereich und die allgemeinen Erfahrungen auf der Strasse gebildet wird. Diese Strategie, also die Agitation im sog. ‚vorpolitischen‘ Bereich griff die ‚Neue Rechte‘, eine Strömung der Rechten, welche Ausdruck, Formen und Themengebiete der Alt- und Parteinazis
modernisieren und so besser an Mann und Frau bringen wollte, auf und propagierte diese. Wohl aktivste Organisation bei dieser Erneuerung der Rechten war das Thuleseminar aus Kassel, in dessen erlesenen Kreisen Peter Boßdorf Mitglied war. Wer soll den da noch seinen Beteuerungen, dass sein Wirken im Musikbereich
‚nicht politischer Art‘ sei und es ‚ein Zeichen totalitären Denkens (sei), wenn man die Gesellschaft und so auch die Musikszene durchgängig politisieren will‘ glauben? Auch das Peter Boßdorf ein Konservativer ist, der halt nur Adenauer statt Marx als Vorbild hat, ist gelogen. Dass er ‚einen echten Nazi als Schreiber…in keinem Fall akzeptieren‘ würde, scheint mit dem Verbleib Boßdorfs auch gelogen. Dass dieser ein gut geschulter Hardcorenazi ist, welcher nur keine Baseballkeule schwingt, zeigt ein kurzer Blick auf seinen Lebenslauf. Peter Boßdorf, Jahrgang 62, engagierte sich als Jugendlicher in der Schüler- und Studentenunion Ostpreussen, übernahm später Funktionen im Ostpolitischen
Deutschen Studentenverband (ODS) oder offiziellen Studentenvertretung der Vertriebenen, dort wurde er 1981 stellvertretender Vorsitzender, was er auch über dessen Umbenennung in Gesamtdeutscher Studentenverband (GDS) bis 1989 blieb. Erste journalistische Erfahrung sammelte er als verantwortlicher der Jugendzeitung des ODS ‚Aktion‘. Seit 1980 ist er Autor der ‚Mitteilungen – VDA,
Gesellschaft für deutsche Kulturbeziehungen in Ausland e.V.‘ des VDA- NRW. Noch 1992 war er hier taetig. 1985 wurde er Mitglied im Witikobund, einem elitären Hardliner Braintrust der Sudeten- deutschen, 1992 war er Mitglied im Thule Seminar, parteipolitisch engagiert er sich für die REPs. 1991 wurde er Wirtschaftredakteur der Jungen Freiheit, seit 1993 schreibt er in der Jungen Freiheit die Kolumne ‚Neue Geräusche des Jahres‘. Er ist allerdings nicht der einzige, der in der Jungen Freiheit die Durchführung der Strategie der ‚kulturellen Hegemonie‘ über die Musik vertritt. Ebenfalls in diesem Bericht agierte die inzwischen scheinbar ausgeschiedene Gerlinde Gronow. Sie, Jahrgang 1974, gewann 1993 den Jungen Freiheit-Nachwuchswettbewerb für die ‚Zeitgeist und Medien‘ Redaktion. Die geb. Kielerin, Studienfach Japanologie schrieb zumindest von Ende 1993- März 1995 für die JF. Vor allem in dem Bereich ‚Zeitgeist und Lebensart‘. Dabei befasste sie sich mehrfach mit Musikgruppen, welche rechte Tendenzen aufweisen, wie z.B. Type O Negative oder Radio Werewolf. Ansonsten
beschäftigte sie sich auch mit dem italienischen Futurismus, schreibt gegen die Frauenbewegung und für ein biologistischen Weltbild. Sie war Herausgeberin der Avantgardezeitung ‚Scharlach‘, in welcher fast alle gängigen Bands der rechten Gothicszene beleuchtet wurden. Ihre Tätigkeit zeichnet sich durch eine gewisse Doppelstrategie oder Züngigkeit aus, verreißt sie eine Band noch in der Jungen Freiheit, so kann sie dieselbe in Scharlach schon wieder präsentieren. Auch schrieb sie den schon erwähnten ‚Schwarze Flaggen, stolze Herzen‘ Artikel in der Identität 2/96. Inzwischen hat sie sich angeblich von der Politik verabschiedet, allerdings wurde ihr Magazin Scharlach in der Auseinandersetzung um die ’schwarze Avantgarde‘ noch im März 96 lobend hervorgehoben. Neben diesen beiden betätigen sich auch Jürgen Hatzenbichler, Werner Bräuniger, Claus M. Wolfschlag, das vermutliche Pseudonym Gerhard Prinz und der Chefideologe der Jungen Freiheit Roland Bubik mit dem Thema.

In die Mitte der Gesellschaft

Dorthin zielt die Agitation der Rechte. Ganz soweit sind sie via Dark-Gothicmusik zum Glück noch nicht gekommen, allerdings reicht es ja auch zunächst, ein kleines Segment der Gesellschaft zu überzeugen. Und der Jugend kommt dabei ein besonderer Stellenwert zu. Hatte die Rechte es lange nicht
geschafft, hier außer in der Skinheadbewegung einen festen Fuß in die Tür zu bekommen, könnte dies jetzt gelingen. ‚Easy – Ettle‘ Herausgeber von Zillo jedenfalls scheint dieser Entwicklung keinen Riegel vorschieben zu wollen.
Bezeichnete er Peter Boßdorf doch als einen ‘ Konservativen‘, ‚Einen echten Nazi oder Neonazi als Schreiber würde ich allerdings auf keinen Fall akzeptieren‘ schiebt er noch zur Beruhigung der LeserInnen nach. Danach noch etwas Geseusel,
was er doch für ein toller linker sei und wie er immer die Punks vor den Bullen beschützt habe. Währenddessen vergleichen seine Zillo Leser die kritisierenden AntifaschistInnen mit ‚Intoleranten Typen in der Tradition von SA-Schlägern‘. In
der gleichen Ausgabe bietet Ettler Patrick O‘Kill ex DiJ und Sixth Comm fast unhinterfragt eine Aussteigerstory, da dieser sich nun angeblich vom Faschismus ab und der ‚nordischen Mythologie‘ zugewandt habe. Nordische Mythologie? Droht uns da demnächst schon wieder ein blonder, blauäugiger Arier? Bei einem solch unhinterfragten Umgehen ist also aus Richtung Zillo nur mit (finanziellem) Druck von außen etwas zu erreichen. Und diesen versuchen auch Labels, Bands und Kunden aufzubauen. Ein weiteres Indiz lässt im Übrigen das Vordringen der rechten Teile schließen. Seit Anfang des Jahres ist am Kiosk ein neues Gothic Magazin namens ‚Grimoire‘ zu bekommen, in dessen 1. Ausgabe sich Jan Kay alias J. M. Klumb mal unzensiert äußern durfte, dem ‚Gothic magazin for Underground‘ war die 1. Version des Interview dann doch wohl zu hart. Zu sagen hat er allerdings nicht besonderes, seine Feinde als ‚Kulturfaschisten‘ bezeichnend stellt er sich selbst in eine Reihe mit Kadmon und Jan Van Helsing, welcher in seinen Büchern über Geheimgesellschaften die antisemitischen Protokolle der Weisen von Zion‘ wiederauferstehen lässt. In der Schweiz ist dieses Buch im übrigen inzwischen wegen Rassismus beschlagnahmt worden.

Die Diskussion und die Auseinandersetzung, um den Einfluss und um das Thema sind noch sehr neu, auch der Artikel ist erst ein Anfang, wichtige ideologische Bereiche wie die Art des Bezuges auf das Heidentum und den Satanismus fehlen. Genauso Informationen über die Labels und die Bands. Allerdings sind wir der Meinung, dass sich dabei ganz behutsam vorgetastet werden muss. Runen werden z.B. in der Szene viel und häufig ohne großen Hintergrund verwendet. Es geht nicht darum Leute in die rechte Ecke zu schieben, sondern darum eine Auseinandersetzung über die Inhalte zu führen. Dass dies nicht heißt, dass ein Autor wie Peter Boßdorf geduldet werden darf ist für uns klar, es geht uns darum, diejenigen, welche nur unreflektiert mit verschiedenen Namen und Symbolen umgehen, von den ‚Überzeugungstätern‘ zu trennen. Wenn wir es schaffen, werden wir in nächster Zeit noch was zu verschiedenen Bands veröffentlichen.

Ansonsten schönen Dank fürs Interesse und den langen Atem

einige AntifaschistInnen

p.s. leider sind uns beim konvertieren die Fußnoten abhanden gekommen. Wir haben einfach die Quellenangaben druntergelassen, wenn ihr konkrete Fragen habt meldet euch einfach.

Ansonsten möchten wir uns noch bei den Leuten vom ID-SH für ihre Serviceleistung, die Veröffentlichung bedanken.

Quelle: Informationsdienst Schleswig-Holstein