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In Lichtgewittern

Beim 9. Wave-Gotik-Treffen über Pfingsten in Leipzig will auch die rechtsextreme Prominenz der Dark Wave-Szene dabei sein – über zehn braune Bands haben sich angesagt.
von daniel pagórek und dj kersten / grufties gegen rechts

»Lichttaufe?« Die Stimme am anderen Ende der Leitung wird kühler: »Wir sagen zu diesem Thema gar nichts«, heißt es schroff und das kurze Telefonat mit einer Mitarbeiterin des Leipziger Wave-Gotik-Treffens ist beendet. Man hält sich bedeckt. Aus gutem Grund: Die »Lichttaufe« ist zwar nur eine von vielen Veranstaltungen bei dem wichtigsten Event der Schwarzen Szene. Doch die diesjährige Ansammlung brauner Musikprojekte stellt die vereinzelten rechtsextremen Aktivitäten der vergangenen Jahre in den Schatten. Zwei Tage lang geht es am Völkerschlachtdenkmal und an anderen Orten Leipzigs zur Sache. Für genug Publikum ist gesorgt: Rund 20 000 Menschen werden voraussichtlich anreisen.

Für die »Lichttaufe« wurde schon früh in Szene-Blättern geworben. Die selbst ernannte »konservative Avantgarde« der Schwarzen Szene kämpft gegen Anglizismen und für Germanien: In einer Werbeanzeige im Independent-Magazin Zillo musste der Genre-Begriff Neo-Folk dran glauben. »Neufolkloristisch« ist angesagt. Auch das rechtsextreme Dresdner Kulturkampfblatt Sigill (Jungle World, 16/00) mobilisiert für den 10. und 11. »Brachmond« – so heißt der Juni auf Germanisch.

Dort wird ein alter Bekannter angekündigt: Josef Maria Klumb und sein Projekt Von Thronstahl. Wegen seiner nazistischen Umtriebe kann er inzwischen auf einen eigenen Eintrag im VS-Bericht (Bund) 1999 verweisen. Mit Neo-Folk hat Von Thronstahl zwar wenig zu tun, doch bei der Bandauswahl für die »Lichttaufe« dürften eher politische Gemeinsamkeiten den Ausschlag gegeben haben. Braune Gesinnungsstärke ist gefragt.

Die Band Death In June lässt in dieser Hinsicht kaum Zweifel übrig: Mit ihrem Namen spielt die 1981 gegründete Gruppe um Douglas Pearce auf die Ausschaltung der SA im Juni 1934 an. »Auf der Suche nach einer zukünftigen Perspektive stolperten wir über den nationalistischen Bolschewismus, der sich wie ein Leitfaden durch die Hierarchie der SA zog«, gab Röhm-Fan Pearce im Zillo (Nr. 5/1992) zum Besten. Mit Nazi-Symbolik hat Pearce keine Probleme: Der SS-Totenkopf dient als Bandsymbol und soll für »den totalen Glauben und die Hingabe« an das Projekt stehen. 1992 besuchte Pearce während des Bürgerkrieges in Ex-Jugoslawien das Hauptquartier der kroatischen HOS-Miliz, die sich in der Tradition der mit NS-Deutschland verbündeten Ustascha sieht.

Ein Kumpane aus den Anfangstagen von Death In June kommt ebenfalls zur Taufe: Tony Wakeford und sein Sextett Noir. Auf den Platten seines Hauptprojektes Sol Invictus zitiert Wakeford den italienischen Faschisten Julius Evola. Seinen Antiamerikanismus propagiert er auf der CD »Death Of The West»; der Titel ist wohl eine Anspielung auf Oswald Spenglers »Untergang des Abendlandes«.

Ideologisch bornierter als Wakeford ist der Österreicher G. Petak alias Kadmon. Sein Musikprojekt Allerseelen beteiligte sich an einer Compilation zu Ehren von Evola und an dem Riefenstahl-Sampler aus dem Hause VAWS. Besonders die SS-Esoterik hat es dem Wiener angetan: Auf der CD »Gotos=Kalanda« hat Kadmon »mystische Liebeslieder« von Karl Maria Wiligut, einem Mitglied des SS-Ahnenerbes, »vertont«. Das Cover ziert das zwölfzackige Sonnenrad, das zentrale Symbol der SS-Kultstätte Wewelsburg.

Mit Sympathien für den NS habe dies nichts zu tun, verteidigt sich Petak und verharmlost die »medizinischen« Experimente der SS-Organisation als bloße »Gewalttaten«, mit denen der Himmler-Berater Wiligut nie etwas zu tun gehabt habe (Aorta, 5. Mai 1997). Wer, was nahe liegt, den selbst ernannten Tonkünstler einen Nazi-Esoteriker nennt, wird als »totalitär« beschimpft. Unter dem Label »künstlerische Freiheit« betreibt Kadmon die musikalische und ästhetische Aufbereitung von vermeintlich »positiven« Seiten des Nazismus.

Heidentum, Nazi-Esoterik und völkisches Denken bilden eine gefährliche Mischung, die der Österreicher auch in den »Schriftreihen« Ahnstern und Aorta propagiert. Neben Lobeshymnen auf Ernst Jünger und Evola publiziert er über »Flugscheiben«, die als »geheime Wunderwaffen« der Nazis gelten, und bezeichnet »Heimat und Heidentum« als »Kraftfelder«.

In solchen Kraftfeldern dürfte auch die US-Band In Gowan Ring um den Verstand gekommen sein. Die Musiker spielen zum Teil bei Blood Axis um Michael Moynihan. Der rechtsextreme Funktionär verteidigt Auschwitzleugner, rechtfertigt die NS-Vernichtungspolitik und greift für Nazi-Blätter wie Plexus. A National Socialist Theoretical Journal zur Feder. Moynihan ist Mitglied des Tribe Of The Wulfings, einem Teil der nordischen Religionsgemeinschaft Asatrœ. Der deutsch-amerikanische Wolfing-Glaubensbruder Markus Wolff, der in Leipzig mit seinem Projekt Waldteufel angekündigt ist, zog im Black-Metal-Fanzine Germanenmacht vom Leder: »Mein Stolz als Deutscher ist mehr ein völkischer Stolz als Glied einer langen Blutskette, die bis in die goldene Vorzeit zurückreicht« (Nr. 2, 1997).

Natürlich ist das Wave-Gotik-Treffen kein »Nazi-Festival«. Ein Großteil der Festival-BesucherInnen und die meisten Bands wollen mit den braunen Tönen bei der »Lichttaufe« nichts zu tun haben. Für die Veranstalter hingegen dürfte es schwer werden, sich mit einem unpolitischen Deckmantel zu umhüllen. Obwohl seit einigen Jahren innerhalb der Szene eine kritische Debatte über den »neurechten Kulturkampf« geführt wird, bedienen sich die Organisatoren der »neurechten« Sprache: In den Werbeanzeigen werden CDs zu »Silberscheiben« und das Internet zum »Weltnetz«.

Schon jetzt regt sich Widerstand von Teilen der Schwarzen Szene gegen die rechtsextreme Unterwanderung. Eine Reihe von Gothic-Bands hat bereits einen Aufruf gegen rechte Tendenzen in der Dark-Wave-Szene unterzeichnet, und das Leipziger Zentrum Conne Island, ein langjähriger Mitveranstalter des Treffens, hat sich in diesem Jahr wegen der »Lichttaufe« von dem Festival zurückgezogen.

Quelle: Jungle World

Gothics und die Neue Rechte

Wir dokumentieren hier Auszüge aus der Diplomarbeit „Ideologie einer Jugendkultur am Beispiel der Gothic- und Darkwave-Szene“ von Oliver Zimmermann. Die komplette Diplomarbeit steht auf der Homepage der Gothics gegen Rechts als Download zur Verfügung.

Gothics und die Neue Rechte

Die von Gothics so geliebte Beschäftigung mit allem, was nach Mystik, Okkultismus und Kirchenkritik klingt, bietet leider auch ein Einfalltor für die oben beschriebenen rassistischen und menschenverachtenden Theorien. Spätestens nachdem ungefähr Mitte der 80er Jahre Gerüchte über das Weltbild der Band Death in June auftauchten, war es vorbei mit der heilen Welt des Gothic und das Problem wurde offensichtlich. Teilweise geriet die Szene insgesamt ins Visier von einigen autonomen antifaschistischen Aktivisten, was nicht unbedingt für die aufklärerische Qualität dieser Art der „antifaschistischen Arbeit“ spricht.1 Mittlerweile haben sich die Vorwürfe jedoch versachlicht, nicht zuletzt durch (leider noch alles andere als übliche) antifaschistische Arbeit von Menschen aus der Gothic- Kultur selbst. Doch was hat es nun mit dem rechten Rand der Szene auf sich? Am Anfang scheint, wie schon mehrfach erwähnt, die Neo- Folk Band Death in June zu stehen. Der Name der Band, die 1980 von Douglas Pearce, Patrick Leagas (O´Kill) und Tony Wakeford gegründet wurde, steht für den Todesmonat des SA-Führers Ernst Röhm. Douglas Pearce, der mittlerweile das einzige verbliebene Mitglied von Death in June ist und in Australien lebt, erklärte dazu 1992:

„Auf der Suche nach einer zukünftigen politischen Perspektive stolperten wir über den nationalistischen Bolschewismus, der sich wie ein Leitfaden durch die Hierarchie der SA zog. Leute wie Gregor Strasser und Ernst Röhm (…) fielen uns auf. (….) Man kann sich fragen, ob Röhm im Falle eines Sieges über Hitler den 2. Weltkrieg verhindert hätte.“2

Völlig totgeschwiegen wird von Pearce, der angeblich einst Geschichte studiert hat, dass der nationale Sozialismus der NSDAP, mit seiner Unterscheidung von „schaffenden und raffenden Kapital“, unter zweiterem wurde das jüdische Kapital verstanden, nur wenig bis gar nichts mit marxistischem Sozialismus zu tun hat. Außerdem entbehrt die Theorie von Röhm als theoretischen Friedensstifter jegliche historische Grundlage und dürfte vergleichbar mit der langjährigen Hess- Verehrung der deutschen Neonazi- Szene sein. Denkbar wäre es auch, dass der homosexuelle Uniformfetischist Pearce (das ist nicht abwertend gemeint, sondern beschreibt nur Tatsachen) in Röhms SA, der ja nachgesagt wurde, viele Homosexuelle als Mitglieder zu haben, eventuell eigene erotische Fantasien verwirklicht sieht.3 Das Symbol von Death in June besteht aus dem leicht veränderten Totenkopf der SS. Pearce betont zwar immer wieder, dass er ursprünglich mal in einer trotzkistischen Punk- Band gespielt hat und dadurch gar kein Faschist sein könne; in seinen Statements und seiner Kunst gibt es jedoch immer wieder Hinweise an dieser Eigenbeurteilung zweifeln zu müssen. Allerdings ist Death in June natürlich keine primitive Skinhead- Band, deren Texte man eindeutig beurteilen könnte (und so tölpelhaft, sich offen rassistisch zu äußern, ist ja nicht einmal der Armanen- Orden). Auffällig ist aber eine ständige Beschäftigung mit, bestenfalls, germanentümelnder Symbolik, wie beispielsweise der von der SS- benutzten Runenzeichen und anderen, ebenfalls vom Nationalsozialismus her, bekannten „Kunstwerken“. Hinweise auf zumindest kritisch zu beurteilende Inhalte ihrer Platten bzw. CDs gibt es zuhauf, ich möchte nur einige wenige nennen: auf der LP-Brown Book, wiederveröffentlicht als CD namens „The Cathedral of Tears“, ist das Lied „Brown Book“ enthalten. In diesem Lied singt ein Sänger (wahrscheinlich Ian Read) das, in Deutschland verbotene, Horst-Wessel-Lied in Deutsch, wenn auch mit starkem britischen Akzent. In dem Lied sind auch noch andere Samples enthalten, wie etwa der Text einer jüdischen Großmutter, die ihrem HJ-Begeisterten Enkel ein Gleichnis erzählt (entnommen aus dem antifaschistischen Nachkriegsfilm „Die Welt in jenem Sommer“). In einem anderen Sample hört man einen Nazi, der über die homosexuellen Neigungen von SS und SA spekuliert (ebenfalls aus „Die Welt in jenem Sommer“). Pearce selbst fasst dieses Lied als bewusste Provokation auf, wen und vor allem warum er damit provozieren will, bleibt selbst nach dem Lesen seiner Stellungnahmen zu dem Lied schleierhaft.4 Das einzige was deutlich wird ist, dass er wieder einmal mit nationalsozialistischen Motiven gearbeitet hat. Andere, willkürlich herausgegriffene Liedtitel, die anscheinend nicht provokativ gemeint sind, da nach Pearces Eigenaussage „Brown Book“ sein einziges Lied war mit dem er „vorsätzlich provozierte“ sind „Rose Clouds of Holocaust“, „Burn Again“, „Omen- filled Season“, „Symbols of the Sun“, „Rule Again“, „Blood Victory“ und „Red Dog – Black Dog“. Da hier wirklich nicht der Raum ist, eine Analyse jedes einzelnen Liedes zu leisten und man sich anscheinend selbst dann nicht immer zu einer eindeutigen Aussage über die politische Haltung von Pearce durchringen kann (wie z.B. die Pearce und andere Künstler, man möchte manchmal vermuten, gegen besseres Wissen, verzweifelt verteidigende Stöber zeigt) überlasse ich es dem Leser die Symbolkraft dieser Liedtitel zu deuten. Einige Hinweise auf die politische Gesinnung Pearces geben aber vielleicht die Spende der Erlöse der Death in June Platte „Something Is Coming – Live And Studio Recordings From Croatia“ von 1993 an ein Militärkrankenhaus der oft als faschistisch bezeichneten, nationalistischen kroatischen HOS-Miliz. Pearce verweigerte sowohl beim „Dark X- Mas“– Festival 1992 in Hamburg die Unterschrift unter eine sich von Neonazis und Faschisten distanzierende Petition (Anlass waren damals die Pogrome von Hoyerswerda), wie auch beim 1994 stattfindenden „Festival Of Darkness“. Außerdem äußerte er in dieser Zeit Verständnis für die pogromartige Stimmung in den neuen Bundesländern (wahrscheinlich bezogen auf Rostock- Lichtenhagen):

„Hast du jemals Tür an Tür mit Zigeunern gelebt? Ich kann denn Groll, der in Ostdeutschland zum Vorschein kommt, verstehen … .“5

Der einzige ehemalige Musiker von Death in June, der sich anscheinend mittlerweile grundlegender von Pearces Einstellungen abgewandt hat, ist Patrick O´Kill (jetzt Sixth Comm und Mother Destruction), der eingesteht,

„dass das, was mal als Provokation in den ´linken 80ern´ gedacht war in etwas tatsächlich Negatives umgeschlagen ist. Seine ´menschenverachtende Phase´ sei Vergangenheit.“6 Das dritte ehemalige Gründungsmitglieder von Death in June, Tony Wakeford (heute Sol Invictus und L´Orchestre Noir), vertritt offensichtlich eine magische, kulturpessimistische und sozialdarwinistische Denkweise, die aus der Theosophie nur allzu bekannt ist. Er titelte eine seiner Platten nach einem Buchtitel des faschistischen italienischen Philosophen Julius Evola (1898- 1974): „Against the Modern World“. Er sagt allerdings, dass er das tat, ohne wirklich etwas über Evola zu wissen:

„´Wider die moderne Welt´- das hat damals genau auf den Punkt gebracht, wie ich mich gefühlt habe, aber eher in einem allgemein heidnischen als politischen Sinn“.

Er äußert sich in dem selben Interview aus dem Jahr 1991 (über Aleister Crowley und Widersprüche zwischen Crowleys Lehre und „Nordischer Tradition“):

„Er war ein echter Individualist, mit einem gesunden Ekel vor jeglicher Vermassung. Leider scheinen die meisten Leute, die ihm auf den Pfaden von Thelema (übersetzt: ´Willen´; Kurzform von Crowleys wichtigstem Gesetz: ´Tu was du willst´ O.Z.) folgen, genau die Sorte schwacher, liberalistischer Narren zu sein, auf die Crowley voller Abscheu gespuckt hätte. Aber man kann nicht ihn verantwortlich machen für die Sklavengeister, die seinen Namen mißbrauchen. Die Runen und ihre Tradition scheinen mir das stärkste aller magischen Systeme, mit denen ich gearbeitet habe, in ihm fühle ich mich am meisten verwurzelt. Wahrscheinlich, weil ich glaube, daß sie ein Teil meiner Vergangenheit sind… (…) Wesentlich scheint mir die Erkenntnis von der natürlichen Ordnung der Dinge. Auf der Welt wird einem nichts geschenkt und die Starken werden immer über die Schwachen hinwegschreiten, ohne sich darum zu kümmern, für wie unfair wir dies vielleicht halten.“

Im weiteren Verlauf des Interviews benutzt er zwar das Wort „Rasse“, ohne diesen Begriff auch nur andeutungsweise zu problematisieren. Er bestreitet aber, wenn auch mit etwas eigenwilligen Argumenten, Rassist zu sein:

„Zum Begriff ´Rasse´ will ich nur sagen, daß ich nicht glaube, daß irgendeine Rasse einer anderen überlegen ist. Um mich herum gibt es zuviel weißen Abschaum, als daß mir dergleichen wahrscheinlich vorkommen könnte… Jede Rasse bringt einige Kreative und Massen von Kretins hervor.“

Zum Thema Politik äußert er folgendes:

„Für Politik interessiere ich mich nicht mehr, sei es nun ´linke´ oder ´rechte´; vielmehr glaube ich, daß alle politischen Dogmen und Parteien nichts als reine Zeitverschwendung bedeuten. Die einzige Hoffnung liegt wahrscheinlich im selbstbewußten Zurückweisen der Massenkultur und ihrer Massenideale. Ich glaube jedes Individuum hat das Recht zu leben, zu denken und zu sagen wie und was es will. Wohl kaum eine Ansicht, mit der sich Kommunisten oder Faschisten anfreunden könnten!“7

Wohl aber die Neue Rechte, deren Elitedenken und Antidemokratismus sich deutlich mit den Ansichten Wakefords trifft. Im Umfeld der oben vorgestellten Künstler sammelten sich auch andere Musiker mit ähnlichem Gedankengut, die sich jeweils häufig als Gastmusiker gegenseitig unterstützen. Die meisten davon sind ebenfalls Vertreter des Neo- Folk. Dazu zählen die Bands (die eigenlich fast alle nur Soloprojekte jeweils eines Musikers sind) Fire & Ice (Ian Read), Blood Axis (Michael Jenkins Moynihan), Radio Werwolf (Nikolaus Schreck8), der Sänger Boyd Rice (NON), Sorrow (Wendy van Dusen, ehemals Strawberry Switchblade) und neuerdings auch die österreichischen Bands The Moon lay hidden beneath a Cloud sowie Der Blutharsch (beide Albin Julius). Boyd Rice begann als Vertreter des Industrial. Damals wollte er normale Hörgewohnheiten brechen und die Zuhörer am Produktionsprozeß selbst beteiligen. So war seine Platte „Pagan Music“ mit verschiedenen Löchern versehen, um so diszentrisches Abspielen zu ermöglichen. Außerdem erhielt sie den Hinweis „playable at any speed“. Seine Live- Performances waren reine Lärmorgien. Damit vertrat er damals ein ähnliches Konzept, wie die Einstürzenden Neubauten und andere Bands. Geändert hat sich sein musikalisches Konzept mit der CD „In the Shadow of the Sword“ (1989). Sie beginnt mit dem Lied „Total War“:

„Do you want/ Total war/ Turn man into/ Beast once more/ Do you want/ To rise and kill/ To show the world/ An iron will“9

Die Frage wird am Ende mit „ja“ beantwortet, was nicht überrascht wenn man die theosophische, sich in den Schwanz beißende Schlange, welche das Cover ziert, mit der Aussage des Liedes verbindet. Auch die anderen Lieder der CD lassen nur eine Interpretation zu: Die Welt muss zerstört werden, um eine neue aufzurichten. Mit dem Lied „A World on Fire“ wird diese Aussage noch deutlicher:

„`In meinem Traum sehe ich eine Welt befreit von der Last der Falschheit. Ich sehe eine Welt wiedergeboren in Perfektion. Ich sehe die Herrschaft der Reinheit. Und wie kann dieser Traum wahr werden?` Rice weiß die Antwort: Großes und schreckliches Leiden sowie Zerstörung seien notwendig, die Wiederkehr der Kämpfe um Land, Nahrung und Wasser, eine Rückkehr zur Barbarei. In seinem Traum sieht er die Plätze der Städte erhellt durch die brennenden Leichname gekreuzigter Christen.(…) Die hinter ihr (seiner Musik O.Z.) stehende Ideologie ist eine Mischung aus Sozialdarwinismus und Feindschaft auf das Christentum.“10

Seit 1993 erscheint in Dresden das Fanzine „Sigill. Magazin für die konservative Kulturavantgarde Europas“, welches auch in diversen Plattenläden, besonders in solchen mit Schwerpunkt auf der Gothic- und Darkwave- Szene verkauft wird. In diesem Magazin sind neben vielen Plattenkritiken von Neo- Folk- und Industrial- CDs und Interviews mit den entsprechenden Bands, Beiträge mit den Schwerpunkten neues Heidentum und Neue Rechte zu lesen. Kurze Zeit später (ungefähr 1995) gründet sich in Berlin, das inzwischen wieder eingestellte Fanzine „Europakreuz“ (ihre Aktivitäten verlegen die ehemaligen Macher nun auf das Internet), welches in Berliner Gothic- Clubs auslag und das auch einen Mailorder- Katalog beinhaltete, in dem faschistische und heidnische (ariosophische) Literatur angeboten wurde. Beide Fanzines versuchen (bzw. versuchten) über Interviews, Plattenkritiken und Berichten über Heidentum , natürlich nur über das in ihrem Sinne praktizierte, die Gothic- Szenen zu umarmen und ihrer rechtsextremistischen Szene anzugliedern. In der Szene wurde das Anfangs als die Spinnerei Einzelner abgetan und nicht weiter beachtet.11 Eine andere Qualität bekamen diese Vorfälle jedoch als die „Junge Freiheit“, das Zentralorgan der Neuen Rechten, im „Zillo“, dem damals größten Szene- Magazin, im Februar 1996 Werbung schaltete. Dank der Proteste des Hamburger Labels „Strange Ways“ wurde bekannt, dass der ständige Redakteur der „Jungen Freiheit“ Peter Boßdorf, auch seit einiger Zeit im „Zillo“ Artikel veröffentlichte. Boßdorf war bis 1989 stellvertretender Vorsitzender des „Ostpolitischen Deutschen Studentenverbandes“ (mittlerweile „Gesamtdeutscher Studentenverband). 1985 ist er Mitglied des „Witikobundes“, einer ultrarechten Gruppierung in der, auch nicht gerade für Linksradikalismus bekannten „Sudetendeutschen Landsmannschaft“. Seit 1992 ist er außerdem Mitarbeiter des „Thule- Seminars“, veröffentlichte in „Nation und Europa“ und engagierte sich kommunalpolitisch für die Republikaner.12 Zur gleichen Zeit schaltet auch das „Europakreuz“ Werbung im damaligen Berliner Veranstaltungskalender für die Gothic- Szene „Black Book“. Erst nach Leser- Protesten entschloss sich die Redaktion, diese Anzeigen nicht mehr abzudrucken. Die Reaktion des „Zillo“ dauerte etwas. Nach einer längerer Zeit des Schweigens und sich häufenden Protestbriefen (sowie von Drohungen mehrererer Plattenlabels, keine Werbung mehr zu schalten), trennte sich die „Zillo“– Redaktion aber letztendlich (im Frühjahr 1997) von Boßdorf. Alle diese Aktivitäten können nur als abgesprochene Aktionen der Neuen Rechten gewertet werden, um ihre Position in der Gothic- und Darkwave- Kultur zu stärken. Erklärbar wird dieser Versuch, wenn man weiss, dass die Rechte vorher damit scheiterte, die Techno- Kultur zu unterwandern. So schrieb Roland Bubik, langjähriger „Junge Freiheit“ (JF)- Redakteur, 1993 unter der Überschrift „Die Kultur als Machtfrage“, dass er in dieser Popmusik Anknüpfungspunkte für eine „Revolte gegen die moderne Welt“ sieht:

„…die Jugendkultur von heute bietet erfolgversprechende Ansätze hierfür. (…) Ein merkwürdiges Bewußtsein, in einer Phase des Niedergangs zu leben, ist virulent, vom ´age of destruction´ ist die Rede, die Parties der Tekkno- Szene gleichen makabren Totenfeiern einer Epoche. Man (…) mißtraut der Erklärbarkeit der Welt, wendet sich sogar rückwärts, etwa in Form der verschiedenen Independent Szenen.“13

Aus Bubiks anfänglicher Begeisterung für Techno („Stahlgewitter als Freizeitspaß“), wurde bald Enttäuschung („seelische Vergewaltigung durch Beat-Computer und Masse“). Welche Mechanismen und Einstellungen dazu führten, dass die Vereinnahmung der Techno-Kultur für die Neue Rechte als (zumindest vorerst) gescheitert erklärt werden kann, müsste an anderer Stelle untersucht werden. Das hält allerdings JF-Autoren wie Jürgen Hatzenbichler (Mitglied der FPÖ) weiter nicht davon ab, so abstruse Fragen zu stellen wie: „Ernst Jünger: der erste deutsche Raver?“14 Bubik indessen entdeckte die Gothic-Szene als neues Schlachtfeld für den Kulturkampf der JF. Im Jahr 1996 veröffentlicht er eine Reportage über die Verleihung des „Zillo“-Preisen an Tilo Wolff (Lacrimosa):

„Deutschland ist das Zentrum einer Musikkultur geworden, die ihre Wurzeln im antimodernistischen Gestus der ´Gothic-´ (gemeinhin auch Gruft-) Szene besitzt. (…) Dieses Gemisch birgt eine Sprengkraft, vor der sich alteingesessene Sittenwächter des Musik- Mainstreams in Acht nehmen müssen. Wenn das Mystische und Irrationale, der Wunsch nach anti- aufklärerischer Innenschau und gelebter Transzendenz ihre Stimme in der Jugendkultur finden, ist der ästhetische Konsens des Westens durchbrochen. Wenn die Bezugspunkte Mittelalter und deutsche Geisteskultur darstellen statt ´Love and Peace´, wenn die Seele gegen den Intellekt ins Feld geführt wir – dann schneidet sich ein Keil in das Establishment oberflächlicher Beliebigkeit.“15

Durch diese nur sehr oberflächliche Betrachtung der Gothic-Szene wird der Ansatzpunkt deutlich, an dem Bubik den Hebel zur Aushebelung der „linken“ subkulturellen Traditionen der Gothic-Szene ansetzen will: Mystik und Irrationalismus. Lächerlich, aber in NS- Tradition, ist natürlich die Darstellung „deutscher Geisteskultur“ als „Kampfes der Seele gegen den Intellekt“. Bubik zählt anscheinend nur die Romantik zur „deutschen Geisteskultur“– und selbst bei Betrachtung dieser kulturellen Epoche wäre sein Bild deutlich zu eindimensional (die von ihm so abschätzig beurteilten Werte „Love and Peace“ haben bspw. auch deutlich ihre Wurzeln in der Romantik). Obwohl dieser Kulturkampf seitens der JF und neuerdings auch einigen NPD nahen Publikationen recht offen geführt wird (auch im Internet hat sich eine vermutlich von der NPD gesteuerte Gruppe „Gothics für Meinungsfreiheit“ gegründet), gilt es in der Szene immer noch umstritten, dass es Unterwanderungsversuche gibt. Auch ein offener Brief der ehemaligen JF-Redakteurin und Mitherausgeberin des Fanzines „Scharlach“ bzw. „Scarlet“ Gerlinde Gronow an den (inzwischen verstorbenen) Chefredakteur von „Zillo“, konnte daran nichts ändern:

„Derlei ist bewährte Taktik der jungen Freiheit: Potentielle Bündnispartner werden dezidiert umarmt (in Wirklichkeit ist es eine Umklammerung), um sie gesellschaftlich und kulturell zu isolieren. Kritiker werden generell als ´Lügner´, ´PC- Kommissare´, ´Meinungswächter´ (O- Ton junge Freiheit) abgetan, bis ihr selbst glaubt, die Junge Freiheit ist die einzige, die es gut mit Euch meint. Mit jedem gutgemeinten Leserbrief, der Toleranz und Meinungsfreiheit einklagt, begebt Ihr Euch, obwohl Ihr es ehrlich meint, immer tiefer in das Fahrwasser der Jungen Freiheit. Der Jungen Freiheit geht es nicht um diese Werte – sie hat ganz andere politische und kulturelle Ziele. Eines davon ist die ´Erringung der kulturellen Hegemonie´. Was man sich darunter vorzustellen hat, beschreibt Roland Bubik unumwunden in seinen Programmschriften: man müsse unpolitische Szenen unter dem Deckmantel der Kultur unterwandern, ohne sich als Rechter zu erkennen zu geben, um Schlüsselpositionen in der Ku(l)turlandschaft zu erringen. Erst dann ist Zeit, sich an die Umsetzung der politischen Ziele zu machen. Anstatt Euch auf Scheingefechte über Meinungsfreiheit und Toleranz einzulassen, solltet iht Euch klar machen, was eine reaktionäre Kulturpolitik für zum Beispiel eine Subkultur, wie es die Wave- Szene ist, bedeuten würde. (…) Für die Junge Freiheit seid Ihr nichts anderes als nützliche Spinner auf dem Weg zur Macht. Als ich dies begriffen hatte, habe ich meine Mitarbeit bei der Jungen Freiheit eingestellt. Nun sehe ich, daß sich meine persönliche Geschichte in größeren Dimensionen zu wiederholen droht. Ich kenne noch die kleinen Anfangstage des Zillo, stamme selbst aus der Wave- Szene – Stichwort Death In June, Sol Invictus, NON. Dadurch wurde ich auf Autoren wie Evola, D`Annunzio, Ernst Jünger aufmerksam. Obwohl ich mich diesen Bands und Schriftstellern ursprünglich kritisch näherte, wurde ich nach und nach durch die unleugbare Faszination, die von dieser Welt ausgeht, ästhetisch so gleichgeschaltet, daß mir der Schritt zur Jungen Freiheit irgendwann als ganz natürliche Konsequenz erschien. Mein ´Einstiegshelfer´ war übrigens Roland Bubik. In dem etwas über einem Jahr (1994- 1995), das ich für die Junge Freiheit schrieb, war ich seine engste Mitarbeiterin. Schon damals hatte Roland Bubik große Pläne für die Wave- Szene, die durch ihre romantische und ästhetizistische Haltung besonders leicht zu beeinflussen wäre (ob sie das ist, wird sich nun herausstellen).“16

Auf jeden Fall fällt auf, wie häufig die JF in den letzten Jahren Wave- und Gothic- Musik, natürlich vor allem die ihr politisch nahestehenden Bands (positiv) rezensieren. Auch im Privatleben hat Bubik Kontakt zur Gothic-Szene. Seine jetzige oder ehemalige Lebensgefährtin Simone Satzger (Felicia), ist Sängerin der Band Impressions of Winter und veröffentlichte auch in Bubiks Buch „Wir 89er“.17 Ebenfalls 1996 greift zum erstenmal ein rechtsextremistischer Verlag in die Musikproduktion der Gothic-Szene ein (wenn man das unbedeutende Projekt des „Europakreuz“-Herausgebers Marco E. Thiel nicht berücksichtigt, der auf seinem Label „Abyss Recordings Europe“ ebenfalls Musik verlegte). Unter dem Namen „Heliocentric Distribution“ wird ein Musiklabel des Bingener Verlages „Verlag & Agentur Werner Symanek“ (VAWS) gegründet. Dort erscheint eine Doppel CD zu Ehren der Filmregisseurin Leni Riefenstahl, die aufgrund ihrer Filme über NSDAP-Reichsparteitage (Sieg des Glaubens (1933) und Triumph des Willens (1934)) und über die Olympiade 1936 (Fest der Völker, Fest der Schönheit) im Dritten Reich Berühmtheit erlangt hat. Warum ausgerechnet Riefenstahl ausgesucht wurde, um dieses erste eindeutig rechtsextremistische Projekt in der Gothic-Szene zu verwirklichen ist unklar. Es könnte mit der Ästhetik der Riefenstahlfilme zu tun haben oder mit ihrem mystischen Erstlingsfilm „Das blaue Licht“; möglicherweise hat man aber auch einfach nach einer Person gesucht, die nahe genug am Nationalsozialismus dran war, um sie mit ihm zu identifizieren und doch auch weit genug von ihm weg, um auf eventuelle Kritik mit dem Totschlagargument der „eingeschränkten künstlerischen Freiheit“ argumentieren zu können. VAWS verlegt neben CDs rechtsextreme Bücher, so z. B. Schriften von Jürgen Rieger, kriegsverherrlichende Literatur über den „Wüstenfuchs Rommel“ und Propagandaschriften gegen die Ausstellung „Verbrechen der Wehrmacht“. Außerdem werden von ihm seit 1969 die „Unabhängigen Nachrichten“ des „Unabhängigen Freundeskreises“ verlegt.

„Gegen die ´Unabhängigen Nachrichten´ laufen seit Jahrzehnten immer wieder Verfahren wegen Volksverhetzung und Aufstachelung zum Rassenhaß. Mitglieder des Freundeskreises wurden 1994 wegen terroristischen Straftaten (z.B. Bombenattentate auf AntifaschistInnen) verurteilt. Symanek arbeitet auch mit dem rechten Arun- Verlag zusammen, der Bücher aus dem rechten und extrem rechten Spektrum zu ´Großdeutschland´, sowie heidnisch- esoterische Bücher verlegt.“18

Auf dem Riefenstahl-Sampler sind u.a. die Bands Forthcoming Fire (D), Strength through Joy (IRL), Death in June (GB/AUS), Allerseelen (AUT), Swirling Swastikas (IT), Andromeda Complex (IT), Turbund Sturmwerk (D), Voxus Imp. (D), Von Thronstahl (D), Northwende, Rückgrat, Preussak (D), Lady Domino, Projekt Blauland und Tombstone vertreten. Das Elektro Projekt PP?, das ebenfalls auf dem Sampler vertreten ist, distanzierte sich später. 1998 erschien die Nachfolge- CD – diesmal zu Ehren des Nazi-Bildhauers Josef Thorak. Auf ihr waren u.a., neben auch schon auf dem ersten Sampler vertretenen Musikgruppen, Stalingrad (IT produziert von Angeo Bergamini von Kirlian Camera) und Egoaedes (Musikprojekt des „Europakreuz“– Herausgebers Marco E. Thiel) vertreten. Das japanische Duo Jack or Jive, welches ebenfalls ein Lied beisteuerte, zeigte sich nach Erscheinen der CD entsetzt über das politisch-musikalische Umfeld, in das sie aus Ahnungslosigkeit geraten waren.19 Von VAWS vertrieben werden außerdem die Bands Waldteufel (USA), Mjölnir Tonkunst (D) und Unternehmen Dreizack (D). Zusammengestellt hat die beiden Sampler Jay Kay (Josef Klumb), der Frontmann von Forthcoming Fire. Er ist Mitarbeiter des VAWS und anscheinend befreundet mit dem Ufo-Esoteriker und Antisemiten Jan van Helsing (Jan Udo Holey), dessen Machwerk „Geheimgesellschaften und ihre Macht im 20. Jahrhundert“ wegen Volksverhetzung verboten wurde und den er auf seinen Plattencovern grüßt. Aufgrund einiger wirrer und rechtsextremistischer Stellungnahmen in Interviews, u.a. zum Thema Illuminaten

„Es ist die Hochfinanz, es sind die Kräfte, welche hinter ihren Marionetten die Welt bewegen (…) Das Gesicht dieses kommenden Regimes drückt sich aus durch die UNO, NATO, Weltbank, Zionismus…“20

verweigerte ihm Forthcoming Fires ehemaliges Label „Hyperium“ bzw. „Hypnobeats“ eine Vertragsverlängerung. Der 8. Mai 1945 war für ihn

„…trotz allem eine Eroberung, eine Unterwerfung und eine Unterdrückung des Geistes, die bis heute anhält und mir sogar mein Bewußtsein noch streitig machen möchte.“21

Es spricht für sich, für wen er nicht spricht:

„Man muß ein für alle mal erkennen, daß, wenn ich für Deutschland rede, ich nicht für circa 50 Millionen geistige Totgeburten spreche, (…), sondern daß die ´Volksseele´, die bis ins Heute so brutal vergewaltigt wurde, daß ich für dieses Heiligtum (…) den Kern und das Zentrum des Begriffes Deutschland eben verteidigen werde…(…)“22

Klumb ist auf den beiden besprochenen Samplern auch mit seinen Projekten Preussak und Von Thronstahl vertreten. Mit einem anderen Projekt, nämlich Weissglut, gelang es ihm tatsächlich einen Plattenvertrag bei „Epic“, einem Unterlabel von „Sony-Music“ zu bekommen, welcher beste Karriereaussichten im Musikgeschäft eröffnet hätte. Im Januar 1999 trennte sich Weissglut jedoch von Klumb, wahrscheinlich auf Druck von Epic. Eine Rolle dürfte dabei sicherlich spielen, dass im Dezember 98 eine Verleumdungsklage von Klumb gegen den „Spiegel“, der ihn in der Ausgabe 44/98 als „Nazi“ tituliert hatte, von Klumb zurückgezogen werden musste. Inzwischen musizierte er auch mit dem verurteilten Thüringer „Sondershausener Satansmörder“ Hendrik Möbus und dessen Metal-Band Absurd, bevor Möbus sich aufgrund einer erneuten Verurteilung, diesmal wegen „Verunglimpfung eines Toten“, ins Ausland absetzte. Möbus hatte seinen Mord an einem jüngeren Mitschüler in Moynihans Buch „Lords of Chaos“ mit den folgenden Worten kommentiert:

„Wenn aber das NS- Recht wirklich auf uns angewordet wäre, hätte man uns für die Vernichtung eines Volksschädlings nicht gestraft, sondern gelobt.“23

Zum Abschluss dieses Kapitels sollen hier noch einige andere Ansichten von weiteren Personen aus diesem rechten Spektrum der Dark-Wave- und Gothic-Szene vorgestellt werden. An erster Stelle soll der eben als Buchautor genannte Michael Moynihan (Blood Axis (USA)) stehen. Auch er stellt sich, wie eigentlich alle der in diesem Kapitel beschriebenen Musiker, gerne als unschuldig Verfolgter dar, der keineswegs rechte Ideen vertrete oder gar Faschist wäre. So etwa in einem siebenseitigen Artikel über eine von Antifaschisten erzwungenen Konzertabsage in Seattle. Darin äußert er folgendes:

„I am not an ´anti- semite´ and to label me as such is deliberately creating a falsehood. But I am also not a humanitarian, and I will state outright I do not believe in any kind of elusive notion about a ´sanctity of human life´ and I would challenge anyone to prove to me that such a thing exists. I also do not believe in moral concepts of ´good´ and ´evil´ and thus am not particularly upset about episodes in history where large numbers of people died. I am not a Holocaust Revisionist, but I also do not really care about the Holocaust one way or the other. I don´t feel responsible for it, and while it may mean a lot (understandably) to some people, it has nothing to do with me.“24

Interessant wird diese verteidigend gemeinte Bemerkung in Zusammenhang mit einer anderen Äußerung Moynihans. Auf die Frage nach seiner Beziehung zur deutschen Sprache und den Begriffen: „Rasse“, „Nation“, „Pflicht“ und „Ordnung“ antwortete er:

„Ich bin durchaus sehr an der deutschen Sprache interessiert und versuche gerade, sie mir anzueignen. Lange Zeit dachte ich, sie sei einzigartig in ihrer Fähigkeit, eine Vielzahl von Bedeutungsnuancen und Gefühlszuständen in einem einzigen Begriff auszudrücken. In gewisser Weise scheint sie erfüllt zu sein von einer magischen Qualität des ´Aufgeladenseins´ mit Inhalten von tieferer Bedeutung. Neben dieser Erkenntnis wurde mein Interesse durch die Faszination verstärkt, die gewisse Perioden der deutschen Geschichte auf mich ausübten, sowie durch die aufrichtige Bewunderung, die ich für bestimmte deutsche Philosophen hege, von denen ich einiges gerne im Original gelesen hätte – Mit den genannten Begriffen verbinde ich folgendes: Rasse- Menschen gleicher Seele und gleichen Geistes; Nation- im Idealfall eine sich selbstversorgende, abgeschlossene Gemeinschaft (egal wie klein) von Menschen einer Rasse; Pflicht- das, was man tun muß, um in Einklang mit den eigenen Instinkten und dem eigenen Ehrgefühl zu leben; Ordnung- ein Zustand von Ausgeglichenheit und Klarheit, das Handeln und Entwicklung stark erleichtert.(…) Ich glaube, es gibt zwei Punkte von größter Wichtigkeit die ´Siege´ (eine Schrift des inhaftierten US- Neonazis James Mason O.Z.) ganz deutlich macht: Erstens, daß es für Reaktion und Konservatismus einfach zu spät ist, und das deshalb die einzig angemessene Strategie – wenn es überhaupt noch eine geben kann – darin bestehen muß, die Zersetzungsprozesse des gegenwärtigen Gesellschaftssystems möglichst voranzutreiben, weil dies der wesentlich vernünftigere und direktere Weg ist, Veränderungen zu erreichen. Zweitens, daß das Überleben an sich das wichtigste Lebensziel sein sollte, aber ohne daß man sich einer Gehirnwäsche unterziehen oder von der Leere der Gesellschaft aufsaugen läßt – also, um es auf den Punkt zu bringen: das Überleben als Geächteter.“25

Neben dem menschenverachtendem Konzept des Anti-Humanismus vertritt er also das, schon bekannte, theosophische Konzept des Untergangs um der Erneuerung willen. Welche Perioden der deutschen Geschichte ihn so sehr interessieren, dürfte nicht schwer zu erraten sein. Im Booklet seiner CD „Im Blutfeuer“ sieht man ihn am Grabe des SS-Brigadeführers beim „Ahnenerbe“ Karl Maria Willigut. Auf der CD selbst hört man Ausschnitte einer Rede des von Evola bewunderten Führers der faschistischen rumänischen „Eisernen Garde“ und eine Passage aus Ernst Jüngers Buch „Auf den Marmorklippen“. In diesem Zusammenhang ist es nicht weiter überraschend, dass Moynihans Verteidigungsbrief auf der Homepage einer Organisation „Third Position – Beyond Left and Right“ erscheint, die über sich selbst schreibt, dass sie eine „revolutionäre nationale Bewegung“ sei, die eine „New Social Order“26 will. Ein Pamphlet dieser Organisation endet mit den Worten: „For the Nation. Against the State!“27 Der geneigte Leser mag sich nun selber fragen: Steht Moynihan wirklich zwischen rechts und links? Die Band Ain Soph folgt dem Vorbild von Julius Evola, wenn sie dem Priesterkrieger Kshatyra, dem Leitbild Evolas für einen politischen Soldaten in seinem Buch „Menschen inmitten von Ruinen“, eine CD widmen. Sie singen auf ihrem Album „Kshatyra“:

„Die Treue ist stärker als Feuer/ Sich erheben, auferstehen/ Eine Form und eine Ordnung schaffen/ Aufrecht durch die Ruinen/ Den schwersten Weg auswählen/ Unseren Mut in Metall gießen/ Endlich wiedergeboren durch das Blut/ stark durch unsere Ehre/ Kshatyra“28

Natürlich könnte man solche Texte auch als spätpubertäre „Männerphantasien“ abtuen, wenn allerdings auf dem Cover ihrer CD „Aurora“ Evola abgebildet ist und sich ein Musiker „von Sebottendorf“ nennt – Sebottendorf war führender Aktivist der Münchener Thule-Gesellschaft, die in die Gründung der NSDAP involviert war – dann darf man sicherlich an dieser Interpretation zweifeln. Auf der Homepage der Dresdener Band Turbund Sturmwerk, der ich einige sehr interessante Interviewausschnitte mit den oben besprochenen Musikern verdanke29, wird, wenn auch nicht ganz offen, rechtsextremistische Propaganda betrieben. Auch wenn sie sich scheinbar von faschistischer Ideologie abgrenzen:

„Zwar rechneten wir mit den üblichen Unterstellungen von Seiten derer, die immer alles vom eingeschränkten Blickwinkel eines ´politischen Ortungssystems´ aus bewerten zu müssen glauben; damit haben wir in den vergangenen Jahren umzugehen gelernt. Wir wußten, daß sich einige finden würden, uns ureflektiert eine ´faschistoide Gesinnung´ oder gar ´Kriegsverherrlichung´ zu unterstellen, weil wir Runen gebrauchten, uns auf Nordische Mythologie bezogen und vom Wert des Opfermuts sprachen. (…) Was wir – ganz abstrakt – als Projektion im Sinne eines ´geistigen Kriegertums´ vorgeben wollten, nämlich das Ideal, sich als Mensch einer Sache in aller Konsequenz hinzugeben, schien für manchen also bereits mit zu ´eindeutigen´ Entschlüsselungshinweisen versehen.“

Um dann aber wenig später eine Abbildung auf dem Cover ihrer CD mit dem, völlig unwissensschaftlichen, „Runenschlüssel Williguts“ zu interpretieren. Ihre Interpretation beenden sie mit den folgenden Sätzen:

„Problematisch erscheint freilich, daß die Materialisation des menschlichen Geistes an sich und grundsätzlich leidbehaftet und negativ erscheint, was manchen – zurecht – nicht einleuchten will, selbst wenn bedacht wird, daß inzwischen längst auch Menschen mit relativ gesunder und harmonischer Persönlichkeitsstruktur an ihrer Umwelt und den äußeren Zuständen leiden, welche sie selbst gar nicht zu verantworten haben. Dies spricht freilich weniger gegen die ´äußere Welt´ als vielmehr gegen diejenigen, die – teils fahrlässig, teils willentlich – ein ´Jammertal´ aus ihr gemacht haben.“30

Da können wohl nur noch die „geistigen Krieger“ helfen! Sie selbst berufen sich vor allem auf „Nationalbolschewismus“ und „Hamburger Nationalkommunismus der 20er Jahre“ und arbeiten musikalisch an einer „Symbiose von Ernst Jünger und Heiner Müller“. Die im Moment in der Szene meist diskutierte Band ist die Band Kirlian Camera um den italienischen Musiker Angelo Bergamini. In einem „Zillo“– Interview mit Dirk Hoffmann wehrt sich Bergamini gegen Vorwürfe von Antifaschisten, hier einige Ausschnitte aus dem Interview:

„Zillo: Von Organisationen wie der Antifa werdet ihr als Neofaschisten bezwichnet, weil ihr ein Konzert mit dem Hitlergruß beendet haben sollt. Falls das der Tatsache entsprechen sollte: Was war euer Beweggrund dafür- reine Provokation oder steckt ein tieferer Sinn dahinter? Angelo: Eins muß von vorneherein klar sein: Ich protestiere gegen solche Gerüchte und Aussage, die zu beweisen versuchen, daß meine Band das Publikum mit dem Hitlergruß begrüßt. Ein gewisser Alfred Schobert hat in einem ´Spiegel´- Interview behauptet, daß wir – man beachte, daß wir – man beachte, daß er im Plural sprach und damit um alle meinte – das Publikum auf diese Weise be(g)rüßen. Das ist ein ernstes Statement und eine ernste Manipulation der Realität. Ich muß an dieser Stelle zum zigsten Mal wiederholen, daß andere Kirlian Camera- Mitglieder verschiedene (M)ale erklärt haben, daß sie ganz aufrichtig politisch links einzuordnen sind. (…) Diese Band hat durch all die Jahre Musiker aus ganz verschiedenen Richtungen (Schwarze, Weiße, Juden, Faschisten, Kommunisten, Christen, Schwule, Anarchisten) im Line- up gehabt und jeden einzelnen respektiert. Wenn aber jemand kindische Sachen mag, erkläre ich einiges zu Herrn Schoberts Aussagen: Im August letzten Jahres traten wir in Berlin auf, und ich muß ehrlicherweise zugeben, daß ich auf eine ähnliche Weise agiert habe, um einfach den schlechten Glauben von einigen Leu(t)en zu testen. Da habe ich die Leute mit ausgestrecktem Arm begrüßt. (…) Weder ich noch Emilia Lo Jacono und Barbara Boffelli haben je den Hitlergruß verwendet, da sie politisch viel zu korrekt sind. (…) Es gab keine versteckten politischen Botschaften in der Vergangenheit, und ich muß niemanden etwas erklären. Zillo: Gibt es denn etwas, das dich aus irgend einem Grund am Dritten Reich fasziniert? Angelo: Die Ästhetik des Dritten Reiches ist zweifellos faszinierend. (…) Aber was ich über Politik denke, geht nur mich etwas an, und das würde ich niemanden erzählen. Wahlen sind geheim, und es ist mein Recht es auch so zu halten. Ist es nicht so? (…) Zillo: Meinst du nicht, da(ß) Künstler eine besondere Verantwortung beim Gebrauch solcher Symbole haben, die eng mit dem Dritten Reich verknüpft sind? Angelo: Ich denke, es gibt zu viele Idioten, die versuchen, einige Werbung damit zu machen, Symbole und anderes Zeugs verwenden, von denen sie nicht mal die Bedeutung verstehen. Ich glaube, daß 90% dieser Bands, die Möchtegern- Nazis werden wollen, nichts weiter als ein Haufen von Verlier(er)n sind, die keine wirkliche Hoffnung besitzen. Sie verlassen sich darauf, populär dadurch zu werden, daß sie das Spiel der ´Verdammten´ spielen, aber sobald jemand kommt, um ihnen gefährlich mit Zensur zu drohen, leugnen sie alles, arme kleine Kätzchen!
(…) Übrigens haben Kirlian Camera nie ein Nazi- Symbol verwendet, weshalb wir mit dem Thema eigentlich nichts zu tun haben.(…) Viele Leute erheben den Anspruch, Dinge zu wissen, die sie nie erfahren werden, und legen dabei die wirklich intolerantesten Einstellung zutage: Sie verfolgen etwas, das sie nicht kennen. Suchen sie nach dem Antichristen oder was?“31

Auffällig bei den Äußerungen Bergaminis ist, dass er, wie auch bei früheren Interviews zu dem Thema, grundsätzlich nur über die politischen Einstellungen von anderen Bandmitgliedern redet. Dazu muss man wissen, dass Kirlian Camera letztlich ein „Ein- Mann-Projekt“ Bergaminis ist. Den Hitlergruß bzw. den „Kühnen-Gruß“ (mit zwei ausgestreckten Fingern), hat Bergamini in diesem Interview, soweit mir bekannt, hier zum ersten Mal zugegeben, nachdem er ihn in mehreren vorangegangenen Interviews abgestritten hatte. Diese Geste von ihm konnte man auch bei weiteren Konzerten von ihm beobachten. In dem Gesprächsteil über andere Bands, denen die Verwendung von NS-Symbolen nicht fremd ist, redet er nur über „Möchtegern-Nazis“. Wie würde er wohl über „richtige Nazis“ urteilen? Seine Ansichten dazu kann man möglicherweise vermuten, wenn man beachtet, dass er mit dem Stück „U- Bahn V. 2 Heiligenstadt“ auf der CD „Todesengel- The Fall of Life“ die „Eiserne Garde“ Codreanus „ehren“ wollte32 und Marco E. Thiel ihn im „Europakreuz“, als einen „Kameraden“ bezeichnet.33 In der selben Ausgabe des „Europakreuzes“ wird an den 52. Jahrestages der Zerstörung Dresdens „durch britische Luftangriffe“ gedacht und um einen „Kamerad Julius B. E. F. jun. (Pseudonym J. Streicher)“34 getrauert. Der österreichische Kadmon (Gerhard Petak), dessen Projekt Allerseelen dem Neo-Folk zugeordnet werden kann, fällt durch die Herausgabe der Magazine „Ahnstern“ und „Aorta“ auf. In diesen Magazinen kommt seine Gedankenwelt, beruhend auf einer Mischung von (NS-) Esoterik, faschistoider Philosophie und Satanismus zum Ausdruck. Ein Ausschnitt aus dem „Ahnstern“-Katalog:

„II. LUCIFER RISING II. Interview (1995) mit dem amerikanischen Filmemacher Kenneth Anger über: Lucifer Rising, Externsteine, Bobby Beausoleil, Aleister Crowley, Friedrich Nietzsche. (…) III: FEUERTAUFE: Ernst Jüngers Werke über den ersten Weltkrieg (…) V: HEIDNAT: Völkischer Weg und thelemitischer Weg. Heimat und Heidentum als Kraftfelder. Heidnat als Entwurf einer halben Moderne, die Technologie und Spiritualität verknüpft. Die Bedeutung von Selbstachtung. Erdung. Widerstand.(…) VII: KRAFTFELD: Das Kornzeichen in Flandorf, Niederösterreich, Juli 1996, eine rätselhafte Einheit aus Kraft und Form (…)“35

Er beteiligte sich an den VAWS-Samplern, wie auch an einem Sampler des Labels des Dresdener „Sigill“– Herausgebers Eislicht-Verlages (Eis und Licht Tonträger); dieser erschien, um „Julius Evola zu ehren“. Das Cover der Allerseelen-CD „Gotos – Kalanda“ ziert die sogenannte „Schwarzen Sonne“, ein Marmormosaik aus dem „Obergruppenführersaal“ der SS-Kult- und Schulungsstätte Wewelsburg. Auch er fühlt sich von Antifaschisten verfolgt, spricht sich aber immerhin für Gewaltlosigkeit seiner Anhänger aus.

„Daß jemand Flugblätter gegen Allerseelen verteilte, freute mich. Ich schätze die, die den Mut haben, Nein zu sagen, den Ketzer. Die sich Schwierigkeiten einbrocken. Daß manche Anhänger von Allerseelen glaubten, diesem Jugendlichen die Flugblätter aus der Hand reissen zu müssen, erfuhr ich erst hinterher. Es mißfiel mir.“36

Daneben benutzt er aber typische Argumentationsmuster der Neuen Rechten:

„Ich verabscheue Bücherverbrennungen und Holocausts, wie sie in Auschwitz, Dresden, Hiroshima und Mururoa geschahen. (…) Was die Anti- Faschisten im Zeichen des roten Pentagramms begehen, stellt die Anschläge rechtsextremer Skinheads in den Schatten.“37

Die Musikpresse und die meisten Plattenlabel fielen bis jetzt durch Totschweigen dieser gefährlichen Tendenzen dieses Teils der Szene auf. Vermutlich aus kommerziellen Gründen, denn die beschriebenen Bands verkaufen sich, nicht zuletzt wegen ihrer „umstrittenen Meinungen“, besser als viele andere, politisch nicht auffallende Bands. Die meisten Szene-Mitglieder dürften aber (noch) eher ungefähr so denken wie Ashley, Kopf der Band Whispers in the Shadow:

„Wenn man einfach akzeptiert, was man vorgekaut bekommt, kann dies üble Folgen haben, und plötzlich haben wir ein ´viertes Deutsches Reich´ und jeder ist plötzlich überrascht und tut so, als ob nichts wäre. Nach außen hin vertreten wir allerdings keine politische Richtung. Aber ich glaube kaum, daß uns irgendwer als ´rechts´ einstufen würde. Es ist wichtig, daß die schwarze Szene nicht ins rechte Lager abrutscht, wie das in letzter Zeit so der Fall ist. Dagegen werden wir uns auf jeden Fall wehren und ich hoffe, wir stehen da nicht alleine da.“38

Das zeigt, dass Pauschalverurteilungen der Szene (wie beispielsweise Jean Cremets Beiträge in der Jungen Welt und anderen Zeitschriften) kontraproduktiv wirken. Dann nämlich fühlen sich auch politisch liberale oder linke Gothics gezwungen, sich Hand in Hand mit den, immer noch wenigen, wirklich rechtsextremistischen und faschistischen Vertretern zu verteidigen. Und gerade gegen dieses falsche Zusammengehörigkeitsgefühl, welches der Umarmungsstrategie von JF und anderen entgegen kommt, muss die Szene in nächster Zeit vorgehen, sollte sie ihre eigenen Wurzeln nicht verleugnen wollen. Ein wichtiger Ansatz dazu war sicher die Gründung der Initiative „Grufties gegen rechts/ Music For A New Society“ (April 1998 in Bremen). Mit den Zielen dieser Initiative solidarisierten sich mittlerweile auch schon einige Musiker wie Deine Lakaien, Sepulcrum Mentis, Einstürzende Neubauten, Dirk Ivens (Dive, Sonar, ehemals The Klinik), Goethes Erben, Love Like Blood, Das Ich und Isecs. Eine Internet-Initative „Gothics gegen rechts“ versucht dem Beispiel der „Grufties gegen rechts“ zu folgen und über rechte Tendenzen in der Szene aufzuklären.

Quelle: Gothic gegen Rechts

  1. Bis vor kurzem war es auch nicht unüblich, der Szene insgesamt Sexismus und Frauenfeindlichkeit vorzuwerfen, möglicherweise wegen der offen zur Schau gestellten SM- Sexualität von Mitgliedern der Szene (so z. B. Anfang der 90er Jahre in einer Flugblattaktion einer Männergruppe vor einer von Gothics besuchten Freiburger Diskothek). Diese Vorwürfe haben mittlerweile nachgelassen. Ob nun auf Grund veränderten gesellschaftlichen Bewusstseins oder einer vorurteilsfreieren Sicht auf die Gothic- Szene mag dahingestellt bleiben. [zurück]
  2. Zillo 2/ 92, zitiert nach: Grufties gegen Rechts: Die Geister, die ich rief, im Internet unter: http://www.pc- easy.de/geister/brosch.htm [zurück]
  3. Dieses Interpretation von Pearces Antrieb liefert auch Steward Home in einem Interview mit dem Münsteraner Fanzine „Auf Abwegen“: „Ich glaube einfach, daß bei Death In June Sexualität im Vordergrund steht. Ich glaube, seine sexuellen Vorlieben sind der Schlüssel zum Verständnis von Death In June, und ich glaube nicht, daß Douglas heute noch ein aktives politisches Interesse hat“. (Zitiert in: Die geilsten Uniformen, in: Jungle World, 26. März 1998) [zurück]
  4. Pockrandt, Stephan: Sexy Uniforms, in: Sigill Nr. 6, 1994, Dresden, S. 20/21, zitiert in: Stöber, a.a.O., S. 69 f. [zurück]
  5. Zitiert nach: Antifaschistisches Info, Juli/ August 1997 [zurück]
  6. Grufties gegen Rechts, Geister, a.a.O. [zurück]
  7. Im Internet unter: http://www.myway.de/secretlab/dturbu56.htm [zurück]
  8. Douglas Pearce sagt in einem Interview von 1990 über Schreck allerdings: „Als ich Boyd Rice in Amerika besucht, hat der mir erzählt, in den USA gelte Schreck inzwischen als ´reicher Jude´, der sich in seltsame okkulte Dinge verstrickt habe. Wen interessiert schon dieser ganze amerikanische Werwolf- und Satanskram. Ich halte das alles für oberflächlich“, im Internet unter: http://www.myway.de/secretlab/dturbu55.htm. Eine Aussage, die Zweifel am Geisteszustand aller drei Beteiligten weckt. [zurück]
  9. NON/ Boyd Rice: Total war, von der CD: In the Shadow of the Sword 1989, zitiert nach Cremet, Jean: The dark side of the music. Jenseits von „Böhse Onkelz“ und „Screwdriver“. Über (neo-) faschistische Tendenzen in der Independent- Musik, in: analyse & kritik 389, 04/ 1996, S. 11 ff, im Internet unter: http://www.pc- easy.de/geister/cremet.htm [zurück]
  10. Cremet, a.a.O. [zurück]
  11. „Europakreuz“ war sich bspw. nicht zu schade, den unsäglichen „Heino der Neonazis“, Frank Rennicke zu interviewen. Orginalton Rennicke: „Frank Rennicke, nationaler Barde, verheiratet, vier Kinder, seit 10 Jahren im Freiheitskampf, gebürtiger Niedersachse, Steckenpferd: Volk, Vaterland, Familie.“ (…) „Ich bin tolerant genug, liberalere und auch radikalere Meinungen von Gleichgesinnten zu dulden, wenn diese mit der ganzen Persönlichkeit gelebt werden.“ (…) „Lest, lernt, treibt Sport, enthaltet euch dem Zeitgeist und sehet mit Abscheu auf die willigen Büttel eines Systems, das es für ´normal´ hält, 600.000 Rapper- und Techno- Idioten in Berlin straßenverdreckend latschen zu lassen, junge Deutsche aber, die für Meinungsfreiheit und Erinnerung an den Mord an Rudolf Heß auf die Straße gehen, einsperren will. Heil euch!“, Europakreuz Nr. 19, April 97, Berlin, S. 9- 12 [zurück]
  12. Grufties gegen Rechts,Geister, a.a.O. [zurück]
  13. Junge Freiheit 10/93, zitiert nach: Grufties gegen Rechts: Revolte gegen die moderne Welt – Braune Graswurzelrevolution in der schwarzen Szene? Über den neurechten Kulturkampf und Widerständiges aus der Gothic- Szene, im Internet unter: http://www.pc-easy.de/geister/aib.htm [zurück]
  14. Im Internet unter: http://www.jungefreiheit.de/108aa16.htm [zurück]
  15. Junge Freiheit 4/96, zitiert nach: Grufties gegen Rechts, Geister, a.a.O [zurück]
  16. Gerlinde Gronow: Offener Brief an Easy Ettler, im Internet unter: http://www.pc-easy.de/geister/easy.htm [zurück]
  17. Grufties gegen Recht, Revolte, a.a.O. [zurück]
  18. Grufties gegen Rechts, Geister, a.a.O. [zurück]
  19. Grufties gegen Rechts, Revolte, a.a.O. [zurück]
  20. Gothic Nr. 23, Sommer 1995, zitiert nach. Grufties gegen Rechts, Revolte, a.a.O. [zurück]
  21. Gothic Nr. 23, Sommer 1995, zitiert nach. Grufties gegen Rechts, Revolte, a.a.O. [zurück]
  22. Gothic Nr. 23, Sommer 1995, zitiert nach. Grufties gegen Rechts, Revolte, a.a.O. [zurück]
  23. Zitiert nach MDR- Fakt vom 26.4.1999, im Internet unter: [zurück]
  24. Im Internet: http://www.thirdposition.com/blrnewsbloodaxis.html [zurück]
  25. Im Internet: http://www.myway.de/secretlab/dturbu54.htm [zurück]
  26. Im Internet: http://www.thirdposition.com [zurück]
  27. Im Internet: http://www.thirdposition.com/blrnation-and-the-state.html [zurück]
  28. Zitiert nach: Cremet, a.a.O. [zurück]
  29. Auffallend ist, dass in letzter Zeit, sogar während der Monate meiner Recherche, immer mehr klare „politische“ Aussagen auf den Homepages der besprochenen Künstlern verschwanden. Ich halte es für möglich, dass das mit der beginnenden antifaschistischen Arbeit in der Gothic- Szene zusammenhängt. [zurück]
  30. Im Internet: http://www.myway.de/secretlab/dturbu25.htm [zurück]
  31. Hoffmann, Dirk: Das Versteck des Antichristen, in: Zillo Musik Magazin (7-8/ 99), im Internet: http://members.tripod.com/~Heydebreck/kczil.html [zurück]
  32. Sigill (Nr. 12, 1996/97), Dresden [zurück]
  33. Europakreuz Nr. 18, Februar 1997, Berlin, S. 1 [zurück]
  34. ebd. [zurück]
  35. Im Internet: http://www.geocities.com/SunsetStrip/Amphitheatre/6522/ahnstern.htm [zurück]
  36. Kadmon: Anti- Faschismus: Katholizismus ohne Gott, im Internet: http://www.geocities.com/SunsetStrip/Amphitheatre/6522/antifa.htm [zurück]
  37. ebd. [zurück]
  38. Back Again (Winter 97/98), Darmstadt und Hamburg, S. 8 [zurück]

Kampf, Sieg oder Tod – „Unpolitisches“ aus der Gruftszene

»Die schwarze Szene definiert sich gerne als tolerant (…) Leider haben wir jedoch den Eindruck, daß Toleranz häufig mit Kritiklosigkeit und Beliebigkeit verwechselt wird.«1 Schon einige Male beschäftigten wir uns ausführlicher mit rechten Tendenzen innerhalb einiger Kreise der Gruftszene. Auslöser für den folgenden Artikel ist ein offener Brief zweier Berliner DJs, welcher, alle bekannten Fakten ignorierend, antifaschistische Bestrebungen innerhalb der schwarzen Szene in Frage stellt. »Zumal sich die Antifa ja das Wort (Links-)Radikalität auf die Fahnen geschrieben hat und somit wohl kaum sehr viel toleranter als die von ihr gehetzte Zielgruppe ist… Wird demnächst jeder vergast, der ein falsches Wort sagt, welches von jenen Antifa-Saubermannern als rechtsradikal ausgelegt wird?«2 Fast ist man ja geneigt zu sagen, daß es schön wäre, wenn die antifaschistische Arbeit innerhalb der Szene überflüssig sein würde. Ein Blick auf die vergangenen Monate zeigt aber, daß genügend Stoff vorhanden ist, um einigen Teilen innerhalb der schwarzen Szene ein sehr gutes Verhältnis zu rechtsradikalen Gruppen nachweisen zu können.

Eine ganzseitige Anzeige in der Zeitschrift Sigill kündigte im Oktober letzten Jahres ein Konzert der Band Death in June (DiJ)3 in Bucha bei Jena an. Angetreten, um ihre neue CD vorzustellen, war dieses Konzert Bestandteil einer ausgedehnten Europatour dieser rechten Kultband um den in Australien wohnenden Douglas Pearce (vgl. AIB Nr. 39). Bucha zeigte aufs Neue, wie fließend die Grenzen zwischen „unpolitischer“ Gruftszene und rechten Ideologen sind. Etwa 700 Begeisterte zog es am 28. November 1998 in den idyllischen Landgasthof »Zum Nußbaum«, um neben DIJ weiteren Bands des Neofolk zu lauschen. Darunter befanden sich u.a. die ebenfalls aus Australien kommenden Fire & Ice und Der Blutharsch aus Wien. Auffällig beim gesamten Konzert war das Outfit der Mehrheit der BesucherInnen. Ob im schwarzen Military-Look oder in tarnfarbenen Klamotten — insgesamt paßte sich das Publikum dem martialischen Stil der aufspielenden Musikgruppen an.

Die Pausen zwischen den einzelnen Bands überbrückte der amerikanische Sozialdarwinist Boyd Rice, indem er verschiedene Kurzfilme zeigte. Als sehr einfallsreich offenbarte sich der Film „The black sun“, der etwa zehn Minuten lang Hakenkreuze über die Leinwand flimmern ließ. Folgt man der Eintrittskarte, so hätten die Ordnungskräfte ihn vom Konzert entfernen müssen, denn das „Tragen verfassungsfeindlicher Symbole hat den Verweis vom Veranstaltungsort zur Folge“.

Der Blutharsch

Der Hang zum Symbolischen wurde an diesem Abend von der Band Der Blutharsch bis zur Ekstase getrieben. Eingehüllt in Nebel, mit rotem Licht beleuchtet, standen zwei Menschen mit gestreckten Arm und Fackeln in den Händen auf der Bühne. Sie bildeten den Kern einer Gruppe, deren Logo ihr Name in altdeutscher Schrift und eine Sig-Rune ziert. Das martialisch-militärische Auftreten stand im Einklang mit ihrer Musik, die häufiger mit Einspielungen aus der Zeit, als Radios noch „Volksempfänger“ genannt wurden, unterlegt war. Mastermind dieses Projektes ist Albin Julius, der innerhalb der Szene bereits mit seinem Projekt The Moon lay hidden beneath a cloud einen gewissen Bekanntheitsgrad erreichte. Er war später auch ein Teil des Line-up von DIJ. Douglas Pearce berichtete in der Sigill, daß er Julius in Australien traf und beide gemeinsam ein Tonstudio mieteten. „Es war phantastisch mit ihm zu arbeiten, da er fast augenblicklich die Arbeitsweise von Death in June verstanden hat und sich einfügen konnte.«4

Bei dem zweiten Sänger vom Blutharsch handelte es sich vermutlich um Klaus Hilger, der als Betreiber des Mannheimer Musiklabels Tesco einen Namen innerhalb der Apocalyptic-und Industrial-Szene hat.

Alles unpolitisch?

Nicht nur die Atmosphäre ließ Ver­gleiche zu einem Nazi-Konzert aufkom­men. Auch organisierte Neonazis wur­den von diesem Spektakel angezogen. Neben einen Infostand der faschistoiden Zeitschrift Sigill baute das Thule-Seminar aus Kassel seine Zelte aut. Der als „rechte Denkfabrik“ einzuschätzende Verein machte Werbung für die von ihm her­ausgegebene Zeitschrift Elemente und keinen Hehl aus seiner rassistischen Programmatik. „Das Thule-Seminar kämpft für ein heterogenes Europa homogener Völ­ker“ war auf einem vom Seminar verteil­ten Lesezeichen zu lesen.

Es war nicht zufällig, daß die »Den­ker« aus Kassel neben Publikationen ihres Vorsitzenden Pierre Krebs (als Red­ner in der Nazi-Szene unterwegs) eben­falls die Dresdner Zeitschrift Hagal in ihrem Angebot hatten. „Nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes treten völkische und antisemitische Elemente (beim Thule-Seminar -d.A.) stärker hervor.“5

Diese in­haltliche Einschät­zung bringt den gemein­samen Nen­ner von Thule-Semi­nar und Ha­gal treffend auf den Pun­kt, denn letz­tere ist eine heidnische Zeitschrift mit starken antisemiti­schen Untertönen.

Antifaschistische Gegenaktivitäten

Nicht überall konnten DIJ ihre Konzerte so ungestört wie in Bucha über die Bühne gehen lassen. Einen Tag nach dem Buchaer Konzert spielte der gesamte Troß in München. Dort sollte das Konzert ursprünglich im Club Feierwerk stattfinden, wogegen örtliche Antifas jedoch mobil machten. „Ergebnis der ganzen Aktion ist jetzt, daß das Muenchner Jugendamt Death in June als rechts (radikal) einstuft. Das Feierwerk hat sich dieser Meinung zwar nicht angeschlossen, das Konzert aber trotzdem abgesagt.“6 Letztendlich fanden die Organisatoren im „Ballroom“ in Esterhofen einen Ersatzveranstaltungsort.

In Lausanne verhinderte die Öffentlichkeitsarbeit einer Schweizer Antirassismus-Gruppe zumindest den Auftritt von DIJ. Die örtliche Polizei begründete ihr Verbot mit der Gefährdung der öffentlichen Ordnung. Boyd Rice ließ es sich nicht nehmen, das Auftrittsverbot in provokanter Art und Weise zu kritisieren. Im Zuge des Auftrittes setzte er sich die DIJ-typische Maske auf und trug ein Schild mit der Aufschrift »Im Dorf bin ich das größte Schwein, ich laß mich mit den Deutschen, den Kroaten und jetzt den Schweizern ein“.7

Noch mehr…

Bereits einige Wochen vor den DIJ-Konzerten besuchte eine andere rechts-extreme Band die BRD. Es handelte sich hierbei um Blood Axis mit ihrem Kopf Michael Moynihan. Die drei Konzerte dieser amerikanischen Gruppe in Laatzen (bei Hannover), Meißen (bei Dresden) und München wurden von Sigill und LAS e.V. organisiert. Auch hier gab es im Vorfeld einiges an antifaschistischen Gegenaktivitäten. So wundert es nicht, daß auf den Internetseiten des Vorortveranstalters in München, Pagan Muzak, nachfolgendes zu lesen war: „Wer Auftrittsverbote und andere Formen von erzreaktionarer Zensur im Namen von linken Idealen fordert, sollte sich über seinen eigenen Standpunkt Gedanken machen, bevor er anderen etwas vorschreiben will“. Es ist durchschaubar, daß sich die Organisatoren hinter dem political-correctness-Vorwurf, einem Totschlagargument, verstecken wollen. Einige Zeilen später fügten die Autoren hinzu, daß sie selbst „kein Interesse“ an „Faschos“ bzw. ,“Faschoorganisationen“ auf ihrem Konzert hätten.

Selbst wenn man diesen Vorsatz als ehrlich ansieht, so geht er doch komplett an jeglicher Realität vorbei, wie beispielsweise in Laatzen. Dort traten neben den Amerikanern die Wiener Gruppe Allerseelen und Combos mit so einfallsreichen Namen wie Ahnenkult oder Jägerblut auf.8 Das Konzert im Klub „Insomnia“ wurde maßgeblich von Oliver Lindner und Marcel Koch vorbereitet. Unter dem Publikum waren zahlreiche Nazi-Skinheads, die sich u.a. mit dem Tragen von T-Shirts offen zum Nazi-Skinhead-Netzwerk Blood & Honour bekannten. Auch die Clique um den Bielefelder Neonazi Bernd Stehmann gab sich ein Stelldichein. Der ehemalige Kader der GdNF ist inzwischen Herausgeber des Nazizines Unsere Welt und nutzte die Gelegenheit für ein Interview mit Michael Moynihan.

Das Europakreuz

Dafür, daß Koch und Lindner ein Nazi-Konzert maßgeblich vorbereitet hatten, bekamen sie bereits im Vorfeld die entsprechende Quittung. Autonome Antifas griffen ihre Autos an, denn beide sind keine Unbekannten innerhalb der rechtsgerichteten Kreise der Gruftszene. Über beide führt die Spur u.a. zum neofaschistischen Europakreuz (EK).9 Die seit einigen Jahren von Berlin aus vertriebene Zeitschrift begann als düstere Musikzeitung und versteht sich inzwischen als „eine Zeitschrift des europäischen Geistes“. Neben Interviews mit sogenannten Neofolk-Bands bekamen geschichtliche Abhandlungen über faschistische Bewegungen in Europa bzw. rechtsextreme Politik an sich immer mehr Platz. Der politische Kurs ist durch eine offensichtliche Nähe zur NPD gekennzeichnet, was nicht zuletzt durch die Mitarbeit des Vorsitzenden des NHB, Alexander von Webenau, unterstrichen wird. Somit kann das EK als Schnittstelle zwischen dem Neofolk-Bereich und rechtsextremen Gruppen/Organisation eingeschätzt werden.

Herausgeber des EK ist der Berliner Marco E. Thiel, der im Düsseldorfer Hochglanz-Nazizine Rocknord 1997 die Band Death In June vorstellte. Es war ein Novum innerhalb der rechtsextremen Skinheadszene, daß eine eher aus dem Neofolk-Bereich kommende Band in einer Skinheadzeitschrift Platz bekam. Nebenbei ist Thiel in der Band Egoaeoes aktiv.

Das Europakreuz unternimmt aktuell vermehrt Anstrengungen, seine Inhalte über eine mehrsprachige Internetseite zu verbreiten, deren Sprachauswahl für sich selbst spricht. Neben Deutsch sollen die Texte in Zukunft auch in russischer, spanischer, englischer, kroatischer und italienischer Sprache angeboten werden.

Die Wege kreuzen sich

Peter Hauptfleisch, Mitarbeiter für Kunst, Kultur und Geschichte beim Europakreuz, veröffentlichte seine Musikrezensionen auch in der Dresdner Zeitschrift Sigill. Ein Blick in das Impressum der aktuellen Ausgabe zeigt, daß er nicht der einzige rechtsextreme Mitarbeiter bei dem vierteljährlich erscheinenden Periodika ist. So findet sich beispielsweise Martin Schwarz, der parallel zu seiner Sigill-Autorenschaft in so einschlägig bekannten Nazi-Zeitschriften wie Deutsche Stimme (NPD) oder Nation & Europa (älteste rechtsextreme Zeitschrift der BRD) publizierte. Eher den heidnischen Wurzeln verpflichtet ist der Deutsch-Amerikaner Markus Wolff, der Mitglied der rassistischen Asatru-Alliance in den USA ist. Oder eben Oliver Lindner, der in der Vergangenheit auch schon mal als Mitarbeiter der Sigill geführt wurde.

Das ZILLO

Neben dieser Fankultur sollte man den rechten Rand der kommerziellen Independent-Zeitschrift ZILLO nicht vergessen. In ihr sind bis heute immer wieder Beiträge über einschlägige Bands des rechten Lagers zu finden. Dabei scheinen die Musikgruppen auch in der Zillo-Redaktion ihre Anhänger gefunden zu haben. Die Redaktion legt mit dem regelmäßigen Berichten über rechte Bands eine „bemerkenswerte Unbedarftheit“ an den Tag. Hervorzuheben sind dabei Rüdiger Freund und Dirk Hoffmann. Freund verfügt über beste Kontakte zu Personen des Neofolk-Bereiches. Auch der Autor der rechten Wochenzeitung Junge Freiheit, Peter Boßdorf, mischte bei Zillo mit.


Das Ende der „Toleranz der Intoleranz“ kann nur aus der Szene kommen

Abschließend ist festzustellen, daß es im rechtsorientierten Neofolk-Bereich ein kleines, aber festes Netzwerk von Zeitschriften, Musiklabels und Bands gibt. Durch ihre Arbeit schaffen sie Anknüpfüngspunkte zu rechtsextremen Gruppen, die ihrerseits eigene Inhalte in die schwarze Szene hineintragen (dürfen). Ursache und Wirkung sind nicht immer voneinander zu trennen, vielmehr besteht eine Wechselwirkung zwischen dem Stil weiter Teile der Neofolker und der Einflußnahme von außen.

Solange das „Unpolitische“ der Gruftszene eine Art Freibrief für rechtsextreme Kräfte darstellt, solange werden rechte/rechtsextreme Inhalte innerhalb der Szene beheimatet sein. Antifaschistische Interventionen von außen werden aber immer nur einen begrenzten Erfolg haben, da sie an der Eigendynamik der Szene, u.a. an dem „Wir-sind-eine-große-Familie“-Gefühl scheitern werden. Das Ende der »Toleranz der Intoleranz« kann nur aus der Szene kommen, nicht von außen.

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe Nr.47/1999 des Antifaschistischen Info-Blatts

Quelle: Turn it down

  1. Antwort auf den „Offenen Brief an alle Printmedien“, Gruftis gegen Rechts [zurück]
  2. „Offener Brief an alle Printmedien, Betreff: rechte Tendenzen in der Gothic-Szene und Hexenjagd auf WEISSGLUT UND ZILLO«, abgedruckt in »Das Maul“ Nr.9 [zurück]
  3. zu Death inJune siehe AIB Nr.35 [zurück]
  4. Douglas Pearce in Sigill Nr.17 (Herbst 1998) [zurück]
  5. Jens Mecklenburg (Hg.), Handbuch deutscher Rechtsextremismus, 1996, S.312 [zurück]
  6. Feierwerk-Pressemitteiluog aus dem Internet, Dezember 1998 [zurück]
  7. Während des Nationalsozialismus wurden vermeintliche „Rassenschänderinnen“ mit einem Schild »Im Dort bin ich das größte Schwein, ich laß mich mit den Juden ein» gedemütigt. [zurück]
  8. Anzeige in Sigill Nr.17 (Herbst 1998) [zurück]
  9. In den Impressa ist Lindner als Gastautor für Kultur und Kunst geführt. Seinem Kompagnon Koch, Kontaktadresse des Hannoveraner Kleinstlabels StateArt, wurde regelmäßig im EK gedankt. Nebenbei — zur Blood-Axis-Tour — veröffentlichte StateArt exklusiv eine limitierte Split-Single von Allerseelen und der „Blutachse“. [zurück]

The dark side of the music

Jenseits von „Böhse Onkelz“ und „Screwdriver“:

Über (neo-)faschistische Tendenzen in der Independent-Musik

Jean Cremet in analyse & kritik (389, 04/1996, Seite 11)


Do you want/Total war
Turn man into/Beast once more
Do you want/To rise and kill
To show the world/An iron will

(Non/Boyd Rice; In the shadow of the sword)


Schönheit gibt es nur im Kampf.

(Walter Ulbricht)

Einen „eigenen Stil und Sprachkodex“ habe sich die „Darkwave“ oder „Gothic“ Scene oder wie immer mensch sie auch nennen mag geschaffen, schreibt einer, der es wissen muß, in der deutschen Ausgabe des „Rolling Stone“. Der Autor Ecki Stieg ist Moderator der Sendung „Grenzwellen“ beim niedersächsischen Privatsender ffn, wo er jeden Sonntag Töne aus den Bereichen ElectronicMusic, Industrial, AmbientDub, intelligent Techno, Darkwave und anderen Sparten der früher einfach „Independent“ genannten zerfaserten Musikszene präsentiert, die zwischen den Werbeblöcken sonst keinen Platz findet. Ästhetisch ungewöhnliche Musik mit AvantgardeAnspruch wird eben noch immer als Randgruppenphänomen betrachtet, obwohl die verschiedenen Spielarten längst über ihre eigenen Labels, Vertriebe und Zeitschriften verfügen. Besonders letztere haben dabei inzwischen den Status eines Fanszines hinter sich gelassen und erscheinen wie das Darkwave/GothicMagazin „Zillo“ in farbiger Hochglanzaufmachung.

Der arme, altlinke 68er schüttelt ob solch organisierter Verwirrung irritiert den Kopf. Er ist bei den Rolling Stones, der ewigen Kiffermusik der Gratefull Dead oder beim GrungeGroßvater Neil Young, wenn er besonders pc ist, auch bei Ton, Steine, Scherben stehengeblieben. Aber deshalb gibt es ja die berufsmäßigen Erklärer wie Ecki Stieg. So weiß er zum Bereich Darkwave: „Vor allen Dingen ist das Mittelalter ein beliebtes Sujet… Eine Mischung aus Realitätsflucht, das Liebäugeln mit modischen Accessoires dieser Zeit sowie immer wiederkehrende Themen wie die Endzeitstimmung des Mittelalters… sind bezeichnend für den Stil vieler Bands.“ Und er ergänzt diese Einschätzung: „Die beherrschenden Themen sind Esoterik, Umweltzerstörung, aber auch exotische Religionen und ‚bewußtseinserweiternde‘ Kulte. Die Parallelen zur HippieGeneration der 60er Jahre sind unübersehbar; in dieses Bild paßt auch die lammfromme Gewaltfreiheit der ’schwarzen Szene‘.“

So genau scheint der Experte seine Szene wohl doch nicht zu kennen. Ein Beispiel gefällig? Im Titelsong der CD „Kshatriya“ der italienischen Band „Ain Soph“ heißt es: „Die Treue ist stärker als Feuer/Sich erheben, auferstehen/Eine Form und eine Ordnung schaffen/Aufrecht durch die Ruinen/Den schwersten Weg auswählen/Unseren Mut in Metall gießen/Endlich wiedergeboren durch das Blut/Stark durch unsere Ehre/Kshatriya“ Kshatriya ist der Priesterkrieger, der seit Julius Evola als Vorbild für die Leitfigur des „politischen Soldaten“ der Nationalrevolutionäre dient. Auf dessen Buch „Menschen inmitten von Ruinen“, seit der Erstveröffentlichung 1953 ein Leitfaden zuerst für die italienischen Nationalrevolutionäre, später auch für deren Gesinnungsgenossen in ganz Europa, bezieht sich offenbar die Textzeile „Aufrecht durch die Ruinen“.

Evola ist es auch, der auf der CD „Aurora“ der gleichen Gruppe abgebildet ist, während auf dem Cover die Abbildung eines antiken nackten Kriegers, gestaltet durch den NaziBildhauer Arno Breker, prangt. Einer der Musiker nennt sich von Sebottendorf wie der esoterische Aktivist der Münchener ThuleGesellschaft. Um das Maß der eindeutigen Bezüge voll zu machen, ist auf der Rückseite des Booklets zur CD ein Gedicht des Franzosen Pierre Drieu La Rochelle aus seinem 1917 erschienenen Lyrikband „Interrogation“ abgedruckt. Drieu brachte mit diesem Buch und dem 1920 erschienenen Folgeband „Fond de cantine“ die Gefühle der Frontgeneration des Ersten Weltkrieges zum Ausdruck und wurde damit in Frankreich zum Kultautor, vergleichbar nur mit der Rolle Ernst Jüngers in Deutschland. Der Krieg ist bei Drieu die Initiation des Mannes in das Leben. Drieus Dauerthema war die Virilität. Der Mann hatte sich als Mann zu beweisen: als Eroberer der Frauen und als Krieger. Nicht die hippiehafte, lammfromme Gewaltlosigkeit, wie Ecki Stieg vermutet, ist das Ideal dieses Teils der „schwarzen Szene“, sondern das der gelebten Mannhaftigkeit.

Dieser ideologische Anspruch muß natürlich auch musikalisch umgesetzt werden. In „Kshatriya“ sind es im Titelstück perkussiv gespielte Pianopassagen, die in eine elektronische Lärmorgie überführt werden, die wiederum den im Vordergrund stehenden Text nur untermalt, der im Sprechchor nach Art eines Gebetes oder eines Kampfschwures vorgetragen wird. Andere Stücke entsprechen durchaus der Vorstellungswelt Ecki Stiegs. Die Gegenwart verkörpert die Dekadenz, den Abstieg vom Besseren zum Schlechteren. Das Mittelalter dagegen ist auch ästhetisch ein Ideal. Ganze Passagen sind musikalisch reduziert, verzichten vollständig auf Elektronik und ziehen sich auf die mystische Innerlichkeit gregorianischen Chorgesangs zurück. Der Widerspruch ist nur ein scheinbarer. Die Ergänzung des kshatriya ist bei Evola und dessen spirituellen Vorbildern der brahmane, der der Welt entrückt nur der Transzendenz lebt. Seine spirituelle Verwurzelung wiederum ist unabdingbar für die Existenz des kshatriya.

Musikalisch und ideologisch nutzbar für die DarkwaveSzene in ihren verschiedenen Ausprägungen ist grundsätzlich jedes historische Vorbild, das gegen den philosophischen Materialismus gerichtet ist. So kann die Anlehnung an die Romantik, besonders deutlich bei der britischen Band „Sol Invictus“ um Tony Wakeford, durch Form, Instrumentierung und Aussage nicht erstaunen. Akustische Instrumente, auch im Rock eher ungewöhnliche wie Cello und Flöte, werden mit Elektronik gekoppelt. Häufig findet ein Rückgriff auf die Volksliedform statt.

Zu den inhaltlichen Selbstverständlichkeiten in diesen Kreisen gehört der Bezug auf Friedrich Nietzsche. So findet sich auf der Rückseite des Booklets der CD „Death of the West“ von „Sol Invictus“ ein Zitat aus „Also sprach Zarathustra“: „Der Staat ist das kälteste aller Monstren. Kaltblütig lügt es auch; und diese Lüge kriecht aus seinem Mund: ‚Ich, der Staat, bin das Volk.‘“ „Also sprach Zarathustra“ war von allen Büchern Nietzsches wohl dasjenige, das am stärksten den Kult des Übermenschen propagierte und das fette, selbstzufriedene Bürgertum attackierte und der Verachtung preisgab. „Ich sage euch: man muß noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können. Ich sage euch: ihr habt noch Chaos in euch.“

Von Nietzsche bis zur Aussage des Oswald Spengler zitierenden Titelstückes „Death of the West“, die von Alain de Benoist stammen könnte, wenn er Lyriker wäre und nicht Essayist, ist es ein geradliniger Weg. „Sie machen den letzten Film/Sie sagen es ist der beste/Wir alle haben mitgeholfen ihn zu machen/Er heißt Der Untergang des Abendlandes./Die Kids von Fame werden da sein/Coca Cola gratis für euch/Und Eurodisney ist hier/nur für mich und für dich/…/Ein Stern ist am Nordhimmel aufgegangen/Und auf diesem Stern sind wir gekreuzigt worden/Sie winden goldene Ketten um diese Welt/Wir werden von denen regiert, die lügen/Der Untergang des Abendlandes.“ Kulturkritik paart sich mit dem obligatorischen „neu“rechten Angriff auf die USA und der Gegnerschaft zum Christentum sowie der Anknüpfung an die Väter der Konservativen Revolution.

Die Vorgehensweise von „Ain Soph“, „Sol Invictus“ und verwandten Bands wird von dem russischen Schriftsteller Eduard Limonov, Theoretiker des Nationalbolschewismus und dessen Verkörperung durch die Praxis, als Forderung für den gesamten Bereich der populären Musik erhoben. Seit dem Jazz sei die Geschichte der gesamten populären Musik eine des ständigen Abstiegs gewesen. Einen ersten Tiefpunkt dabei hätten die Hippies dargestellt. „Zum von der beat generation geerbten Infantilismus gesellte sich der feminine Stil… Mit ihrer Fransenfrisur junger Mädchen haben die Beatles die gesamte Welt überzogen und drückten damit mit der größtmöglichen Präzision die psychologische Struktur der neuen Generation der europäischen Jugend aus: Ohnmacht, Feminität, Egoismus und zügellose Gefühlsduselei.“ Pazifismus und sexuelle Promiskuität seien die Folgen gewesen.

Aber nach den Hippies gab es noch einmal Hoffnung: den Punk. „Der Johnny Rotten (Sänger der Sex Pistols, J.C.) dieser Periode war ein hervorragendes Exemplar eines wahrhaft männlichen Jugendlichen, verführerischer als alle Helden der Popmusik von Elvis über den Kastraten Bob Dylan bis zum bisexuellen ‚night club‘Stil eines David Bowie.“ Doch dieser Ausbruch kämpferischer Männlichkeit sei durch die Plattenindustrie schnell wieder integriert worden. Seitdem habe ein Prozeß der Entmaskulinisierung stattgefunden, dessen Höhepunkte Prince und Michael Jackson seien. Diese Entwicklung, so Limonow, sei nur konsequent, da sie den Verlust kämpferischer Männlichkeit in unserer gesamten Epoche widerspiegele.

Ein Pamphlet, das so auch von Michael Jenkins Moynihan hätte verfasst werden können, dem Kopf der Gruppe „Blood Axis“, die bereits vor ihrer ersten CD „The Gospel of Inhumanity“ durch ihre Beiträge zu dem Sampler „Im Blutfeuer“ in der „schwarzen Szene“ Kultstatus erlangt hatte. Das Booklet von „Im Blutfeuer“ zeigt Moynihan am Grabe des für den faschistischen Okkultismus zentralen Esoterikers und SSBrigadeführers beim „Ahnenerbe“ Karl Maria Willigut, der der Kontaktmann Julius Evolas zur SS war und als „Rasputin Himmlers“ bezeichnet wurde . Passend dazu die inhaltlichen Bezüge in dem mystisch verrauschten Beitrag der Gruppe unter dem Titel „The Storm Before the Calm. Part One“. Eingeblendet werden ein Redeauschnitt des Führers der faschistischen rumänischen Eisernen Garde, Corneliu Zelea Codreanu , einem der wenigen Politiker, denen Julius Evola Bewunderung entgegenbrachte, sowie eine Passage aus der Novelle „Auf den Marmorklippen“ des ebenfalls von Evola verehrten Ernst Jünger.

Mit Jünger und Codreanu werden zwei Personifizierungen der Virilität verknüpft mit einem Esoteriker, der geisteskrank endete. Die perfekte Ergänzung dazu bietet der zweite Beitrag von „Blood Axis“, eine Coverversion des Titels „Walked in Line“ von Joy Division, deren Kultstatus für den Bereich des DüsterRocks durch den Suizid ihres Sängers eher noch gesteigert worden war. „Walked in line“ erscheint hier strenger und kälter als im Orginal, bestimmt durch die Perkussion, die das Stück vorantreibt und ihm den Charakter eines Marsches verleiht. Der Opfergang von Codreanu bis zu seiner Ermordung und der Wandel Jüngers vom soldatischen Nationalismus zum Anarchen, die im folgenden Stück zitiert werden, sind zwei mögliche Resultate dieses Marsches. Codreanu geht den Weg des kshatriya unbeirrt bis zum notwendigen Untergang, Jünger dagegen wandelt sich zum brahmanen und entrückt sich den Wirren einer feindlichen Welt, die dem Untergang immer schneller entgegentrudelt. Wie Evola wählt er die apoliteia, das Handeln durch NichtHandeln.

Gerade der Bezug auf Codreanu verdeutlicht, daß der Stil der Subkultur der DarkwaveSzene eine enge Verbindung zu Elementen der faschistischen Ideologie aufweist. Zum einen findet sich hier besonders deutlich die Umformung der Todesakzeptanz in die Todessehnsucht. Armin Mohler berichtet z.B., daß die spezielle Attentätergruppe der „Legion des Erzengels Michael“ sich nach ihren Morden nicht in Sicherheit brachte, „sondern (sie) krönten die Exekution mit ihrem eigenen Tod.“ Die aktuelle Ausprägung findet dies in der Todesverliebtheit der Grufties mit dem heimlichen Feiern von Parties auf Friedhöfen als sichtbarer Ausdruck. Zum anderen findet sich bei der „Eisernen Garde“ die Paralelle einer symbolgeschwängerten Spiritualität. „Ihre tiefe christliche Gläubigkeit wurde unter anderem darin sichtbar, daß die Kolonnen der Gardisten in der Marschformation großer, lebender Kreuze durch die Städte zogen.“ Diese Städte galt es, für den wahren Glauben zu erobern, denn für die bäuerlichländlich geprägte „Eiserne Garde“ waren sie feindlicher Boden, den der Unglaube und die Dekadenz regierten. Auch hier wiederum eine Entsprechung zur großstädtischen, romantisierenden Natursehnsucht der Grufties.

Daß die hergestellten Bezüge ebenso wie bei „Ain Soph“ oder „Sol Invictus“ nicht zufällig sind, sondern der genauen Kenntnis der ästhetischen, historischen und ideologischen Hintergründe entspringen, unterstreicht die Ende 1995 veröffentlichte CD „The Gospel of Inhumanity“ von „Blood Axis“. Die Ikonographie von Cover und Booklet ist den textlichen und musikalischen Vorgaben angepaßt. Unter der vorherrschenden Farbe schwarz prägen Kreuze in vielfältiger Form vom Balkenkreuz über den kreuzförmigen Schwertgriff bis zur neuheidnischen Totenrune , Kampf, Ruinen, Wahnsinn durch AbsinthMißbrauch und Tod das Bild. Selbst die Blumen vor Stahlhelmen und Grab machen einen verwelkten Eindruck.

Wenn es jemals angebracht war, von faschistischem Stil zu sprechen, dann hier. Alle Elemente, die Furio Jesi dazu zählt, finden sich vereint. Dies gilt besonders für die von ihm beschriebene Grabessymbolik. Ezra Pound, der USamerikanische Lyriker von Weltrang, der nach dem II. Weltkrieg von der USArmy wegen seiner Rundfunkpropaganda für die italienischen Faschisten zunächst interniert worden war und dann lange Jahre in einer Nervenheilanstalt in seiner ihm fremden Heimat verbrachte, liefert Stimme und Text, aufgenommen in dieser Anstalt, für das Stück „The Voyage“. Die Musik dazu ist Johann Sebastian Bach entliehen. Für ein weiteres Stück wird ein Gedicht von Friedrich Nietzsche genutzt. Eine neue Karriere als PopStar startet auf der Produktion auch der Satanist Charles Manson, als Mörder der Schauspielerin Sharon Tate zu Weltruhm gelangt, auf der CD durch die Interpretation eines eigenen Gedichtes. Auch in diesem Fall liefert Bach die musikalische Grundlage.

Für „Blood Axis“ ist wie für Evola und Limonow unsere Epoche die der Dekadenz, die vergehender Größe, die zwar noch immer sichtbar ist, deren letztlicher Untergang jedoch voraussehbar ist. Das Genie Pound endet ebenso im Wahnsinn wie Friedrich Nietzsche, Charles Manson lebt seinen persönlichen Wahn konsequent aus, der AbsinthSäufer kommt ihm mit jedem Glas näher. Doch auch dieser Untergang ist nur ein Teil des ewigen Kreislaufes von Werden und Vergehen. Es ist also zwecklos, ihn zu beklagen. Er muß als natürlich akzeptiert werden. Als so natürlich wie der Kampf jeder gegen jeden und natürlich auch der Krieg, der in einer Welt voller Gewöhnlichkeiten und Nichtigkeiten die Gelegenheit bietet, sich zu beweisen und wenigstens kämpfend unterzugehen.

In dieser Vorstellungswelt ist für Humanismus tatsächlich kein Platz. Die ihr angepaßte Ideologie ist der Sozialdarwinismus, den Boyd Rice, ein anderer prominenter Vertreter dieser Szene offensiv propagiert. Rice begann seine Karriere als AvantgardeMusiker, der versuchte, die formalen Beschränkungen der Musik zu durchbrechen. Der Zuhörende sollte nicht länger nur rezipieren, sondern selbst aktiv in den Prozeß der Produktion eingreifen können. So trug seine Platte „Pagan Music“ ausdrücklich den Vermerk „playable at any speed“. Zusätzlich waren neben dem Mittelloch noch weitere Löcher in die Platte gebohrt worden, um ein diszentrisches Abspielen zu ermöglichen. Es lag also am Hörenden selbst, wie er die Musik hören und verstehen wollte. Dieser Verzicht auf Vorgaben und Botschaften von Boyd Rice in seiner frühen Phase setzte sich auch bei den LiveAuftritten fort, die als gewaltige Lärmorgien lediglich dazu gedacht schienen, die Belastbarkeit der Hörerinnen und Hörer auszutesten.

Seit der Veröffentlichung der CD „In the Shadow of the Sword“ im Jahr 1989 wurde das formale Experiment, das ihn in AvantgardeKreisen bekannt gemacht hatte, durch die konkrete, textliche Botschaft ersetzt. Auf der Platte selbst findet sich neben der in diesen Kreisen fast schon obligatorischen Rune auch die theosophische Schlange, die sich selbst in den Schwanz beißt. Als Text eines der Songs dieser CD dient ein Gedicht des Psychologen Carl G. Jung, wiederum eine bezeichnende Wahl, wenn dessen Unterstützung für den Nazifaschismus und sein Kultstatus in der New AgeSzene bekannt sind. „In the Shadow of the Sword“ beginnt mit dem monoton stampfenden, einhämmernden Stück „Total War“, das die anfängliche Frage „Wollt Ihr den totalen Krieg?“ am Schluß mit einem eindeutigen „Ja“ beantwortet und fordert, „das Tier im Mann wieder frei(zu)lassen“. Als musikalischer Kontrast und textliche Ergänzung folgt das Stück „Etarnal Ice“, das mit nur lieblich zu nennender Frauenstimme zur Melodie von „Stille Nacht, heilige Nacht“ stattdessen „Silent war, holy war“ intoniert und wiederholt beschwört: „Es gibt keine Geburt ohne Tod“.

Als Glaubensbekenntnis von Boyd Rice kann schließlich sein Stück „A World on Fire“ gelten. „Ich habe einen Traum“, heißt es dort. „In meinem Traum sehe ich eine Welt befreit von der Last der Falschheit. Ich sehe eine Welt wiedergeboren in Perfektion. Ich sehe die Herrschaft der Reinheit. Und wie kann dieser Traum wahr werden?“ Rice weiß die Antwort: Großes und schreckliches Leiden sowie Zerstörung seien notwendig, die Wiederkehr der Kämpfe um Land, Nahrung und Wasser, eine Rückkehr zur Barbarei. In seinem Traum sieht er die Plätze der Städte erhellt durch die brennenden Leichname gekreuzigter Christen.

Seit „In the Shadow of the Sword“ nennt Boyd Rice seine Musik „Gothic March Music“. Die hinter ihr stehende Ideologie ist eine Mischung aus Sozialdarwinismus und Feindschaft auf das Christentum. In einem Interview faßte er seine Anschauung in der griffigen Formel „Die Starken beherrschen die Schwachen und die Klugen beherrschen die Starken.“ zusammen. Das Christentum als Feindbild dagegen ist schuldig an allen gegenwärtigen Übeln, da seine Normen (10 Gebote, Bergpredigt) die natürlichen Instinkte des Menschen zerstören. Die Verpflichtung zur Feindesliebe verhindert letztlich, daß die notwendigen Kämpfe ausgetragen werden, um die Überbevölkerung zu beenden. Diese Überbevölkerung wiederum ist schuld an der Umweltzerstörung usw. Bis zur jüngsten Veröffentlichung „Hatesville“ durchzieht diese Botschaft seine Stücke wie ein roter Faden. Die „schwarze Szene“ registriert diese Zusammenhänge sehr wohl und geht zur Tagesordnung über. So kommeniert der einschlägige Plattenversand „HDMailorder“ die Neuerscheinung „Hatesville“ in seinem Dezemberkatalog mit dem süffisanten Satz: „Unsere Frage: was ist ‚political correctness‘“.

In diesem Bereich der schwarzen Szene kennt man sich und arbeitet zusammen. Die etablierteren Künstler helfen den Newcomern. Es sind immer wieder die gleichen Namen, auf die wir stoßen. So wurde „In the Shadow of the Sword“ gemeinsam mit dem uns schon bekannten Michael Moynihan aufgenommen sowie mit Douglas Pearce und Tony Wakeford, beide lange Zeit Köpfe von „Death in June“ , der wohl bekanntesten Band dieses Spektrums. „Death in June“, zeitweise zum Duo geschrumpft, trägt die von Limonow geforderte Virilität auf die Bühne. Kampfanzüge und Masken sind unverzichtbarer Bestandteil des Outfits, eine Landsknechtstrommel ist das dominierende Instrument. Der Bandname „Death in June“ stammt von der „Nacht der langen Messer“ im Juni 1934 gegen die Führung der SA und konservative Oppositionelle des NSStaates. So erstaunt es kaum noch, daß auf der LP „Brown Book“ das „Horst WesselLied“, die Hymne der SA, als a capellaGesang erschallt. Allerdings handelt es sich in diesem Fall nicht um einen Marsch, gedacht zur Einschüchterung der Gegner, sondern um einen Sakralgesang, der den Verlust der gefallenen Kameraden betrauert.

Selbstverständlich weisen „Death in June“ jeden Faschismusvorwurf gegen sich weit zurück, bieten z.T. sogar an, in besetzten Häusern zu spielen. Patrick O‘Kill, Gründungsmitglied der Gruppe und heute Chef der musikalisch vergleichbaren „Sixth Comm“ („Sechstes Gebot“), verwies im einem Interview darauf, daß alle Mitglieder von „Death in June“ ursprünglich in linken oder antifaschistischen Organisationen tätig gewesen seien. Für sich selbst hatte er aber vorher bereits zugegeben, in einer paramilitärischen Jugendorganisation aktiv gewesen zu sein. Wie sein angeblich linkes Bewußtsein damit in Einklang zu bringen ist, daß er sich in einer „schöpferischen Krise“ in Bodyguard und Überwachungstechniken sowie im Guerilla und Antiguerillakampf ausbilden ließ und danach zeitweise auf Seiten der Mujahideen in Afghanistan und als Söldner in Nordafrika kämpfte, wird wohl sein Geheimnis bleiben.

Seinen Erklärungen im Interview bieten sowohl einen Einblick in sein eigenes Denken als auch einen Blick auf die Hilflosigkeit einer Jugendkultur, die mit Faschismus konfrontiert ist, der nicht dem Bild ihres Schulwissens entspricht. So kann O‘Kill sich offen äußern, ohne daß befürchten muß, wegen seiner Ansichten in der Zielgruppe ein negatives Image zu erhalten. Ein Beispiel aus diesem Interview: „Ich glaube, daß die Leute solche Tracks mißverstanden haben wie Tonys (Wakeford, J.C.) ‚We drive East‘, der nur eine Parodie eines deutschen Marschliedes aus dem Zweiten Weltkrieg war. Was ist falsch daran, ‚die bolschewistische Bestie zu zerschlagen‘? Ich bin sicher, daß die Millionen, die in den Arbeitslagern des Ostblocks gelitten haben, von einer solchen Befreiung von ihrer Unterjochung geträumt haben. Zuletzt ist das auf dem richtigsten Weg, durch das eigene Volk, erreicht worden. Von der bolschewistischen zur kapitalistischen Bestie vielleicht…“ Selbstverständlich hat das nichts mit Faschismus zu tun, oder? Es ist nur die Parodie eines Wehrmachtsmarsches.

Bei „Death in June“ und den zahlreichen Gruppen, die aus Abspaltungen entstanden sind oder im Orbit dieser Band kreisen (z.B. „Sol Invictus“, „Current 93″, „Sixth Comm“, „Strength through Joy“ etc.), ist es in keinem Fall eine ausformulierte Ideologie, die wirksam wird. Entscheidend ist vielmehr in jedem Fall das Transportmittel der Ideologie: der Stil. Verbindendes Element für diejenigen zahlreichen Kids der GothicSzene, die mit Faschismus nichts am Hut haben und gerade Skins oft als ihre ausgemachten Feinde erlebt haben, steht als verbindendes Element immer wieder der Bereich der Esoterik und des Okkultismus zur Verfügung. So erzählt Patrick O‘Kill ganz selbstverständlich von der schamanistischen Orientierung seiner Frau Amodali, ihren Experimenten mit Runenmagie und den Kontakten zur satanistischen ThelemaSekte. Bei all dem handelt es sich um allgemein akzeptierte Erscheinungen in der GothicSzene.

An dieser Stelle wird auch deutlich, daß Ecki Stiegs Vergleich mit den Hippies auch in Bezug auf die Esoterik hinkt. War deren Anrufung des Zeitalters des Wassermanns dazu gedacht, sich die Welt gut, sauber und hell zu lügen, als Rettung von allem Übel die allumfassende Liebe zu propagieren und alle Formen der weltlichen Herrschaft abzulehnen, so akteptiert das Denken der „Grufties“ nicht nur, daß die Welt kaputt, schlecht und verdorben ist, sondern begrüßt dies sogar als notwendigen Schritt, damit es einmal wieder besser werden kann. Nur das Akzeptieren und Ausleben auch der dunklen Seiten des Menschen bringe diesen voran auf dem Weg der Selbsterkenntnis und vervollkommnung. Die dabei bevorzugten satanistischen und heidnischen Kulte sind durchweg antiegalitär und basieren auf dem Führerprinzip. Der Sozialdarwinismus eines Boyd Rice wird zwar selten so explizit geäußert wie bei diesem, findet sich aber durchgängig im Denken der Szene verankert. So ist denn auch kein Vergleich zum „No future“ der Punks möglich. Im Gegensatz zu diesen sehen sich die Grufties als Elite. „Nur scheiße drauf zu sein genügt nicht.“, zitiert der „Stern“ in einem Report über Jugendkulturen ein Hamburger Gruftie. Diese weiter: „Grufties haben Stolz.“

So kann es nicht ausbleiben, daß diese Szene auch Resonanz in der Subkultur jugendlicher Neofaschisten außerhalb der Wahlparteien und des Spektrums der Militanten findet. So gehört zu den von der Band gegrüßten Personen auf der CD von „Blood Axis“ neben Peter Steele, dem Kopf, Sänger und Bassisten der sexistischen und rassistischen USBand „Typ ONegative“, eine gewisse Gerlinde Gronow. Diese gehört zum Umfeld der „Jungen Freiheit“, taucht dort zwar seit geraumer Zeit nicht mehr als Autorin auf, dürfte sich aber hinter dem Pseudonym „Gerhard Prinz“ verbergen. Hauptarbeitsgebiet von „Gerhard Prinz“ bei der „Jungen Freiheit“: die letzte Seite der Zeitung mit Berichten über Musik und Events aus dem DarkwaveBereich in Zusammenhang mit Esoterik und faschistischen Gedankengut. Dabei fällt auf, daß zahlreiche Exponenten der Szene sich nicht auf den musikalischen Ausdruck beschränken. So gab Michael Moynihan einige Zeit das Magazin „Fifth Path“ heraus, das Gerlinde Gronow als „Ausdruck einer neuen Rechten“ bezeichnet, und der Wiener Kadmon gibt ebenfalls eine Zeitschrift heraus und betätigt sich als bildender Künstler.

Auch Gerlinde Gronow selbst hatte zeitweise eine eigene Zeitschrift, „Scharlach“ genannt, publiziert, die die oben geschilderten Bands und deren Positionen zu popularisieren suchte. Der Anspruch der selbsternannten „89er“, eine geistige Elite zu sein, ein Anspruch, den ähnlich auch die Grufties haben, eine Position zwischen Carl Schmitt und Julius Evola, wird von Gronow offensiv vertreten: „Die meisten Kapitalisten sind nicht stark im eigentlichen Sinne sie herrschen, weil die Massen dumm und schwach sind, und nicht, weil sie als Beherrscher irgendeine besondere Stärke besäßen. Das gegenwärtige System basiert nicht auf der Vorstellung von einer Elite, sondern auf der Verflachung kultureller Werte.“ Auch sie bezieht sich explizit auf Julius Evola, Friedrich Nietzsche und Ernst Jünger. Den Satanisten Aleister Crowley lehnt sie ausschließlich deshalb ab, weil er auf den ShowEffekt ausgewesen sei. Schließlich stimmt sie auch der HitlerEsoterikerin Savitri Devi zu: „Savitri Devi war Hinduistin. In deren Mythologie hieß es, daß ein Weltenzerstörer kommen wird, dessen Aufgabe es ist, diese schlechte Welt oder den schlechten Zustand der Welt zu beenden. Der Weltenzerstörer war die Inkarnation eines höheren Gottes… Zumindest glaubt Devi, daß, wenn Hitler es nicht geschafft hat, noch Einer kommen wird.“

Heftig widersprochen wird Gronow in ihrer Einschätzung von Gruppen wie „Sol Invictus“ und „Blood Axis“ in einem Leserbrief an die „Junge Freiheit“ ausgerechnet von Willi Stasch, dem Inhaber des in Moers ansässigen Labels „Cthulhu Records“, der „Blood Axis“ und verwandte Gruppen veröffentlicht und jede Verbindung der Bands mit rechtem Gedankengut zurückweist. Ähnlich unwissend gibt sich der Vertrieb „Discordia“ (Willich), der in relativ kurzer Zeit von drei auf dreizehn Beschäftigte anwuchs. Ein Zeichen dafür, daß das Geschäft mit dem Weltuntergang floriert. So vermutet auch der Verkäufer eines Plattenladens ökonomische Gründe hinter der Tatsache, daß die o.a. Bands im Vertrieb von Discordia sind. „Death in June“, „Sol Invictus“ u.a. sind nämlich unter Vertrag beim britischen Vertrieb „World Serpent“. Würde sich Discordia weigern, bestimmte Platten des Programms abzunehmen, würde wahrscheinlich die Lizenz für die Bundesrepublik gekündigt. Discordia heißt zwar Zwietracht/Mißklang, aber so weit, daß sie sich geschäftsschädigend auswirken, will man die Mißklänge wohl doch nicht treiben. Da zeigt der Chef Klaus lieber Verständnis und wiegelt ab.

Ähnlich verständnisvoll verhält sich Rainer Ettler, Herausgeber des DarkwaveFanzines „Zillo“, gegenüber einem seiner Rezensenten, dem Bonner Peter Boßdorf, einem AltAktivisten der neofaschistischen Szene. Boßdorf ist seit Jahren für die „Junge Freiheit“ tätig, zunächst als Redakteur für den Bereich Wirtschaft, später vollzog er den Wechsel aus dem platt materiellen in den kulturellen Bereich. Im Abstand von einigen Wochen stellt er in dem nationalliberalen Blättchen unter der Überschrift „Neue Geräusche des Jahres“ Platten aus dem Bereich der Popmusik vor, besonders häufig und liebevoll die aus dem DarkwaveBereich. „Zillo“ bedankte sich außerdem für redaktionell Werbung für das Blatt in der „Jungen Freiheit“ (4/96) mit dem Abdruck einer Anzeige in seiner FebruarAusgabe. Die „Junge Freiheit“, die früher „eine konservative Revolution“ sein wollte, warb jetzt, dem Publikum angemessen, damit, „romantisch, anders, frei“ zu sein. Damit platzte Teilen der Szene der Kragen. Mehr als dreißig Labels verlangten eine Distanzierung von den rechtsextremen Verbindungen durch Blattmacher Ettler. Dieser sieht dafür allerdings keinerlei Anlaß.

Eigentlich kann ich ihm dabei nur zustimmen. Schließlich bestehen diese Zusammenhänge ja tatsächlich. Warum also etwas leugnen, was tatsächlich vorhanden ist? Nicht alle verhalten sich allerdings derart offen wie der den Traditionen des musikalischen Futurismus verpflichtete Franzose JeanMarc Vivenza, der bei einem Happening am 3. Mai 1990 in Paris an einer öffentlichung Zerstörung der Deklaration der Menschenrechte und von Werken Andy Warhols beteiligt war sowie anschließend als Vortragender bei einem Kolloquium des „Reseau Mafarka“ neben den beiden Exponenten der Nouvelle Droite Michel Marmin und Robert Steuckers wirkte.

Die Namensgebung „Reseau Mafarka“ geht zurück auf den Roman „Mafarka le futuriste“ des Mitbegründers des Faschismus Filippo Marinetti. Zur Verdeutlichung, was diese Namensgebung bedeutet, ein Zitat: „Als ich ihnen sagte: ‚Verachtet die Frau!‘, gebärdeten sich alle wie von einer Polizeirazzia aufgebrachte Bordellbesitzer und warfen mir triviale Beschimpfungen an den Kopf! Dabei bezweifle ich überhaupt nicht den animalischen Wert der Frau, sondern nur die ihr zugeschriebene Bedeutung der Gefühle. (…) Ich rief ihnen zu: ‚Laßt uns den Krieg verherrlichen!‘; seitdem malträtiert eine wahnsinnige Eishand des Grauens ihre Milz und schiebt sich geschickt in den klammen Magen und zwischen die dürren Rippen vor. Welcher Maler wüßte das blendende Grüngelb auf die Leinwand zu bannen, das ihre Wangen beseelt, wenn sie die Litaneien von der Weisheit der Nationen und der allgemeinen Abrüstung stammeln?“ Das, was Marinetti in seinem Roman propagiert, könnte er durchaus auch wie „Blood Axis“ den „Gospel of Inhumanity“ nennen.

So bezieht sich Vivenza zwar ganz und gar nicht auf das Mittelalter, sondern im Gegenteil auf die Moderne, ihre Geschwindigkeit und Industrialisierung, kommt aber ideologisch wie seine futuristischen Vorbilder zu den gleichen Schlußfolgerungen. Seine Musik nennt er auf gut französisch „Bruitismus“ . Bruitismus könnte als eine Mischung aus Ambient und Industrial bezeichnet werden. Für die unwissenden Alt68er unter den LeserInnen: Ambient ist in den (häufigeren) schlechten Momenten diejenige New AgeMusik, die der Psychotherapeut zur Unterstützung seiner Anweisung „Nun stellen wir uns mal eine grüne Wiese vor.“ benutzt, in den guten dagegen entstehen Werke wie Brian Eno’s „Music for Airports“. Jede Person, die einmal in der Werkhalle eines Industriebetriebes gearbeitet hat, weiß, daß die Maschinen dort eine sehr intensive Musik spielen können. In Deutschland griffen dies zuerst „Die Krupps“ mit ihrer Stahlwerksymphonie auf. Auch für den Industrial können durchaus die musikalischen Experimente des Futurismus als Vorbild gelten.

Diesen propagiert Vivenza denn auch unentwegt in seiner Zeitschrift „Volonté futuriste“, wobei der „Willen“ ein futuristisches Schlüsselwort ist, und als Referent bei den diversen „neu“rechten Gruppierungen wie den „Synergies Européennes“. Dafür, daß sein Wirken auch in Deutschland nicht völlig unbemerkt bleibt, sorgt wiederum der Willicher Vertrieb „Discordia“, der auch diese ideologischen Mißklänge zu schätzen weiß. Für Zwietracht/Discordia hat er damit unter den Musikfans bisher noch nicht gesorgt. Aktionen, wie die gegen die NaziskinBands vor einigen Jahren, sind ausgeblieben. Die CDs sind in fast jedem größeren Plattenladen mit IndependentAbteilung ohne Schwierigkeiten zu erhalten. Die deutsche, nationale Borniertheit führt wieder einmal dazu, daß als faschistisch nur das registriert wird, was dem Nationalsozialismus entspricht. So wird es wohl weiterhin Mißklänge/Discordia im DarkwaveBereich reichlich geben.

Anmerkung von Grufties gegen Rechts Bremen:

Trotz grundsätzlicher Übereinstimmung mit Jean Cremets Analyse müssen wir seinem pauschalen Urteil „daß der Stil der Subkultur der Darkwave Szene eine enge Verbindung zu Elementen der faschistischen Ideologie aufweist“ vehement widersprechen. Die Beschäftigung mit Tod und Zerstörung ist ebensowenig per se faschistisch wie romantische Natursehnsucht. Die Grenzen verlaufen an anderer Stelle an der Befürwortung oder Ablehnung des Gleichheitsgrundsatzes beispielsweise. Desgleichen sind heidnische Kulte desöfteren, aber nicht zwingend antiegalitär. Und schließlich sehen wir uns durchaus und nach wie vor in der Tradition des Punk, wobei wir die Frage, ob Punx grundsätzlich frei von elitärem Selbstverständnis sind, an dieser Stelle mal dahingestellt sein lassen wollen.

Quelle: Grufties gegen Rechts Bremen