Archiv der Kategorie 'Michael Moynihan'

Quo vadis Darkwave? Ästhetische Mobilmachung revisited

Vor fünf Jahren erschien der Sammelband »Ästhetische Mobilmachung«, der die musikalischen Genres des Dark-Wave, Neofolk und Industrial im Spannungsfeld rechter Ideologien thematisierte.

Kern der Kritik an der Szene ist, dass verschiedene Musiker und Szeneprotagonisten einem rechten Kulturpessimismus Vorschub leisten und als Gegenentwürfe anti-egalitäre, anti-demokratische und anti-modernistische Dichter und Denker präsentieren. Die Vermittlung erfolgt allerdings weniger über eine intellektuelle kognitive Ebene, als vielmehr über eine (neo-)romantische, ästhetisierte Gefühlsduselei mit esoterischen, naturellen und naturreligiösen Bezügen. Die Grufti- bzw. »Schwarze Szene« reagierte seinerzeit verhalten auf das Buch: Während sich die eher kritischen »Geister« mit dem Inhalt auseinandersetzten, tat es der rechte Flügel als »Übertreibung« und »Lügengespinst« ab.

Ambivalenzen

Eine der Grundthesen des Buches war schon 2002, dass der rechte Flügel der Darkwave-Szene kein Äquivalent zur Rechts- Rock-Szene mit deren Eindeutigkeiten darstellt. Vielmehr sind die Musik bzw. die Interpreten in ihrer ganzen Ambivalenz zu betrachten. Die von Julius Evola inspirierte Kritik an der Moderne im Song »Death of the West« von »Death in June« setzt etwa nicht zwingend voraus, dass der Kopf der Band, Douglas Pearce, Antisemit und Israel-Hasser sein muss. Andersrum macht der permanente Verweis auf seine Homosexualität aus ihm noch keinen Antifaschisten (für einige eingefleischte Fans scheint Pearce im Übrigen seit seiner aktiven Rolle im australischen Schwulen-Porno »Vignettes« (2006) passé).

Ebenso kritisiert wird bei der Wiener Band »Allerseelen« um Gerhard Petak unter anderem die 1995 veröffentlichte CD »Gotos=Kalanda«, die auf Gedichten des SS-Brigadeführers und Himmler-Beraters Karl Maria Wiligut (»Weisthor«) basiert und mit Bildern von der Wewelsburg und deren »schwarzer Sonne« gestaltet wurde. Der 2006 veröffentlichten Vinyl-Fassung fügte Petak nun das »Lied der Häftlinge« bei, das ein ehemaliger Häftling des Konzentrationslagers Wewelsburg um 1944 geschrieben hat. Doch diese posthume »Ambivalenz« verliert ihre Überzeugung angesichts dessen, dass bei »Allerseelen « Marcel Petri mitspielt, der ansonsten auch bei »Von Thronstahl« und »Halgadom« involviert ist – letztere ist die Band von Frank Krämer, einem Mitglied der Nazi-Rock-Band »Stahlgewitter«.

Status Quo

Der rechte Rand der »Schwarzen Szene« zeigt sich nach wie vor insbesondere im Industrial und Neofolk, den heute in Deutschland vor allem »Orplid« repräsentiert. Die Band um Uwe Nolte und Frank Machau aus Halle an der Saale scheint nach wie vor voller Elan. 2006 erschien auf »Auerbach Tonträger« ihr achter Tonträger mit dem Titel »Sterbender Satyr« und jüngst veröffentlichte Nolte auf seinem Label »NolteX« alte Aufnahmen der Band sowie des frühen Parallelprojekts »Rückgrat«.

Musikalisch wirkt er unter anderem bei »Sonnentau « und »Barditus« mit. Machau indes debütierte 2005 mit seinem Soloprojekt »primus inter pares« beim Dresdener Label »Eis & Licht«, nach wie vor eine der bekanntesten Adresse für Neofolk. Aus Halle stammt auch die Gruppe »Leger des Heils« von Mario Ansinn, deren Namen sich auf eine niederländische christliche Heilsarmee bezieht und deren jüngste CD »Gloria« ebenso auf dem Dresdener Label von Stephan Pockrandt erschien. Bis 2000 hatte der die Zeitschrift »Sigill« herausgegeben und bis 2003 das Folgeprojekt »Zinnober«, das dann in die Hände von Dominik Tischleder überging und nach zwei Ausgaben eingestellt wurde. Die für Neofolk-HörerInnen entstandene Lücke füllten zwischenzeitlich nur bedingt die Zeitschriften »Black« und »Ikonen«, bis im Dezember 2006 die erste Ausgabe des Magazins »Zwielicht« erschien: »Sie ist unsere Antwort auf die uns allesamt langweilenden Musikmagazine in Internet und Zeitschriftenhandel«, schreibt Pockrandt in einer »Eis & Licht«-Rundmail. Während »Sigill« offensiv strittige Symbole abgebildet hatte und sowohl »Sigill« als auch »Zinnober« zur weltanschaulichen Bildung der Szene beitrugen, präsentiert »Zwielicht« zwar wie gehabt Interviews mit teils einschlägig bekannten Bands und rezensiert die entsprechenden Platten, doch fehlen mehr oder weniger eindeutige programmatische Einlassungen.

Im Szene-Mainstream wird neofolkloristische Musik vor allem in »Zillo« gefeatured und seit vergangenem Jahr in der »Szene-Bravo«, dem »Orkus«- Magazin. Nach und nach publizierte das Magazin Interviews oder Berichte über Bands wie »Der Blutharsch«, »Death In June« oder »Allerseelen« und präsentierte sie teilweise auf der CD zum Heft. Die Industrial-Bands vom rechten Rand der Szene, die auf strittige Symbole, markige Worte, militantes Auftreten und militaristischen Gestus setzen, fehlen indes noch. Musik von »NON«, »Genocide Organ« oder »The Grey Wolves« bricht wohl doch zu sehr mit den gängigen Hörgewohnheiten der LeserInnen. Um so mehr erstaunt, dass im Shop vor allem CDs des österreichischen Labels »Steinklang« angeboten werden, darunter die polnische Band »Cold Fusion«: »45 Minuten wunderschöner symphonischer Marschmusik… «, heißt es in der Kurzbeschreibung. Ihre Musik, eine Mischung aus Neo-Klassik und Militärmusik im düsteren Arrangement wird neuerdings als »Military Pop« bezeichnet.

Ihren Vorläufer findet die Stilistik bei »Laibach«, Les Joyaux De La Princessederen militaristisches Moment bereits das Projekt »Puissance« des schwedischen Duos Fredrik Söderlund und Henry Möller Mitte der 1990er Jahre in den Mittelpunkt rückte. Unter dem Namen »Arditi« steigerten sie das Militaristische ins Absolute und vermengten es mit offensichtlich affirmativer Faszination für den Faschismus. Anleihen nehmen die heutigen Bands auch bei der französischen Formation »Les Joyaux De La Princesse« von Erik Konofal, der seine Begeisterung für die nationalistische Rechte nie sonderlich kaschierte. Als »Military Pop« gelten ferner Gruppen wie »Allerseelen«, »Triarii« (Berlin), »A Challenge Of Honour« (Niederlande) und »Dernière Volonté« (Frankreich). Letztere konnten sich auf dem jüngsten »Wave-Gotik-Treffen« (WGT) zu Pfingsten in Leipzig präsentieren. Nach wie vor tummeln sich dort rechte Fans, teilweise auch Autoren der »Junge(n) Freiheit« oder Aktivisten der NPD. Doch längst nicht jeder Besucher, der Camouflage trägt, ist auch ein Rechter oder Neonazi.


It´s still the same old story

»Diese Szene rekurriert auf dezidiert europäische Kulturtraditionen«, erklärte Peter Matzke, Sprecher des WGT, im Interview mit der »Junge(n) Freiheit« im Juni 2003, »sie lebt etwas, das vor allem der nordeuropäischen Mentalität und Denkart entgegenkommt.« Einschränkend fügt er hinzu, dass die »Szene […] an sich apolitisch [ist] – insofern, als dass sich kein politischer Meinungs- Mainstream ergibt, der in das gängige Politikmodell eingeordnet werden könnte. Allerdings«, betont er, »ist die weitgehende Ablehnung des Wertesystems der europäischen und amerikanischen Wohlstandsgesellschaft in meinen Augen eine hochpolitische Aussage.« Diesem ablehnenden Gefühl, dem Zweifel an der Moderne und der daran anknüpfenden Suche nach Alternativen versuchen die Künstler und Szene-Protagonisten vom rechten Rand eine Richtung zu geben. Der italienische Kulturphilosoph und Vordenker des italienischen Faschismus, Julius Evola, ist nach wie vor en vogue in der Szene, wie die 2006 veröffentlichte Split-CD der US-amerikanischen Band »Changes« und »Allerseelen« zeigt. Deren Titel »Men among the ruins« ist die englische Übersetzung des Evola-Werkes »Menschen inmitten von Ruinen«.

Mit dem französischen Schriftsteller und Faschisten Pierre Drieu la Rochelle setzte sich »Dernière Volonté« auseinander. Das chilenische Projekt »Der Arbeiter« zeigt sich indes inspiriert vom »esoterischen Hitleristen« Miguel Serrano, während sich der Titel des »Barditus«-Albums »Die letzten Goten« auf einen Abschnitt aus dem Roman »Ein Kampf um Rom« von Felix Dahn bezieht. Dahn gilt als einer der wichtigen Romanciers völkischen Gedankenguts des späten 19. Jahrhunderts. Und die Compilation »Die Geburt des Jahrtausends«, 2003 auf »Steinklang« verlegt, erschien in »Gedenken an Kurt Eggers und Ludwig Fahrenkrog«. Ersterer war während des Nationalsozialismus zunächst Dichter und Autor völkischer Literatur und im Krieg Panzerkommandant bei der Waffen-SS. Fahrenkrog gehörte zu den Völkischen und gründete 1912 die »Germanische Glaubens-Gemeinschaft«.

»Jenseits von Sieg und Niederlage eint uns der Wille und die Vision. Wir marschieren gegen den Geist der Zeit, Ausbeutung, Egoismus, Korruption. Wir tragen die Erde unserer Ahnen, mit ihrer Kraft sind wir verbunden. Wir tragen die Erde unserer Ahnen, für Europas neue Sternstunde. Wir tragen die Erde unserer Ahnen, denn sie ist unser Erbe. Wir tragen die Erde unserer Ahnen, auf dass es morgen werde!«, singen »Belborn« auf einer gemeinsamen CD mit »Rose Rovine e Amanti« 2006 mit Blick auf die »Eiserne Legion« des rumänischen Faschistenführers Corneliu Zelea Codreanu. Und im »Hagal«-Magazin betonte Michael Moynihan von »Blood Axis« im vergangenen Jahr, nachdem er auf die »Referenzen« seiner Musik angesprochen wurde: »Im weitesten Sinne gilt unser Bekenntnis dem indo-europäischen Raum, und hierin besonders den germanischen und keltischen Völkern, deren Blut noch immer in unseren Adern strömt. Ich habe vor jedem Respekt, der treu zu den Traditionen seiner Ahnen steht, was in diesem Zeitalter der Atomisierung und Anomie selbst schon zunehmend als ketzerisch gilt«.

Wiederbelebte und gerufene Geister »Ein großes Verdienst dieser Jugendkultur ist es sicherlich, das Interesse jüngerer Generationen für jene Ideen geweckt zu haben, die in der One-World keinen Platz mehr haben dürfen, nämlich das Wissen um das Heimatgefühl, die Riten und Traditionen, die Volksseele, das Europa der Vaterländer. Diese Kunstgattung transportiert jene Inhalte besser, weil spielerisch, als jede Vortragsreihe eines Theoretikers«, urteilte Brynhild Amann im Herbst 2006 begeistert in der österreichischen Zeitung »Neue Ordnung«. Sie muss es wissen: Hinter dem Pseudonym steht die ehemalige Sängerin des Duos »The Moon lay hidden beneath a Cloud«, das sich 1998 auflöste.

Pathos und Hang zu großen Worten, blutharschKulturpessimismus und Verherrlichung des Vergangenen sowie Begeisterung für die so genannten »Männer der Tat« faszinieren aber nicht nur die »Grufties« am rechten Rand der Szene. An der Kasse des »Blutharsch«- Konzerts im April 2006 saß Hartwin Kalmus, Betreiber des RechtsRock-Label »Ragnarök Records«, ehemaliger Vize von »Blood & Honour« Baden und angeblich »zweiter Chef« der vermuteten Nachfolgeorganisation »Division 28«. Auf den Rezensionsseiten des Magazins »Hier & Jetzt« der »Jungen Nationaldemokraten « werden mehr Darkwave-Scheiben besprochen als RechtsRock-Produkte und seit Jahren schon berichtet die NPD-Postille »Deutsche Stimme« regelmäßig über das WGT, auf dem vor ein paar Wochen auch wieder der »Verlag und Agentur Werner Symanek« mit einem Verkaufsstand präsent war.

Nachdem aber dieses Jahr Festivalbesucher mit einschlägigen Band-T-Shirts, SS-ähnlichen Uniformen und »Thor-Steinar«-Klamotten angegangen wurden, stellte der NPD-Landtagsabgeordnete Jürgen Gansel knapp vier Tage später eine »Kleine Anfragen zu linksextremistischen Überfällen auf Konzertbesucher« im sächsischen Landtag. Sein Ärger rührt wohl noch von dem im letzten November durch antifaschistische Öffentlichkeitsarbeit verhinderten Konzert von »Sagittarius« und »Shava Sadhana« her, das im Haus der Burschenschaft »Dresdensia-Rugia« in Gießen stattfinden sollte, zu deren »Alten Herren« er gehört. Beworben wurde die Veranstaltung mit dem Titel »Wolfstanz« vor allem von »Neo: Form«, dem »Portal für konservative Musik« von Mirko Peters von der »Alten Breslauer Burschenschaft der Raczeks«.

Am rechten Rand der »Schwarzen Szene« hat sich ein illustrer Kreis etabliert. In München tummelten sich gar Aktivisten der Kameradschaft »Autonome Nationalisten München« wie selbstverständlich im lokalen Szenetreff »Club Millenium«. Selbst der örtliche Führungskader Hayo Klettenhofer eckte mit seinem SS-Generalsmantel nicht an.

von Christian Dornbusch

dieser Artikel erschien im Rechten Rand Nr.107, Juli / August 2007

Quelle: Turn it down

Kirlian Camera in Sachsen

Kirlian Camera zählen zu den bekanntesten Bands aus dem rechten Neofolkspektrum. Die Tour anlässlich ihrer neuen CD soll sie nach Meissen und Görlitz führen.

Konzerte am Rechten Rand
- am 10. und 11. Februar spielen KIRLIAN CAMERA in Sachsen -
eine Kurzmitteilung der antifa2005

Wenn die italienische Band Kirlian Camera die zwei einzigen Konzerte in Deutschland während ihrer aktuellen Tournee am 10. Februar im Luisenkeller zu Görlitz und tags darauf in der Meissener Hafenstraße geben wird, werden unter den Gästen nicht nur musikbegeisterte Grufties, Gothics und DarkWaver sein.

Auch eine ganze Reihe von Aktivistinnen und Aktivisten des extrem rechten Neofolksspektrums wird sich einfinden und sofern die Band ihr Lied „U-Bahn V.2 HEILIGENSTADT“ spielen wird, auch der hier gesampelten Rede von Corneliu Codreanu lauschen. (CD Kirlian Camera: Todesengel. The Fall Of Life. 1991)


the first…

Codreanu war Begründer und Führer der faschistischen „Legion Erzengel Michael“ in Rumänien, die sich später „Eiserne Garde“ nannte. Die extrem rechte Vereinigung beging Feme-Morde und war insbesondere durch ihren aggressiven Antisemitismus berüchtigt geworden. (vergl. Informationsdienst gegen Rechtsextremismus: www.idgr.de)
Innerhalb der rechten Darkwaveszene besitzt Codreanu Kultstatus
Konsequenterweise waren Kirlian Camera neben anderen einschlägigen Projekten vertreten auf dem geplanten Codreanu-Gedenk-Sampler „Erinnerung an den Kampf – official release of the commandants and generals of the iron guard“ – Das Begleitbuch sollten u.a. Texte des
italienischen Faschisten Julius Evola und des deutschen Nationalisten Ernst Jünger ergänzen. (vergl. Dornbusch/Raabe:RechtsRock. Bestandsaufnahme und
Gegenstrategien. Münster 2002)

the second…

Für ein gemeinsames Konzert von Kirlian Camera im Sommer 2000 in Kassel mit Kapo!, Ostara (vormals strength through joy), Les Joyeaux De La Princesse, Death in June sowie Aurum Nostrum – allesamt rechts zu verortende Bands – warb u.a. die Freie Nationale Jugend Celle. (Speit: Ästhetische Mobilmachung. Münster 2002)
Das wundert nicht, sind Kirlian Camera doch bekannt für ihre Auftritte mit Dia- und Videoinstallationen, bei denen dann auch mal Hakenkreuze und Szenen aus dem Dritten Reich im Hintergrund über die Leinwand flackern, davor der schwarz uniformierte Sänger der Band.

the third…

Mit dem Nebenprojekt Stalingrad beteiligte sich Kirlian Camera an einem Gedenk-Sampler für Josef Thorak, einem der relevantesten nationalsozialistischen Bildhauer. Das Lied „er Letzte Flug“ ist benannt nach einer gleichnamigen Statue Thoraks, welche eine Frau mit ihrem toten Sohn im Arm darstellt.
„Der durch die Verbindung des Namens Stalingrad mit der Plastik Der Letzte Flug zustande kommende Interpretationsrahmen meint weniger den tragischen Tod eines einzelnen Menschen als den „Opfergang“ der Wehrmachtssoldaten. (…) Es ist der Schmerz der Täter,
das Leid der Opfer bleibt in dem Song unerwähnt, sodass er ein Trauergesang für den „gefallenen Helden“, für den „Opfergang für Volk und Vaterland“ ist. (Speit: Ästhetische
Mobilmachung. Münster 2002)
Natürlich, wie symptomatisch für die rechte DarkWaveszene, versucht auch Kirlian Camera beständig die Kritiken zu relativieren, es handele sich vielmehr um Kunst, Ästhetik, und überhaupt sei man doch unpolitisch.

the fourth…

Die Hafenstraße Meissen gilt als eher alternativ geprägter Klub. Nichtsdestotrotz konnten dort schon einmal im November 1998 offen agierende Neonazis auftreten. Organisiert vom Dresdner Szeneverlag EisLicht fand ein Konzert der US-Amerikanischen Band Blood Axis statt.
Dessen Kopf Michael Moynihan macht keinen Hehl aus seiner Meinung: „Einerseits denke ich, daß die Zahl 6 Millionen nur zufällig und ungenau und wahrscheinlich eine große Übertreibung ist. Ich habe revisionistische Bücher gelesen, die gut gegen den Holocaust-‘Kanon‘ argumentieren, und selbst die jüdischen Historiker verändern fortwährend ihre Ansprüche. Doch mein Hauptproblem bezüglich der Revisionisten ist, daß sie von der Annahme ausgehen, das Töten Millionen unschuldiger Menschen sei als solches ‚böse‘. Mehr und mehr neige ich zur entgegengesetzten Schlußfolgerung. Ich geriete nicht aus der Fassung, wenn ich herausfände, daß die Nazis jede ihnen zugeschriebene Grausamkeit begangen hätten – ich zöge es vor, wenn es wahr wäre.“ (In einem Interview mit No Longer A Fanzine, zitiert nach Alfred Schobert:
Heidentum, Musik und Terror in Junge Welt, 18.4.1997)

the end …

Wir halten den geplanten Auftritt von Kirlian Camera nicht für einen fauxpas der Hafenstraße Meissen und des Luisenkeller Görlitz. Konzertveranstaltungen mit solchen Bands sind Podien für die Darstellung einer martialischen maskulinen, faschistoiden Ästhetik unter Verwendung entsprechender Symbolik.

Wir werden dem etwas entgegenzusetzen wissen.

antifa2005 at web.de

Quelle: Indymedia

Offener Brief gegen rechtes Darkwave-Konzert

Für den 16. April 2005 hatte die Rosenheimer Discothek Blackout ein Konzert der rechten Darkwave-Band Allerseelen angekündigt. AntifaschistInnen aus Rosenheim wanten sich in einem offenen Brief an das Blackout und die Öffentlichkeit, in dem sie über die Aktivitäten und den extrem rechten Hintergrund der österreichischen Band informierten. Wir dokumentieren im Folgenden den Offenen Brief:

Infogruppe Rosenheim,
Oberaustr. 2 , 83026 Rosenheim
infogruppe-rosenheim@web.de
www.infogrupperosenheim.tk

Offener Brief

An das
Blackout
Am Rossacker 7, 83022 Rosenheim
info@club-blackout.de
Tel.: 08031/380328

Nachrichtlich an:
+ Regionale Presse
+ Lokale Parteien, Organisationen, Initiativen und Einzelpersonen

Rosenheim, 14.03.05

Betr.: Rechtsextremes Konzert im Rosenheimer Club „Blackout“?

Laut Ankündigung auf Ihrer Homepage soll am 16. April 2005 in Ihrem Club „Blackout“ in Rosenheim ein Konzert mit der österreichischen Dark-Wave-Band „Allerseelen“ stattfinden. Da wir davon ausgehen, dass das blackout kein Interesse daran hat Faschisten eine Plattform zu bieten, wollen wir Sie, mit diesem offenen Brief, über den rechtsextremen Charakter dieser Band informieren und Sie gleichzeitig dazu auffordern, dieses Konzert abzusagen.

Die Band Allerseelen wurde 1989 von dem Wiener Gerhard Petak, alias Kadmon, der aktuell – nach eigenen Angaben – im Raum Berchtesgaden wohnt, gegründet und seitdem maßgeblich geprägt. Nach Einschätzung von Alfred Schobert, Mitarbeiter des „Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung“, gehen die „Pioniertaten (Petaks; Anm. Infogruppe) über die Rehabilitierung faschistischer Symbolik hinaus. Er rehabilitiert komplette nazistische Ideolgiebestände.“ So vertonte Petak beispielsweise auf der CD „Gotos-Kalanda“ einen Gedichtzyklus des Karl Maria Willigut, der bis 1938 maßgebliches Mitglied des SS-Ahnenerbes war und der den SS-Totenkopfring entworfen hatte. Willigut wird entkontextualisiert – die SS als verbrecherische Organisation erscheint bei Petak nicht – als bewundernswerter „Geschichtsforscher“ und Runendichter dargestellt. Weitere von Petak angepriesene „Persönlichkeiten“ sind Leni Riefenstahl, Ernst Jünger, Otto Rahn, ebenfalls Mitglied im SS-Ahnenerbe, und der rumänische Faschist Corneliu Z. Codreanu, der in den 1920er und 1930er Jahren Mitbegründer und Führer der extrem antisemitischen Eisernen Garden war. In Lieder von Allerseelen baut Petak auch Gesänge und Märsche der Eisernen Garde bzw. eine Rede Codreanus ein.

Die Band veröffentlichte bis dato mehrere CDs, sog. Split-Singles und beteiligte sich an diversen Samplern, die der Hommage an verschiedene „Persönlichkeiten“ dienen sollten. Genannt seien hier Sampler zum Gedenken an Leni Riefenstahl, der vom rechtsextremen, (vom Verfassungsschutz beobachteten) VAWS-Verlag produziert wurde, an Ernst Jünger oder an den italienischen faschistischen Theoretikers Julius Evola. Eine Rezension dessen Buches „Den Tiger reiten“ von Gerhard Petak in der rechtextremen Berliner Wochenzeitung „Junge Freiheit“ ist als nichts anderes als eine Ehrerbietung an den Autor Evola zu werten. Dieser Evola empfahl im Jahr 1928: „Wir machen Schluss mit jeder Schwäche, mit jeder Nachsicht gegenüber allem, was von der semitisch-christlichen Wurzel herkommt. Anti-Europa, Anti-Semitismus, Anti-Christianismus, das ist unsere Losung.“

Gemeinsam mit der amerikanischen Formation „Blood Axis“ um den Rechtsextremisten Michael Moynihan veröffentlichte Allerseelen im Jahr 1998 die Split-Single „Käferlied/ The March of Brian Boru“. Dieser Moynihan berichtete in einem Interview mit dem Magazin „No longer a Fanzine“: „Einerseits denke ich, dass die Zahl 6 Millionen nur zufällig und ungenau und wahrscheinlich eine grobe Übertreibung ist. Ich habe revisionistische Bücher gelesen, die gut gegen den Holocaust- ‚Kanon’ argumentieren, und selbst die jüdischen Historiker verändern fortlaufend ihre Ansprüche. Doch mein Hauptproblem bezüglich der Revisionisten ist, dass sie von der Annahme ausgehen, das Töten Millionen unschuldiger Menschen sei als solches ‚böse’. Mehr und mehr neige ich zur entgegengesetzten Schlussfolgerung. Ich geriete nicht aus der Fassung, wenn ich herausfände, dass die Nazis jede ihnen zugeschriebene Grausamkeit begangenen hätten – ich zöge es vor, wenn es wahr wäre“.

Kritik an seiner Ideologie, die er mit seiner Musik transportiert, vergleicht Gerhard Petak alias Kadmon mit der Judenverfolgung im Dritten Reich. So formulierte er in einem Szene-Magazin: „Offenbar braucht jede Kultur ein Hexenmal, einen Judenstern. (…) Heute ist der Faschismusvorwurf gegen die industrielle Musik und Dark Wave ein Judenstern. (…) Die Judensterne sehen heute anders aus, es sind ariosophische völkische Zeichen, Runen, Thorshammer, Kruckenkreuz, Hakenkreuz.“ [Black 14/1998]

Zusätzlich neben der Band Allerseelen nutzte Gerhard Petak die Zeitschrift „Aorta“, die er später in „Ahnstern“ umbenannte als Möglichkeit, um seine Ideologie zu verbreiten. In den beiden Publikationen findet sich ein obskurer Mix aus Heidentum, Nazi-Esoterik und völkischem Denken. Neben Huldigungen an die bereits genannten Julius Evola und Corneliu Z. Codreanu, veröffentlichte Petak hier u.a. Artikel über sog. Flugscheiben, die als „geheime Wunderwaffen“ der Nazis verklärt werden. Nach gerade in rechtsextremen Kreisen weit verbreiteten Theorien seien diese Flugscheiben u.a. in Neuschwabenland, einem Gebiet in der Antarktis, das in den Jahren 1938 und 39 Ziel einer SS-Expedition gewesen ist, stationiert worden. Eine „Rest-SS“ hätte sich bis 1955 in Neuschwabenland aufgehalten. „Neuschwabenland“ ist im Übrigen auch der Titel einer Allerseelen-CD. Gerade die Tatsache, dass der vermeintliche Konstrukteur dieser Nazi-Flugscheiben mit dem mittlerweile verstorbenen Andreas Epp ein Rosenheimer gewesen soll [siehe u.a. Oberbayerisches Volksblatt vom 22.12.2004, S. 12], erscheint das Konzert von Allerseelen bzw. von Gerhard Petak samt seines Faibles für Neuschwabenland und Flugscheiben in Rosenheim in einem ganz besonderen Licht.

In der Publikation „Musik-Mode-Markenzeichen“ des nordrhein-westfälischen Verfassungsschutzes wird Gerhard Petak mit seiner Band Allerseelen selbst erwähnt. Petak, außerdem Autor in diversen rechtsextremen Theorieorganen, wie „Staatsbriefe“, „Opposition“ und „Junge Freiheit“, wird eine „Affinität zum Rechtsextremismus“ attestiert. Weiter heißt es hier, dass „Allerseelen“ einer der Bands dieses Musikgenres sei, die seit Anfang der 1990er Jahre „NS-Symbolik aufgegriffen und positive Bezüge zu Leitfiguren des Rechtsextremismus hergestellt“ habe.

Die Band Allerseelen um ihren Kopf Gerhard Petak ist einer der führenden Protagonisten, die das Musikgenre Dark Wave nutzen um ihre rechtsextreme Ideologie zu transportieren. Seit Anfang der 1990er Jahre ist in der Dark-Wave-Szene, aber auch in anderen Subkulturen, zu beobachten, dass neu-rechte Akteure bemüht sind, ihre rechtsextreme Ideologie zu verbreiten. Ansatzpunkte in der „schwarze Szene“ sehen diese durch angeblichen Mystizismus, Irrationalismus sprich Heidentum und Esoterik, Anti-Modernes-Denken, das sich in positiven Bezügen auf Mittelalter und Romantik äußert, und letztendlich durch ein in der Szene weit verbreitetes elitäres, antiegalitäres Selbstverständnis. Auch in diversen Verfassungsschutzberichten der letzten Jahre wurde auf diese Ausbreitungsversuche in der Dark-Wave-Szene mit Besorgnis hingewiesen. So heißt es beispielsweise im Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen aus dem Jahre 2003, dass „der Versuch, Musik mit rechtsextremistischen Inhalten oder mit einem solchen Hintergrund in einer Subkultur zu verankern, nur in solchen Bereichen Erfolg versprechend (sei), wo Anknüpfungspunkte und Schnittmengen mit rechtsextremistischem Gedankengut und Symbolen feststellbar sei. Die Jugendszenen des Black Metal und des Dark Wave können Anknüpfungspunkte und Schnittmengen mit rechtsextremistischem Gedankengut bieten.“ [VS-Bericht NRW 2003, S. 40]

Vor dem Hintergrund dieser hier gelieferten Informationen über die Band Allerseelen fordern wir Sie – die Betreiber – des Club „Blackout“ auf, das Konzert mit Allerseelen abzusagen. Vorbild können hier die Vermieter – das Hotel Hilton – eines Veranstaltungsortes in der Bremer Innenstadt sein, die ein Konzert mit den Bands Allerseelen und Belborn aus Rosenheim kurzfristig, nachdem sie über den Charakter dieses „Events“ informiert worden sind, abgesagt haben.

Mit freundlichen Grüßen

i.A, Michael Kurz

AK Antifaschismus Rosenheim
GEW (Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft) Jugendvertretung
Grüne Jugend Rosenheim (www.gruene-jugend-rosenheim.de)
Infogruppe Rosenheim (www.infogrupperosenheim.tk)
Trümmernacht (www.truemmernacht.com)

Quelle: a.i.d.a.

»Wir sind hier!«

Dark Wave als kulturavantgardistische Kameradschaft

Anfang der neunziger Jahre bricht die Assoziationskette Subkultur-Subversion-Links in sich zusammen. Im Outfit des Mobs von Rostock-Lichtenhagen finden sich jetzt auch Style-Versatzstücke und Codefragmente verschiedener vormals links besetzter Subkulturen: Der Nazi-Riot markiert – durch optische Präsenz von Basecaps, Piercings und Kapuzenpullis, unterlegt mit technoiden Beats – das Ende vermeintlich eindeutiger subkultureller Grammatik, was die zunehmende Fragwürdigkeit politischer Zuschreibungen außerhalb der konkreten Praxis der Akteure anzeigt.

Verschiebungen in der subkulturellen Grammatik sind kein reines Oberflächenphänomen, das quasi den »Core« der die Symbole liefernden Subkulturen unberührt lässt, sie sind Ausdruck eines politischen Vorzeichenwechsels in den Subkulturen selbst – die »Kids« sind schon längst nicht mehr »allright«. Oft hat sich durchgesetzt, was im neurechten Diskurs in einer verkürzten Gramsci-Rezeption als »kulturelle Hegemonie von rechts« verhandelt wird. Prototypisch für diesen Prozess sind auf verschiedene Weise die Entwicklungen in der sogenannten Dark-Wave-Szene.

Seit Beginn der neunziger Jahre arbeitet ein reanimiertes Zerfallsprodukt von Punk, der sogenannte »Gothic« resp. »Dark Wave« – ausgehend von Roots in der britischen New-Wave-Culture – am Tatort Deutschland an seiner konsequenten Germanisierung. Während in einer anderen, ebenfalls von New Wave ausgehenden Linie, z. B. im Umfeld disko b / Gigolo-Label, Acts wie »Chicks on Speed« oder »Zombie Nation« versuchen, an der Schnittstelle von Club und Subversion zu arbeiten, wird hier – unter Anrufung spezifisch deutscher ästhetischer Traditionen – Popkultur aus ihrem internationalen Kontext gerissen. Eklektizistisch wird im Fundus der reaktionär-bildungsbürgerlichen Kultur gewühlt, ausgegraben werden Versatzstücke aus Romantik und Symbolismus oder es wird, das Martialische betonend, unbeschwert von Leni Riefenstahl bis Marinetti zitiert, wie Martin Büsser skizziert: »Erträumt wird ein altes Europa das konturlos mal bei nordischen Göttern, mal in einem romantischen Kloster, mal Minnelied und mal in Gestalt eines Feldherrn gesichtet wird, stets Relikt eines zusammengebrochenen Systems, stets betrachtet aus dem Blickwinkel, der mit dem Ruinösen liebäugelt […] Nationalmythos statt Universalgeschichte.« (Martin Büsser: »Lichtrasse und Wälsungenblut«, in: Testcard 4 / 97).

In den Ergüssen von Bands wie »Mozart«, »Das Ich« und »Goethes Erben« tritt der eigene Avantgardeanspruch dann allerdings mehrfach in / mit schwerer Fraktur zu Tage. Immerhin, und das ist in dieser Szene alles andere als selbstverständlich, versuchen sich die genannten Gruppen – wenn auch ästhetisch fragwürdig gepackt – gegenüber den im weiteren skizzierten Entwicklungen am antifaschistischen Statement.

Während die Nazi-Skin-Kultur durch ihre eindeutige politische Verortung jedem Neueinsteiger eine Entscheidung hinsichtlich des politischen Standpunktes abverlangt, müssen Mr. und Mrs. Gothic sich nicht gleich politisch festlegen. Das Verbindende ist nicht die politische Anschauung, sondern ein diffuses »schwarzes« Lebensgefühl. Gerade dieses Lebensgefühl ist aber in seinem antimodernen Gestus und der romantischen Verklärung der Vergangenheit an sich schon alles andere als emanzipatorisch, damit aber auch zugleich offen für (neu)rechtes Overwriting.

So begegnet die Szene der immer offensichtlicher werdenden Rechtsorientierung zumeist mit einer sich als »Toleranz« ausgebenden stillschweigenden Akzeptanz. Niemand scheint sich über Bandnamen wie »Feindflug«, »Rasthof Dachau«, »Der Blutharsch« oder Songtitel wie »Against the Modern World«, »Der SIEG des Lichtes ist des Lebens HEIL« oder »Rose Clouds of Holocaust« zu wundern. Geleistet wird hier, was Alfred Schobert als »kulturelle Drecksarbeit für den politischen Hardcore« bezeichnet; bebildern lässt sich diese These mit dem in vielen Szene-Magazinen als ausgesprochen sympathisch gehandelten Michael Moynihan, Kopf von »Blood Axis«: »Einerseits denke ich, daß die Zahl 6 Millionen nur zufällig und ungenau und wahrscheinlich eine grobe Übertreibung ist. Ich habe revisionistische Bücher gelesen, die gut gegen den Holocaust-‘Kanon‘ argumentieren, und selbst die jüdischen Historiker verändern fortwährend ihre Ansprüche. Doch mein Hauptproblem bezüglich der Revisionisten ist, daß sie von der Annahme ausgehen, das Töten Millionen unschuldiger Menschen sei als solches ‘böse‘. Mehr und mehr neige ich zur entgegengesetzten Schlußfolgerung. Ich geriete nicht aus der Fassung, wenn ich herausfände, daß die Nazis jede ihnen zugeschriebene Grausamkeit begangen hätten – ich zöge es vor, wenn es wahr wäre« (Michael Moynihan, in: No Longer A Fanzine) Auch wenn manche Grufties das vielleicht »ein bisschen zu krass« finden mögen, ist es doch ein Bestandteil der Szenekultur, im Zweifelsfall wird eben die szeneinterne »Solidarität« strapaziert. Niemand käme auch nur im Traum auf die Idee, Veranstaltungen wegen rechter Inhalte zu boykottieren geschweige denn anzugreifen.

Einher geht die Rechtsbewegung mit einer immer stärker werdenden Rückbesinnung auf die deutsche Sprache, die sich nicht nur in der Musik zeigt: Derzeit scheint es besonders angesagt zu sein, jegliche Anglizismen und Latinismen auf Flyern durch Eindeutschungen zu ersetzen. Das Internet wird zum »Weltnetz«, das Telefon zum »Fernruf«, das Fax zum »Fernbild«, die CD zur »Lichtscheibe« und die Musik schließlich mutiert zur »Tonkunst«.

So ist es denn auch kein Zufall, dass organisierte Neofaschisten ausgerechnet diese Szene für sich entdeckt haben, bietet sie doch in vielerlei Hinsicht ideale Bedingungen für den (neu)rechten »Kulturkampf«, wie es Roland Bubik in der Jungen Freiheit bereits vor einigen Jahren zu erkennen glaubte: »Wenn das Mystische und das Irrationale, der Wunsch nach antiaufklärerischer Innenschau und gelebter Transzendenz ihre Stimme in der Jugendkultur finden, ist der ästhetische Konsens des Westens durchbrochen. Wenn die Bezugspunkte Mittelalter und deutsche Geisteskultur darstellen statt ‘Love and Peace‘, wenn die Seele gegen den Intellekt ins Feld geführt wird – dann schneidet sich ein Keil in das Establishment oberflächlicher Beliebigkeit.« (JF 4 / 96, zitiert nach: Alfred Schobert: »Aufstand gegen die Moderne«, in: SPEX 5 / 96)

Die praktische Umsetzung dieses »Kulturkampfes« wird alljährlich auf dem »Wave-Gotik-Treffen« in Leipzig vorgeführt. Dieses Festival hat sich mittlerweile zu dem Event der »schwarzen Szene« entwickelt; mit schätzungsweise 25 000 Besuchern ist es aber schon längst kein Insidertip mehr. Jedes Jahr zu Pfingsten prägt es für gut vier Tage das Leipziger Stadtbild. Mehrere Großhallen des Messegeländes bilden den zentralen Veranstaltungsort. Darüber hinaus werden zahlreiche Orte im gesamten Stadtgebiet einbezogen: Die meisten Leipziger Diskotheken richten während des Festivals Dark-Wave-Parties aus. Die Stadt stellt für die Veranstalter neben Messegelände und verschiedenen Parks auch das Völkerschlachtdenkmal bereit. In einem bunten Rahmenprogramm aus Lesungen, Orgelkonzerten, Mittelalterspektakel und Kutschfahrten soll neben den eigentlichen Festivalbesuchern auch die Leipziger Bevölkerung angesprochen werden.

Nun ziehen Kuriositäten wie das sogenannte »Heidnische Dorf« aber nicht nur biedere Familienausflügler an. Die von Schwarzgewandeten und zahlreichen Schaulustigen bestaunte muntere Germanentümelei sorgt daneben auch für massive braune Präsenz in ihrem ganzen Spektrum: Neben der Anwesenheit vieler Naziskins fällt auf, dass sich zahlreiche Anwesende mit offensichtlicher Detailfreude um au-thentische Präsentation der »Styles« des Dritten Reiches bemühen. Ausgehend von den beiden Gender-fixpunkten BDM und Kamerad wird ein ganzer Mikrokosmos faschistischer Jugendkultur entfaltet, diese findet sich eingebettet in ein Szenario, das irgendwo zwischen der Spießigkeit eines Freilicht-Heimatmuseums und Live-Rollenspiel oszilliert. Vor einem Wikingerschiff führt ein anthroposophischer Greis mit Wallebart in die germanische Bootsbaukunst ein, mehrere fundamentalistische Landfrauen in ostpreußischer Tracht arbeiten an der Neudefinition von »Volksküche« – serviert wird ein fieser Mürbekeks, der vermutlich die Härten des germanischen Lebens verdeutlichen soll. Nazi-Skins messen sich mit Familienvätern beim Axtwurf, eine »sächsische Sektion« der »Allheidnischen Front« liegt metberauscht daneben. Wie schon die Jahre zuvor bündelt das rechtsextreme Dresdner Gothic-Magazin Sigill als Mitveranstalter des Festivals die extremsten Fascho-Acts in als »Lichttaufe« ausgewiesenen Sessions. Angeleitet von den mit Seitenscheitel, Jankerl, Kniebundhose und Monokel auf »Konservativer Revolutionär« getrimmten Machern des Fanzines, erwarten hier über hundert hart faschistisch codierte »Musikfreunde« einen konspirativ angekündigten »Gig« der britisch-australischen Band »Death in June« um den erklärten Ernst Röhm-Verehrer Douglas Pearce. Pearce, dessen Musik quer durch die ganze Szene und weit darüberhinaus rezipiert wird und mittlerweile einen unangreifbaren Kultstatus erlangt hat, wird von seinen Fans hartnäckig gegen das Etikett Faschist in Schutz genommen, indem diese in seine Lyrics beharrlich Ambivalenzen und Uneindeutigkeiten hineinlesen. Das von Death in June (der Bandname bezieht sich auf den 30. Juni 1934, den Todestag des SA-Führers Röhm) melancholischem Nazi-Pop textlich immer wieder aufgegriffene Thema sind das Dritte Reich und der Holocaust. So in »Heaven Street«, einem Song über den als »Himmelfahrtstraße« bezeichneten Weg von der Selektionsrampe zu den Gaskammern des KZs Treblinka: »take a walk down heaven street / the soil is soft and the air smells sweet / now only memories run on railway tracks / this road leads to heaven / the earth exploding with the gas of bodies / now only flowers to idolize / this road leads to heaven«. Die offene Glorifizierung des Holocaust wird zugunsten seiner Ästhetisierung zurückgenommen, um umso wirkungsvoller zu sein. Death in June wirken so als Multiplikatoren in einer Szene, die zu einer uneingeschränkten Aufnahme der »Lehre« (noch) nicht bereit ist. Die von Pearce angestrebte, affirmative Darstellung des Nationalsozialismus drückt sich aber auch in der 1:1-Übernahme faschistischer Terminologie, etwa in einer »Neuvertonung« des Horst-Wessel-Liedes, aus. Die Vinyl-Pressungen des erwähnten Songs »Heaven Street«, der manchmal auch getreu rechter Zahlenmystik »DI6« genannten Band, bieten durch kryptische Verweise auf Wehrmacht, SA und SS (Gravuren zwischen den auslaufenden Rillen der Platte, SS-Totenkopf als Bandlogo) ein interessantes Puzzle für Adepten – ein Schema, das in fast allen Death in June-Releases durchgehalten wird. So bieten etwa die Textzeilen »then my loneliness closes in / so I drink a german wine / and drift in dreams of other lives / and greater times« in »Runes and Men« zunächst wenig Spektakuläres, erst im Kontext »Death in June« wird die Bedeutung der Chiffren klar: »german wine« ist ein cooler Nazi-Drink, »other lives« sind die Männer der SA und mit »greater times« ist das Dritte Reich gemeint.

Auch auf dem Festival zeigt die themagebende Subkultur kein Bemühen um Abgrenzung – völlig ungerührt angesichts der massiven Präsenz von Hardcore-Faschos flanieren die Gothics über das Gelände. Die permanente Anwesenheit von Rechtsradikalen scheint ebenso zur »Normalität« ihrer Subkultur zu gehören, wie das wohl unvermeidliche Auftreten extrem-rechter Verlage, von »Arun« bis »VAWS« mit antisemitischen Schriften und »Riefenstahl-Sampler« im Programm. Über passive Akzeptanz hinausgehend, finden auch viele Grufties nichts dabei, mit rechten Symbolen durch die Gegend zu laufen. Der Umgang mit den Insignien des Dritten Reiches ist hier »unverkrampft«: Sig-Rune, Wolfsangel und mehr oder weniger stilisiertes Hakenkreuz geben dem schwarzen Dress wohl erst den notwendigen »Pep«. Die entsprechende Apologie liefert Kadmon, »Mastermind« der folgerichtig für dieses Festival angekündigten Combo »Allerseelen« in einem Interview mit dem Darmstädter Fanzine »Black«:

»Offenbar braucht jede Kultur ein Hexenmal, einen Judenstern. Und von der‘p. c.‘ zum Pogrom ist’s oft nur ein Schritt, wie die Geschichte zeigt. […] Heute ist der Faschismusvorwurf gegen industrielle Musik und Dark Wave ein Judenstern. […] Die Judensterne sehen heute anders aus, es sind ariosophische, völkische Zeichen. Runen, Thorshammer, Kruckenkreuz, Hakenkreuz.« (Black 14/1998).

Unterstrichen wird die Germanomanie durch fast ausschließlich »weißes« Publikum. Die vorherrschende »White-ness« dürfte aber weniger auf das zweifellos gegebene Bedrohungspotential für MigrantInnen durch anwesende Skins, sondern vor allem auf ausschliessende Mechanismen innerhalb der Dark-Wave-Szene zurückführbar sein. In den ästhetischen Inhalten des Dark-Wave wird ein genuin nordisches Deutschland imaginiert, dessen rassistische Elfen- und Nordmannstereotypen auf zahlreichen Plattencovern, Flyern und Fanzines präsent ist.

Praxisform rechtsextremer Dominanz war bislang vornehmlich das von Glatzen mit dem Baseballschläger durchgesetzte Konzept der National befreiten Zonen (NBZ) im rural-peripheren Raum. Das Festival stellt demgegenüber ein willkommenes Labor für die urbane Erweiterung dieses Konzepts dar. Es gerät zu einer Leistungsschau genuin deutscher Subkultur, in der eine von »fremdvölkischen Einflüssen« bereinigte deutsche Leitkultur (Merz) durchgespielt wird.

Angesichts der Akzeptanz der BesucherInnen bleibt der einzige Versuch, wenigstens kosmetisch den krassesten Nazi-Acts entgegenzutreten, ein kurzfristig verhängtes Auftrittsverbot der Stadt Leipzig für die Gothic-Band »Von Thronstahl« um den auf Grund seiner antisemitischen Ausfälle in der Nazi-Presse abgefeierten Josef Klumb. Das Auftrittsverbot für die Bingener Formation wird dann allerdings dadurch umgangen, dass die Band, mit dem SS-Emblem »Schwarze Sonne« auf der Bühne posierend, ihre »Tonkunst« vom Band laufen lässt. Einige Fans lassen es sich ob dieses »genialen« Schachzugs dann auch nicht nehmen, der schwarzen Kapelle den »deutschen Gruß« zu entbieten.

Missstimmung rufen aber nicht diejenigen hervor, die ihre überschwengliche Begeisterung auf dem Festival im »Heil Hitler« kanalisieren, sondern der, durch die Geschäftspraktiken zweier Veranstalter, die sich laut Gerücht mit der Kasse abgesetzt hatten, drohende Festivalabbruch am nächsten Tag. Nachdem mit PA-Verleih und Security – ausgenommen die noch hoffnungsfrohen Würschtlbrater – nahezu alle organisatorischen Funktionsträger geprellt abziehen, wird allgemein für das »jetzt-erst-recht-Modell« optiert: Mit einigen unverdrossenen Bands und freiwilligen HelferInnen soll weiter Programm gemacht werden. Konsequent werden die widrigen Rahmenbedingen dann aber auch von den rechten Kulturstrategen genutzt: Das Techno-Equipment muss dem Zusammenrücken am Lagerfeuer weichen – in einem improvisierten Bühnenpavillion präsentieren sich Bands des Sigill-Labels »Eis & Licht Tonträger« ganz »back to the roots« unplugged im Fackelschein. Mit Lederriemen umgeschnallte Trommeln, bekanntes Bild von NPD-Aufmärschen, ersetzen kurzerhand Sampler und DSP-Tools. Die zahlreich anwesenden Braunhemden passen sich schnell der neuen Situation an und übernehmen, historisch getreu, den »Sicherheitsdienst« im Heidnischen Dorf. Tief beeindruckt von soviel gelebter Kameradschaft lässt sich dann schließlich der vorher zögerliche, vom Publikum mehrfach geforderte Top-Act Death in June zum Auftritt herab. Der »SD« bildet für ihn ein Fackelspalier, an die Zuschauer ergeht, wohl wegen befürchteter Antifa-Aktionen, die Ermahnung: »Achte auf Deinen Nebenmann!«. Unterstützt von Albin Julius (»Der Blutharsch«) am »Schlagwerk« gelingt es Douglas P. dann, seinen Standpunkt in einem Miniset klarzumachen. So beenden sie ihren Auftritt mit dem Klassiker »C’est un rêve«, einer Hommage an den die Deportation der französischen Juden organisierenden Lyoner Gestapochef Klaus Barbie. Die in den Stück monoton wiederholte Frage »Où est Klaus Barbie?« permutiert Douglas P. in der letzten Wiederholung zu »Où est Death in June?«, die er – auf deutsch – mit einem frenetisch gefeierten »Wir sind hier« beantwortet.

Oliver Groß, Claus Weiland

Quelle: Diskus