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Gothics und die Neue Rechte

Wir dokumentieren hier Auszüge aus der Diplomarbeit „Ideologie einer Jugendkultur am Beispiel der Gothic- und Darkwave-Szene“ von Oliver Zimmermann. Die komplette Diplomarbeit steht auf der Homepage der Gothics gegen Rechts als Download zur Verfügung.

Gothics und die Neue Rechte

Die von Gothics so geliebte Beschäftigung mit allem, was nach Mystik, Okkultismus und Kirchenkritik klingt, bietet leider auch ein Einfalltor für die oben beschriebenen rassistischen und menschenverachtenden Theorien. Spätestens nachdem ungefähr Mitte der 80er Jahre Gerüchte über das Weltbild der Band Death in June auftauchten, war es vorbei mit der heilen Welt des Gothic und das Problem wurde offensichtlich. Teilweise geriet die Szene insgesamt ins Visier von einigen autonomen antifaschistischen Aktivisten, was nicht unbedingt für die aufklärerische Qualität dieser Art der „antifaschistischen Arbeit“ spricht.1 Mittlerweile haben sich die Vorwürfe jedoch versachlicht, nicht zuletzt durch (leider noch alles andere als übliche) antifaschistische Arbeit von Menschen aus der Gothic- Kultur selbst. Doch was hat es nun mit dem rechten Rand der Szene auf sich? Am Anfang scheint, wie schon mehrfach erwähnt, die Neo- Folk Band Death in June zu stehen. Der Name der Band, die 1980 von Douglas Pearce, Patrick Leagas (O´Kill) und Tony Wakeford gegründet wurde, steht für den Todesmonat des SA-Führers Ernst Röhm. Douglas Pearce, der mittlerweile das einzige verbliebene Mitglied von Death in June ist und in Australien lebt, erklärte dazu 1992:

„Auf der Suche nach einer zukünftigen politischen Perspektive stolperten wir über den nationalistischen Bolschewismus, der sich wie ein Leitfaden durch die Hierarchie der SA zog. Leute wie Gregor Strasser und Ernst Röhm (…) fielen uns auf. (….) Man kann sich fragen, ob Röhm im Falle eines Sieges über Hitler den 2. Weltkrieg verhindert hätte.“2

Völlig totgeschwiegen wird von Pearce, der angeblich einst Geschichte studiert hat, dass der nationale Sozialismus der NSDAP, mit seiner Unterscheidung von „schaffenden und raffenden Kapital“, unter zweiterem wurde das jüdische Kapital verstanden, nur wenig bis gar nichts mit marxistischem Sozialismus zu tun hat. Außerdem entbehrt die Theorie von Röhm als theoretischen Friedensstifter jegliche historische Grundlage und dürfte vergleichbar mit der langjährigen Hess- Verehrung der deutschen Neonazi- Szene sein. Denkbar wäre es auch, dass der homosexuelle Uniformfetischist Pearce (das ist nicht abwertend gemeint, sondern beschreibt nur Tatsachen) in Röhms SA, der ja nachgesagt wurde, viele Homosexuelle als Mitglieder zu haben, eventuell eigene erotische Fantasien verwirklicht sieht.3 Das Symbol von Death in June besteht aus dem leicht veränderten Totenkopf der SS. Pearce betont zwar immer wieder, dass er ursprünglich mal in einer trotzkistischen Punk- Band gespielt hat und dadurch gar kein Faschist sein könne; in seinen Statements und seiner Kunst gibt es jedoch immer wieder Hinweise an dieser Eigenbeurteilung zweifeln zu müssen. Allerdings ist Death in June natürlich keine primitive Skinhead- Band, deren Texte man eindeutig beurteilen könnte (und so tölpelhaft, sich offen rassistisch zu äußern, ist ja nicht einmal der Armanen- Orden). Auffällig ist aber eine ständige Beschäftigung mit, bestenfalls, germanentümelnder Symbolik, wie beispielsweise der von der SS- benutzten Runenzeichen und anderen, ebenfalls vom Nationalsozialismus her, bekannten „Kunstwerken“. Hinweise auf zumindest kritisch zu beurteilende Inhalte ihrer Platten bzw. CDs gibt es zuhauf, ich möchte nur einige wenige nennen: auf der LP-Brown Book, wiederveröffentlicht als CD namens „The Cathedral of Tears“, ist das Lied „Brown Book“ enthalten. In diesem Lied singt ein Sänger (wahrscheinlich Ian Read) das, in Deutschland verbotene, Horst-Wessel-Lied in Deutsch, wenn auch mit starkem britischen Akzent. In dem Lied sind auch noch andere Samples enthalten, wie etwa der Text einer jüdischen Großmutter, die ihrem HJ-Begeisterten Enkel ein Gleichnis erzählt (entnommen aus dem antifaschistischen Nachkriegsfilm „Die Welt in jenem Sommer“). In einem anderen Sample hört man einen Nazi, der über die homosexuellen Neigungen von SS und SA spekuliert (ebenfalls aus „Die Welt in jenem Sommer“). Pearce selbst fasst dieses Lied als bewusste Provokation auf, wen und vor allem warum er damit provozieren will, bleibt selbst nach dem Lesen seiner Stellungnahmen zu dem Lied schleierhaft.4 Das einzige was deutlich wird ist, dass er wieder einmal mit nationalsozialistischen Motiven gearbeitet hat. Andere, willkürlich herausgegriffene Liedtitel, die anscheinend nicht provokativ gemeint sind, da nach Pearces Eigenaussage „Brown Book“ sein einziges Lied war mit dem er „vorsätzlich provozierte“ sind „Rose Clouds of Holocaust“, „Burn Again“, „Omen- filled Season“, „Symbols of the Sun“, „Rule Again“, „Blood Victory“ und „Red Dog – Black Dog“. Da hier wirklich nicht der Raum ist, eine Analyse jedes einzelnen Liedes zu leisten und man sich anscheinend selbst dann nicht immer zu einer eindeutigen Aussage über die politische Haltung von Pearce durchringen kann (wie z.B. die Pearce und andere Künstler, man möchte manchmal vermuten, gegen besseres Wissen, verzweifelt verteidigende Stöber zeigt) überlasse ich es dem Leser die Symbolkraft dieser Liedtitel zu deuten. Einige Hinweise auf die politische Gesinnung Pearces geben aber vielleicht die Spende der Erlöse der Death in June Platte „Something Is Coming – Live And Studio Recordings From Croatia“ von 1993 an ein Militärkrankenhaus der oft als faschistisch bezeichneten, nationalistischen kroatischen HOS-Miliz. Pearce verweigerte sowohl beim „Dark X- Mas“– Festival 1992 in Hamburg die Unterschrift unter eine sich von Neonazis und Faschisten distanzierende Petition (Anlass waren damals die Pogrome von Hoyerswerda), wie auch beim 1994 stattfindenden „Festival Of Darkness“. Außerdem äußerte er in dieser Zeit Verständnis für die pogromartige Stimmung in den neuen Bundesländern (wahrscheinlich bezogen auf Rostock- Lichtenhagen):

„Hast du jemals Tür an Tür mit Zigeunern gelebt? Ich kann denn Groll, der in Ostdeutschland zum Vorschein kommt, verstehen … .“5

Der einzige ehemalige Musiker von Death in June, der sich anscheinend mittlerweile grundlegender von Pearces Einstellungen abgewandt hat, ist Patrick O´Kill (jetzt Sixth Comm und Mother Destruction), der eingesteht,

„dass das, was mal als Provokation in den ´linken 80ern´ gedacht war in etwas tatsächlich Negatives umgeschlagen ist. Seine ´menschenverachtende Phase´ sei Vergangenheit.“6 Das dritte ehemalige Gründungsmitglieder von Death in June, Tony Wakeford (heute Sol Invictus und L´Orchestre Noir), vertritt offensichtlich eine magische, kulturpessimistische und sozialdarwinistische Denkweise, die aus der Theosophie nur allzu bekannt ist. Er titelte eine seiner Platten nach einem Buchtitel des faschistischen italienischen Philosophen Julius Evola (1898- 1974): „Against the Modern World“. Er sagt allerdings, dass er das tat, ohne wirklich etwas über Evola zu wissen:

„´Wider die moderne Welt´- das hat damals genau auf den Punkt gebracht, wie ich mich gefühlt habe, aber eher in einem allgemein heidnischen als politischen Sinn“.

Er äußert sich in dem selben Interview aus dem Jahr 1991 (über Aleister Crowley und Widersprüche zwischen Crowleys Lehre und „Nordischer Tradition“):

„Er war ein echter Individualist, mit einem gesunden Ekel vor jeglicher Vermassung. Leider scheinen die meisten Leute, die ihm auf den Pfaden von Thelema (übersetzt: ´Willen´; Kurzform von Crowleys wichtigstem Gesetz: ´Tu was du willst´ O.Z.) folgen, genau die Sorte schwacher, liberalistischer Narren zu sein, auf die Crowley voller Abscheu gespuckt hätte. Aber man kann nicht ihn verantwortlich machen für die Sklavengeister, die seinen Namen mißbrauchen. Die Runen und ihre Tradition scheinen mir das stärkste aller magischen Systeme, mit denen ich gearbeitet habe, in ihm fühle ich mich am meisten verwurzelt. Wahrscheinlich, weil ich glaube, daß sie ein Teil meiner Vergangenheit sind… (…) Wesentlich scheint mir die Erkenntnis von der natürlichen Ordnung der Dinge. Auf der Welt wird einem nichts geschenkt und die Starken werden immer über die Schwachen hinwegschreiten, ohne sich darum zu kümmern, für wie unfair wir dies vielleicht halten.“

Im weiteren Verlauf des Interviews benutzt er zwar das Wort „Rasse“, ohne diesen Begriff auch nur andeutungsweise zu problematisieren. Er bestreitet aber, wenn auch mit etwas eigenwilligen Argumenten, Rassist zu sein:

„Zum Begriff ´Rasse´ will ich nur sagen, daß ich nicht glaube, daß irgendeine Rasse einer anderen überlegen ist. Um mich herum gibt es zuviel weißen Abschaum, als daß mir dergleichen wahrscheinlich vorkommen könnte… Jede Rasse bringt einige Kreative und Massen von Kretins hervor.“

Zum Thema Politik äußert er folgendes:

„Für Politik interessiere ich mich nicht mehr, sei es nun ´linke´ oder ´rechte´; vielmehr glaube ich, daß alle politischen Dogmen und Parteien nichts als reine Zeitverschwendung bedeuten. Die einzige Hoffnung liegt wahrscheinlich im selbstbewußten Zurückweisen der Massenkultur und ihrer Massenideale. Ich glaube jedes Individuum hat das Recht zu leben, zu denken und zu sagen wie und was es will. Wohl kaum eine Ansicht, mit der sich Kommunisten oder Faschisten anfreunden könnten!“7

Wohl aber die Neue Rechte, deren Elitedenken und Antidemokratismus sich deutlich mit den Ansichten Wakefords trifft. Im Umfeld der oben vorgestellten Künstler sammelten sich auch andere Musiker mit ähnlichem Gedankengut, die sich jeweils häufig als Gastmusiker gegenseitig unterstützen. Die meisten davon sind ebenfalls Vertreter des Neo- Folk. Dazu zählen die Bands (die eigenlich fast alle nur Soloprojekte jeweils eines Musikers sind) Fire & Ice (Ian Read), Blood Axis (Michael Jenkins Moynihan), Radio Werwolf (Nikolaus Schreck8), der Sänger Boyd Rice (NON), Sorrow (Wendy van Dusen, ehemals Strawberry Switchblade) und neuerdings auch die österreichischen Bands The Moon lay hidden beneath a Cloud sowie Der Blutharsch (beide Albin Julius). Boyd Rice begann als Vertreter des Industrial. Damals wollte er normale Hörgewohnheiten brechen und die Zuhörer am Produktionsprozeß selbst beteiligen. So war seine Platte „Pagan Music“ mit verschiedenen Löchern versehen, um so diszentrisches Abspielen zu ermöglichen. Außerdem erhielt sie den Hinweis „playable at any speed“. Seine Live- Performances waren reine Lärmorgien. Damit vertrat er damals ein ähnliches Konzept, wie die Einstürzenden Neubauten und andere Bands. Geändert hat sich sein musikalisches Konzept mit der CD „In the Shadow of the Sword“ (1989). Sie beginnt mit dem Lied „Total War“:

„Do you want/ Total war/ Turn man into/ Beast once more/ Do you want/ To rise and kill/ To show the world/ An iron will“9

Die Frage wird am Ende mit „ja“ beantwortet, was nicht überrascht wenn man die theosophische, sich in den Schwanz beißende Schlange, welche das Cover ziert, mit der Aussage des Liedes verbindet. Auch die anderen Lieder der CD lassen nur eine Interpretation zu: Die Welt muss zerstört werden, um eine neue aufzurichten. Mit dem Lied „A World on Fire“ wird diese Aussage noch deutlicher:

„`In meinem Traum sehe ich eine Welt befreit von der Last der Falschheit. Ich sehe eine Welt wiedergeboren in Perfektion. Ich sehe die Herrschaft der Reinheit. Und wie kann dieser Traum wahr werden?` Rice weiß die Antwort: Großes und schreckliches Leiden sowie Zerstörung seien notwendig, die Wiederkehr der Kämpfe um Land, Nahrung und Wasser, eine Rückkehr zur Barbarei. In seinem Traum sieht er die Plätze der Städte erhellt durch die brennenden Leichname gekreuzigter Christen.(…) Die hinter ihr (seiner Musik O.Z.) stehende Ideologie ist eine Mischung aus Sozialdarwinismus und Feindschaft auf das Christentum.“10

Seit 1993 erscheint in Dresden das Fanzine „Sigill. Magazin für die konservative Kulturavantgarde Europas“, welches auch in diversen Plattenläden, besonders in solchen mit Schwerpunkt auf der Gothic- und Darkwave- Szene verkauft wird. In diesem Magazin sind neben vielen Plattenkritiken von Neo- Folk- und Industrial- CDs und Interviews mit den entsprechenden Bands, Beiträge mit den Schwerpunkten neues Heidentum und Neue Rechte zu lesen. Kurze Zeit später (ungefähr 1995) gründet sich in Berlin, das inzwischen wieder eingestellte Fanzine „Europakreuz“ (ihre Aktivitäten verlegen die ehemaligen Macher nun auf das Internet), welches in Berliner Gothic- Clubs auslag und das auch einen Mailorder- Katalog beinhaltete, in dem faschistische und heidnische (ariosophische) Literatur angeboten wurde. Beide Fanzines versuchen (bzw. versuchten) über Interviews, Plattenkritiken und Berichten über Heidentum , natürlich nur über das in ihrem Sinne praktizierte, die Gothic- Szenen zu umarmen und ihrer rechtsextremistischen Szene anzugliedern. In der Szene wurde das Anfangs als die Spinnerei Einzelner abgetan und nicht weiter beachtet.11 Eine andere Qualität bekamen diese Vorfälle jedoch als die „Junge Freiheit“, das Zentralorgan der Neuen Rechten, im „Zillo“, dem damals größten Szene- Magazin, im Februar 1996 Werbung schaltete. Dank der Proteste des Hamburger Labels „Strange Ways“ wurde bekannt, dass der ständige Redakteur der „Jungen Freiheit“ Peter Boßdorf, auch seit einiger Zeit im „Zillo“ Artikel veröffentlichte. Boßdorf war bis 1989 stellvertretender Vorsitzender des „Ostpolitischen Deutschen Studentenverbandes“ (mittlerweile „Gesamtdeutscher Studentenverband). 1985 ist er Mitglied des „Witikobundes“, einer ultrarechten Gruppierung in der, auch nicht gerade für Linksradikalismus bekannten „Sudetendeutschen Landsmannschaft“. Seit 1992 ist er außerdem Mitarbeiter des „Thule- Seminars“, veröffentlichte in „Nation und Europa“ und engagierte sich kommunalpolitisch für die Republikaner.12 Zur gleichen Zeit schaltet auch das „Europakreuz“ Werbung im damaligen Berliner Veranstaltungskalender für die Gothic- Szene „Black Book“. Erst nach Leser- Protesten entschloss sich die Redaktion, diese Anzeigen nicht mehr abzudrucken. Die Reaktion des „Zillo“ dauerte etwas. Nach einer längerer Zeit des Schweigens und sich häufenden Protestbriefen (sowie von Drohungen mehrererer Plattenlabels, keine Werbung mehr zu schalten), trennte sich die „Zillo“– Redaktion aber letztendlich (im Frühjahr 1997) von Boßdorf. Alle diese Aktivitäten können nur als abgesprochene Aktionen der Neuen Rechten gewertet werden, um ihre Position in der Gothic- und Darkwave- Kultur zu stärken. Erklärbar wird dieser Versuch, wenn man weiss, dass die Rechte vorher damit scheiterte, die Techno- Kultur zu unterwandern. So schrieb Roland Bubik, langjähriger „Junge Freiheit“ (JF)- Redakteur, 1993 unter der Überschrift „Die Kultur als Machtfrage“, dass er in dieser Popmusik Anknüpfungspunkte für eine „Revolte gegen die moderne Welt“ sieht:

„…die Jugendkultur von heute bietet erfolgversprechende Ansätze hierfür. (…) Ein merkwürdiges Bewußtsein, in einer Phase des Niedergangs zu leben, ist virulent, vom ´age of destruction´ ist die Rede, die Parties der Tekkno- Szene gleichen makabren Totenfeiern einer Epoche. Man (…) mißtraut der Erklärbarkeit der Welt, wendet sich sogar rückwärts, etwa in Form der verschiedenen Independent Szenen.“13

Aus Bubiks anfänglicher Begeisterung für Techno („Stahlgewitter als Freizeitspaß“), wurde bald Enttäuschung („seelische Vergewaltigung durch Beat-Computer und Masse“). Welche Mechanismen und Einstellungen dazu führten, dass die Vereinnahmung der Techno-Kultur für die Neue Rechte als (zumindest vorerst) gescheitert erklärt werden kann, müsste an anderer Stelle untersucht werden. Das hält allerdings JF-Autoren wie Jürgen Hatzenbichler (Mitglied der FPÖ) weiter nicht davon ab, so abstruse Fragen zu stellen wie: „Ernst Jünger: der erste deutsche Raver?“14 Bubik indessen entdeckte die Gothic-Szene als neues Schlachtfeld für den Kulturkampf der JF. Im Jahr 1996 veröffentlicht er eine Reportage über die Verleihung des „Zillo“-Preisen an Tilo Wolff (Lacrimosa):

„Deutschland ist das Zentrum einer Musikkultur geworden, die ihre Wurzeln im antimodernistischen Gestus der ´Gothic-´ (gemeinhin auch Gruft-) Szene besitzt. (…) Dieses Gemisch birgt eine Sprengkraft, vor der sich alteingesessene Sittenwächter des Musik- Mainstreams in Acht nehmen müssen. Wenn das Mystische und Irrationale, der Wunsch nach anti- aufklärerischer Innenschau und gelebter Transzendenz ihre Stimme in der Jugendkultur finden, ist der ästhetische Konsens des Westens durchbrochen. Wenn die Bezugspunkte Mittelalter und deutsche Geisteskultur darstellen statt ´Love and Peace´, wenn die Seele gegen den Intellekt ins Feld geführt wir – dann schneidet sich ein Keil in das Establishment oberflächlicher Beliebigkeit.“15

Durch diese nur sehr oberflächliche Betrachtung der Gothic-Szene wird der Ansatzpunkt deutlich, an dem Bubik den Hebel zur Aushebelung der „linken“ subkulturellen Traditionen der Gothic-Szene ansetzen will: Mystik und Irrationalismus. Lächerlich, aber in NS- Tradition, ist natürlich die Darstellung „deutscher Geisteskultur“ als „Kampfes der Seele gegen den Intellekt“. Bubik zählt anscheinend nur die Romantik zur „deutschen Geisteskultur“– und selbst bei Betrachtung dieser kulturellen Epoche wäre sein Bild deutlich zu eindimensional (die von ihm so abschätzig beurteilten Werte „Love and Peace“ haben bspw. auch deutlich ihre Wurzeln in der Romantik). Obwohl dieser Kulturkampf seitens der JF und neuerdings auch einigen NPD nahen Publikationen recht offen geführt wird (auch im Internet hat sich eine vermutlich von der NPD gesteuerte Gruppe „Gothics für Meinungsfreiheit“ gegründet), gilt es in der Szene immer noch umstritten, dass es Unterwanderungsversuche gibt. Auch ein offener Brief der ehemaligen JF-Redakteurin und Mitherausgeberin des Fanzines „Scharlach“ bzw. „Scarlet“ Gerlinde Gronow an den (inzwischen verstorbenen) Chefredakteur von „Zillo“, konnte daran nichts ändern:

„Derlei ist bewährte Taktik der jungen Freiheit: Potentielle Bündnispartner werden dezidiert umarmt (in Wirklichkeit ist es eine Umklammerung), um sie gesellschaftlich und kulturell zu isolieren. Kritiker werden generell als ´Lügner´, ´PC- Kommissare´, ´Meinungswächter´ (O- Ton junge Freiheit) abgetan, bis ihr selbst glaubt, die Junge Freiheit ist die einzige, die es gut mit Euch meint. Mit jedem gutgemeinten Leserbrief, der Toleranz und Meinungsfreiheit einklagt, begebt Ihr Euch, obwohl Ihr es ehrlich meint, immer tiefer in das Fahrwasser der Jungen Freiheit. Der Jungen Freiheit geht es nicht um diese Werte – sie hat ganz andere politische und kulturelle Ziele. Eines davon ist die ´Erringung der kulturellen Hegemonie´. Was man sich darunter vorzustellen hat, beschreibt Roland Bubik unumwunden in seinen Programmschriften: man müsse unpolitische Szenen unter dem Deckmantel der Kultur unterwandern, ohne sich als Rechter zu erkennen zu geben, um Schlüsselpositionen in der Ku(l)turlandschaft zu erringen. Erst dann ist Zeit, sich an die Umsetzung der politischen Ziele zu machen. Anstatt Euch auf Scheingefechte über Meinungsfreiheit und Toleranz einzulassen, solltet iht Euch klar machen, was eine reaktionäre Kulturpolitik für zum Beispiel eine Subkultur, wie es die Wave- Szene ist, bedeuten würde. (…) Für die Junge Freiheit seid Ihr nichts anderes als nützliche Spinner auf dem Weg zur Macht. Als ich dies begriffen hatte, habe ich meine Mitarbeit bei der Jungen Freiheit eingestellt. Nun sehe ich, daß sich meine persönliche Geschichte in größeren Dimensionen zu wiederholen droht. Ich kenne noch die kleinen Anfangstage des Zillo, stamme selbst aus der Wave- Szene – Stichwort Death In June, Sol Invictus, NON. Dadurch wurde ich auf Autoren wie Evola, D`Annunzio, Ernst Jünger aufmerksam. Obwohl ich mich diesen Bands und Schriftstellern ursprünglich kritisch näherte, wurde ich nach und nach durch die unleugbare Faszination, die von dieser Welt ausgeht, ästhetisch so gleichgeschaltet, daß mir der Schritt zur Jungen Freiheit irgendwann als ganz natürliche Konsequenz erschien. Mein ´Einstiegshelfer´ war übrigens Roland Bubik. In dem etwas über einem Jahr (1994- 1995), das ich für die Junge Freiheit schrieb, war ich seine engste Mitarbeiterin. Schon damals hatte Roland Bubik große Pläne für die Wave- Szene, die durch ihre romantische und ästhetizistische Haltung besonders leicht zu beeinflussen wäre (ob sie das ist, wird sich nun herausstellen).“16

Auf jeden Fall fällt auf, wie häufig die JF in den letzten Jahren Wave- und Gothic- Musik, natürlich vor allem die ihr politisch nahestehenden Bands (positiv) rezensieren. Auch im Privatleben hat Bubik Kontakt zur Gothic-Szene. Seine jetzige oder ehemalige Lebensgefährtin Simone Satzger (Felicia), ist Sängerin der Band Impressions of Winter und veröffentlichte auch in Bubiks Buch „Wir 89er“.17 Ebenfalls 1996 greift zum erstenmal ein rechtsextremistischer Verlag in die Musikproduktion der Gothic-Szene ein (wenn man das unbedeutende Projekt des „Europakreuz“-Herausgebers Marco E. Thiel nicht berücksichtigt, der auf seinem Label „Abyss Recordings Europe“ ebenfalls Musik verlegte). Unter dem Namen „Heliocentric Distribution“ wird ein Musiklabel des Bingener Verlages „Verlag & Agentur Werner Symanek“ (VAWS) gegründet. Dort erscheint eine Doppel CD zu Ehren der Filmregisseurin Leni Riefenstahl, die aufgrund ihrer Filme über NSDAP-Reichsparteitage (Sieg des Glaubens (1933) und Triumph des Willens (1934)) und über die Olympiade 1936 (Fest der Völker, Fest der Schönheit) im Dritten Reich Berühmtheit erlangt hat. Warum ausgerechnet Riefenstahl ausgesucht wurde, um dieses erste eindeutig rechtsextremistische Projekt in der Gothic-Szene zu verwirklichen ist unklar. Es könnte mit der Ästhetik der Riefenstahlfilme zu tun haben oder mit ihrem mystischen Erstlingsfilm „Das blaue Licht“; möglicherweise hat man aber auch einfach nach einer Person gesucht, die nahe genug am Nationalsozialismus dran war, um sie mit ihm zu identifizieren und doch auch weit genug von ihm weg, um auf eventuelle Kritik mit dem Totschlagargument der „eingeschränkten künstlerischen Freiheit“ argumentieren zu können. VAWS verlegt neben CDs rechtsextreme Bücher, so z. B. Schriften von Jürgen Rieger, kriegsverherrlichende Literatur über den „Wüstenfuchs Rommel“ und Propagandaschriften gegen die Ausstellung „Verbrechen der Wehrmacht“. Außerdem werden von ihm seit 1969 die „Unabhängigen Nachrichten“ des „Unabhängigen Freundeskreises“ verlegt.

„Gegen die ´Unabhängigen Nachrichten´ laufen seit Jahrzehnten immer wieder Verfahren wegen Volksverhetzung und Aufstachelung zum Rassenhaß. Mitglieder des Freundeskreises wurden 1994 wegen terroristischen Straftaten (z.B. Bombenattentate auf AntifaschistInnen) verurteilt. Symanek arbeitet auch mit dem rechten Arun- Verlag zusammen, der Bücher aus dem rechten und extrem rechten Spektrum zu ´Großdeutschland´, sowie heidnisch- esoterische Bücher verlegt.“18

Auf dem Riefenstahl-Sampler sind u.a. die Bands Forthcoming Fire (D), Strength through Joy (IRL), Death in June (GB/AUS), Allerseelen (AUT), Swirling Swastikas (IT), Andromeda Complex (IT), Turbund Sturmwerk (D), Voxus Imp. (D), Von Thronstahl (D), Northwende, Rückgrat, Preussak (D), Lady Domino, Projekt Blauland und Tombstone vertreten. Das Elektro Projekt PP?, das ebenfalls auf dem Sampler vertreten ist, distanzierte sich später. 1998 erschien die Nachfolge- CD – diesmal zu Ehren des Nazi-Bildhauers Josef Thorak. Auf ihr waren u.a., neben auch schon auf dem ersten Sampler vertretenen Musikgruppen, Stalingrad (IT produziert von Angeo Bergamini von Kirlian Camera) und Egoaedes (Musikprojekt des „Europakreuz“– Herausgebers Marco E. Thiel) vertreten. Das japanische Duo Jack or Jive, welches ebenfalls ein Lied beisteuerte, zeigte sich nach Erscheinen der CD entsetzt über das politisch-musikalische Umfeld, in das sie aus Ahnungslosigkeit geraten waren.19 Von VAWS vertrieben werden außerdem die Bands Waldteufel (USA), Mjölnir Tonkunst (D) und Unternehmen Dreizack (D). Zusammengestellt hat die beiden Sampler Jay Kay (Josef Klumb), der Frontmann von Forthcoming Fire. Er ist Mitarbeiter des VAWS und anscheinend befreundet mit dem Ufo-Esoteriker und Antisemiten Jan van Helsing (Jan Udo Holey), dessen Machwerk „Geheimgesellschaften und ihre Macht im 20. Jahrhundert“ wegen Volksverhetzung verboten wurde und den er auf seinen Plattencovern grüßt. Aufgrund einiger wirrer und rechtsextremistischer Stellungnahmen in Interviews, u.a. zum Thema Illuminaten

„Es ist die Hochfinanz, es sind die Kräfte, welche hinter ihren Marionetten die Welt bewegen (…) Das Gesicht dieses kommenden Regimes drückt sich aus durch die UNO, NATO, Weltbank, Zionismus…“20

verweigerte ihm Forthcoming Fires ehemaliges Label „Hyperium“ bzw. „Hypnobeats“ eine Vertragsverlängerung. Der 8. Mai 1945 war für ihn

„…trotz allem eine Eroberung, eine Unterwerfung und eine Unterdrückung des Geistes, die bis heute anhält und mir sogar mein Bewußtsein noch streitig machen möchte.“21

Es spricht für sich, für wen er nicht spricht:

„Man muß ein für alle mal erkennen, daß, wenn ich für Deutschland rede, ich nicht für circa 50 Millionen geistige Totgeburten spreche, (…), sondern daß die ´Volksseele´, die bis ins Heute so brutal vergewaltigt wurde, daß ich für dieses Heiligtum (…) den Kern und das Zentrum des Begriffes Deutschland eben verteidigen werde…(…)“22

Klumb ist auf den beiden besprochenen Samplern auch mit seinen Projekten Preussak und Von Thronstahl vertreten. Mit einem anderen Projekt, nämlich Weissglut, gelang es ihm tatsächlich einen Plattenvertrag bei „Epic“, einem Unterlabel von „Sony-Music“ zu bekommen, welcher beste Karriereaussichten im Musikgeschäft eröffnet hätte. Im Januar 1999 trennte sich Weissglut jedoch von Klumb, wahrscheinlich auf Druck von Epic. Eine Rolle dürfte dabei sicherlich spielen, dass im Dezember 98 eine Verleumdungsklage von Klumb gegen den „Spiegel“, der ihn in der Ausgabe 44/98 als „Nazi“ tituliert hatte, von Klumb zurückgezogen werden musste. Inzwischen musizierte er auch mit dem verurteilten Thüringer „Sondershausener Satansmörder“ Hendrik Möbus und dessen Metal-Band Absurd, bevor Möbus sich aufgrund einer erneuten Verurteilung, diesmal wegen „Verunglimpfung eines Toten“, ins Ausland absetzte. Möbus hatte seinen Mord an einem jüngeren Mitschüler in Moynihans Buch „Lords of Chaos“ mit den folgenden Worten kommentiert:

„Wenn aber das NS- Recht wirklich auf uns angewordet wäre, hätte man uns für die Vernichtung eines Volksschädlings nicht gestraft, sondern gelobt.“23

Zum Abschluss dieses Kapitels sollen hier noch einige andere Ansichten von weiteren Personen aus diesem rechten Spektrum der Dark-Wave- und Gothic-Szene vorgestellt werden. An erster Stelle soll der eben als Buchautor genannte Michael Moynihan (Blood Axis (USA)) stehen. Auch er stellt sich, wie eigentlich alle der in diesem Kapitel beschriebenen Musiker, gerne als unschuldig Verfolgter dar, der keineswegs rechte Ideen vertrete oder gar Faschist wäre. So etwa in einem siebenseitigen Artikel über eine von Antifaschisten erzwungenen Konzertabsage in Seattle. Darin äußert er folgendes:

„I am not an ´anti- semite´ and to label me as such is deliberately creating a falsehood. But I am also not a humanitarian, and I will state outright I do not believe in any kind of elusive notion about a ´sanctity of human life´ and I would challenge anyone to prove to me that such a thing exists. I also do not believe in moral concepts of ´good´ and ´evil´ and thus am not particularly upset about episodes in history where large numbers of people died. I am not a Holocaust Revisionist, but I also do not really care about the Holocaust one way or the other. I don´t feel responsible for it, and while it may mean a lot (understandably) to some people, it has nothing to do with me.“24

Interessant wird diese verteidigend gemeinte Bemerkung in Zusammenhang mit einer anderen Äußerung Moynihans. Auf die Frage nach seiner Beziehung zur deutschen Sprache und den Begriffen: „Rasse“, „Nation“, „Pflicht“ und „Ordnung“ antwortete er:

„Ich bin durchaus sehr an der deutschen Sprache interessiert und versuche gerade, sie mir anzueignen. Lange Zeit dachte ich, sie sei einzigartig in ihrer Fähigkeit, eine Vielzahl von Bedeutungsnuancen und Gefühlszuständen in einem einzigen Begriff auszudrücken. In gewisser Weise scheint sie erfüllt zu sein von einer magischen Qualität des ´Aufgeladenseins´ mit Inhalten von tieferer Bedeutung. Neben dieser Erkenntnis wurde mein Interesse durch die Faszination verstärkt, die gewisse Perioden der deutschen Geschichte auf mich ausübten, sowie durch die aufrichtige Bewunderung, die ich für bestimmte deutsche Philosophen hege, von denen ich einiges gerne im Original gelesen hätte – Mit den genannten Begriffen verbinde ich folgendes: Rasse- Menschen gleicher Seele und gleichen Geistes; Nation- im Idealfall eine sich selbstversorgende, abgeschlossene Gemeinschaft (egal wie klein) von Menschen einer Rasse; Pflicht- das, was man tun muß, um in Einklang mit den eigenen Instinkten und dem eigenen Ehrgefühl zu leben; Ordnung- ein Zustand von Ausgeglichenheit und Klarheit, das Handeln und Entwicklung stark erleichtert.(…) Ich glaube, es gibt zwei Punkte von größter Wichtigkeit die ´Siege´ (eine Schrift des inhaftierten US- Neonazis James Mason O.Z.) ganz deutlich macht: Erstens, daß es für Reaktion und Konservatismus einfach zu spät ist, und das deshalb die einzig angemessene Strategie – wenn es überhaupt noch eine geben kann – darin bestehen muß, die Zersetzungsprozesse des gegenwärtigen Gesellschaftssystems möglichst voranzutreiben, weil dies der wesentlich vernünftigere und direktere Weg ist, Veränderungen zu erreichen. Zweitens, daß das Überleben an sich das wichtigste Lebensziel sein sollte, aber ohne daß man sich einer Gehirnwäsche unterziehen oder von der Leere der Gesellschaft aufsaugen läßt – also, um es auf den Punkt zu bringen: das Überleben als Geächteter.“25

Neben dem menschenverachtendem Konzept des Anti-Humanismus vertritt er also das, schon bekannte, theosophische Konzept des Untergangs um der Erneuerung willen. Welche Perioden der deutschen Geschichte ihn so sehr interessieren, dürfte nicht schwer zu erraten sein. Im Booklet seiner CD „Im Blutfeuer“ sieht man ihn am Grabe des SS-Brigadeführers beim „Ahnenerbe“ Karl Maria Willigut. Auf der CD selbst hört man Ausschnitte einer Rede des von Evola bewunderten Führers der faschistischen rumänischen „Eisernen Garde“ und eine Passage aus Ernst Jüngers Buch „Auf den Marmorklippen“. In diesem Zusammenhang ist es nicht weiter überraschend, dass Moynihans Verteidigungsbrief auf der Homepage einer Organisation „Third Position – Beyond Left and Right“ erscheint, die über sich selbst schreibt, dass sie eine „revolutionäre nationale Bewegung“ sei, die eine „New Social Order“26 will. Ein Pamphlet dieser Organisation endet mit den Worten: „For the Nation. Against the State!“27 Der geneigte Leser mag sich nun selber fragen: Steht Moynihan wirklich zwischen rechts und links? Die Band Ain Soph folgt dem Vorbild von Julius Evola, wenn sie dem Priesterkrieger Kshatyra, dem Leitbild Evolas für einen politischen Soldaten in seinem Buch „Menschen inmitten von Ruinen“, eine CD widmen. Sie singen auf ihrem Album „Kshatyra“:

„Die Treue ist stärker als Feuer/ Sich erheben, auferstehen/ Eine Form und eine Ordnung schaffen/ Aufrecht durch die Ruinen/ Den schwersten Weg auswählen/ Unseren Mut in Metall gießen/ Endlich wiedergeboren durch das Blut/ stark durch unsere Ehre/ Kshatyra“28

Natürlich könnte man solche Texte auch als spätpubertäre „Männerphantasien“ abtuen, wenn allerdings auf dem Cover ihrer CD „Aurora“ Evola abgebildet ist und sich ein Musiker „von Sebottendorf“ nennt – Sebottendorf war führender Aktivist der Münchener Thule-Gesellschaft, die in die Gründung der NSDAP involviert war – dann darf man sicherlich an dieser Interpretation zweifeln. Auf der Homepage der Dresdener Band Turbund Sturmwerk, der ich einige sehr interessante Interviewausschnitte mit den oben besprochenen Musikern verdanke29, wird, wenn auch nicht ganz offen, rechtsextremistische Propaganda betrieben. Auch wenn sie sich scheinbar von faschistischer Ideologie abgrenzen:

„Zwar rechneten wir mit den üblichen Unterstellungen von Seiten derer, die immer alles vom eingeschränkten Blickwinkel eines ´politischen Ortungssystems´ aus bewerten zu müssen glauben; damit haben wir in den vergangenen Jahren umzugehen gelernt. Wir wußten, daß sich einige finden würden, uns ureflektiert eine ´faschistoide Gesinnung´ oder gar ´Kriegsverherrlichung´ zu unterstellen, weil wir Runen gebrauchten, uns auf Nordische Mythologie bezogen und vom Wert des Opfermuts sprachen. (…) Was wir – ganz abstrakt – als Projektion im Sinne eines ´geistigen Kriegertums´ vorgeben wollten, nämlich das Ideal, sich als Mensch einer Sache in aller Konsequenz hinzugeben, schien für manchen also bereits mit zu ´eindeutigen´ Entschlüsselungshinweisen versehen.“

Um dann aber wenig später eine Abbildung auf dem Cover ihrer CD mit dem, völlig unwissensschaftlichen, „Runenschlüssel Williguts“ zu interpretieren. Ihre Interpretation beenden sie mit den folgenden Sätzen:

„Problematisch erscheint freilich, daß die Materialisation des menschlichen Geistes an sich und grundsätzlich leidbehaftet und negativ erscheint, was manchen – zurecht – nicht einleuchten will, selbst wenn bedacht wird, daß inzwischen längst auch Menschen mit relativ gesunder und harmonischer Persönlichkeitsstruktur an ihrer Umwelt und den äußeren Zuständen leiden, welche sie selbst gar nicht zu verantworten haben. Dies spricht freilich weniger gegen die ´äußere Welt´ als vielmehr gegen diejenigen, die – teils fahrlässig, teils willentlich – ein ´Jammertal´ aus ihr gemacht haben.“30

Da können wohl nur noch die „geistigen Krieger“ helfen! Sie selbst berufen sich vor allem auf „Nationalbolschewismus“ und „Hamburger Nationalkommunismus der 20er Jahre“ und arbeiten musikalisch an einer „Symbiose von Ernst Jünger und Heiner Müller“. Die im Moment in der Szene meist diskutierte Band ist die Band Kirlian Camera um den italienischen Musiker Angelo Bergamini. In einem „Zillo“– Interview mit Dirk Hoffmann wehrt sich Bergamini gegen Vorwürfe von Antifaschisten, hier einige Ausschnitte aus dem Interview:

„Zillo: Von Organisationen wie der Antifa werdet ihr als Neofaschisten bezwichnet, weil ihr ein Konzert mit dem Hitlergruß beendet haben sollt. Falls das der Tatsache entsprechen sollte: Was war euer Beweggrund dafür- reine Provokation oder steckt ein tieferer Sinn dahinter? Angelo: Eins muß von vorneherein klar sein: Ich protestiere gegen solche Gerüchte und Aussage, die zu beweisen versuchen, daß meine Band das Publikum mit dem Hitlergruß begrüßt. Ein gewisser Alfred Schobert hat in einem ´Spiegel´- Interview behauptet, daß wir – man beachte, daß wir – man beachte, daß er im Plural sprach und damit um alle meinte – das Publikum auf diese Weise be(g)rüßen. Das ist ein ernstes Statement und eine ernste Manipulation der Realität. Ich muß an dieser Stelle zum zigsten Mal wiederholen, daß andere Kirlian Camera- Mitglieder verschiedene (M)ale erklärt haben, daß sie ganz aufrichtig politisch links einzuordnen sind. (…) Diese Band hat durch all die Jahre Musiker aus ganz verschiedenen Richtungen (Schwarze, Weiße, Juden, Faschisten, Kommunisten, Christen, Schwule, Anarchisten) im Line- up gehabt und jeden einzelnen respektiert. Wenn aber jemand kindische Sachen mag, erkläre ich einiges zu Herrn Schoberts Aussagen: Im August letzten Jahres traten wir in Berlin auf, und ich muß ehrlicherweise zugeben, daß ich auf eine ähnliche Weise agiert habe, um einfach den schlechten Glauben von einigen Leu(t)en zu testen. Da habe ich die Leute mit ausgestrecktem Arm begrüßt. (…) Weder ich noch Emilia Lo Jacono und Barbara Boffelli haben je den Hitlergruß verwendet, da sie politisch viel zu korrekt sind. (…) Es gab keine versteckten politischen Botschaften in der Vergangenheit, und ich muß niemanden etwas erklären. Zillo: Gibt es denn etwas, das dich aus irgend einem Grund am Dritten Reich fasziniert? Angelo: Die Ästhetik des Dritten Reiches ist zweifellos faszinierend. (…) Aber was ich über Politik denke, geht nur mich etwas an, und das würde ich niemanden erzählen. Wahlen sind geheim, und es ist mein Recht es auch so zu halten. Ist es nicht so? (…) Zillo: Meinst du nicht, da(ß) Künstler eine besondere Verantwortung beim Gebrauch solcher Symbole haben, die eng mit dem Dritten Reich verknüpft sind? Angelo: Ich denke, es gibt zu viele Idioten, die versuchen, einige Werbung damit zu machen, Symbole und anderes Zeugs verwenden, von denen sie nicht mal die Bedeutung verstehen. Ich glaube, daß 90% dieser Bands, die Möchtegern- Nazis werden wollen, nichts weiter als ein Haufen von Verlier(er)n sind, die keine wirkliche Hoffnung besitzen. Sie verlassen sich darauf, populär dadurch zu werden, daß sie das Spiel der ´Verdammten´ spielen, aber sobald jemand kommt, um ihnen gefährlich mit Zensur zu drohen, leugnen sie alles, arme kleine Kätzchen!
(…) Übrigens haben Kirlian Camera nie ein Nazi- Symbol verwendet, weshalb wir mit dem Thema eigentlich nichts zu tun haben.(…) Viele Leute erheben den Anspruch, Dinge zu wissen, die sie nie erfahren werden, und legen dabei die wirklich intolerantesten Einstellung zutage: Sie verfolgen etwas, das sie nicht kennen. Suchen sie nach dem Antichristen oder was?“31

Auffällig bei den Äußerungen Bergaminis ist, dass er, wie auch bei früheren Interviews zu dem Thema, grundsätzlich nur über die politischen Einstellungen von anderen Bandmitgliedern redet. Dazu muss man wissen, dass Kirlian Camera letztlich ein „Ein- Mann-Projekt“ Bergaminis ist. Den Hitlergruß bzw. den „Kühnen-Gruß“ (mit zwei ausgestreckten Fingern), hat Bergamini in diesem Interview, soweit mir bekannt, hier zum ersten Mal zugegeben, nachdem er ihn in mehreren vorangegangenen Interviews abgestritten hatte. Diese Geste von ihm konnte man auch bei weiteren Konzerten von ihm beobachten. In dem Gesprächsteil über andere Bands, denen die Verwendung von NS-Symbolen nicht fremd ist, redet er nur über „Möchtegern-Nazis“. Wie würde er wohl über „richtige Nazis“ urteilen? Seine Ansichten dazu kann man möglicherweise vermuten, wenn man beachtet, dass er mit dem Stück „U- Bahn V. 2 Heiligenstadt“ auf der CD „Todesengel- The Fall of Life“ die „Eiserne Garde“ Codreanus „ehren“ wollte32 und Marco E. Thiel ihn im „Europakreuz“, als einen „Kameraden“ bezeichnet.33 In der selben Ausgabe des „Europakreuzes“ wird an den 52. Jahrestages der Zerstörung Dresdens „durch britische Luftangriffe“ gedacht und um einen „Kamerad Julius B. E. F. jun. (Pseudonym J. Streicher)“34 getrauert. Der österreichische Kadmon (Gerhard Petak), dessen Projekt Allerseelen dem Neo-Folk zugeordnet werden kann, fällt durch die Herausgabe der Magazine „Ahnstern“ und „Aorta“ auf. In diesen Magazinen kommt seine Gedankenwelt, beruhend auf einer Mischung von (NS-) Esoterik, faschistoider Philosophie und Satanismus zum Ausdruck. Ein Ausschnitt aus dem „Ahnstern“-Katalog:

„II. LUCIFER RISING II. Interview (1995) mit dem amerikanischen Filmemacher Kenneth Anger über: Lucifer Rising, Externsteine, Bobby Beausoleil, Aleister Crowley, Friedrich Nietzsche. (…) III: FEUERTAUFE: Ernst Jüngers Werke über den ersten Weltkrieg (…) V: HEIDNAT: Völkischer Weg und thelemitischer Weg. Heimat und Heidentum als Kraftfelder. Heidnat als Entwurf einer halben Moderne, die Technologie und Spiritualität verknüpft. Die Bedeutung von Selbstachtung. Erdung. Widerstand.(…) VII: KRAFTFELD: Das Kornzeichen in Flandorf, Niederösterreich, Juli 1996, eine rätselhafte Einheit aus Kraft und Form (…)“35

Er beteiligte sich an den VAWS-Samplern, wie auch an einem Sampler des Labels des Dresdener „Sigill“– Herausgebers Eislicht-Verlages (Eis und Licht Tonträger); dieser erschien, um „Julius Evola zu ehren“. Das Cover der Allerseelen-CD „Gotos – Kalanda“ ziert die sogenannte „Schwarzen Sonne“, ein Marmormosaik aus dem „Obergruppenführersaal“ der SS-Kult- und Schulungsstätte Wewelsburg. Auch er fühlt sich von Antifaschisten verfolgt, spricht sich aber immerhin für Gewaltlosigkeit seiner Anhänger aus.

„Daß jemand Flugblätter gegen Allerseelen verteilte, freute mich. Ich schätze die, die den Mut haben, Nein zu sagen, den Ketzer. Die sich Schwierigkeiten einbrocken. Daß manche Anhänger von Allerseelen glaubten, diesem Jugendlichen die Flugblätter aus der Hand reissen zu müssen, erfuhr ich erst hinterher. Es mißfiel mir.“36

Daneben benutzt er aber typische Argumentationsmuster der Neuen Rechten:

„Ich verabscheue Bücherverbrennungen und Holocausts, wie sie in Auschwitz, Dresden, Hiroshima und Mururoa geschahen. (…) Was die Anti- Faschisten im Zeichen des roten Pentagramms begehen, stellt die Anschläge rechtsextremer Skinheads in den Schatten.“37

Die Musikpresse und die meisten Plattenlabel fielen bis jetzt durch Totschweigen dieser gefährlichen Tendenzen dieses Teils der Szene auf. Vermutlich aus kommerziellen Gründen, denn die beschriebenen Bands verkaufen sich, nicht zuletzt wegen ihrer „umstrittenen Meinungen“, besser als viele andere, politisch nicht auffallende Bands. Die meisten Szene-Mitglieder dürften aber (noch) eher ungefähr so denken wie Ashley, Kopf der Band Whispers in the Shadow:

„Wenn man einfach akzeptiert, was man vorgekaut bekommt, kann dies üble Folgen haben, und plötzlich haben wir ein ´viertes Deutsches Reich´ und jeder ist plötzlich überrascht und tut so, als ob nichts wäre. Nach außen hin vertreten wir allerdings keine politische Richtung. Aber ich glaube kaum, daß uns irgendwer als ´rechts´ einstufen würde. Es ist wichtig, daß die schwarze Szene nicht ins rechte Lager abrutscht, wie das in letzter Zeit so der Fall ist. Dagegen werden wir uns auf jeden Fall wehren und ich hoffe, wir stehen da nicht alleine da.“38

Das zeigt, dass Pauschalverurteilungen der Szene (wie beispielsweise Jean Cremets Beiträge in der Jungen Welt und anderen Zeitschriften) kontraproduktiv wirken. Dann nämlich fühlen sich auch politisch liberale oder linke Gothics gezwungen, sich Hand in Hand mit den, immer noch wenigen, wirklich rechtsextremistischen und faschistischen Vertretern zu verteidigen. Und gerade gegen dieses falsche Zusammengehörigkeitsgefühl, welches der Umarmungsstrategie von JF und anderen entgegen kommt, muss die Szene in nächster Zeit vorgehen, sollte sie ihre eigenen Wurzeln nicht verleugnen wollen. Ein wichtiger Ansatz dazu war sicher die Gründung der Initiative „Grufties gegen rechts/ Music For A New Society“ (April 1998 in Bremen). Mit den Zielen dieser Initiative solidarisierten sich mittlerweile auch schon einige Musiker wie Deine Lakaien, Sepulcrum Mentis, Einstürzende Neubauten, Dirk Ivens (Dive, Sonar, ehemals The Klinik), Goethes Erben, Love Like Blood, Das Ich und Isecs. Eine Internet-Initative „Gothics gegen rechts“ versucht dem Beispiel der „Grufties gegen rechts“ zu folgen und über rechte Tendenzen in der Szene aufzuklären.

Quelle: Gothic gegen Rechts

  1. Bis vor kurzem war es auch nicht unüblich, der Szene insgesamt Sexismus und Frauenfeindlichkeit vorzuwerfen, möglicherweise wegen der offen zur Schau gestellten SM- Sexualität von Mitgliedern der Szene (so z. B. Anfang der 90er Jahre in einer Flugblattaktion einer Männergruppe vor einer von Gothics besuchten Freiburger Diskothek). Diese Vorwürfe haben mittlerweile nachgelassen. Ob nun auf Grund veränderten gesellschaftlichen Bewusstseins oder einer vorurteilsfreieren Sicht auf die Gothic- Szene mag dahingestellt bleiben. [zurück]
  2. Zillo 2/ 92, zitiert nach: Grufties gegen Rechts: Die Geister, die ich rief, im Internet unter: http://www.pc- easy.de/geister/brosch.htm [zurück]
  3. Dieses Interpretation von Pearces Antrieb liefert auch Steward Home in einem Interview mit dem Münsteraner Fanzine „Auf Abwegen“: „Ich glaube einfach, daß bei Death In June Sexualität im Vordergrund steht. Ich glaube, seine sexuellen Vorlieben sind der Schlüssel zum Verständnis von Death In June, und ich glaube nicht, daß Douglas heute noch ein aktives politisches Interesse hat“. (Zitiert in: Die geilsten Uniformen, in: Jungle World, 26. März 1998) [zurück]
  4. Pockrandt, Stephan: Sexy Uniforms, in: Sigill Nr. 6, 1994, Dresden, S. 20/21, zitiert in: Stöber, a.a.O., S. 69 f. [zurück]
  5. Zitiert nach: Antifaschistisches Info, Juli/ August 1997 [zurück]
  6. Grufties gegen Rechts, Geister, a.a.O. [zurück]
  7. Im Internet unter: http://www.myway.de/secretlab/dturbu56.htm [zurück]
  8. Douglas Pearce sagt in einem Interview von 1990 über Schreck allerdings: „Als ich Boyd Rice in Amerika besucht, hat der mir erzählt, in den USA gelte Schreck inzwischen als ´reicher Jude´, der sich in seltsame okkulte Dinge verstrickt habe. Wen interessiert schon dieser ganze amerikanische Werwolf- und Satanskram. Ich halte das alles für oberflächlich“, im Internet unter: http://www.myway.de/secretlab/dturbu55.htm. Eine Aussage, die Zweifel am Geisteszustand aller drei Beteiligten weckt. [zurück]
  9. NON/ Boyd Rice: Total war, von der CD: In the Shadow of the Sword 1989, zitiert nach Cremet, Jean: The dark side of the music. Jenseits von „Böhse Onkelz“ und „Screwdriver“. Über (neo-) faschistische Tendenzen in der Independent- Musik, in: analyse & kritik 389, 04/ 1996, S. 11 ff, im Internet unter: http://www.pc- easy.de/geister/cremet.htm [zurück]
  10. Cremet, a.a.O. [zurück]
  11. „Europakreuz“ war sich bspw. nicht zu schade, den unsäglichen „Heino der Neonazis“, Frank Rennicke zu interviewen. Orginalton Rennicke: „Frank Rennicke, nationaler Barde, verheiratet, vier Kinder, seit 10 Jahren im Freiheitskampf, gebürtiger Niedersachse, Steckenpferd: Volk, Vaterland, Familie.“ (…) „Ich bin tolerant genug, liberalere und auch radikalere Meinungen von Gleichgesinnten zu dulden, wenn diese mit der ganzen Persönlichkeit gelebt werden.“ (…) „Lest, lernt, treibt Sport, enthaltet euch dem Zeitgeist und sehet mit Abscheu auf die willigen Büttel eines Systems, das es für ´normal´ hält, 600.000 Rapper- und Techno- Idioten in Berlin straßenverdreckend latschen zu lassen, junge Deutsche aber, die für Meinungsfreiheit und Erinnerung an den Mord an Rudolf Heß auf die Straße gehen, einsperren will. Heil euch!“, Europakreuz Nr. 19, April 97, Berlin, S. 9- 12 [zurück]
  12. Grufties gegen Rechts,Geister, a.a.O. [zurück]
  13. Junge Freiheit 10/93, zitiert nach: Grufties gegen Rechts: Revolte gegen die moderne Welt – Braune Graswurzelrevolution in der schwarzen Szene? Über den neurechten Kulturkampf und Widerständiges aus der Gothic- Szene, im Internet unter: http://www.pc-easy.de/geister/aib.htm [zurück]
  14. Im Internet unter: http://www.jungefreiheit.de/108aa16.htm [zurück]
  15. Junge Freiheit 4/96, zitiert nach: Grufties gegen Rechts, Geister, a.a.O [zurück]
  16. Gerlinde Gronow: Offener Brief an Easy Ettler, im Internet unter: http://www.pc-easy.de/geister/easy.htm [zurück]
  17. Grufties gegen Recht, Revolte, a.a.O. [zurück]
  18. Grufties gegen Rechts, Geister, a.a.O. [zurück]
  19. Grufties gegen Rechts, Revolte, a.a.O. [zurück]
  20. Gothic Nr. 23, Sommer 1995, zitiert nach. Grufties gegen Rechts, Revolte, a.a.O. [zurück]
  21. Gothic Nr. 23, Sommer 1995, zitiert nach. Grufties gegen Rechts, Revolte, a.a.O. [zurück]
  22. Gothic Nr. 23, Sommer 1995, zitiert nach. Grufties gegen Rechts, Revolte, a.a.O. [zurück]
  23. Zitiert nach MDR- Fakt vom 26.4.1999, im Internet unter: [zurück]
  24. Im Internet: http://www.thirdposition.com/blrnewsbloodaxis.html [zurück]
  25. Im Internet: http://www.myway.de/secretlab/dturbu54.htm [zurück]
  26. Im Internet: http://www.thirdposition.com [zurück]
  27. Im Internet: http://www.thirdposition.com/blrnation-and-the-state.html [zurück]
  28. Zitiert nach: Cremet, a.a.O. [zurück]
  29. Auffallend ist, dass in letzter Zeit, sogar während der Monate meiner Recherche, immer mehr klare „politische“ Aussagen auf den Homepages der besprochenen Künstlern verschwanden. Ich halte es für möglich, dass das mit der beginnenden antifaschistischen Arbeit in der Gothic- Szene zusammenhängt. [zurück]
  30. Im Internet: http://www.myway.de/secretlab/dturbu25.htm [zurück]
  31. Hoffmann, Dirk: Das Versteck des Antichristen, in: Zillo Musik Magazin (7-8/ 99), im Internet: http://members.tripod.com/~Heydebreck/kczil.html [zurück]
  32. Sigill (Nr. 12, 1996/97), Dresden [zurück]
  33. Europakreuz Nr. 18, Februar 1997, Berlin, S. 1 [zurück]
  34. ebd. [zurück]
  35. Im Internet: http://www.geocities.com/SunsetStrip/Amphitheatre/6522/ahnstern.htm [zurück]
  36. Kadmon: Anti- Faschismus: Katholizismus ohne Gott, im Internet: http://www.geocities.com/SunsetStrip/Amphitheatre/6522/antifa.htm [zurück]
  37. ebd. [zurück]
  38. Back Again (Winter 97/98), Darmstadt und Hamburg, S. 8 [zurück]

Betreff Bergamini & Kirlian Camera

Offener Brief der Grufties gegen Rechts Bremen an Angelo Bergamini

Sehr geehrter Herr Bergamini,

Da sie bereits mehrfach den Wunsch nach einer persönlichen Stellungnahme unsererseits geäußert haben (Zillo 10/99; Black 18, Winter 1999/2000, S. 4) und wir auch von Szeneseite dazu aufgefordert wurden (Zillo 2/2000, S. 117-118), wollen wir diesem Wunsch hiermit nachkommen.

Vielleicht interessiert es sie, daß die Initiative “Grufties gegen Rechts” ohne sie möglicherweise gar nicht existieren würde. Dabei waren sie jedoch nicht die eigentliche Ursache unserer Besorgnis, sondern lediglich der Auslöser initiativ zu werden. Es gab bereits seit Längerem in unserer lokalen Szene Diskussionen um zunehmendes rechtes Gedankengut, welches sich in Interviewaussagen, Texten, Ästhetik und auch bereits in persönlichen Beleidigungen und Drohungen von seiten “rechtslastiger” Szenemitglieder manifestierte. Außerdem entwickelten sich die Versuche rechter Organisationen, wie des Verlag und Agentur Werner Symanek (VAWS) oder der Zeitschrift “Junge Freiheit” zunehmend zu einem Ärgernis. Doch zurück zu Kirlian Camera:

Am 2. Mai 1998 besuchte eine unserer Mitbegründerinnen das “Dark Rush III-Festival” in der Berliner “Arena”. Niemand von uns hatte derzeit irgendwelche Vorbehalte gegen Kirlian Camera. Die Ästhetik ihrer damaligen Bühnenshow weckte dann allerdings unangenehme Assoziationen. Die verwendeten Ton- und Filmdokumente hätten für sich allein jedoch noch Interpretationsspielraum geboten, denn schließlich wurden nicht ausschließlich Materialien aus dem faschistischen Kontext gezeigt, und das Vorführen von Filmdokumenten besagt nicht zwangsläufig, daß man die dahinterstehenden Ideologien auch positiv bewertet. Das letzte (eventuell das vorletzte) Stück des Konzertes trugen sie dann jedoch mit ausgestrecktem Arm mit “nicht ganz verbundenen Fingern” (Zillo 7-8/99, S. 51) – dem sogenannten “deutschen Widerstandsgruß” oder “Kühnengruß” – vor. Leider ist uns bis heute keine veröffentlichte Version des Stückes bekannt, so daß wir den Titel nicht kennen. Es wurde in deutscher Sprache gesungen. Über diese eindeutige Geste ihrerseits war unsere Mitbegründerin dermaßen entsetzt, daß wir uns im Verlauf der daraus folgenden Diskussionen dazu entschlossen, eine öffentliche Stellungnahme in Form einer kleinen Broschüre zu verfassen (“Die Geister, die ich rief…”, s. Anlage), die Ende Mai 1998 erschien. Darin steht bezüglich dieses Vorfalls:

“Auf dem Dark Rush III – Festival am 2. 5. 1998 in der „Arena“ in Berlin zeigte die italienische Gothic-Band „Kirlian Camera“ in ihrer Dia-Show Bilder von Hakenkreuz-Monumenten und Hitlergrüßen und verabschiedete sich mit der neonazistischen Variante des Hitlergrußes.”

(In der Originalfassung der Broschüre ist als Konzertdatum fälschlicherweise der 2. 6. 98 angegeben.)

Diese Textpassage aus unserer Broschüre war die Grundlage der Aussage von Alfred Schobert im Spiegelinterview (Nr. 17/1999, 26. 4. 99, S. 174): “Aber am Ende eines Konzertes haben sich die Musiker von Kirlian Camera mit dem Hitlergruß verabschiedet.”

Die gleiche Geste wurde von einem späteren Mitglied der Grufties gegen Rechts Rostock bei ihrem Auftritt auf dem “Black Moon-Open-Air-Festival” am 1./2. August 1998 in Schönermark bei Neuruppin beobachtet. Dort begannen sie das Konzert mit selbigem Gruß.

Im Zillo (7-8/99, S. 51) sagen sie zu diesem Vorwurf:

”Ich muß sagen, daß ich nie ein Publikum in Deutschland mit dem Hitlergruß begrüßt habe. Wenn aber jemand kindische Sachen mag, erkläre ich einiges zu Herrn Schoberts Aussagen: Im August letzten Jahres traten wir in Berlin auf, und ich muß ehrlicherweise zugeben, daß ich auf ähnliche Weise agiert habe, um einfach den schlechten Glauben von einigen Leuten zu testen. Da habe ich das Publikum mit ausgestrecktem Arm begrüßt. Sorry, aber meine Finger waren nicht ganz verbunden. Was gibt’s zu einem Hitlergruß ohne miteinander verbundene Finger zu sagen.”

Im “Communiqué” auf der Maxi-CD “The Burning Sea” (1999) ist zu lesen:

“The reason for this refusal seems to come from the fact, that several eye witnesses claim to have seen us give “nazi salutes” in public. This is not possible, since a fact of this kind never occured, and what’s more, the use of the plural form would tend to involve all the members of the group. It may have happened only in a couple of occasions that only Angelo Bergamini showed a “salute” indicating belonging both to the extreme left as well as the extreme right, not to mention various religious doctrines and in particular the Christian one. Someone might have noticed something in the beam and hand motion above the beam which occurs when one wants to modulate the sound of the Roland MC-505 synthesizer …”

Im Interesse einer ernsthaften Auseinandersetzung, möchten wir sie darauf hinweisen, daß wir weder dumm noch blind sind, wie sie uns anscheinend unterstellen wollen. Wir sind durchaus in der Lage einen ausgestreckten Arm von der Bedienung eines Synthesizers zu unterscheiden. Wir gestehen jedoch ein, daß es richtiger gewesen wäre, in Bezug auf die genannte Geste von ihnen persönlich, und nicht von Kirlian Camera als Band zu sprechen. Ihre widersprüchlichen Aussagen zu diesen Vorfällen tragen jedoch nicht zur Klärung des Sachverhalts bei. Die entscheidende Frage, die wir hiermit von ihnen beantwortet haben möchten, ist: Was für einen Beweggrund kann es geben mit einer derartigen Geste aufzutreten? Uns fällt beim besten Willen kein integrer Grund ein!

Sie unterstellen uns, wir würden Kirlian Camera lediglich diffamieren wollen, und fordern von uns eine direkte Auseinandersetzung anhand von präzisen Fakten (“…but are not even able to report precise news about us, in fact they choose the way of pure defamation.”; “Communique”, 1999). Das ist eine berechtigte Forderung. Statt jedoch auf die konkreten Vorwürfe einzugehen, die im Spiegel (17/99, S. 174) und in unserer Broschüre “Die Katastrophe der Phrasen” (1999) vorgetragen wurden, blieb es in all ihren Stellungnahmen und Dementis bei allgemeinen Statements a la “we are not a racist band”. Sie beklagen Diffamierung, wählen aber selbst den Weg polemischer Verleumdungen:

“Feiglinge mit einer großen Kraft, einer Kraft, die aus der Hinterhand rührt. Sie haben Geld. Ihr Verhalten erinnert mich an die Mafia, niemand kennt sie, niemand sieht sie, aber sie existieren.” (Black 18, Winter 1999/2000, S. 4)

Wir können ihnen versichern, daß wir weder unsichtbar noch unerreichbar sind, wie sie behaupten, obwohl sie bereits zuvor im “Communiqué” auf der Maxi-CD “The Burning Sea” (1999) zwei Faxnummern unserer Initiative veröffentlicht haben. Auf dem Zillo-Festival am 14. 8. 1999 in Hildesheim waren wir beispielsweise mit einem Infostand auf dem Festivalgelände anwesend und für jeden öffentlich ansprechbar. Ebensowenig verfügen wir über größere Geldmengen, sondern wir sind froh, daß das Kulturzentrum Schlachthof in Bremen unsere Portokosten trägt. Und mit mafiösen Strukturen haben wir schon gar nichts zu tun. Um jedoch endlich zu einer sachlichen Diskussion zu gelangen, möchten wir sie hiermit auffordern, zu den im Folgenden genannten “präzisen Fakten” konkret Stellung zu nehmen:

In ihrem Stück ”U-Bahn V.2 “Heiligenstadt” auf der CD ”Todesengel – The Fall of Life” verwenden sie Ausschnitte aus einer Rede des rumänischen Faschistenführers Corneliu Zelea Codreanu, Gründer der Legion Erzengel Michael (1927) und Führer der Eisernen Garde (ab 1930). In einem Interview mit dem Magazin Sigill (Nr.12, 1996/97) sagen sie dazu:

”Ja, ich nahm den Song im Februar 1989 mit einem Teil von Codreanu’s Rede auf. Zu dieser Zeit suchte ich solches Material, um seine Legion zu ehren…”

Was für Beweggründe kann es geben einen Faschistenführer zu ehren?

Als Produzent des Projektes Stalingrad waren sie mit dem Titel “Der letzte Flug / Anthem” an einem Sampler zu Ehren des Nazi-Bildhauers Josef Thorak beteiligt. Der Sampler wurde vom Verlag und Agentur Werner Symanek (VAWS) verlegt und vertrieben, der im Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen von 1998 als rechtsextrem eingestuft wird. Ihre Beteiligung an diesem Projekt erfolgte, trotzdem Ihnen die politische Ausrichtung des VAWS bekannt war, da es bereits bei dem vorherigen Sampler des VAWS, zu Ehren der Nazi-Filmerin Leni Riefenstahl (1996), Diskussionen um eine geplante Beteiligung von Kirlian Camera gab, die dann zu einem Verbot der Teilnahme seitens ihres damaligen Labels Discordia führten (Sigill 12, Herbst/Winter 1996/97; “Riefenstahl”, Begleitbuch zum gleichnamigen Sampler, 1996). Im Sigill 12 äußern sie bezüglich des Riefenstahl-Samplers außerdem:

“Wie auch immer, ich hoffe, daß der Sampler ohne weitere Probleme veröffentlicht werden kann, weil die Produzenten gute Leute zu sein scheinen.”

“Ich weiß nicht, ob das Projekt etwas mit “Nazis” zu tun hat oder nicht, aber das ist für mich nicht so wichtig.”

Das Stück ”Days of Laura Zero” auf der CD ”Erinnerung” beginnt mit dem Sample einer Vereidigung aus dem Dritten Reich:

“Wir kommen zum Eid. Ich schwöre hier, Adolf Hitler, als Führer und Kanzler des Reiches …”

Laut ihrer eigenen Aussage (Europakreuz Walpurgis-Ausgabe 1995) handelt es sich dabei um die Vereidigung der Waffen-SS in München am 11. 9. 1935. Im Internet (http://members.tripod.de/Hey­debreck/Erinnnerung.html, 12. 9. 99) findet sich demgegenüber die folgende Erklärung:

“The Sample at the beginning of “Days of Laura Zero” is the (slowed down) new Wehrmacht’s inauguration oath … which was introduced immediately after the so called “Roehm-Putsch”. By this means the German army leaders demonstrated a dubious and surprising loyalty towards Hitler in summer 1934.”

Im Song “Der tote Liebknecht” befindet sich ein weiterer Sample eines “Original-Auszugs … von einer berühmten Kundgebung des Dritten Reiches.” (Angelo Bergamini in Sigill 12, 1996/97)

Kirlian Camera sind an der “Knights of Abyss”-Compilation (1995) des Berliner Labels “Abyss Recordings Europe” beteiligt. Auf dem selben Label erschien 1994 ein Tape namens “Azazium collection” auf dem ebenfalls ein Stück von Kirlian Camera enthalten ist. Der Geschaftsführer des Labels, Marco E. Thiel, ist gleichzeitig Herausgeber des rechtsradikalen Fanzines Europakreuz. Im Europakreuz 18 (2/1997, S. 1) schreibt Marco Thiel in der Einleitung zu einem Interview mit Kirlian Camera:

“Niemand soll sich über die persönliche Form des “Gespräches” wundern, ich bin nicht etwa respektlos oder ohne Manieren. Kirlian Camera und ich kennen uns seit Jahren und deshalb sei es unter Kameraden erlaubt, sich zu duzen.”

Im Interview im Zillo (Nr. 7/8 99, S. 51) bezeichnen sie die Ästhetik des Dritten Reiches als ”zweifellos faszinierend”: “Nun ich mag die Nazi-Ästhetik, das kann ich nicht leugnen. Aber was ich über Politik denke, geht nur mich etwas an, und das würde ich niemandem erzählen.” Diese Faszination kommt z. B. bei Live-Auftritten in Dia- und Videoshows deutlich zum Ausdruck.

Uns ist durchaus bewußt, daß die von Kirlian Camera in Musik, Texten oder Bühnenshows verwendeten Bezüge nicht ausschließlich aus dem Kontext rechter Ideologien stammen, sondern oft auch aus neutralen oder linken Spektren (z. B. Stanislav Lem, Tarkowskij, Fritz Lang, August Stramm, Jean Genet, Rainer Werner Fassbinder, Pier Paolo Pasolini, Stanley Kubrick, Nancy Grace Appiah, Dostojewski, Thomas Mann, etc.). Wir glauben ihnen auch, daß sie militanten Faschismus und Rassismus ablehnen. In unseren Vorwürfen geht es jedoch primär um die Versuche der intellektuellen Neuen Rechten (Nouvelle Droite, Synergies Europeennes, Thule Seminar, Junge Freiheit) völkisches, nationalistisches und faschistisches Gedankengut in der Gesellschaft zu verankern. Es ist heutzutage durchaus nichts Ungewöhnliches mehr, daß sich neurechte Kreise auf linke Autoren beziehen (z. B. Che Guevarra, Rudi Dutschke, Walther Rathenau, Albert Einstein, Antonio Gramsci). Die von ihnen häufig propagierte Offenheit gegenüber linken und rechten politischen Richtungen und das Fehlen jeglicher Abgrenzung zu rechten Ideologien wird in ähnlicher Form auch von der Neuen Rechten und von Nationalrevolutionären vertreten, die ebenso wie sie eine Aufhebung der Gegensätze von links und rechts fordern, zugunsten einer neuen “nationalen Identität und Einheit”. Faschistische Ideologien sind aber keine bloßen “Meinungen”, die im Rahmen der Meinungsfreiheit gleichberechtigt neben anderen stehen, sondern sie beinhalten “den Anreiz zu Ausschluß, Gewalt und Verbrechen” (französischer “Aufruf zur Wachsamkeit”, Juli 1993). Mit ihren wiederholten glorifizierenden Bezügen auf faschistische Persönlichkeiten, Ästhetik, etc. leisten sie einer gesellschaftlichen Entwicklung nach rechts Vorschub. Dies manifestiert sich auch in der Beliebtheit von Kirlian Camera in politisch rechten Kreisen, die sowohl am Presseecho in rechten Medien, als auch an einem Potential an rechten Fans zu erkennen ist. Der Angriff von Rechtsradikalen auf den Tourbus von Attrition am 24. 9. 1999 in Berlin ist dabei der derzeitige Höhepunkt. Wir finden es unverständlich, wie sie nach einem derart deutlichen Zeichen noch sagen können:

“Ich verstehe seine [Martin Bowes von Attrition] Probleme, sehe aber keine Schuld bei mir. Jemand wollte, daß ich Skins verbiete meine Konzerte zu besuchen – ein für allemal will ich klarstellen, daß ich dazu kein Recht habe und ich will keinen diskriminieren. Ich wiederhole, jeder, wer auch immer kann zu unseren Konzerten kommen. Ich will lediglich, daß es ruhig bleibt, so daß wir relaxed sind beim Gig. Alle zusammen, Band und Publikum müssen beweisen, daß wir keine versteckten Ziele haben. Lediglich den Wunsch uns zu treffen, nicht irgendwem etwas anzutun.” (Black 18, S. 4)

Es bleibt aber nicht ruhig! In immer mehr Städten (z. B. München, Berlin, Rostock, Greifswald, …) kommt es in jüngster Zeit wieder vermehrt zu Übergriffen militanter Nazis auf Gothic- und Dark-Wave-Fans. Und selbst in einem konkreten Fall, wie am 24. 9. 99 in Berlin, sehen sie keine Notwendigkeit sich von den Tätern abzugrenzen.

Ihre Neigung zu Nazi-Ästhetik, scheint aber auch innerhalb der Band nicht unumstritten zu sein, wie ihre wiederholten Verweise auf das politisch linke Engagement anderer Bandmitglieder, sowie einige Zitate vermuten lassen, die auf Diskrepanzen innerhalb der Band bezüglich ihrer Äußerungen hindeuten:

“Die anderen Mitglieder von Kirlian Camera stimmen mir da nicht so zu, wie gewöhnlich bei solchen Punkten, ich muß also sagen, daß das meine Gedanken sind, und nicht die von Kirlian Camera.” (Sigill 12, Herbst/Winter 1996/97)
“Jedenfalls hat meine angebliche Nähe zu “seltsamen” politischen Kreisen auch innerhalb der Band für einigen Streß gesorgt. Besonders, da z. B. Emilia oft ihre Sympathie für die extreme und radikale “rote” Seite geäußert hat und solche Andeutungen nicht mag.” (Nova Files Mai-Juni 1998, S. 31)
“Ich muß an dieser Stelle zum zigsten Male wiederholen, daß andere Kirlian Camera-Mitglieder verschiedene Male erklärt haben, daß sie ganz aufrichtig politisch links einzuordnen sind.” (Zillo 10/99, S. 51)

Wir wären sehr an den Ansichten von Emilia Lo Jacono und den anderen Mitgliedern von Kirlian Camera zum Thema interessiert.

Wir haben ihnen im Übrigen nie unterstellt einem gewalttätigen militanten Neo-Nazismus oder Rassismus das Wort zu reden. Wir schrieben in unserer beiliegenden Presseerklärung vom 20. 9. 99 lediglich:

“Wir können Angelo Bergamini nach sorgfältiger Prüfung der Tatsachen nicht von dem Verdacht freisprechen, die oben genannten Mittel in wohlwollender bzw. verherrlichender Weise einzusetzen.”

Ihre Gegenargumente fanden wir bis dato nicht überzeugend.

Mit freundlichen Grüßen

Grufties gegen Rechts Bremen

Quelle: Grufties gegen Rechts Bremen

Kulturkampf und Kommerz

Rechte Tendenzen in der schwarzen Szene

Seit einigen Jahren wird über rechte Tendenzen in und Einflußnahme von rechts auf die »schwarze Szene« geschrieben und diskutiert. Dabei ist inzwischen klar, daß es sich nicht nur um eine Unterwanderung handelt, sondern es inhaltliche Gründe gibt, warum die sog. Neue Rechte gerade diese Szene agitiert.

Neben den thematischen Uberschneidungen der »allgemeinen« Dark-Wave Szene mit rechten Inhalten gibt es aber auch einen rechten Teil in dieser Szene mit Bands, Fanzines und Vertrieben. Die Anfänge davon liegen schon in den 80er Jahren. Der nachfolgende Artikel beschäftigt sich jedoch in erster Linie damit, daß sich mit rechten DarkWave Bands nicht nur Geld verdienen, sondern auch Ideologie an Jugendliche heranbringen läßt und wie dies von der Neuen Rechten praktiziert wird, sowie mit deren Strategie und Praxis der Einflußnahme. Der Text wurde von den Grufties gegen Rechts — Music for a new Society geschrieben, einer Gruppe von DJs und Gruftis, die sich gegen rechte Tendenzen in ihrer Szene wehren.

1. Von der Jungen Freiheit in die Szene: Der rechte Kulturkampf

„Nur die Spitze eines Eisberges ist sichtbar. Die Masse liegt im Verborgenen und lauert.“ (Inschrift auf der CD „Die Brut“ (1992) der Dark-Wave-Band GOETHES ERBEN) Die Neue Rechte begann Anfang der 90er Jahre über ein Thema nachzudenken, was den Neonazis scheinbar per se diamentral entgegenstand: Popmusik. Während klassische Rechte diese irgendwo zwischen „Negermusik“, „amerikanischer Massenkultur“, „Dekadenz“ und „Heimatlosigkeit“ verorteten, begannen andere zu begreifen, daß sie mit ihrer starren Ablehnung keinen Pfifferling mehr ernten würden. „Pardon, ich höre Popmusik“ überschrieb der Österreicher Jürgen Hatzenbichler (Mitglied der FPÖ) einen Artikel im Naziblatt Nation & Europa (3-4/91), in welchem er sich von „afrikanischen Strömungen“, „schnelle(n) Rythmen und auf Gestammel reduzierte(n) Texte(n)“ distanziert, um gleichzeitig zur Herausbildung einer rechten „Gegenkultur und Alternativkultur“ aufzurufen. Was bei ihm noch mit „Provokation“ untertitelt war, präsentierte Roland Bubik, Stipendiant der Konrad-Adenauer-Stiftung, im Herbst 1993 in der Jungen Freiheit unter dem Schlagwort: „Die Kultur als Machtfrage“. Angelehnt an den italienischen Kulturphilosophen und Klassiker der Anti-Moderne Julius Evola (1898 — 1974), den Umberto Eco als „faschistischen Guru“ beschrieb, sieht er in Teilen der Popmusik Anknüpfungspunkte für die von Evola postulierte „Revolte gegen die moderne Welt“ und kommt zu dem Ergebnis: „». . die Jugendkultur von heute bietet erfolgversprechende Ansätze hierfür. (…) Ein merkwürdiges Bewußtsein, in einer Phase des Niedergangs zu leben, ist virulent, vom »age of destruction« ist die Rede, die Parties der Techno-Szene gleichen makabren Toten feiern einer Epoche. Man (…) mißtraut der Erklärbarkeit der Welt, wendet sich sogar rückwärts, etwa in Form der verschiedenen Independent-Szenen.“ (JF 10/93)

Nachdem Bubik’s Träume von der Techno-Szene („Stahlgewitter als Freizeitspaß“) sich bald als Schäume entpuppten („seelische Vergewaltigung durch Beat-Computer und Masse“), mein­te er in der Neo-Folk- und Gothic-Szene Anknüpfungspunkte zu finden. Er nennt Bands wie Dead can Dance oder Qntal, deren „mittelalterliche“ Musik „eine andere Sprache als die der Moderne (sprechen)“ würde. In Wahrheit haben beide Bands nichts mit rechtem Gedan­kengut zu tun. Qntal gehören in den Kreis der der deutschen Dark-Wave-Bands (Deine Lakaien, Estampie, Das Ich), die sich wiederholt und vehement gegen den rechten Kulturkampf zu Wort gemeldet haben. Und sein Redaktionskollege Boßdorf (s.u.) mußte feststellen, daß Dead Can Dance längst nicht auf eine Rezeption mittelalterlicher Musik zu reduzieren sind und keine (musikalischen) Grenzen kennen. Anläßlich ihrer CD „Spiritchaser“ (4 AD/Rough Trade 1996) stellt er enttäuscht fest: „Man parodiert in gezierter Pose den Orient, (…) begleitet von nicht mehr an Langeweile zu übertrumpfenden Percussion-Einlagen der Marke Dschungel. (…) Wenn dies Weltmusik sein soll, ist die Welt nicht zu beneiden.“ (JF 29/96)

Doch es gab durchaus reale Anknüpfungspunkte in der Szene: Bubiks Lebensgefährtin Simone Satzger (alias Felicia), Sängerin der Gruft-Band Impressions of Winter, propagierte 1995 eine rechte Kulturinstrumentalisierung und empfahl, „sich aktuellen kulturellen und politischen Phänomenen zu öffnen, um sie für die eigenen Zwecke zu nutzen.“ Darüber hinaus existierten schon damals eine Reihe von Bands mit tatsächlich rechten Inhalten.

Die „Operation Dark Wave“ nahm in der Jungen Freiheit ihren Lauf. Über einen Nachwuchswettbewerb konnte eine mit Dark Wave vertraute Schreiberin gefunden werden, die freilich bald das Handtuch schmiß und schließlich vor dem rechten Kulturkampf warnte. Mit Peter Boßdorf, der auf eine lange Vergangenheit u.a. im Thule-Seminar und bei den Republikanern zurückblicken kann, konnte Mitte der 90er Jahre ein Junge Freiheit-Redakteur in der auflagenstärksten Zeitschrift der „Independent Szene“ plaziert werden. Die Zillo unter ihrem damaligen Herausgeber Rainer »Easy« Etfler war sich zudem nicht zu schade, wiederholt rechte Anzeigen abzudrucken, darunter auch der Jungen Freiheit. Die Liason Zillo/Junge Freiheit war aufgrund von Protesten aus der Szene selbst bekannt geworden: Das Hamburger Wave-Label Strange Ways (Vertrieb u.a. von Goethes Erben) und der Vertrieb Indigo machten den Skandal öffentlich.

II. Bei VAWS: Propaganda, Musik & Kommerz

„Es beherrscht unser Leben/es bringt kein Heil, ich schreibe ein paar Zeilen/das Wetter hier ist fein, doch drohnt es Tag und Nacht/durch Lautsprecher.“

(Siouxie & the Banshees 1979, Mittageisen (Metal Postcard), dem kommunistischen Montagekünstler John Heartfield gewidmet)

Im Zentrum antifaschistisch-gruftigen Interesses steht der Verlag & Agentur Werner Symanek (kurz: VAWS). Der vom Alt-Rechten Werner Symanek gegründete Vertrieb verbreitet eine dem DVU-Angebot durchaus ebenbürtige Palette rechtsextremer Videos: Darunter sind Machwerke wie „Auf den Spuren Ostpreußens«“ („Durch den Zerfall der UdSSR rückt Ostpreußen wieder in das Blickfeld deutscher Interessen. Ist eine Rückkehr Ostpreußens zu Deutschland möglich?), „Die Waffen-SS: Hitlers Elitetruppe“, „Erwin Rommel: Der Wüstenfuchs“ („Seine legendären Siege.. .machten Rommel zu einem der be kanntesten Kriegshelden.“) und Leni Riefenstahls Olympia-Filme (Video-Aktuell 2/94) zu finden. „Literatur Aktuell“ (März 1994) verbreitet u.a. Bücher über den „Hitler-Putsch“ und den darauffolgenden Prozeß („alle (!) stenographisch erfaßten Aussagen Hitlers unkommentiert… “), Rechtstips vom rechtsextremen Deutschen Rechtsbüro für „Mäxchen Treuherz, (den) wackere(n) Streiter für die ,Nationale Sache‘“, damit „es ihm gelingt, innerhalb der bestehenden Rechtsordnung trotzdem für seine Ideale wirken zu können“ („Mäxchen Treuherz und die juristischen Fußangeln“), und antisemitische Hetze. So schreibt VAWS über die biblische Königin Esther: „Es gibt kein anderes Volk auf der Welt, das den Mord an 75.000 Menschen zum Anlaß eines seiner höchsten Feiertage erwählt hat.“ Im VAWS-Report (Juli 1996) werden antisemitische, verschwörungstheoretische Bücher gegen „das Finanzkapital“ verbreitet (Rubrik: „Insiderwissen“), aber auch Bücher über Nazi-Architekten (Abert Speer) und „Aktfotographie in den 30er und 40er Jahren“. Manchmal kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, daß hier nicht nur Nazis, sondern auch Psychopathen am Werke sind: „Deutschland muß vernichtet werden“ lautet der Titel eines Buches, welches „die weltweit angelegten Pläne zur endgültigen und totalen Vernichtung Deutschlands“ enthüllen soll. „Eine in ihrer Quellenvielfalt bestechende Dokumentation über die real existierenden Strategien“.

Auch die seit 1969 erscheinenden Unabhängigen Nachrichten (UN) der neonazistischen Unabhängigen Freundeskreise (UFK) werden vom VAWS verbreitet. Der UN-Redakteur Johann Brandt ist ehemaliger SS-Offizier. Auch der vor zwei Monaten gestorbene UNRedakteur Friedhelm Kathagen war SS-Offizier und Herausgeber des SS-Traditionsblattes Leitheft. Über Artikel mit Titeln wie „Alliierter Massenmord am Deutschen Volk“ (UN 3/95) etwa zum 8. Mai ’45 braucht man sich also nicht zu wundern.

Doch der VAWS will nicht nur Alt-Nazis, Antisemiten und Esoteriker bedienen. Er übt sich auch im Kulturkampf: Neben Techno-CDs ( «Kicking‘ House Tunes«, »Ravermeister« usw.) vertreibt er die gesammelten Werke der rechten Wave-Band Forthcoming Fire inklusive der Gedichtbände ihres Sängers Josef W. Klumb (alias Jay Kay). 1996 erschien ein von Klumb zusammengestellter Doppel-CD-Sampler zu Ehren der rechten Kultfigur Leni Riefenstahl, der angeblich zum „Verkaufsschlager“ wurde und — oftmals sehr unkritische —Besprechungen in einer Vielzahl von Medien erfuhr. Nachdem u.a. die WaveZeitung New Life die VAWS-Anzeige abgelehnt hatte, erfand Symanek den Tarnnamen Heliocentric Distribution für den Vertrieb.

1998 erschien das dem Nazi-Bildhauer Josef Thorak gewidmete Nachfolgeprojekt, zu dem selbst die Junge Freiheit anmerkt: „Für soviel Rehabilitierung reicht tatsächlich eine biographische Skizze aus, die als eine Art Begleitbroschüre erhältlich ist.“ (JF 2/99). Die CDs sind ein „Who is who“ des rechten Bereichs der Gothic-Szene: Neben den schon erwähnten Forthcoming Fire mit ihren Nebenprojekten Von Thronstahl und Preussak sind dies u.a. Turbund Sturmwerk (Sachsen), die sich wie Waldteufel, Mjölnir Tonkunst (Dresden) und Feindflug (Chemnitz) direkt vom VAWS vertreiben lassen. Ebenfalls zählen die SA-Verehrer Death in June (England/Australien), Andromeda Complex (Italien) und The Protagonist (Schweden) dazu, die alle auf beiden Samplern vertreten sind.

Die „Riefenstahl-CD“ enthält außerdem Beiträge von Strength through Joy (»Kraft durch Freude«, Irland), Voxus Imp. (Dresden), Allerseelen (Wien), Swirling Swastikas („Wirbelnde Hakenkreuze“, Italien) u.a. Für den „Thorak-Sampler“ konnten zusätzlich Stalingrad (produziert von Angelo Bergamini / Kirlian Camera, Italien), Egoaedes (ein Projekt von Marco E. Thiel, dem Herausgeber des rechtsextremen „Fanzines“ Europakreuz mit Sitz in Berlin) sowie weitere Bands aus Italien, Spanien, Frankreich, Tschechien und Litauen gewonnen werden.

Immer wieder versucht der VAWS auch mit nicht-rechten Bands Geschäfte und Propaganda zu machen. Die Electro-Band PP? war beispielsweise auf dem Riefenstahl-Sampler mit dem unpassenden Titel „Vive La France“ (!) vertreten und distanzierte sich öffentlich, nachdem sie bemerkt hatten, in wessen Gesellschaft sie gelandet waren. Das japanische Duo Jack or Jive ist in großer Ahnungslosigkeit auf der Thorak-Compilation gelandet und zeigte sich über das politisch-musikalische Umfeld entsetzt (peinlicherweise gefiel dem JF-Rezensenten deren Beitrag am besten).

Derlei Methoden sind beim VAWS altbewährt: Bereits 1994 schaltete der Vertrieb Anzeigen in Musikmagazinen und vertrieb auch Platten populärer Bands wie Deine Lakaien. Neben der bestellten Ware erhielten Grufties dann Propagandamaterial der UFK. Das Lakaien-Label Gymnastic Records stoppte damals die Belieferung, nachdem Fans Alarm geschlagen hatten und legte sich mit dem VAWS an. Umso erschreckender, daß derlei Tricks immer wieder funktionieren. Im Sommer 1998 erschien bei VAWS der „Profile Bizarre Wandkalender 1999″, der Fotos von dreizehn nicht-rechten, aber umso prominenteren Independent-Bands enthält. Die Initiative Grufties gegen Rechts hat die Bands inzwischen über den VAWS aufgeklärt: Das Ergebnis war immer das gleiche. Eine unscheinbare Promo-Anfrage, wie sie täglich dutzendfach bei den Plattenfirmen eingehen. Über den VAWS wußte man nichts, und hinterher ist man entsetzt. Umso notwendiger ist hier Aufklärung und dagegen vorzugehen, um dem VAWS möglichst gründlich das Handwerk zu legen. Die Postfach-Adresse des VAWS ist in Duisburg.

Da ein Großteil der bisher erwähnten rechten Bands vergleichsweise bedeutungslos ist, soll im Folgenden nur auf die „Großen“ näher eingegangen werden.

III. Josef W. Klumb und seine Projekte Forthcoming Fire, Von Thronstahl, Preussak und Weissglut:

„Only buy British!“ — „NaziBastard!!!“ (Schuß)

(Sample zu Beginn von: Velvet Acid ChristFutile (Nazi-Bastard-Mix) 1996)

Seit Jahren verbreitet Josef W. Klumb in Interviews Verschwörungstheorien und deutschtümelndes Gefasel. Daß er in der Zeit, in der er für den VAWS arbeitete, Pakete für 12 D-Mark die Stunde packte, weil er gerade arbeitslos war und einen Job brauchte —wie er im „Rock Hard“-Interview 1/99 selbstmitleidig weismachen will — ist eine Lüge. So schrieb er das Vorwort zum ersten Band von „Deutschland muß vernichtet werden“ und verteilte auf der Frankfurter Buchmesse 1997 eine gegen die Wehrmachts-Ausstellung gerichtete Sonderausgabe der Unabhängigen Nachrichten. Noch im Sommer 1998 wurde er hinter dem Verkaufsstand des VAWS beim „Zillo-Festival“ gesehen.

Daß er die von ihm verpackten Bücher offensichtlich mit Interesse gelesen hat, läßt sich auch an seinen Äußerungen erkennen. In einem Interview mit der Zeitschrift Gothic (Nr. 23, Sommer 95) erklärte er auf die Frage, wer denn die „Illuminaten“ seien, von denen er auf dem zweiten Album singt:

„Es ist die Hochfinanz, es sind die Kräfte, welche hinter ihren Marionetten die Welt bewegen… Das Gesicht dieses kommenden Regimes drückt sich aus durch die UND, NATO, Weltbank, Zionismus…“. Immer wieder bezieht er sich auf den befreundeten Verschwörungstheoretiker JAN UDO HOLEY, der unter dem Pseudonym JAN VAN HELSING die antisemitischen Bände „Geheimgesellschaften 1 & II“ veröffentlichte. Der zweite Band wurde im Februar 1996 in der Schweiz wegen Verstoßes gegen das Anti-Rassismus-Gesetz beschlagnahmt. Als hätte er „Mäxchen Treuherz und die juristischen Fußangeln“ gründlichst studiert, folgt.auf jede eindeutig rechte Aussage eine scheinbar relativierende: „Ich wirke in Hinsicht auf eine Elite, und wenn ich in diesen Zeiten die Erhebung einer Elite fordere und herau [beschwöre, dann meine ich eine Elite des Herzens, eine Gefühis-, Gedanken- und Seelenelite, deren freies Selbstbewußtsein und Liebesfähigkeit jeglichen Rassismus einfach nur entbehrt.“ Derlei wirres Zeug mag verstehen wer will. Jay Kay ist das egal, denn „…wer uns im Reich der Lüfte aufgrund seiner Beschranktheiten nicht folgen kann, soll sich erst gar nicht die Mühe machen, uns zu verstehen.“ Um wenige Sätze später noch deutlicher zu werden: „Man muß ein für alle mal erkennen, daß, wenn ich für Deutschland rede, ich nicht für circa 50 Millionen geistige Totgeburten spreche, (…), sondern daß die ,Volksseele‘, die bis ins Heute hinein so brutal vergewaltigt wurde, daß ich für dieses Heiligtum (…) den Kern und das Zentrum des Begriffes Deutschland eben verteidigen werde.“ Klumb fügte immerhin drei Jahre vor MARTIN WALSER hinzu: „Ich gestatte mir einfach die Freiheit, mich hin und wieder einfach mal deutsch zu geben, weil ich ein-für allemal die Rolle des Sündenbocks ,richt länger mitzutragen gewillt bin.“ Für ihn ist es weder rechts, die rechte Propaganda der „Liquidierung von Rudolf Heß“ nachzubeten, noch in Hinblick auf die Feiern anläßlich der Befreiung Deutschlands vom Nationalsozialismus zu bemerken, daß der 8. Mai 1945 “ .. . trotz allem eine Eroberung, eine Unterwerfüng und eine Unterdrückung des Geistes (war), die bis heute anhält und mir sogar mein Bewußtsein noch streitig machen möchte«. Seiner Definition nach ist Faschimus (…), Nonstop-Fernsehen, MTV und alles, was auf Massen hin ausgerichtet ist.“ (Alle Zitate in diesem Abschnitt aus dem Gothic-Interview)

Mittlerweile ist Klumb auf dem besten Wege, selbst Teil des „MTV-Faschismus“ zu werden. Die Nachfolgeband von Forthcoming Fire mit dem bezeichnenden Namen Weissglut ist seit 1998 bei dem Sublabel Epic, Teil des »renommierten« Sony-Konzerns, unter Vertrag, die sich nicht scheuten, einen handfesten Neonazi unter Vertrag zu nehmen. So wird es eventuell nicht mehr lange dauern, bis im Zuge der „Neuen Deutschen Härte“ auch Weissglut über die Bildschirme flimmert.

Im Jahr 1996 begann sich nach dem Interview im Gothic auch die Junge Freiheit für Klumb zu interessieren und veröffentlichte ein ausführliches Interview von Roland Bubik. Wer da wen rechts überholt hat, sei im Nachhinein dahingestellt, bemerkt Jay Kay doch in einem aktuellen Interview in der Heavy-Zeitschrift Rock Hard (1/99), daß es eines Redakteurs der Jungen Freiheit bedurfte, um ihn von einem weiteren wirren Plan abzubringen: „Nachdem ich drei Jahre die Repressalien (der Antifa) ertragen mußte, war ich so genervt, das ich auf das Cover der letzten Forthcoming Fire-CD ,Verurteilt — gerichtet — lebendig verbrannt‘ ursprünglich ein Foto von den Nürnberger Prozessen packen wollte, in das die Köpfe der vier Bandmnitglieder hineinmontiert werden sollten.“

Seinem damaligen Label Hyperium & Hypnobeats platzte jedenfalls nach dem JF-Interview der Kragen: In einer öffentlichen Erklärung sagte man sich von der Band los und verweigerte eine Vertragsverlängerung.

Klumbs Vorliebe für Ausreden, die sein rechtes Weltbild vertuschen sollen, wird auch deutlich in einem Zillo-Interview (2/97): „Wie rechtsextrem kann ich sein, wenn mich aufgrund meines Interviews, das ich der ,Jungen Freiheit‘ gab, ehemalige NS-Widerstandskämpfer in ihren Briefen an mich bestätigen?“ fragt er und fügt an: „Ich habe mich mit einem Überlebenden der „Weißen Rose“ (demokratische Widerstandsgruppe im Nationalsozialmus, Anm. d. A.) getroffen…“. Daß es sich bei dem Überlebenden um den stellvertretenden Bundesvorsitzenden der Republikaner, Hans Hirzel handelte, verschweigt er. Inzwischen darf man Josef W. Klumb wohl auch juristisch abgesegnet einen „Nazi“ nennen: Nachdem ihn das Landgericht Hamburg mit entsprechenden Dokumenten konfrontierte, nahm Klumb am 17. Dezember ’98 seinen Antrag auf Erlaß einer einstweiligen Verfügung gegen den Spiegel zurück, der ihn in einem Artikel (44/98) als Neonazi präsentierte. Nach Informationen des AIB hat Josef W. Klumb inzwischen das Lied „Sonnenritter“ mit den Mördern der Black-Metal-Band Absurd aufgenommen.

Das macht es auch für das Epic-Label schwer, die Band zu halten und so darf man gespannt sein, wie lange diese Liason noch währt. Bisher versuchte Epic, die rechtsextremen Verstrickungen Josef W. Klumb zu verschleiern, und auch große Teile der Musikpresse taten sich durch unkritisch-solidarische Berichterstattung hervor. Aber es tut sich etwas: Die Veranstalter eines für den 15. Dezember ’98 geplanten Auftritts von Weissglut in Nürnberg sagten das Konzert ab, nachdem sie über die Hintergründe informiert wurden.

IV. NO MORE BLOOD AND SOIL!

(Songtitel der britischen Gothic-Band Positive Noise)

Letztlich ist Aufklärung also der einzige Weg, den neurechten Strategen das Handwerk zu legen, und zwar solange und so nachdrücklich, bis sie die »Operation Dark Wave“ aufgeben.

Bis dahin ist es freilich noch ein weiter Weg, den wir auch weiterhin mit unseren FreundInnen aus der »schwarzen Szene» gehen werden. Die positiven Reaktionen, die die Grufties gegen rechts seit der Verötfenthichung der Broschüre ,,Die Geister, die ich rief… »(im Mai 1998) von Gothics aus dem gesamten Bundesgebiet bekommen haben, stimmen jedenfalls optimistisch. Inzwischen gibt es Grufties gegen rechts-Gruppen in Bremen, Berlin und Rostock. Neben den unerrnüdlich in unserem Sinne engagierten Deine Lakaien, Das Ich, Estample, Goethes Erben und ihren Labels haben inzwischen auch die vom VAWS getäuschten Einstürzenden Neubauten unseren Aufruf unterschrieben. Auch sie waren versehentlich auf dem »Profile Bizarre“-Kalender gelandet. In diesem Zusammenhang liegen uns Distanzierungen u.a. von Lacrimosa, Subway to Sally und dem Fan-Club der Krupps vor. Die Bands Lichtmaschine, Steril, Endzeit, Korbak und Exedra spielten Soli-Konzerte für uns.

Und auch die Zillo unter ihrem neuen Chefredakteur Joe Asmodo will vom rechten Image weg. Anläßlich einer in Bremen stattfindenen Soliparty schickte uns Joe Asmodo ein Fax mit folgendem Text: „Liebe Leute von ‚Grufties gegen rechts‘ (…) Wir begrüßen es sehr, daß es in der Wave- und Gothicszene ein Bewußtsein und Handlungspotential gegen Unterwanderungstendenzen von Rechts zu entwickeln beginnen. Eure Veranstaltung (…) betrachten wir als Teil dieses Prozesses, den es zu unterstützen gilt. Wir werden Eure Veranstaltung (…) entsprechend ankündigen. Darüber hinaus bieten wir Euch an, diese Veranstaltung kostenlos mit einer 1/4 Seite Anzeige (…) zu bewerben. Betrachtet diese Geste bitte als eindeutige Stellungnahme der Firma Zillo MusicMedia GmbH gegen Rassenhaß, Ausländerfeindlichkeit und Rechtsradikalismus aller Art.“

Sollte es doch noch gelingen, den braunen Vormarsch in der schwarzen Szene zu stoppen? Vorsichtiger Optimismus ist angebracht, auch wenn die hier genannten Bands nur die Spitze des braunen Eisbergs sind.

Ausgewählte Lesetips:

Zum rechten Kulturkampf:

Alfred Schubert: ,,Geheimnis und Gemeinschaft

— Die Dark-Wave-Szene als Operationsgebiet ,,neurechter“ Kulturstrategie‘~ (DISS Internet Bibliothek, hier auch weitere lesenswerte Texte von A. Schobert zum Thema)

Zum VAWS, W. Symanek und J. Klumb:

Alfred Schubert: ,,Rechter ,Kulturkampf‘: VAWS in Mühlheim (in: Antifaschistische NRW-Zeitung 17, Sommer 1998)

In die diffuse Gedankenwelt des Josef Klumb:

Gothic Nr. 23 (Sommer 1995): „Forthcoming Fire — Flammen und lrrlichter“ (Aufgrund der ,,radikalen und totalitären Züge“ Klumbs hatte die Redaktion damals Zweifel, „ob der Beitrag veröffentlicht werden sollte“, wie im Vorwort zu lesen ist.)

Jungle World Nr.3 (Jan.) 1999: ,,Rechtsrock läßt den Rubel rollen“ (über Weissglut)

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe Nr.48/1999 des Antifaschistischen Info-Blatts

Kampf, Sieg oder Tod – „Unpolitisches“ aus der Gruftszene

»Die schwarze Szene definiert sich gerne als tolerant (…) Leider haben wir jedoch den Eindruck, daß Toleranz häufig mit Kritiklosigkeit und Beliebigkeit verwechselt wird.«1 Schon einige Male beschäftigten wir uns ausführlicher mit rechten Tendenzen innerhalb einiger Kreise der Gruftszene. Auslöser für den folgenden Artikel ist ein offener Brief zweier Berliner DJs, welcher, alle bekannten Fakten ignorierend, antifaschistische Bestrebungen innerhalb der schwarzen Szene in Frage stellt. »Zumal sich die Antifa ja das Wort (Links-)Radikalität auf die Fahnen geschrieben hat und somit wohl kaum sehr viel toleranter als die von ihr gehetzte Zielgruppe ist… Wird demnächst jeder vergast, der ein falsches Wort sagt, welches von jenen Antifa-Saubermannern als rechtsradikal ausgelegt wird?«2 Fast ist man ja geneigt zu sagen, daß es schön wäre, wenn die antifaschistische Arbeit innerhalb der Szene überflüssig sein würde. Ein Blick auf die vergangenen Monate zeigt aber, daß genügend Stoff vorhanden ist, um einigen Teilen innerhalb der schwarzen Szene ein sehr gutes Verhältnis zu rechtsradikalen Gruppen nachweisen zu können.

Eine ganzseitige Anzeige in der Zeitschrift Sigill kündigte im Oktober letzten Jahres ein Konzert der Band Death in June (DiJ)3 in Bucha bei Jena an. Angetreten, um ihre neue CD vorzustellen, war dieses Konzert Bestandteil einer ausgedehnten Europatour dieser rechten Kultband um den in Australien wohnenden Douglas Pearce (vgl. AIB Nr. 39). Bucha zeigte aufs Neue, wie fließend die Grenzen zwischen „unpolitischer“ Gruftszene und rechten Ideologen sind. Etwa 700 Begeisterte zog es am 28. November 1998 in den idyllischen Landgasthof »Zum Nußbaum«, um neben DIJ weiteren Bands des Neofolk zu lauschen. Darunter befanden sich u.a. die ebenfalls aus Australien kommenden Fire & Ice und Der Blutharsch aus Wien. Auffällig beim gesamten Konzert war das Outfit der Mehrheit der BesucherInnen. Ob im schwarzen Military-Look oder in tarnfarbenen Klamotten — insgesamt paßte sich das Publikum dem martialischen Stil der aufspielenden Musikgruppen an.

Die Pausen zwischen den einzelnen Bands überbrückte der amerikanische Sozialdarwinist Boyd Rice, indem er verschiedene Kurzfilme zeigte. Als sehr einfallsreich offenbarte sich der Film „The black sun“, der etwa zehn Minuten lang Hakenkreuze über die Leinwand flimmern ließ. Folgt man der Eintrittskarte, so hätten die Ordnungskräfte ihn vom Konzert entfernen müssen, denn das „Tragen verfassungsfeindlicher Symbole hat den Verweis vom Veranstaltungsort zur Folge“.

Der Blutharsch

Der Hang zum Symbolischen wurde an diesem Abend von der Band Der Blutharsch bis zur Ekstase getrieben. Eingehüllt in Nebel, mit rotem Licht beleuchtet, standen zwei Menschen mit gestreckten Arm und Fackeln in den Händen auf der Bühne. Sie bildeten den Kern einer Gruppe, deren Logo ihr Name in altdeutscher Schrift und eine Sig-Rune ziert. Das martialisch-militärische Auftreten stand im Einklang mit ihrer Musik, die häufiger mit Einspielungen aus der Zeit, als Radios noch „Volksempfänger“ genannt wurden, unterlegt war. Mastermind dieses Projektes ist Albin Julius, der innerhalb der Szene bereits mit seinem Projekt The Moon lay hidden beneath a cloud einen gewissen Bekanntheitsgrad erreichte. Er war später auch ein Teil des Line-up von DIJ. Douglas Pearce berichtete in der Sigill, daß er Julius in Australien traf und beide gemeinsam ein Tonstudio mieteten. „Es war phantastisch mit ihm zu arbeiten, da er fast augenblicklich die Arbeitsweise von Death in June verstanden hat und sich einfügen konnte.«4

Bei dem zweiten Sänger vom Blutharsch handelte es sich vermutlich um Klaus Hilger, der als Betreiber des Mannheimer Musiklabels Tesco einen Namen innerhalb der Apocalyptic-und Industrial-Szene hat.

Alles unpolitisch?

Nicht nur die Atmosphäre ließ Ver­gleiche zu einem Nazi-Konzert aufkom­men. Auch organisierte Neonazis wur­den von diesem Spektakel angezogen. Neben einen Infostand der faschistoiden Zeitschrift Sigill baute das Thule-Seminar aus Kassel seine Zelte aut. Der als „rechte Denkfabrik“ einzuschätzende Verein machte Werbung für die von ihm her­ausgegebene Zeitschrift Elemente und keinen Hehl aus seiner rassistischen Programmatik. „Das Thule-Seminar kämpft für ein heterogenes Europa homogener Völ­ker“ war auf einem vom Seminar verteil­ten Lesezeichen zu lesen.

Es war nicht zufällig, daß die »Den­ker« aus Kassel neben Publikationen ihres Vorsitzenden Pierre Krebs (als Red­ner in der Nazi-Szene unterwegs) eben­falls die Dresdner Zeitschrift Hagal in ihrem Angebot hatten. „Nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes treten völkische und antisemitische Elemente (beim Thule-Seminar -d.A.) stärker hervor.“5

Diese in­haltliche Einschät­zung bringt den gemein­samen Nen­ner von Thule-Semi­nar und Ha­gal treffend auf den Pun­kt, denn letz­tere ist eine heidnische Zeitschrift mit starken antisemiti­schen Untertönen.

Antifaschistische Gegenaktivitäten

Nicht überall konnten DIJ ihre Konzerte so ungestört wie in Bucha über die Bühne gehen lassen. Einen Tag nach dem Buchaer Konzert spielte der gesamte Troß in München. Dort sollte das Konzert ursprünglich im Club Feierwerk stattfinden, wogegen örtliche Antifas jedoch mobil machten. „Ergebnis der ganzen Aktion ist jetzt, daß das Muenchner Jugendamt Death in June als rechts (radikal) einstuft. Das Feierwerk hat sich dieser Meinung zwar nicht angeschlossen, das Konzert aber trotzdem abgesagt.“6 Letztendlich fanden die Organisatoren im „Ballroom“ in Esterhofen einen Ersatzveranstaltungsort.

In Lausanne verhinderte die Öffentlichkeitsarbeit einer Schweizer Antirassismus-Gruppe zumindest den Auftritt von DIJ. Die örtliche Polizei begründete ihr Verbot mit der Gefährdung der öffentlichen Ordnung. Boyd Rice ließ es sich nicht nehmen, das Auftrittsverbot in provokanter Art und Weise zu kritisieren. Im Zuge des Auftrittes setzte er sich die DIJ-typische Maske auf und trug ein Schild mit der Aufschrift »Im Dorf bin ich das größte Schwein, ich laß mich mit den Deutschen, den Kroaten und jetzt den Schweizern ein“.7

Noch mehr…

Bereits einige Wochen vor den DIJ-Konzerten besuchte eine andere rechts-extreme Band die BRD. Es handelte sich hierbei um Blood Axis mit ihrem Kopf Michael Moynihan. Die drei Konzerte dieser amerikanischen Gruppe in Laatzen (bei Hannover), Meißen (bei Dresden) und München wurden von Sigill und LAS e.V. organisiert. Auch hier gab es im Vorfeld einiges an antifaschistischen Gegenaktivitäten. So wundert es nicht, daß auf den Internetseiten des Vorortveranstalters in München, Pagan Muzak, nachfolgendes zu lesen war: „Wer Auftrittsverbote und andere Formen von erzreaktionarer Zensur im Namen von linken Idealen fordert, sollte sich über seinen eigenen Standpunkt Gedanken machen, bevor er anderen etwas vorschreiben will“. Es ist durchschaubar, daß sich die Organisatoren hinter dem political-correctness-Vorwurf, einem Totschlagargument, verstecken wollen. Einige Zeilen später fügten die Autoren hinzu, daß sie selbst „kein Interesse“ an „Faschos“ bzw. ,“Faschoorganisationen“ auf ihrem Konzert hätten.

Selbst wenn man diesen Vorsatz als ehrlich ansieht, so geht er doch komplett an jeglicher Realität vorbei, wie beispielsweise in Laatzen. Dort traten neben den Amerikanern die Wiener Gruppe Allerseelen und Combos mit so einfallsreichen Namen wie Ahnenkult oder Jägerblut auf.8 Das Konzert im Klub „Insomnia“ wurde maßgeblich von Oliver Lindner und Marcel Koch vorbereitet. Unter dem Publikum waren zahlreiche Nazi-Skinheads, die sich u.a. mit dem Tragen von T-Shirts offen zum Nazi-Skinhead-Netzwerk Blood & Honour bekannten. Auch die Clique um den Bielefelder Neonazi Bernd Stehmann gab sich ein Stelldichein. Der ehemalige Kader der GdNF ist inzwischen Herausgeber des Nazizines Unsere Welt und nutzte die Gelegenheit für ein Interview mit Michael Moynihan.

Das Europakreuz

Dafür, daß Koch und Lindner ein Nazi-Konzert maßgeblich vorbereitet hatten, bekamen sie bereits im Vorfeld die entsprechende Quittung. Autonome Antifas griffen ihre Autos an, denn beide sind keine Unbekannten innerhalb der rechtsgerichteten Kreise der Gruftszene. Über beide führt die Spur u.a. zum neofaschistischen Europakreuz (EK).9 Die seit einigen Jahren von Berlin aus vertriebene Zeitschrift begann als düstere Musikzeitung und versteht sich inzwischen als „eine Zeitschrift des europäischen Geistes“. Neben Interviews mit sogenannten Neofolk-Bands bekamen geschichtliche Abhandlungen über faschistische Bewegungen in Europa bzw. rechtsextreme Politik an sich immer mehr Platz. Der politische Kurs ist durch eine offensichtliche Nähe zur NPD gekennzeichnet, was nicht zuletzt durch die Mitarbeit des Vorsitzenden des NHB, Alexander von Webenau, unterstrichen wird. Somit kann das EK als Schnittstelle zwischen dem Neofolk-Bereich und rechtsextremen Gruppen/Organisation eingeschätzt werden.

Herausgeber des EK ist der Berliner Marco E. Thiel, der im Düsseldorfer Hochglanz-Nazizine Rocknord 1997 die Band Death In June vorstellte. Es war ein Novum innerhalb der rechtsextremen Skinheadszene, daß eine eher aus dem Neofolk-Bereich kommende Band in einer Skinheadzeitschrift Platz bekam. Nebenbei ist Thiel in der Band Egoaeoes aktiv.

Das Europakreuz unternimmt aktuell vermehrt Anstrengungen, seine Inhalte über eine mehrsprachige Internetseite zu verbreiten, deren Sprachauswahl für sich selbst spricht. Neben Deutsch sollen die Texte in Zukunft auch in russischer, spanischer, englischer, kroatischer und italienischer Sprache angeboten werden.

Die Wege kreuzen sich

Peter Hauptfleisch, Mitarbeiter für Kunst, Kultur und Geschichte beim Europakreuz, veröffentlichte seine Musikrezensionen auch in der Dresdner Zeitschrift Sigill. Ein Blick in das Impressum der aktuellen Ausgabe zeigt, daß er nicht der einzige rechtsextreme Mitarbeiter bei dem vierteljährlich erscheinenden Periodika ist. So findet sich beispielsweise Martin Schwarz, der parallel zu seiner Sigill-Autorenschaft in so einschlägig bekannten Nazi-Zeitschriften wie Deutsche Stimme (NPD) oder Nation & Europa (älteste rechtsextreme Zeitschrift der BRD) publizierte. Eher den heidnischen Wurzeln verpflichtet ist der Deutsch-Amerikaner Markus Wolff, der Mitglied der rassistischen Asatru-Alliance in den USA ist. Oder eben Oliver Lindner, der in der Vergangenheit auch schon mal als Mitarbeiter der Sigill geführt wurde.

Das ZILLO

Neben dieser Fankultur sollte man den rechten Rand der kommerziellen Independent-Zeitschrift ZILLO nicht vergessen. In ihr sind bis heute immer wieder Beiträge über einschlägige Bands des rechten Lagers zu finden. Dabei scheinen die Musikgruppen auch in der Zillo-Redaktion ihre Anhänger gefunden zu haben. Die Redaktion legt mit dem regelmäßigen Berichten über rechte Bands eine „bemerkenswerte Unbedarftheit“ an den Tag. Hervorzuheben sind dabei Rüdiger Freund und Dirk Hoffmann. Freund verfügt über beste Kontakte zu Personen des Neofolk-Bereiches. Auch der Autor der rechten Wochenzeitung Junge Freiheit, Peter Boßdorf, mischte bei Zillo mit.


Das Ende der „Toleranz der Intoleranz“ kann nur aus der Szene kommen

Abschließend ist festzustellen, daß es im rechtsorientierten Neofolk-Bereich ein kleines, aber festes Netzwerk von Zeitschriften, Musiklabels und Bands gibt. Durch ihre Arbeit schaffen sie Anknüpfüngspunkte zu rechtsextremen Gruppen, die ihrerseits eigene Inhalte in die schwarze Szene hineintragen (dürfen). Ursache und Wirkung sind nicht immer voneinander zu trennen, vielmehr besteht eine Wechselwirkung zwischen dem Stil weiter Teile der Neofolker und der Einflußnahme von außen.

Solange das „Unpolitische“ der Gruftszene eine Art Freibrief für rechtsextreme Kräfte darstellt, solange werden rechte/rechtsextreme Inhalte innerhalb der Szene beheimatet sein. Antifaschistische Interventionen von außen werden aber immer nur einen begrenzten Erfolg haben, da sie an der Eigendynamik der Szene, u.a. an dem „Wir-sind-eine-große-Familie“-Gefühl scheitern werden. Das Ende der »Toleranz der Intoleranz« kann nur aus der Szene kommen, nicht von außen.

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe Nr.47/1999 des Antifaschistischen Info-Blatts

Quelle: Turn it down

  1. Antwort auf den „Offenen Brief an alle Printmedien“, Gruftis gegen Rechts [zurück]
  2. „Offener Brief an alle Printmedien, Betreff: rechte Tendenzen in der Gothic-Szene und Hexenjagd auf WEISSGLUT UND ZILLO«, abgedruckt in »Das Maul“ Nr.9 [zurück]
  3. zu Death inJune siehe AIB Nr.35 [zurück]
  4. Douglas Pearce in Sigill Nr.17 (Herbst 1998) [zurück]
  5. Jens Mecklenburg (Hg.), Handbuch deutscher Rechtsextremismus, 1996, S.312 [zurück]
  6. Feierwerk-Pressemitteiluog aus dem Internet, Dezember 1998 [zurück]
  7. Während des Nationalsozialismus wurden vermeintliche „Rassenschänderinnen“ mit einem Schild »Im Dort bin ich das größte Schwein, ich laß mich mit den Juden ein» gedemütigt. [zurück]
  8. Anzeige in Sigill Nr.17 (Herbst 1998) [zurück]
  9. In den Impressa ist Lindner als Gastautor für Kultur und Kunst geführt. Seinem Kompagnon Koch, Kontaktadresse des Hannoveraner Kleinstlabels StateArt, wurde regelmäßig im EK gedankt. Nebenbei — zur Blood-Axis-Tour — veröffentlichte StateArt exklusiv eine limitierte Split-Single von Allerseelen und der „Blutachse“. [zurück]