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Offener Brief gegen rechtes Darkwave-Konzert

Für den 16. April 2005 hatte die Rosenheimer Discothek Blackout ein Konzert der rechten Darkwave-Band Allerseelen angekündigt. AntifaschistInnen aus Rosenheim wanten sich in einem offenen Brief an das Blackout und die Öffentlichkeit, in dem sie über die Aktivitäten und den extrem rechten Hintergrund der österreichischen Band informierten. Wir dokumentieren im Folgenden den Offenen Brief:

Infogruppe Rosenheim,
Oberaustr. 2 , 83026 Rosenheim
infogruppe-rosenheim@web.de
www.infogrupperosenheim.tk

Offener Brief

An das
Blackout
Am Rossacker 7, 83022 Rosenheim
info@club-blackout.de
Tel.: 08031/380328

Nachrichtlich an:
+ Regionale Presse
+ Lokale Parteien, Organisationen, Initiativen und Einzelpersonen

Rosenheim, 14.03.05

Betr.: Rechtsextremes Konzert im Rosenheimer Club „Blackout“?

Laut Ankündigung auf Ihrer Homepage soll am 16. April 2005 in Ihrem Club „Blackout“ in Rosenheim ein Konzert mit der österreichischen Dark-Wave-Band „Allerseelen“ stattfinden. Da wir davon ausgehen, dass das blackout kein Interesse daran hat Faschisten eine Plattform zu bieten, wollen wir Sie, mit diesem offenen Brief, über den rechtsextremen Charakter dieser Band informieren und Sie gleichzeitig dazu auffordern, dieses Konzert abzusagen.

Die Band Allerseelen wurde 1989 von dem Wiener Gerhard Petak, alias Kadmon, der aktuell – nach eigenen Angaben – im Raum Berchtesgaden wohnt, gegründet und seitdem maßgeblich geprägt. Nach Einschätzung von Alfred Schobert, Mitarbeiter des „Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung“, gehen die „Pioniertaten (Petaks; Anm. Infogruppe) über die Rehabilitierung faschistischer Symbolik hinaus. Er rehabilitiert komplette nazistische Ideolgiebestände.“ So vertonte Petak beispielsweise auf der CD „Gotos-Kalanda“ einen Gedichtzyklus des Karl Maria Willigut, der bis 1938 maßgebliches Mitglied des SS-Ahnenerbes war und der den SS-Totenkopfring entworfen hatte. Willigut wird entkontextualisiert – die SS als verbrecherische Organisation erscheint bei Petak nicht – als bewundernswerter „Geschichtsforscher“ und Runendichter dargestellt. Weitere von Petak angepriesene „Persönlichkeiten“ sind Leni Riefenstahl, Ernst Jünger, Otto Rahn, ebenfalls Mitglied im SS-Ahnenerbe, und der rumänische Faschist Corneliu Z. Codreanu, der in den 1920er und 1930er Jahren Mitbegründer und Führer der extrem antisemitischen Eisernen Garden war. In Lieder von Allerseelen baut Petak auch Gesänge und Märsche der Eisernen Garde bzw. eine Rede Codreanus ein.

Die Band veröffentlichte bis dato mehrere CDs, sog. Split-Singles und beteiligte sich an diversen Samplern, die der Hommage an verschiedene „Persönlichkeiten“ dienen sollten. Genannt seien hier Sampler zum Gedenken an Leni Riefenstahl, der vom rechtsextremen, (vom Verfassungsschutz beobachteten) VAWS-Verlag produziert wurde, an Ernst Jünger oder an den italienischen faschistischen Theoretikers Julius Evola. Eine Rezension dessen Buches „Den Tiger reiten“ von Gerhard Petak in der rechtextremen Berliner Wochenzeitung „Junge Freiheit“ ist als nichts anderes als eine Ehrerbietung an den Autor Evola zu werten. Dieser Evola empfahl im Jahr 1928: „Wir machen Schluss mit jeder Schwäche, mit jeder Nachsicht gegenüber allem, was von der semitisch-christlichen Wurzel herkommt. Anti-Europa, Anti-Semitismus, Anti-Christianismus, das ist unsere Losung.“

Gemeinsam mit der amerikanischen Formation „Blood Axis“ um den Rechtsextremisten Michael Moynihan veröffentlichte Allerseelen im Jahr 1998 die Split-Single „Käferlied/ The March of Brian Boru“. Dieser Moynihan berichtete in einem Interview mit dem Magazin „No longer a Fanzine“: „Einerseits denke ich, dass die Zahl 6 Millionen nur zufällig und ungenau und wahrscheinlich eine grobe Übertreibung ist. Ich habe revisionistische Bücher gelesen, die gut gegen den Holocaust- ‚Kanon’ argumentieren, und selbst die jüdischen Historiker verändern fortlaufend ihre Ansprüche. Doch mein Hauptproblem bezüglich der Revisionisten ist, dass sie von der Annahme ausgehen, das Töten Millionen unschuldiger Menschen sei als solches ‚böse’. Mehr und mehr neige ich zur entgegengesetzten Schlussfolgerung. Ich geriete nicht aus der Fassung, wenn ich herausfände, dass die Nazis jede ihnen zugeschriebene Grausamkeit begangenen hätten – ich zöge es vor, wenn es wahr wäre“.

Kritik an seiner Ideologie, die er mit seiner Musik transportiert, vergleicht Gerhard Petak alias Kadmon mit der Judenverfolgung im Dritten Reich. So formulierte er in einem Szene-Magazin: „Offenbar braucht jede Kultur ein Hexenmal, einen Judenstern. (…) Heute ist der Faschismusvorwurf gegen die industrielle Musik und Dark Wave ein Judenstern. (…) Die Judensterne sehen heute anders aus, es sind ariosophische völkische Zeichen, Runen, Thorshammer, Kruckenkreuz, Hakenkreuz.“ [Black 14/1998]

Zusätzlich neben der Band Allerseelen nutzte Gerhard Petak die Zeitschrift „Aorta“, die er später in „Ahnstern“ umbenannte als Möglichkeit, um seine Ideologie zu verbreiten. In den beiden Publikationen findet sich ein obskurer Mix aus Heidentum, Nazi-Esoterik und völkischem Denken. Neben Huldigungen an die bereits genannten Julius Evola und Corneliu Z. Codreanu, veröffentlichte Petak hier u.a. Artikel über sog. Flugscheiben, die als „geheime Wunderwaffen“ der Nazis verklärt werden. Nach gerade in rechtsextremen Kreisen weit verbreiteten Theorien seien diese Flugscheiben u.a. in Neuschwabenland, einem Gebiet in der Antarktis, das in den Jahren 1938 und 39 Ziel einer SS-Expedition gewesen ist, stationiert worden. Eine „Rest-SS“ hätte sich bis 1955 in Neuschwabenland aufgehalten. „Neuschwabenland“ ist im Übrigen auch der Titel einer Allerseelen-CD. Gerade die Tatsache, dass der vermeintliche Konstrukteur dieser Nazi-Flugscheiben mit dem mittlerweile verstorbenen Andreas Epp ein Rosenheimer gewesen soll [siehe u.a. Oberbayerisches Volksblatt vom 22.12.2004, S. 12], erscheint das Konzert von Allerseelen bzw. von Gerhard Petak samt seines Faibles für Neuschwabenland und Flugscheiben in Rosenheim in einem ganz besonderen Licht.

In der Publikation „Musik-Mode-Markenzeichen“ des nordrhein-westfälischen Verfassungsschutzes wird Gerhard Petak mit seiner Band Allerseelen selbst erwähnt. Petak, außerdem Autor in diversen rechtsextremen Theorieorganen, wie „Staatsbriefe“, „Opposition“ und „Junge Freiheit“, wird eine „Affinität zum Rechtsextremismus“ attestiert. Weiter heißt es hier, dass „Allerseelen“ einer der Bands dieses Musikgenres sei, die seit Anfang der 1990er Jahre „NS-Symbolik aufgegriffen und positive Bezüge zu Leitfiguren des Rechtsextremismus hergestellt“ habe.

Die Band Allerseelen um ihren Kopf Gerhard Petak ist einer der führenden Protagonisten, die das Musikgenre Dark Wave nutzen um ihre rechtsextreme Ideologie zu transportieren. Seit Anfang der 1990er Jahre ist in der Dark-Wave-Szene, aber auch in anderen Subkulturen, zu beobachten, dass neu-rechte Akteure bemüht sind, ihre rechtsextreme Ideologie zu verbreiten. Ansatzpunkte in der „schwarze Szene“ sehen diese durch angeblichen Mystizismus, Irrationalismus sprich Heidentum und Esoterik, Anti-Modernes-Denken, das sich in positiven Bezügen auf Mittelalter und Romantik äußert, und letztendlich durch ein in der Szene weit verbreitetes elitäres, antiegalitäres Selbstverständnis. Auch in diversen Verfassungsschutzberichten der letzten Jahre wurde auf diese Ausbreitungsversuche in der Dark-Wave-Szene mit Besorgnis hingewiesen. So heißt es beispielsweise im Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen aus dem Jahre 2003, dass „der Versuch, Musik mit rechtsextremistischen Inhalten oder mit einem solchen Hintergrund in einer Subkultur zu verankern, nur in solchen Bereichen Erfolg versprechend (sei), wo Anknüpfungspunkte und Schnittmengen mit rechtsextremistischem Gedankengut und Symbolen feststellbar sei. Die Jugendszenen des Black Metal und des Dark Wave können Anknüpfungspunkte und Schnittmengen mit rechtsextremistischem Gedankengut bieten.“ [VS-Bericht NRW 2003, S. 40]

Vor dem Hintergrund dieser hier gelieferten Informationen über die Band Allerseelen fordern wir Sie – die Betreiber – des Club „Blackout“ auf, das Konzert mit Allerseelen abzusagen. Vorbild können hier die Vermieter – das Hotel Hilton – eines Veranstaltungsortes in der Bremer Innenstadt sein, die ein Konzert mit den Bands Allerseelen und Belborn aus Rosenheim kurzfristig, nachdem sie über den Charakter dieses „Events“ informiert worden sind, abgesagt haben.

Mit freundlichen Grüßen

i.A, Michael Kurz

AK Antifaschismus Rosenheim
GEW (Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft) Jugendvertretung
Grüne Jugend Rosenheim (www.gruene-jugend-rosenheim.de)
Infogruppe Rosenheim (www.infogrupperosenheim.tk)
Trümmernacht (www.truemmernacht.com)

Quelle: a.i.d.a.

Sommernachtstraum

Trotz antifaschistischer Öffentlichkeitsarbeit fand am 31. Juli 2004 das extrem rechte Dark Wave-Konzert „Mitternachtsberg-Fest“ in der Burg Vondern in Oberhausen (NRW) statt.

Als Veranstalter trat der „Forsite-Verlag“ [Trojaburg Versand] auf. Dieser gehört dem 31-jährigen Dennis H. Krüger aus Bottrop. In seinem Verlagsangebot zu „Frühgeschichte-Mythologie-Esoterik“ sind einschlägige Standardwerke der nationalsozialistischen „Rassenkunde“ ebenso zu finden wie die Werke der völkischen Antisemiten Guido von List und Jörg Lanz von Liebenfels. Aufgrund seiner häufigen Teilnahme an neonazistischen Demonstrationen wird Krüger von der örtlichen Antifa der neonazistischen Szene im Ruhrgebiet zugerechnet.

Aufgetreten sind die Neo-Folk-Bands „Cawatana“ (Ungarn) und „Lux Interna“ (USA) sowie die österreichische Formation „Allerseelen“. Angekündigt wurde diese Gruppe um den extrem rechten Esoteriker Gerhard Petak lediglich unter dem Namen „Aar“ – zu groß war scheinbar die Sorge vor der kritischen Öffentlichkeit hinsichtlich der seit Jahren formulierten Kritik an der Band und dem Musiker. Jüngst erst steuerte „Allerseelen“ einen Song zur Compilation „Wir rufen Deine Wölfe“ bei, die dem Begründer des „Neuen Nationalismus“ und Kämpfer gegen die Weimarer Republik Friedrich Hielscher gewidmet ist. Die CD wurde im übrigen auf dem Label „Aorta“ von Petak veröffentlicht, die LP-Fassung auf „Ahnstern“, einem Sublabel von „Steinklang Records“ (Österreich).

Nachdem die örtliche Presse berichtet hatte, versuchte der Vermieter, der „Förderkreis Burg Vondern“, den Vertrag zu kündigen, scheiterte aber an juristischen Schwierigkeiten. Auch die Stadt fand keinen Grund, die Genehmigung für das Konzert zurückzunehmen, engte aber über Auflagen den Veranstaltungsrahmen ein.

Letztendlich fanden nur ca. 60 zahlende Gäste den Weg zur Burg. Der angekündigte „Mitternachtsberg“ wurde nicht erreicht, denn pünktlich um 22 Uhr musste das Konzert beendet sein. Verfassungsfeindliche Symbole wurden, wie sonst auf vielen derartigen Veranstaltungen üblich, hier nicht zur Schau gestellt. Die Präsenz der Polizei sorgte wohl für dieses verhaltende Auftreten. Unscheinbar am Rande platziert wurden Interessierten lediglich die aktuellen Ausgaben der Magazine „Zinnober“ und „Wolfszeit“ sowie ein paar CDs angeboten.

Um die Burg herum hielt sich eine Hundertschaft der Polizei auf. Sowohl in der verhältnismäßig zahlreich anwesenden Security als auch unter den Gästen befanden sich einige Neonazis aus dem Ruhrgebiet. Als geschäftsfördernden Einstand im neuen Metier der Konzertveranstaltungen dürfte dieser Abend für den Veranstalter jedenfalls mächtig daneben gegangen sein.

von Jochen Koblinski

dieser Artikel erschien im Rechten Rand Nr. 90

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Im folgenden dokumentieren wir einen aktuellen offenen Brief der antifaschistischen Zeitung „Lotta“ und des Antifaschistischen Bündnisses Oberhausen (ABO):

Offener Brief

An:

- Stadt Oberhausen – Der Oberbürgermeister u.a.

- Förderkreis Burg Vondern e.V.

Nachrichtlich an:

- Regionale Presse

- Lokale Parteien, Organisationen, Initiativen und Einzelpersonen


Konzert der extremen Rechten auf Burg Vondern?

Oberhausen, 29. Juli 2004

Sehr geehrte Damen und Herren!

Am übermorgigen Samstag, 31. Juli 2004, soll laut Einladung des Veranstalters „im Burghof der Burg Vondern / Oberhausen (Ruhrgebiet)“ ein so genanntes „Mitternachtsberg-Fest“ stattfinden. Diese Veranstaltung wird von Aktivisten der extremen Rechten organisiert.

Bei dem Event handelt es sich um ein musikalisch der Darkwave- bzw. Gothic-Szene zuzuordnendes Konzert. In dieser auf Individualität, Romantik und religiöse Sinnsuche ausgerichteten Szene existiert seit einigen Jahren auch ein kleiner rechter Bereich. Dieser ist jedoch weder inhaltlich noch von seinem Äußeren her z.B. mit der rechten Skinhead-Szene vergleichbar.

Hier wird Individualität zu Elitedenken erhöht, romantische Retrospektiven wandeln sich zu einer Ablehnung der Moderne inklusive der Ablehnung des demokratischen Denkens.

Auch in den Kreisen der extremen Rechten, z.B. der „Neuen Rechten“ wird versucht, die Darkwave-Szene zu agitieren und den rechten Teil dieser Szene zu fördern und daraus Nutzen zu ziehen. Sei es seitens der rechtsintellektuellen Wochenzeitung „Junge Freiheit“ oder Werner Symanek, der bis vor kurzem in Oberhausen seinen extrem rechten Versand VAWS betrieb1.

Auch bei dem „Mitternachtsberg-Fest“ existiert ein solcher Hintergrund und es lassen sich Verbindungen zur extremen Rechten nachweisen. Als Veranstalter wird der „Forsite-Verlag“ genannt. Über diesen in Bottrop ansässigen Verlag können auch die Eintrittskarten bezogen werden.

Dass es sich hierbei um einen der extremen Rechten angehörigen Verlag handelt, zeigt schon ein kurzer Blick in sein Internet-Angebot2. In nahezu jedem Bereich des Angebots finden sich Vertreter der extremen Rechten, sogar des Nationalsozialismus. Im Bereich „Frühgeschichte“ wird z.B. die

„Rassenkunde des deutschen Volkes“ von Hans F. K. Günther angeboten und als „gründliche Untersuchung des bekannten Wissenschaftlers zur Eugenik“ gepriesen.

Bei dem Werk handelt es sich um ein Standardwerk der nationalsozialistischen „Rassenkunde“. Ebenfalls in diesem Bereich wird „Die symbolhistorische Methode“ des Gründers der SS-Forschungsorganisation „Ahnenerbe“, Herman Wirth, beworben. Im Bereich der „Kelten & Indogermanen“ wird Karl Penkas: „Die Herkunft der Arier“ angepriesen, unter „Mythologie“ die Werke „Guido von List: Die Armanenschaft der Ariogermanen“ und „Jörg Lanz von Liebenfels: Theozoologie“. Bei List und Liebenfels handelt es sich um äußerst rassistische und antisemitische Mystiker der vorvorigen Jahrhundertwende, die als Vordenker des NS bezeichnet werden können3. Ebenfalls im Angebot zu finden sind die Schriften der neuheidnischen „Goden“ und „Armanen“, welche in der Fachliteratur als extrem rechts gewertet werden4.

In der Rubrik „Zeit-Schriften“ wird u.a. auch die Folge 2/1997 des Heftes „Sol Invictus“ angeboten. Das Heft zum Thema „Mitternacht“ umfasst nach Angaben des Verlages „Texte zum Mythenkomplex Mitternachtsberg -Schwarze Sonne – Lichtbringer – Thule u.a Auszüge aus Wilhelm Landig, Julius Evola, Otto Rahn, Kurt Eggers, Rudolf Mund, Werner von Bülow.“ Das Titelblatt der Publikation ist mit einem Foto der „Schwarzen Sonne“, einem von der SS entworfenen Bodenmosaik aus der Wewelsburg, gestaltet. Diese Wewelsburg sollte unter Leitung von Reichsführer SS Heinrich Himmler zur Ordensburg der SS ausgebaut werden und der mystische Mittelpunkt der Welt werden.

Bei den Personen, deren Texte abgedruckt sind, handelt es sich durchweg um Personen, die mit dem Faschismus bzw. dem Nationalsozialismus in Verbindung stehen, so z.B. um den italienischen Mussolini-Berater und antidemokratischen Theoretiker Julius Evola, dem Dichter der SS Kurt Eggers, den SS-Mystikern Otto Rahn und Rudolf Landig.

Es ist naheliegend, dass dieser Personenkreis und dieses Themenheft auch den ideologischen Hintergrund des angekündigten „Mitternachtsberg-Festes“ bilden und es sich bei diesem „Fest“ mitnichten um ein harmloses Konzert handelt.

Zumal sich auch die angekündigten Bands des Abends in einem Spektrum bewegen, die eben jenen Ideologen huldigen. Womit hier nicht gesagt werden soll, dass es sich bei den Bands zwingend um extrem rechte Formationen handeln muss.

Angekündigt sind die Bands folgendermaßen: „Aar (Apocalyptic-Folk Österreich), Cawatana (Neo-Folk/Ungarn), Lux Interna (Neo-Folk/USA)“. Zumindest die beiden Bands „Cawatana“ und „Lux Interna“ veröffentlichten ihre CDs beim Dresdner Label „Eis & Licht“. Bei diesem Label von Stephan Pockrandt handelt es sich um das wichtigste Label in Deutschland, welches rechte Einflüsse im Darkwave fördert. Pockrandt etablierte als Herausgeber die rechte Musikzeitschrift „Sigill“ (später „Zinnober“), welche eine Mischung aus Ideologie und Musik darbot5. In diesem Spannungsfeld bewegen sich auch die Bands, so ist „Cawatana“ mit einer Version des Gedichtes „Michelsgebet/Wir rufen Deine Wölfe“ von Friedrich Hielscher auf dem Sampler „Wir rufen deine Wölfe“ vertreten. Hielscher, einer der Begründer des „Neuen Nationalismus“ und Kämpfer gegen die Weimarer Republik, wird auf dieser Compilation von extrem rechten Bands wie „Blood Axis“, „Waldteufel“ und „Turbund Sturmwerk“ interpretiert.

Es steht zu befürchten, dass sich der extrem rechte „Forsite-Verlag“ mit dem Konzert am 31. Juli präsentieren möchte, dort gar extrem rechte Literatur etc. angeboten wird. „Daneben erwartet Sie ein Bücher-/Tonträger-Verkauf“ heißt es in der Einladung.

Inhaber des „Forsite-Verlages“ und damit Veranstalter des Konzertes ist der 31-jährige Dennis Henry Krüger, früher in Duisburg, dann in Mülheim/Ruhr und heute in Bottrop wohnhaft. Er gehört seit langen Jahren der nazistischen Szene an und war bereits häufig auf neonazistischen Aufmärschen anzutreffen, so z.B. in Dortmund, Bottrop, Frankfurt am Main, Hagen und in vielen anderen Städten. Er wird dem Kreis um die neonazistische Zeitschrift „Der Förderturm“ (FT) zugerechnet6, die zunächst im Ausland, dann in Duisburg, später in Mülheim/Ruhr erschien und aktuell über eine Bottroper Adresse zu beziehen ist. Auch der nordrhein-westfälische Verfassungsschutz stuft diese Postille als neonazistisch ein und spricht in diesem Zusammenhang sogar von einer „in dieser Weise noch nie da gewesene[n] kämpferische[n] Aggressivität, was die Durchsetzung der neonazistischen Ziele angeht“7.

Wir gehen davon aus, dass Ihnen diese Hintergründe bisher nicht bekannt waren. Wir bitten Sie hiermit höflichst und fordern Sie gleichzeitig nachdrücklich dazu auf, das Ihrige zu tun, damit das Konzert nicht stattfinden kann.

Für Rückfragen steht Ihnen ein Vertreter des „Antifaschistischen Bündnis Oberhausen“ (ABO) heute und morgen von jeweils 14.00 bis 16.00 Uhr unter der Telefon-Nummer 0208 / 23037 zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen

Jan Brüsser (i.A. der Absender/innen)

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Laut einer Meldung der Neuen Rhein Zeitung (NRZ) Oberhausen vom 30.7.04, sieht die Stadt keine Möglichkeit, die Genehmigung zurückzuziehen.

Mehr Infos gibts bei der Lotta.

Quelle: Turn it down

  1. Zu VAWS siehe: Martin Dietzsch/Helmut Kellersohn/Alfred Schobert: Jugend im Visier, Duisburg 2002, Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung, S. 57 ff. [zurück]
  2. hXXp ://forsite-verlag.de [zurück]
  3. Vgl. Nicholas Goodrick-Clarke: Die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus, Graz 1997 [zurück]
  4. Vgl. Jens Mecklenburg: Handbuch deutscher Rechtsextremismus, Berlin 1996, S. 368, 372 [zurück]
  5. Vgl. zu dem gesamten Bereich: Andreas Speit: Ästhetische Mobilmachung. Dark Wave, Neofolk und Industrial im Spannungsfeld rechter Ideologien, Münster 2002 [zurück]
  6. Vgl. JD/JL Duisburg: Duisburg – rechts um!? Neonazismus im Großraum Duisburg/Oberhausen, Duisburg 2002, S. 60-64, sowie: Der Rechte Rand, Nr. 88, Mai/Juni 2004, S. 9 [zurück]
  7. Innenministerium des Landes NRW: Verfassungsschutzbericht des Landes NRW über das Jahr 2003, S. 34. Siehe auch WAZ Lokalausgabe Bottrop vom 08.02.2003: „Volksverhetzung bleibt jetzt doch ungesühnt“. Bei dem Halter des dort genannten Fahrzeuges, in dem Neonazi-Material transportiert wurde, handelte es sich um Dennis Henry Krüger, sein damaliges Autokennzeichen: DU-FT 1488, wobei „FT“ hier für „Förderturm“ stehen dürfte, die „14″ als Code für eine neonazistische Formel dient, die aus 14 Wörtern besteht („14 words“: „We must secure the existance of our people and a future for white children“) und die „88″ für „Heil Hitler“ (die „8″ für den 8. Buchstaben im Alphabet, also das „H“) steht. [zurück]

»Ästhetischer Sprengstoff«1

Am 25. Dezember 2003 fand in der halleschen Diskothek »Tanzbar Palette« ein Konzert mit den Bands Fire & Ice, Sonne Hagal und Sonnentau statt. Als Veranstalter dieses Konzertes traten Uwe Nolte (NOLTEx) und das Label Eis & Licht um den Dresdner Stephan Pockrandt auf. Sowohl die Bands als auch die Organisatoren gehören dem rechten Rand der Gothic- bzw. Gruftiszene an.
Die Betreiber der »Palette« wurden im Vorfeld mehrfach auf den Charakter des Konzertes und den politischen Background der Veranstalter aufmerksam gemacht, sie weigerten sich jedoch, die Veranstaltung abzusagen. Der folgende Text wurde im Vorfeld des Konzertes als Hintergrundinformation an verschiedene Initiativen und Institutionen verschickt.

Zu Weihnachten 2003 finden sich Uwe Nolte (NOLTEx) und Stephan Pockrandt zur Zusammenarbeit in Halle ein. Gemeinsam wollen sie in der bekannten Disko »Palette« ein ganz besonderes Konzert veranstalten. Am 25. Dezember sollen die Bands Fire & Ice, Sonne Hagal und Sonnentau ein Seitenprojekt von Uwe Nolte auftreten. Uwe Nolte ist mit der Band Orplid ebenso wie Sonne Hagal mit einigen Veröffentlichungen beim Label Pockrandts unter Vertrag. Pockrandt zeichnete als Chefredakteur für das Magazin Sigill und die ersten Ausgaben des Nachfolgeprojektes Zinnober verantwortlich und betreibt das Musiklabel Eis & Licht. Das Label veröffentlicht vor allem Bands, »deren Musik in unterschiedlicher Gewichtung Romantik, Militarismus, nordische Götterwelt und elitäres Gedankengut beinhaltet«.2

Musikalisch bewegen sich die Künstler im so genannten Neofolk, einer Richtung des Dark Wave, düsterer, melancholischer Musik unterschiedlicher Ausprägung, die üblicherweise mit den Grufties bzw. Gothics verbunden wird. Thematisch verarbeiten die Musiker im Neofolk heidnische und spirituelle Bezüge, die in einer neuen Form von Folk, also Volksmusik an die Wurzel des eigenen Daseins erinnern sollen. Wo man diese Wurzeln verortet, wird bei einem näheren Blick klar. Die Weitergabe »Runischen Wissens« durch die Band Sonne Hagal im Magazin Zinnober lobt die rechtsextreme Junge Freiheit als Annäherung an germanische Mystik.3 Sowohl Ian Read von Fire & Ice als auch Sonne Hagal gestalten ihr Artwork mit Verweis auf die »nordische Kultur« mit Runen, Read hat auf einer Veranstaltung beim Dark-Wave-Festival in Leipzig 2003 eine einschlägige Lesung gehalten.

Ian Read gehört mit der aus dem Split von Death in June hervorgegangen Band Sol Invictus zu den Gründungsfiguren des Neofolk. Sein Interesse für Odinismus, Heidentum und Magie führte u.a. zu seiner Mitgliedschaft bei der heidnischen Gruppe Illuminates of Thanateros (IOT). Nach seiner Trennung von Sol Invictus gründete er die Band Fire & Ice und sein eigenes kleines Label Fremdheit.

In einer der ersten Veröffentlichungen im Jahr 2000 kommt u. a. der amerikanische Neonazi Eric Owens zu einem musikalischen Auftritt.4 Uwe Nolte (Sonnentau, gemeinsam mit Frank Machau Orplid) hat die pathetische, deutschtümelnde musikalische Arbeit Beifall von extrem rechts verschafft.

So schreibt das Organ der NPD Deutsche Stimme zu einer 1999 erschienenen Maxi CD: »Wem Frank Rennicke und Jörg Hähnel nicht ausreichen, der kommt an dieser Scheibe nicht vorbei.«5 Das selbe Blatt analysiert 2003: »Eine Gruppe, die Musik wie Orplid macht, kann wohl nur aus Sachsen-Anhalt kommen, dem vielleicht mythengesättigsten deutschen Gau.«6 Dass es sich dabei nicht um Missverständnisse handelt, beweisen die musikalischen Beiträge auf zwei Samplern.

Mit seiner früheren Band Rückgrat beteiligte sich Nolte 1996 am Sampler für Leni Riefenstahl, der vom extrem rechten Verlag und Agentur Werner Symanek (VAWS) veröffentlicht wurde. Mit einschlägig bekannten Bands des rechten Dark Wave folgte 1998 ein Beitrag Orplids am Sampler zu Ehren des hundertsten Geburtstages des italienischen Faschisten Julius Evola, produziert von Eis & Licht.

Die Debüt-Veröffentlichung von Orplid wurde neben Eis & Licht auch vom Ultima Tonträger Versand beworben. Inhaber war der hallesche neonazistische Führungskader Sven Liebich. Auch ein aktueller Blick bestätigt die ideologische Nähe. Nolte versteht sich nicht nur als Musiker, sondern auch als Photograf und Dichter. Auf der offiziellen Website seiner Band Orplid findet man den Link zu www.godenholm:de.7 Die Seite widmet sich dem nationalrevolutionären Kreis um Ernst Niekisch und seiner in den zwanziger und dreißiger Jahren erschienen Zeitschrift Widerstand. Niekisch begann seinen politischen Weg in der Münchner Räterepublik mit einem antiegalitären, nationalistischen Sozialpatriotismus, der sich später zu einem faschistischen Entwurf von Staat und Gesellschaft verdichtete. Unter Wahrung der ökonomischen Struktur des Kapitalismus ging es ihm um die Errichtung eines Staates, in dem Kapitalinteresse und die sozialen Existenzbedingungen der Lohnabhängigen völlig dem Primat der Nation untergeordnet sind. Seine Kritik an der aufstrebenden NSDAP, heute oft als antifaschistische Kritik verklärt, führte zu seiner Inhaftierung ab 1935. Dabei galt sein Angriff einer in seinen Augen »legalistischen« Bewegung, motiviert in einem Konkurrenzkampf innerhalb des starken rechten, antidemokratischen Lagers der Weimarer Republik.

Uwe Noltes Dichtungen finden sich auf www.godenholm.de in einer Reihe mit Texten der so genannten Nationalrevolutionäre Ernst Niekisch, der Ikone nationalkonservativen Denkens, Ernst Jünger, und Ernst von Salomon, der 1922 am Mord an dem jüdischen Außenminister der Weimarer Republik, Walther Rathenau, beteiligt war. 8 Mit seinen Gedichten ist Nolte weiterhin im Arnshaugk Verlag vertreten, der auf www.godenholm.de ebenso verlinkt ist wie das nationalistische Querfrontblatt Wir selbst und die »neurechte« Zeitschrift Criticon.9

Anmelder der Webpräsenz von Orplid und www.godenholm.de ist Thomas Michael aus Halle. Mit dessen Unternehmungen schließt sich der Kreis wiederum zu Stephan Pockrandt. Unterstützt wird der fragwürdige kulturpolitische Hintergrund seines Labels durch das Zeitungsprojekt Sigill bzw. durch das Nachfolgeprojekt Zinnober. Das Blatt ist als Kultur- und Musikmagazin besonders durch seine affirmativen Darstellung nationalkonservativer Autoren »der extremen Rechten zuzuordnen«.10 Nachdem Pockrandt offiziell als Chefredakteur des Hochglanzmagazins zurückgetreten ist, haben Dominik Tischleder und Thomas Michael (Layout) die Redaktion übernommen. Die Zeitung, die ebenso wie das Label Eis & Licht begeisterte Rezensionen in rechtsextremen Publikationen findet, ist nicht das einzige politische Projekt, das Michael mit vorantreibt. Neben seinen theoretischen Reflexionen zu Ernst Jünger auf www.godenholm.de arbeitet er ebenfalls für das rechtsintellektuelle Institut für Staatspolitik (IfS) im Rittergut Schnellroda. Für das Zentrum um den in der Grauzone zwischen nationalkonservativ und rechtsextrem altgedienten Karl Heinz Weißmann gestaltet er deren Zeitschrift Sezession und entwickelte die Website des IfS. Die Aktivitäten auf den unterschiedlichen Ebenen von Musik, Zeitschriften, Verlagen bis zu rechten Denkfabriken decken sich in ihrem Bemühen rechte Ideologie hoffähig zu machen. Mit Jünger, Niekisch, Evola werden seit Jahrzehnten Modethemen der neuen Rechten bedient. Die Rezeption der rechten Protagonisten der Weimarer Republik und des Vordenkers des italienischen Faschismus soll nationales, antidemokratisches und elitäres Denken in einer von nationalsozialistischen Verbrechen freien Form präsentieren. Dies soll das Anknüpfen für die Rechte heute ebenso erleichtern wie ein bestimmter sprachlicher Gestus. So reiht man sich zum einen mit Eindeutschungen für gebräuchliche Anglizismen in die Praxis der rechtsextremen (Jugend)Szene ein, so wird das Internet zum Weltnetz, Links werden Verweise, CDs zu Lichtscheiben… Andererseits wird der politische Gehalt der kultur-politischen Aktivitäten vehement abgestritten, nationalsozialistische Bezüge gern ausgeklammert, elitäre und antidemokratische Einstellungen als »nonkonform« und »anarchisch« etikettiert.

Das Konzert am 25. Dezember werden nicht wenige Fans besuchen, die sich dieser ideologischen Bezüge bewusst sind. Bei vergleichbaren Anlässen kamen Darkwaver in schwarzen oder Tarn-Uniformen, bündischen Kniebundhosen, komplettiert mit SS-Symbolik wie Sigrunen oder Schwarzer Sonne zusammen. So findet sich die Aufforderung durch Uwe Nolte und Stephan Pockrandt in ihrer Veranstaltungsankündigung: »Anschließend möchten wir sie bitten, anlässlich der für uns alle festlichen Zeit in welcher das Konzert stattfindet, auf ein stilistisch sicheres und ordentliches äußeres Erscheinungsbild zu achten.«11 Dass damit weder Weihnachtsmannkostüm noch Smoking gemeint sind, ist bei dieser Veranstaltung offensichtlich.

AfA Halle,

November 2003

Quelle: Turn it down

  1. Claus-M. Wolfschlag, Autor der Jungen Freiheit, bezeichnete die Inhalte des Magazins Zinnober mit der Formulierung „Ästhetischer Sprengstoff“. Claus-M. Wolfschlag: Zinnober. Anarchistischer Ästhetizismus (Rezension), in: Junge Freiheit, Nr. 48 (2003), S. 3. [zurück]
  2. Thomas Naumann, Patrick Schwarz: Von der CD zur »Lichtscheibe«, in: Andreas Speit (Hg.): Ästhetische Mobilmachung. Dark Wave, Neofolk und Industrial im Spannungsfeld rechter Ideologien, Münster 2002, S. 175. [zurück]
  3. Claus-M. Wolfschlag: Zinnober. Anarchistischer Ästhetizismus (Rezension), in: Junge Freiheit, Nr. 48 (2003), S. 12. [zurück]
  4. Christian Dornbusch: Von Landsertrommeln und Lärmorgien. Death in June und Kollaborateure, in: Andreas Speit (Hg.): Ästhetische Mobilmachung. Darkwave, Neofolk und Industrial im Spannungsfeld rechter Ideologien, Münster 2002, S. 134ff. [zurück]
  5. Musikrezensionen, in: Deutsche Stimme, Nr. 10 (1999), S. 13. Frank Rennicke und Jörg Hähnel sind als Liedermacher bei der NPD aktiv. [zurück]
  6. Hugo Fischer: Gegenkultur. Klänge zwischen Heimat, Kultur und Tradition, in: Deutsche Stimme, 3 (2003), o.S. [zurück]
  7. Http://www.orplid.de/verweise/oben-frames.html , November 2003. [zurück]
  8. Http://www.godenholm.de/1.Ebene/menue.htm , November 2003. [zurück]
  9. Http://www.godenholm.de/1.Ebene/link.htm , November 2003. [zurück]
  10. Christian Dornbusch: Zinnober, in: Bulletin. Schriftenreihe des Zentrums für Demokratische Kultur, 3 (2003), S. 26. [zurück]
  11. Mailinglist , Oktober 2003: Betreff: Fire & Ice/Sonnentau/ SonneHagal live. [zurück]

»Wir sind hier!«

Dark Wave als kulturavantgardistische Kameradschaft

Anfang der neunziger Jahre bricht die Assoziationskette Subkultur-Subversion-Links in sich zusammen. Im Outfit des Mobs von Rostock-Lichtenhagen finden sich jetzt auch Style-Versatzstücke und Codefragmente verschiedener vormals links besetzter Subkulturen: Der Nazi-Riot markiert – durch optische Präsenz von Basecaps, Piercings und Kapuzenpullis, unterlegt mit technoiden Beats – das Ende vermeintlich eindeutiger subkultureller Grammatik, was die zunehmende Fragwürdigkeit politischer Zuschreibungen außerhalb der konkreten Praxis der Akteure anzeigt.

Verschiebungen in der subkulturellen Grammatik sind kein reines Oberflächenphänomen, das quasi den »Core« der die Symbole liefernden Subkulturen unberührt lässt, sie sind Ausdruck eines politischen Vorzeichenwechsels in den Subkulturen selbst – die »Kids« sind schon längst nicht mehr »allright«. Oft hat sich durchgesetzt, was im neurechten Diskurs in einer verkürzten Gramsci-Rezeption als »kulturelle Hegemonie von rechts« verhandelt wird. Prototypisch für diesen Prozess sind auf verschiedene Weise die Entwicklungen in der sogenannten Dark-Wave-Szene.

Seit Beginn der neunziger Jahre arbeitet ein reanimiertes Zerfallsprodukt von Punk, der sogenannte »Gothic« resp. »Dark Wave« – ausgehend von Roots in der britischen New-Wave-Culture – am Tatort Deutschland an seiner konsequenten Germanisierung. Während in einer anderen, ebenfalls von New Wave ausgehenden Linie, z. B. im Umfeld disko b / Gigolo-Label, Acts wie »Chicks on Speed« oder »Zombie Nation« versuchen, an der Schnittstelle von Club und Subversion zu arbeiten, wird hier – unter Anrufung spezifisch deutscher ästhetischer Traditionen – Popkultur aus ihrem internationalen Kontext gerissen. Eklektizistisch wird im Fundus der reaktionär-bildungsbürgerlichen Kultur gewühlt, ausgegraben werden Versatzstücke aus Romantik und Symbolismus oder es wird, das Martialische betonend, unbeschwert von Leni Riefenstahl bis Marinetti zitiert, wie Martin Büsser skizziert: »Erträumt wird ein altes Europa das konturlos mal bei nordischen Göttern, mal in einem romantischen Kloster, mal Minnelied und mal in Gestalt eines Feldherrn gesichtet wird, stets Relikt eines zusammengebrochenen Systems, stets betrachtet aus dem Blickwinkel, der mit dem Ruinösen liebäugelt […] Nationalmythos statt Universalgeschichte.« (Martin Büsser: »Lichtrasse und Wälsungenblut«, in: Testcard 4 / 97).

In den Ergüssen von Bands wie »Mozart«, »Das Ich« und »Goethes Erben« tritt der eigene Avantgardeanspruch dann allerdings mehrfach in / mit schwerer Fraktur zu Tage. Immerhin, und das ist in dieser Szene alles andere als selbstverständlich, versuchen sich die genannten Gruppen – wenn auch ästhetisch fragwürdig gepackt – gegenüber den im weiteren skizzierten Entwicklungen am antifaschistischen Statement.

Während die Nazi-Skin-Kultur durch ihre eindeutige politische Verortung jedem Neueinsteiger eine Entscheidung hinsichtlich des politischen Standpunktes abverlangt, müssen Mr. und Mrs. Gothic sich nicht gleich politisch festlegen. Das Verbindende ist nicht die politische Anschauung, sondern ein diffuses »schwarzes« Lebensgefühl. Gerade dieses Lebensgefühl ist aber in seinem antimodernen Gestus und der romantischen Verklärung der Vergangenheit an sich schon alles andere als emanzipatorisch, damit aber auch zugleich offen für (neu)rechtes Overwriting.

So begegnet die Szene der immer offensichtlicher werdenden Rechtsorientierung zumeist mit einer sich als »Toleranz« ausgebenden stillschweigenden Akzeptanz. Niemand scheint sich über Bandnamen wie »Feindflug«, »Rasthof Dachau«, »Der Blutharsch« oder Songtitel wie »Against the Modern World«, »Der SIEG des Lichtes ist des Lebens HEIL« oder »Rose Clouds of Holocaust« zu wundern. Geleistet wird hier, was Alfred Schobert als »kulturelle Drecksarbeit für den politischen Hardcore« bezeichnet; bebildern lässt sich diese These mit dem in vielen Szene-Magazinen als ausgesprochen sympathisch gehandelten Michael Moynihan, Kopf von »Blood Axis«: »Einerseits denke ich, daß die Zahl 6 Millionen nur zufällig und ungenau und wahrscheinlich eine grobe Übertreibung ist. Ich habe revisionistische Bücher gelesen, die gut gegen den Holocaust-‘Kanon‘ argumentieren, und selbst die jüdischen Historiker verändern fortwährend ihre Ansprüche. Doch mein Hauptproblem bezüglich der Revisionisten ist, daß sie von der Annahme ausgehen, das Töten Millionen unschuldiger Menschen sei als solches ‘böse‘. Mehr und mehr neige ich zur entgegengesetzten Schlußfolgerung. Ich geriete nicht aus der Fassung, wenn ich herausfände, daß die Nazis jede ihnen zugeschriebene Grausamkeit begangen hätten – ich zöge es vor, wenn es wahr wäre« (Michael Moynihan, in: No Longer A Fanzine) Auch wenn manche Grufties das vielleicht »ein bisschen zu krass« finden mögen, ist es doch ein Bestandteil der Szenekultur, im Zweifelsfall wird eben die szeneinterne »Solidarität« strapaziert. Niemand käme auch nur im Traum auf die Idee, Veranstaltungen wegen rechter Inhalte zu boykottieren geschweige denn anzugreifen.

Einher geht die Rechtsbewegung mit einer immer stärker werdenden Rückbesinnung auf die deutsche Sprache, die sich nicht nur in der Musik zeigt: Derzeit scheint es besonders angesagt zu sein, jegliche Anglizismen und Latinismen auf Flyern durch Eindeutschungen zu ersetzen. Das Internet wird zum »Weltnetz«, das Telefon zum »Fernruf«, das Fax zum »Fernbild«, die CD zur »Lichtscheibe« und die Musik schließlich mutiert zur »Tonkunst«.

So ist es denn auch kein Zufall, dass organisierte Neofaschisten ausgerechnet diese Szene für sich entdeckt haben, bietet sie doch in vielerlei Hinsicht ideale Bedingungen für den (neu)rechten »Kulturkampf«, wie es Roland Bubik in der Jungen Freiheit bereits vor einigen Jahren zu erkennen glaubte: »Wenn das Mystische und das Irrationale, der Wunsch nach antiaufklärerischer Innenschau und gelebter Transzendenz ihre Stimme in der Jugendkultur finden, ist der ästhetische Konsens des Westens durchbrochen. Wenn die Bezugspunkte Mittelalter und deutsche Geisteskultur darstellen statt ‘Love and Peace‘, wenn die Seele gegen den Intellekt ins Feld geführt wird – dann schneidet sich ein Keil in das Establishment oberflächlicher Beliebigkeit.« (JF 4 / 96, zitiert nach: Alfred Schobert: »Aufstand gegen die Moderne«, in: SPEX 5 / 96)

Die praktische Umsetzung dieses »Kulturkampfes« wird alljährlich auf dem »Wave-Gotik-Treffen« in Leipzig vorgeführt. Dieses Festival hat sich mittlerweile zu dem Event der »schwarzen Szene« entwickelt; mit schätzungsweise 25 000 Besuchern ist es aber schon längst kein Insidertip mehr. Jedes Jahr zu Pfingsten prägt es für gut vier Tage das Leipziger Stadtbild. Mehrere Großhallen des Messegeländes bilden den zentralen Veranstaltungsort. Darüber hinaus werden zahlreiche Orte im gesamten Stadtgebiet einbezogen: Die meisten Leipziger Diskotheken richten während des Festivals Dark-Wave-Parties aus. Die Stadt stellt für die Veranstalter neben Messegelände und verschiedenen Parks auch das Völkerschlachtdenkmal bereit. In einem bunten Rahmenprogramm aus Lesungen, Orgelkonzerten, Mittelalterspektakel und Kutschfahrten soll neben den eigentlichen Festivalbesuchern auch die Leipziger Bevölkerung angesprochen werden.

Nun ziehen Kuriositäten wie das sogenannte »Heidnische Dorf« aber nicht nur biedere Familienausflügler an. Die von Schwarzgewandeten und zahlreichen Schaulustigen bestaunte muntere Germanentümelei sorgt daneben auch für massive braune Präsenz in ihrem ganzen Spektrum: Neben der Anwesenheit vieler Naziskins fällt auf, dass sich zahlreiche Anwesende mit offensichtlicher Detailfreude um au-thentische Präsentation der »Styles« des Dritten Reiches bemühen. Ausgehend von den beiden Gender-fixpunkten BDM und Kamerad wird ein ganzer Mikrokosmos faschistischer Jugendkultur entfaltet, diese findet sich eingebettet in ein Szenario, das irgendwo zwischen der Spießigkeit eines Freilicht-Heimatmuseums und Live-Rollenspiel oszilliert. Vor einem Wikingerschiff führt ein anthroposophischer Greis mit Wallebart in die germanische Bootsbaukunst ein, mehrere fundamentalistische Landfrauen in ostpreußischer Tracht arbeiten an der Neudefinition von »Volksküche« – serviert wird ein fieser Mürbekeks, der vermutlich die Härten des germanischen Lebens verdeutlichen soll. Nazi-Skins messen sich mit Familienvätern beim Axtwurf, eine »sächsische Sektion« der »Allheidnischen Front« liegt metberauscht daneben. Wie schon die Jahre zuvor bündelt das rechtsextreme Dresdner Gothic-Magazin Sigill als Mitveranstalter des Festivals die extremsten Fascho-Acts in als »Lichttaufe« ausgewiesenen Sessions. Angeleitet von den mit Seitenscheitel, Jankerl, Kniebundhose und Monokel auf »Konservativer Revolutionär« getrimmten Machern des Fanzines, erwarten hier über hundert hart faschistisch codierte »Musikfreunde« einen konspirativ angekündigten »Gig« der britisch-australischen Band »Death in June« um den erklärten Ernst Röhm-Verehrer Douglas Pearce. Pearce, dessen Musik quer durch die ganze Szene und weit darüberhinaus rezipiert wird und mittlerweile einen unangreifbaren Kultstatus erlangt hat, wird von seinen Fans hartnäckig gegen das Etikett Faschist in Schutz genommen, indem diese in seine Lyrics beharrlich Ambivalenzen und Uneindeutigkeiten hineinlesen. Das von Death in June (der Bandname bezieht sich auf den 30. Juni 1934, den Todestag des SA-Führers Röhm) melancholischem Nazi-Pop textlich immer wieder aufgegriffene Thema sind das Dritte Reich und der Holocaust. So in »Heaven Street«, einem Song über den als »Himmelfahrtstraße« bezeichneten Weg von der Selektionsrampe zu den Gaskammern des KZs Treblinka: »take a walk down heaven street / the soil is soft and the air smells sweet / now only memories run on railway tracks / this road leads to heaven / the earth exploding with the gas of bodies / now only flowers to idolize / this road leads to heaven«. Die offene Glorifizierung des Holocaust wird zugunsten seiner Ästhetisierung zurückgenommen, um umso wirkungsvoller zu sein. Death in June wirken so als Multiplikatoren in einer Szene, die zu einer uneingeschränkten Aufnahme der »Lehre« (noch) nicht bereit ist. Die von Pearce angestrebte, affirmative Darstellung des Nationalsozialismus drückt sich aber auch in der 1:1-Übernahme faschistischer Terminologie, etwa in einer »Neuvertonung« des Horst-Wessel-Liedes, aus. Die Vinyl-Pressungen des erwähnten Songs »Heaven Street«, der manchmal auch getreu rechter Zahlenmystik »DI6« genannten Band, bieten durch kryptische Verweise auf Wehrmacht, SA und SS (Gravuren zwischen den auslaufenden Rillen der Platte, SS-Totenkopf als Bandlogo) ein interessantes Puzzle für Adepten – ein Schema, das in fast allen Death in June-Releases durchgehalten wird. So bieten etwa die Textzeilen »then my loneliness closes in / so I drink a german wine / and drift in dreams of other lives / and greater times« in »Runes and Men« zunächst wenig Spektakuläres, erst im Kontext »Death in June« wird die Bedeutung der Chiffren klar: »german wine« ist ein cooler Nazi-Drink, »other lives« sind die Männer der SA und mit »greater times« ist das Dritte Reich gemeint.

Auch auf dem Festival zeigt die themagebende Subkultur kein Bemühen um Abgrenzung – völlig ungerührt angesichts der massiven Präsenz von Hardcore-Faschos flanieren die Gothics über das Gelände. Die permanente Anwesenheit von Rechtsradikalen scheint ebenso zur »Normalität« ihrer Subkultur zu gehören, wie das wohl unvermeidliche Auftreten extrem-rechter Verlage, von »Arun« bis »VAWS« mit antisemitischen Schriften und »Riefenstahl-Sampler« im Programm. Über passive Akzeptanz hinausgehend, finden auch viele Grufties nichts dabei, mit rechten Symbolen durch die Gegend zu laufen. Der Umgang mit den Insignien des Dritten Reiches ist hier »unverkrampft«: Sig-Rune, Wolfsangel und mehr oder weniger stilisiertes Hakenkreuz geben dem schwarzen Dress wohl erst den notwendigen »Pep«. Die entsprechende Apologie liefert Kadmon, »Mastermind« der folgerichtig für dieses Festival angekündigten Combo »Allerseelen« in einem Interview mit dem Darmstädter Fanzine »Black«:

»Offenbar braucht jede Kultur ein Hexenmal, einen Judenstern. Und von der‘p. c.‘ zum Pogrom ist’s oft nur ein Schritt, wie die Geschichte zeigt. […] Heute ist der Faschismusvorwurf gegen industrielle Musik und Dark Wave ein Judenstern. […] Die Judensterne sehen heute anders aus, es sind ariosophische, völkische Zeichen. Runen, Thorshammer, Kruckenkreuz, Hakenkreuz.« (Black 14/1998).

Unterstrichen wird die Germanomanie durch fast ausschließlich »weißes« Publikum. Die vorherrschende »White-ness« dürfte aber weniger auf das zweifellos gegebene Bedrohungspotential für MigrantInnen durch anwesende Skins, sondern vor allem auf ausschliessende Mechanismen innerhalb der Dark-Wave-Szene zurückführbar sein. In den ästhetischen Inhalten des Dark-Wave wird ein genuin nordisches Deutschland imaginiert, dessen rassistische Elfen- und Nordmannstereotypen auf zahlreichen Plattencovern, Flyern und Fanzines präsent ist.

Praxisform rechtsextremer Dominanz war bislang vornehmlich das von Glatzen mit dem Baseballschläger durchgesetzte Konzept der National befreiten Zonen (NBZ) im rural-peripheren Raum. Das Festival stellt demgegenüber ein willkommenes Labor für die urbane Erweiterung dieses Konzepts dar. Es gerät zu einer Leistungsschau genuin deutscher Subkultur, in der eine von »fremdvölkischen Einflüssen« bereinigte deutsche Leitkultur (Merz) durchgespielt wird.

Angesichts der Akzeptanz der BesucherInnen bleibt der einzige Versuch, wenigstens kosmetisch den krassesten Nazi-Acts entgegenzutreten, ein kurzfristig verhängtes Auftrittsverbot der Stadt Leipzig für die Gothic-Band »Von Thronstahl« um den auf Grund seiner antisemitischen Ausfälle in der Nazi-Presse abgefeierten Josef Klumb. Das Auftrittsverbot für die Bingener Formation wird dann allerdings dadurch umgangen, dass die Band, mit dem SS-Emblem »Schwarze Sonne« auf der Bühne posierend, ihre »Tonkunst« vom Band laufen lässt. Einige Fans lassen es sich ob dieses »genialen« Schachzugs dann auch nicht nehmen, der schwarzen Kapelle den »deutschen Gruß« zu entbieten.

Missstimmung rufen aber nicht diejenigen hervor, die ihre überschwengliche Begeisterung auf dem Festival im »Heil Hitler« kanalisieren, sondern der, durch die Geschäftspraktiken zweier Veranstalter, die sich laut Gerücht mit der Kasse abgesetzt hatten, drohende Festivalabbruch am nächsten Tag. Nachdem mit PA-Verleih und Security – ausgenommen die noch hoffnungsfrohen Würschtlbrater – nahezu alle organisatorischen Funktionsträger geprellt abziehen, wird allgemein für das »jetzt-erst-recht-Modell« optiert: Mit einigen unverdrossenen Bands und freiwilligen HelferInnen soll weiter Programm gemacht werden. Konsequent werden die widrigen Rahmenbedingen dann aber auch von den rechten Kulturstrategen genutzt: Das Techno-Equipment muss dem Zusammenrücken am Lagerfeuer weichen – in einem improvisierten Bühnenpavillion präsentieren sich Bands des Sigill-Labels »Eis & Licht Tonträger« ganz »back to the roots« unplugged im Fackelschein. Mit Lederriemen umgeschnallte Trommeln, bekanntes Bild von NPD-Aufmärschen, ersetzen kurzerhand Sampler und DSP-Tools. Die zahlreich anwesenden Braunhemden passen sich schnell der neuen Situation an und übernehmen, historisch getreu, den »Sicherheitsdienst« im Heidnischen Dorf. Tief beeindruckt von soviel gelebter Kameradschaft lässt sich dann schließlich der vorher zögerliche, vom Publikum mehrfach geforderte Top-Act Death in June zum Auftritt herab. Der »SD« bildet für ihn ein Fackelspalier, an die Zuschauer ergeht, wohl wegen befürchteter Antifa-Aktionen, die Ermahnung: »Achte auf Deinen Nebenmann!«. Unterstützt von Albin Julius (»Der Blutharsch«) am »Schlagwerk« gelingt es Douglas P. dann, seinen Standpunkt in einem Miniset klarzumachen. So beenden sie ihren Auftritt mit dem Klassiker »C’est un rêve«, einer Hommage an den die Deportation der französischen Juden organisierenden Lyoner Gestapochef Klaus Barbie. Die in den Stück monoton wiederholte Frage »Où est Klaus Barbie?« permutiert Douglas P. in der letzten Wiederholung zu »Où est Death in June?«, die er – auf deutsch – mit einem frenetisch gefeierten »Wir sind hier« beantwortet.

Oliver Groß, Claus Weiland

Quelle: Diskus