Archiv der Kategorie 'Joachim Witt'

Gelobt sei, wer affirmiert

Die »Neue Deutsche Härte« provoziert nicht, sie ist völkisch geerdet. Und das macht sie so erfolgreich.
von daniel pagórek und dj kersten

»Gerade bei Rammstein«, behaupten Daniel Bax und Tobias Rapp in der letzten Jungle World, lasse sich vor allem eines »prächtig beobachten»: Das »Teutonen-Brimborium« der Neuen Deutschen Härte sei »kein politisches Statement, sondern eine Strategie der gezielten ästhetischen Provokation«, die auf kommerziellen Erfolg abziele. »Gelobt sei, was provoziert«, finden sie. Das ist Quatsch. »Gelobt sei, wer affirmiert« trifft es besser.

Man kann den Bandmitgliedern von Rammstein zwar schwerlich vorwerfen, Nazis zu sein, dass sie aber ausgerechnet mit Leni Riefenstahls arischen Jünglingen das Musik-Video »Stripped« aufzupeppen versuchten, ist allemal politisch. Auch wenn sich die Band dabei nichts gedacht haben will – mit den Riefenstahl-Bildern in dem Video-Clip tragen sie dazu bei, faschistische Ästhetik in Deutschland zu repopularisieren.

Damit fügen sich Rammstein – wahrscheinlich ohne dies zu wollen – einer rechtsextremen Strategie: »Das Feld von Kunst und Kultur ist alles andere als unpolitisch«, bemerkte der österreichische Neonazi Jürgen Hatzenbichler in Nation & Europa bereits 1991 und rief gleichzeitig zur Herausbildung einer rechten »Gegenkultur und Alternativkultur« auf. »Kultur« wurde kurzerhand zur »Machtfrage« erklärt, man machte die Popkultur als Kampfterrain aus. Dort würden sich »reaktionäre Ästhetik und Lebensauffassungen« (Roland Bubik in der Jungen Freiheit, 10/93) am besten unter die Leute bringen lassen.

Der rechtsextreme Kulturkampf erschöpft sich längst nicht mehr in programmatischen Absichtserklärungen, die Besetzung kultureller Räume mit reaktionären Vorstellungen und Inhalten ist in vollem Gange. Über Rammstein können sich die »echten Nazis« (Bax/Rapp) nur freuen. »Das ‚Deutsche‘« bei Rammstein, jubelte die Junge Freiheit vor drei Jahren, »dient als Chiffre und Symbol des Unheimlichen, auch als ironisches oder provokantes Zitat. Sie sind (…) Symptom eines ästhetischen Paradigmenwechsels, der allmählich, sehr allmählich stattfindet.«

Rammstein leistete in diesem Sinne Pionierarbeit: Mit Riefenstahl wurden Tausenden Kids die vermeintlich »positiven« Seiten des Nazismus vor die Nase gesetzt. Unter dem Label »künstlerische Freiheit« werden angebliche Tabus gebrochen. »Riefenstahls Arbeit sei ein Beispiel für gute Kunst«, zitieren Bax und Rapp ein Rammstein-Interview mit dem New Musical Express, »und daher auch nicht politisch codiert«. Hemmungslos inszenieren sich Rammstein mit solchen Statements als Rebellen: Man wolle doch lediglich der »reinen Kunst« Ehre erweisen. Dieses vorgeblich »unpolitische Rebellentum« hat mit Auflehnung gegen das »Establishment« nichts zu tun. In Deutschland, wo rechte Diskurse längst die gesellschaftliche Mitte und den popkulturellen Mainstream beherrschen, sind auch die »rechtsdrehenden Pop-Phänomene« (Rapp/Bax) der Neuen Deutschen Härte ein Teil der Mehrheitsgesellschaft. Die Neue Deutsche Härte ist zunächst einmal »Deutsch«, aber gar nicht so »Neu«.

Als »Harte« neue Deutsche steht man bei der Normalisierung des Nationalen mit an vorderster Front. Rammstein, die Böhsen Onkelz oder Joachim Witt walsern fleißig um die Wette: Man wähnt sich als verfolgte Unschuld, wettert gegen die »Nazi-Keule«, bezichtigt KritikerInnen »faschistoider Repressalien« (Joachim Witt) und ist, vor Kühnheit zitternd, patriotisch. »Pathos ist eben nicht gleich Nationalsozialismus«, gab Witt im Zillo (7-8/98) zum Besten. Bei solchen Tönen ist es kein Wunder, dass er auch im NPD-Blatt Deutsche Stimme abgefeiert wird. Sicherlich, Witt dürfte über derartige Umarmungsversuche kaum erfreut sein. Spätestens hier müsste ihm jedoch aufgehen, dass seine Ästhetik in dem »Flut»-Video mit rechtsextremen Vorstellungen kompatibel ist.

Mittlerweile schmeißen sich Nazi-Blätter wie Einheit & Kampf oder Europakreuz selbst an Bands mit hohem Reflexionsniveau wie Laibach heran. Auch Roxy Music ist nicht vor dem rechten Kulturkampf sicher – das Cover ihrer Platte »Flesh & Blood« mit den blonden speerwerfenden Frauen ziert einen Abo-Coupon der Deutschen Stimme.

Die »Tabubrüche« und »Provokationen« der Neuen Deutschen Härte im Deutschland der neunziger Jahre lassen sich vor diesem Hintergrund auch schwerlich mit denen der Punk-Revolte im England der Siebziger gleichsetzen, wie es Bax und Rapp versuchen. Die Autoren verkennen bei ihrer Argumentation (»es gab nicht wenige Punks, die mit Hakenkreuz-T-Shirts durch London liefen«) entscheidende gesellschaftliche und pophistorische Unterschiede. Siouxsie Sioux oder Sid Vicious (Sex Pistols) agierten vor einem anderen Hintergrund. Sie trugen Hakenkreuze in einem Land, das von den Nazis angegriffen worden war, nicht im Land der Täter.

Trotzdem mußte sich Siouxsie in der englischen Musikpresse dafür rechtfertigen. Nachdem bei Konzerten von Siouxsie & The Banshees Neonazis mit Hitlergrüßen auftauchten, ließ sie das Symbol fallen und ersetzte es, ähnlich unreflektiert, durch den Davidstern. Aber immerhin reagierte sie damit auf die reale rechtsextreme Problematik zu dieser Zeit in England, das Aufblühen der National Front. Die britische Pop-Szene erteilte dann mit der Rock-Against-Racism-Kampagne den Rechten eine klare Absage.

Gut zwanzig Jahre später werde auch in Deutschlands Medienöffentlichkeit »sensibel (…) auf tatsächlich rechte Sprüche« in der Popkultur reagiert, behaupten Bax und Rapp. Dies zeige nicht zuletzt das Beispiel der Band Weissglut. Es scheint, als wüssten die beiden zumindest an diesem Punkt nicht, wovon sie reden. Über drei Jahre nach dem ersten rechtslastigen Interview des ehemaligen Weissglut-Sängers Josef Klumb im Gothic-Magazin (23/95) kam dieser beim Sony-Label Dragnet / Epic unter (Jungle World, 42/98). Auch nachdem seine Verstrickungen in die braune Szene öffentlich bekannt worden waren, wurde der antisemitische Sänger immer noch von auflagenstarken Musikmagazinen wie Zillo, Rock Hard und Metal Hammer verteidigt.

Das Zillo lud ihn noch im Frühjahr 1999 zu einer Podiumsdiskussion auf das 8. Wave-Gotik-Treffen in Leipzig ein. Die Veranstalter des Festivals nahmen Klumbs Projekt Von Thronstahl trotz Weissglut-Rausschmiss und namentlicher Erwähnung im VS-Bericht 1999 in das diesjährige Programm auf. Auch andere rechtsextreme Musikprojekte aus der Neo-Folk-, Dark-Wave- oder Industrial-Szene werden von der Musikpresse keineswegs boykottiert.

»Echte Nazis hören andere Musik, die mit gutem Grund indiziert ist«, wissen Bax und Rapp. Wer die Gelegenheit hatte, den Auftritt des rechtsextremen Neo-Folk-Projektes Death In June beim 9. Wave-Gotik-Treffen über Pfingsten in Leipzig zu begutachten, weiß, dass es gerade im Dark-Wave-Bereich durchaus musikalische Alternativen für »echte Nazis« gibt. Death In June spielten jahrelang das Mimikry-Spiel der »Rückkehr des Verdrängten als Travestie« (Bax/Rapp). Diese Maskerade scheinen sie nicht mehr nötig zu haben. Längst hat sich in Deutschland eine offen rechte Subkultur etabliert, die mit Fanzines, Fan-Clubs, Auftrittsmöglichkeiten, Vertrieben und Labels am Start ist. Wenn die Kids jemals »alright« waren – hier sind sie es längst nicht mehr.

Man kann es deshalb nicht mehr nur »geschmacklos finden, wenn Joachim Witt oder Rammstein mit schweren Zeichen spielen«. Von einer Strategie des »gezielten Missverständnisses« kann hierbei längst nicht mehr die Rede sein: Mag »schwere Symbolik« in der Siebziger-Jahre-Punk-Bewegung noch als mehrdeutige Provokation durchgegangen sein, die keine eindeutige politische Zuordnung erlaubte, erledigt sich diese Mehrdeutigkeit heute schon in Hinblick auf den gesellschaftspolitischen Kontext in Deutschland. Dass sich mit Nazi-Ästhetik auch prima Geld verdienen lässt, muss dazu kein Widerspruch sein: Affirmation und völkische Erdung sind der Schlüssel zum Erfolg. Wer darin noch immer Provokationen zu sehen glaubt, verkennt, dass das »Phänomen« der Neuen Deutschen Härte längst durch einen rechten Kulturkampf untermauert ist.

Hierin mag auch der Grund dafür liegen, dass ähnliche Erfolge »schon lange keiner ‚linken‘ Band in Deutschland mehr gelungen« sind. Doch nicht nur linke Bands sind erfolglos. Die gesamte bundesdeutsche Linke ist spießig und kulturell borniert. Sie ist für niemanden mehr attraktiv. Doch das ist eine andere Diskussion.

Quelle: Jungle World

Cameraden bei „Zillo“

Auf dem Zillo-Festival in Hildesheim soll die rechtsextreme Band Kirlian Camera spielen

Bei Zillo ist alles easy. Deswegen spielen nicht nur Bands wie Deine Lakaien und Paradise Lost am 14. und 15. August auf dem Hildesheimer Festival, das von dem Independent-Magazin Zillo organisiert wird.

Neben dem national gewendeten NDW-Opa Joachim Witt ist die rechtsextreme Band Kirlian Camera angekündigt, die auch beim diesjährigen Leipziger Wave & Gotik-Treffen mit dabei war. Angelo Bergamini, Kopf der italienischen Elektro-Wave-Gruppe, verabschiedete sich letztes Jahr bei einem Konzert in Berlin mit der neonazistischen Variante des Hitlergrußes.

Was manche unter dem Label „künstlerische Freiheit“ als Provakation relativieren, ist für andere zu Recht ein Protestgrund. Denn Bergamini verharmlost nicht nur den Nationalsozialismus („das wirkliche faschistische Verbrechen ist die Dummheit“) und bezeichnet Amerika als „Seuche“. Er verehrt überdies den 1938 ermordeten rumänischen Faschisten und Antisemiten Corneliu Zelea Codreanu.

Codreanu, Gründer der Legion Erzengel Michael (1927) und der Eisernen Garde (1930), hat Kultstatus im rechtsextremen Musik-Underground. Auf der CD „Todesengel. The Fall of Life“ auf dem Track „U-Bahn V. 2 ‚Heiligenstadt‘“ sampelte Kirlian Camera eine Rede Codreanus. „Ich nahm den Song im Februar 1989 mit einem Teil von Codreanus Rede auf. Zu dieser Zeit suchte ich solches Material, um seine Legion zu ehren“, erzählt Bergamini im rechten Darkwave-Fanzine Sigill (Heft 12). Auch in Büchern über die Eiserne Garde fand er „einige interessante Sachen, aber es ist schwierig, all den Judenhaß zu akzeptieren“.

Selbst der der Totalitarismustheoretiker und Revisionist Ernst Nolte schätzte bereits 1966 Codreanus Eiserne Garde „nicht nur als faschistisch“ ein: „Sie ist vielleicht sogar die interessanteste und vielseitigste aller faschistischen Bewegungen, weil sie (…) ebensowohl vorfaschistische wie radikalfaschistische Kennzeichen in sich vereint.“ Die Legion hatte nach Nolte „nur eine Hauptintention, den Kampf gegen das Judentum und alles, was ihr als ‚jüdisch‘ galt“. Antisemitismus war nicht nur ideologische Grundlage, sondern Motivation für den „individuelle(n) Terror“ der Legion.

Bergaminis Versuch, Codreanu ohne Antisemitismus zu rezipieren, ist allenfalls propagandistischer Schrott. „Es gibt schon einen Bezug zwischen ihm und der musikalischen Atmosphäre“, heißt es im Sigill-Interview. Dies paßt gut in die Strategievorstellungen neurechter Kulturkämpfer, über eine scheinbar neutrale, „unpolitische“ Ästhetik ihre Weltsicht unter die Leute bringen zu wollen.

Für den kulturkampferprobten rechtsextremen Verlag VAWS produzierte Bergamini den Track „Stalingrad“1, der 1998 auf dem Sampler zu Ehren des Nazi-Bildhauers Josef Thorak (Jungle World, Nr. 42/98) erschien. Auch in der aktuellen Ausgabe von Zillo (Juli/August 1999) kommt der Codreanu-Freak mit Verharmlosungen zu Wort: „Die Ästhetik des Dritten Reiches ist zweifellos faszinierend. (…) Nun, ich mag die Nazi-Ästhetik, das kann ich nicht leugnen“, äußert er unwidersprochen in einem Interview mit Dirk Hoffmann.

Und wie viele andere Kameraden, die eine „Querfront“ (Jungle World, Nr. 11/99) propagieren, verweist Bergamini auf frühere Bandmitglieder, „Schwarze, Weiße, Juden, Faschisten, Kommunisten, Christen, Schwule, Anarchisten“, um den Neofaschismus-Vorwurf zu entkräften.

Ebenso kritiklos hatte Hoffmann bereits 1994 und 1996 über Kirlian Camera in Zillo berichtet. Kein Wunder, war damals noch Rainer ‚Easy‘ Ettler Herausgeber der Zeitschrift: Die Junge Freiheit (JF) konnte mit einem Bild von Forthcoming Fire um Josef Klumb eine Anzeige schalten. Zuvor hatte es schon regelmäßige Mitteilungen über Veröffentlichungen des VAWS gegeben. Mit Peter Boßdorf war zeitweise sogar ein JF-Stammautor ständiger Mitarbeiter bei Zillo.

Ettler distanzierte sich zwar nach Protesten aus der Szene, zugleich verharmloste er das Problem durch totalitarismustheoretische Gleichsetzungen von Rechts und Links. Erst nach Ettlers Tod hat sich Zillo gegen rechte Vereinnahmungsversuche gewehrt und Boßdorf vor die Tür gesetzt. Heute jedoch scheint Zillo wieder ganz auf der politischen Linie des früheren Herausgebers zu liegen.

Beim Leipziger Wave & Gotik-Treffen über Pfingsten hatte das Magazin eine Podiumsdiskussion zum Thema „Eine braune Flut – gibt es rechte Tendenzen in der Schwarzen Szene?“ geplant. Neben Vertretern der Bremer DJ-Initiative Grufties gegen Rechts und dem Sozialwissenschaftler Alfred Schobert waren Campino, Joachim Witt, Rammstein und Gabi Delgado (DAF) geladen.

Da von den Musikern nur Witt zusagte, sollte der Ex-Weissglut- und Forthcoming Fire-Sänger Klumb die Lücke füllen. Angesichts früherer Gewalttätigkeiten und Klumbs Verstrikkung in den Rechtsextremismus, sagten Schobert und die Bremer Initiative ab. Klumb sollte keine Gelegenheit geboten werden, über eine öffentliche Diskussion wieder aufgewertet zu werden.

Zillo sieht das anders und begibt sich auf argumentativen Kuschelkurs mit den Rechten. Mitarbeiter Ecki Stieg klagt über die „faschistoide(n) Methoden“ von Klumbs Kritikern und findet es „falsch“, diesen als „‚rechtsradikalen Funktionär‘ zu stigmatisieren“. Joachim Witt bläst ins gleiche Horn und halluziniert von einem „weiten Feld faschistoider Repressalien“. „Pathos ist eben nicht gleich Nationalsozialismus“, meint der „überzeugte Humanist“ und PDS-Wähler Witt.

Bei Zillo steht man nun in (alt)bekannter Manier über den „Kategorien rechts/links“ und hält durch einen falsch verstandenen Pluralismus eine Flanke nach Rechtsaußen offen. Daß man so den Boden für erneute Infiltrationsversuche der modernisierten Braunen in die Schwarze Szene vorbereitet, zeigt sich in der Jungen Freiheit, die bei solchen Tönen die „Immunität der Szene gegen totalitäre Meinungswächter“ (Nr. 23/99) bejubelt.

In Hildesheim wird bereits gegen den geplanten Auftritt von Kirlian Camera mobilisiert. Festivalplakate wurden mit Boykott-Aufrufen überklebt, und weitere Aktivitäten sind zu erwarten.

Daniel Hügel

Quelle: Jungle World

  1. Anmerkung von new dawn fades: Hier liegt Daniel Hügel falsch. „Stalingrad“ ist eine Band, welche von Bergamini produziert wird, und kein Lied . [zurück]

Into the Gruft

Pfingsten trifft sich in Leipzig die Wave & Gotik-Szene

Trotz aller Widersprüche gilt Popkultur weiterhin als irgendwie emanzipativ, zumindest aber als progressiv. Der seit einiger Zeit zu beobachtende Backlash wird deshalb nicht gerne zur Kenntnis genommen. Vor allem die Gruft-Szene ist durchlässig für ein Ideologie-Gemisch, das heidnisch-rassischen Mystizismus mit Runenmagie und der Rückbesinnung auf angeblich naturgegebene Werte verbindet. Zu besichtigen sind die Trends der schwarzen Szene wie jedes Jahr am Pfingstwochenende auf einer der wichtigsten Gruft-Veranstaltungen, dem Wave & Gotik-Treffen in Leipzig.

Vier Tage lang bevölkern 15 000 bis 20 000 Gothic-Fans die Straßen der Messestadt im Osten und besuchen die über das gesamte Stadtgebiet verteilten Veranstaltungen. Die anreisenden Grufts repräsentieren dabei den breiten Teil der Szene, die vom Bankangestellten, der sich am Wochenende mal ein schwarzes T-Shirt überstreift, zum Fulltime-Gestylten reicht. Angelockt werden sie von der Einzigartigkeit des Festivals, das eben nicht nur Konzerte bietet, sondern auch Lesungen, Märkte, Friedhofsführungen, ein „heidnisches Dorf“ und eine „schwarze Tanzmeile“.

Daß die Mehrheit der schwarzen Szene sich immer noch irgendwo zwischen mehr oder weniger ungefährlichen Jura-Studenten und melancholischen Teenagern bewegt, kann allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, daß sich im Zentrum des Dark Wave ganz andere Strömungen ausbilden. Der wegen seiner rechtsradikalen Aktivitäten gefeuerte Ex-Weissglut-Sänger Josef Maria Klumb beispielsweise kommt aus genau diesem Umfeld. Das Fascho-Fanzine Sigill veranstaltete einen Tanzabend in der Leipziger Moritzbastei.

Die völkischen Trendsetter kommen zumeist aus dem Umfeld der genrebildenden Band Death in June und ordnen sich selbst unter „Neo-Folk“ ein. Death in June sind auf dem Festival 1999 lediglich mit diversen Nebenprojekten vertreten, zum regulären Programm gehören dagegen die im Neofolk hochgeschätzten Fire & Ice und Ain Soph, deren Auftritte in vielen Ankündigungen bereits als Höhepunkte des Festivals bezeichnet werden. Beide Gruppen haben sich politisch eindeutig positioniert.

In einem Interview mit dem Fanzine Sigill erklärt Fire & Ice-Frontmann Ian Read, als er auf „faschistische und rassistische Ideen“ angesprochen wird: „Keine Idee ist völlig wertlos. Die Deutschen hatten einen riesigen Komplex, der ihnen von einer Nachkriegsgehirnwäsche eingeimpft worden war. Deutsche Magier sollten sich wirklich von den Meinungen darüber, was korrekt ist und was nicht, die ihnen andere aufgedrängt haben, befreien. Ich biete dir folgendes als Stoff zum Nachdenken an: Konzentrationslager sollte wohl KL abgekürzt werden, man führte jedoch KZ ein, weil das Z es viel schrecklicher klingen ließ.“

Gegenüber dem in Jena erscheinenden Blatt Aeon sagte Read zum Thema multikulturelle Gesellschaft: „Die Idee und baldige Realität, daß Völker einander ähneln werden, ist mir ein Greuel. Gebt mir Diversität anstatt dieser Konformität. Meine Vision der Menschheit würde Stephen King Alpträume verursachen.“ Wer so überzeugt den rassisch begründeten Ethnopluralismus propagiert, dem muß man mit der Gleichheit der Menschen gar nicht erst kommen. Ian Read: „Übermenschen denken für sich selbst ohne Angst (obgleich sie sich manchmal listig verhalten müssen). Ihre Willen sind stark und unabhängig. (…) Solche Männer werden nicht solchen Trends wie political correctness folgen. (…) Untermenschen mangelt es an all diesen Qualitäten.“

Wie fließend der Übergang vom mystischen Hokuspokus zur faschistischen Propaganda ist, belegt auch die aus Italien kommende Band Ain Soph, der selbst die Junge Freiheit attestiert, daß sie „in reaktionärster Weise den transzendent ausgerichteten (und damit) starken Staat auf der Grundlage der Familie und Tugenden von Disziplin und Ehre“ fordert.

Ain Soph lassen sich im amerikanischen Magazin Descent über das Italien der Siebziger und die Roten Brigaden aus: „Es gab einen Bürgerkrieg zwischen Neo-Faschisten und Ultra-Kommunisten. Unser Standpunkt in dem Konflikt ist klar. (…) Wenn Magie ein Fortschritt zu einem übernatürlichen Seinszustand ist, dann sind Doktrine des materialistischen Zurückweisens von allem Heiligen unser Feind. Und das war ebenso der Ansatz von einigen derjenigen, die die Waffen in die Hand genommen haben.“

Die Schlußfolgerung, daß mit „Materialismus“ wohl „Marxismus“ gemeint ist, sie also die Seite der Neofaschisten eingenommen hätten, bleibt dem Leser überlassen. Keine allzuschwere Aufgabe, erscheint das Interview doch in einem Umfeld, in demdem Nationalsozialismus offene Bewunderung entgegengebracht wird: „Nationalsozialismus versuchte die herausragenden Individuen im Dienste der Volksgemeinschaft (Stamm) einzuspannen. Genau wie der Beste ausgewählt wird, eine Herde zu führen.“

Obgleich es an Belegen für die nazistische Gesinnung dieser Gruppen nicht mangelt, haben die Veranstalter des Gotik-Treffens offenbar keine Probleme damit, diese einzuladen. Schwierigkeiten dagegen haben die Leipziger Veranstalter mit den Medien, die über den politischen Background der Bands berichten. So erklärte Nancy Schumann, eine Sprecherin des Festivals, gegenüber Jungle World: „Da muß man schon sehen, daß das in den Medien viel zu sehr hochgepusht wird.“ Gerade wenn es um Neo-Folk geht, sei alles gar nicht so, wie es scheint: „Das ist das Problem, daß sich da viele Leute von der Berichterstattung darauf stürzen, obwohl die Bands mit Faschismus überhaupt nichts zu tun haben. Es ist ein Angriffspunkt, den wir nicht eliminieren können. Die Deutschen reagieren einfach empfindlich darauf, sobald jemand auf das Dritte Reich zeitgeschichtlich zu sprechen kommt.“

Auf das Thema „Neuheiden“ angesprochen, erklärt Schumann: „In diesem Bereich ist es sehr schwierig. Man kommt sehr schnell an eine Grenze, wo man sich einfach mit Kreuzen schmückt und man dann hinterher feststellt: ‚Oh, die sind aber im Nazi-Reich verwendet worden.‘ Und die einfach nur schön fand.“ Selbst wenn Gruppierungen wie die Nationalanarchen des Magazins Sigill ausgeschlossen werden, dann nicht etwa wegen ihrer politischen Gesinnung, sondern wegen ihrer Umgangsformen. Die Veranstalter: „Die legen nicht mehr auf, weil wir gelernt haben, daß die Leute – aus welchen Gründen auch immer – eine provokante Art an den Tag legen. Was auch immer die sich dabei denken.“

Immerhin sollen in diesem Jahr bekennende Nazis mit Aufnähern zurückgewiesen werden. Und tatsächlich haben sich alle Bands vom „Extremismus“ distanziert. Eine Verzichtserklärung, die den völkischen Gruppen nicht schwer gefallen sein dürfte, propagieren sie doch dem eigenen Selbstverständnis nach lediglich eine naturgegebene Werteordung. Oder in den Worten des von Nationalrevolutionären wie Neofolks gleichsam verehrten Julius Evola: „Extremisten sind ebenso wie Reformisten oberflächlich. Sie sind nicht radikal.“

Ebenso wird der Ausschluß der Stiefelnazis von nebenan keinen der musizierenden Mystiker stören, wähnen sich diese doch dem Durchschnittsmenschen (und Rechten) überlegen. Selbst Josef Maria Klumb, der kaum einen geraden Satz zustande bringt, zählt sich zur geistigen Elite. Die verbale Distanzierung gegenüber der völkischen Ideologie ist eine Pflichtübung ebenso wie die von Zillo angesetzte Podiumsdiskussion zum Thema „Die braune Flut“. Bei Ihr sollen „Jay Kay von Weissglut / Forthcoming“ und Joachim Witt auftreten, dem man manchmal wünscht, daß er wirklich nicht weiß, was er tut, und Dampfplauderer Campino von den Toten Hosen.

Das Motiv für diese Distanzierung erläutert die Pressesprecherin des Festivals dankenswerterweise selbst. Darauf angesprochen, daß zumindest Veranstaltungen mit Weissglut oder das Sigill-DJing nicht mehr stattfinden, erklärt sie: „Ja, das ist einfach ein Teil dessen, was wir gerne gemacht hätten. Wo dann gesagt wird: Habt da mal ein Auge drauf. Die haben diverse Medien auf dem Kieker. Seid da lieber vorsichtig. Wartet ab. Vielleicht beruhigt sich die Situation.“

Dirk Franke

Quelle: Jungle World