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Störfall im Zwischenfall

Wieder einmal machte das „Zwischenfall“ in Bochum-Langendreer von sich reden. Am vergangenen Samstag sollte dort eine Releaseparty der mehr als umstrittenen Neofolkband „Ostara“ stattfinden. Nach Protesten von AntifaschistInnen sahen die VeranstalterInnen davon ab – weniger aus Einsicht, sondern weil man offensichtlich Ärger vermeiden wollte.

Zentrale Figur der Band Ostara ist der Australier Richard Levy (alias Richard Leviathan). In der Szene sind sowohl er als auch Ostara nicht unumstritten. Grund dafür sind zum einen gemeinsame Auftritte sowie Seitenprojekte mit extrem rechten MusikerInnen aus der Dark Wave- und Neofolkszene, zum anderen zweifelhafte Texte und Aussagen der Bandmitglieder. So finden sich auf dem neuen Album mit dem Titel „Ultima Thule“ zwei Leni Riefenstahl gewidmete Lieder. In einem Szene-Review heisst es bezeichnend: „ … wird diese CD der ohnehin heftig kritisierten Band Ostara inhaltlich keine Entlastung bringen. Wer sich an den verwendeten Bildern und Motiven stört, wird hier wenig Freude haben.“

Strength through Joy

Bis zum Umzug von Bandmitglied Timothy Jenn nach Deutschland 1999 nannte sich die Band „Strength through Joy“, was in Deutschland jedoch verboten ist, da „Kraft durch Freude“ (KDF) der Name einer Unterorganisation der nationalsozialistischen Deutschen Arbeitsfront war, welche durch Freizeitgestaltungen den „Erhalt der Arbeitskraft“ gewährleisten sollte. Tatsächlich diente die KDF der Verbreitung von NS-Propaganda.

Das der Name nicht von ungefär gewählt worden war, zeigte sich neben den Texten auch an Hand der Bands, mit denen man zusammen auftrat. So heißt es in einem Bericht im neonazistischen Skinheadfanzine „Der Lokalpatriot“ (Nr. 7) zu einem Konzert mit Strength through Joy, Death in June und Boyd Rice 1996 in München: „Sehr nett waren die Fahnen anzusehen, die auf der Bühne gehißt bzw. über das Schlagzeug gelegt wurden, sowas würde zur Erstürmung von jedem Blood & Honour-Konzert führen, ungerecht das!“

EisLicht

Auch das Label EisLicht (ehem. Eis & Licht), auf welchem die neue CD erschien, ist im rechten Teil der Szene zu verorten. So erschien dort das rechte Fanzine Zinnober (vormals Sigill), zudem werden Platten wie eine Hommage zum hundertsten Geburtstag des Vordenkers des italienischen Faschismus Julius Evola veröffentlicht . Auf diesem sind gleich mehrere namhafte Bands des rechten Spektrums vertreten, so Allerseelen, Von Thronstahl, Blood Axis und Waldteufel.

In Kassel konnte am 15. Juli 2000 ein Konzert mit Ostara verhindert werden, zu dem auf diversen Internetseiten von Neonazis mobilisiert worden war. Angekündigt waren u.a. die Bands Kirlian Camera, Kapo, Ostara und Aurum Nostrum. Neben den Bands, darunter auch die australische Band Death in June, waren etwa 500 BesucherInnen aus dem ganzen Bundesgebiet und Europa angereist. Ein Teil von ihnen mit eindeutig neofaschistischem Outfit. Die Polizei war mit einem Großaufgebot vor Ort. Da bereits mehrere VeranstalterInnen in Nordhessen das Konzert zuvor abgesagt hatten, zog auch die Salzmann-Fabrik in Kassel schließlich nach.

In Nürnberg wurde ein Ostara-Konzert von der Stadt verboten. Bezuggenommen wurde in der Begründung u.a. auf die Namen „Strength through joy“ und „Ostara“ – eine Band mit solchen Namen dürfe in Nürnberg nicht spielen, erteilte die Stadtspitze den Rechten eine klare Absage. Anders in Bochum.

Veranstalter der „Nebelwelt“-Parties ist „Ignis et ferrum“, eine Gruppe von DJs, welche eigenen Angaben zu Folge das Ziel hat, jenseits teurer Mainstream-Veranstaltungen Parties für die schwarze Szene zu organisieren. Neben den regelmäßigen Events in Bochum legt man auch in Köln, Koblenz oder anderswo auf.

Der Hintergrund von Ostara war der Veranstaltungs-Gruppe bekannt, allerdings meinte man, dies sei Vergangenheit, zudem habe man von rechten Positionen in der Szene noch nie etwas mitbekommen. Nicht besonders glaubwürdig, war es doch nicht das erste mal, das eine ihrer Veranstaltungen Rechten eine Bühne bot: Bereits im Jahr 2000 fanden sich bei einer „Ignis et ferrum“-Nacht zwei rechte Büchertische, verkaufte mit Thomas Lückwewerth ein Autor der faschistischen Dark Wave-Zeitung „Sigill“ deren neuste Ausgabe.

Zwar wurde die Ostara-Releaseparty abgesagt, inhaltlich wollte man sich jedoch nicht davon distanzieren, sondern lediglich „Ärger vermeiden“, wie vom Zwischenfall zu erfahren war. Das es mit der gegenüber AntifaschistInnen behaupteten Unschuldigkeit nicht weit her sein kann, zeigt sich an der Tatsache, dass Auftritte wie beim Konzert der extrem rechten Band „Sol Invictus“ 1999 in Krefeld im Gespräch geleugnet und anschließend die entsprechenden Hinweise auf der Homepage plötzlich entfernt wurden.

Zwischenfall

Das Bochumer Zwischenfall gilt schon seit Jahren als eine der bundesweit bekanntesten Treffpunkte der Dark Wave-, Gothic- und Neofolk-Szene. Neben Szeneveranstaltungen finden aber auch verschiedenste andere Konzerte und Parties statt, so z.B. Punk- bzw. Hardcorekonzerte und Discos.

Angesichts der Tatsache, dass das Zwischenfall eigentlich eher ein Laden mit linkem Publikum und auch Anspruch war und ist, mag es auf den ersten Blick verwundern, dass ausgerechnet dort einer derartigen Veranstaltung wie dieser Releaseparty Raum geboten wird. Doch gab es es bereits mehrfach Ärger wegen Auftritten rechter Bands im Zwischenfall. So sollte am 28. Februar 1997 ein Konzert der rechten Dark Wave-Band „forthcoming fire“ stattfinden, was jedoch von AntifaschistInnen verhindert wurde. Auch die Ostara-Vorgängerband „Strength through joy“ sollte bereits einmal im Zwischenfall spielen, zusammen mit „Death in June“ und „Boyd Rice“ und zwar am 9. Mai 1997. Nach heftigen Protesten wurde dieses Konzert damals abgesagt.

Deshalb verwundert es um so mehr, dass die Musik der gleichen Leute unter anderem Namen jetzt dort präsentiert werden sollte.

Carsten Draeger

Quelle: Bochumer Stadt und Studierenden Zeitung

Gothics und die Neue Rechte

Wir dokumentieren hier Auszüge aus der Diplomarbeit „Ideologie einer Jugendkultur am Beispiel der Gothic- und Darkwave-Szene“ von Oliver Zimmermann. Die komplette Diplomarbeit steht auf der Homepage der Gothics gegen Rechts als Download zur Verfügung.

Gothics und die Neue Rechte

Die von Gothics so geliebte Beschäftigung mit allem, was nach Mystik, Okkultismus und Kirchenkritik klingt, bietet leider auch ein Einfalltor für die oben beschriebenen rassistischen und menschenverachtenden Theorien. Spätestens nachdem ungefähr Mitte der 80er Jahre Gerüchte über das Weltbild der Band Death in June auftauchten, war es vorbei mit der heilen Welt des Gothic und das Problem wurde offensichtlich. Teilweise geriet die Szene insgesamt ins Visier von einigen autonomen antifaschistischen Aktivisten, was nicht unbedingt für die aufklärerische Qualität dieser Art der „antifaschistischen Arbeit“ spricht.1 Mittlerweile haben sich die Vorwürfe jedoch versachlicht, nicht zuletzt durch (leider noch alles andere als übliche) antifaschistische Arbeit von Menschen aus der Gothic- Kultur selbst. Doch was hat es nun mit dem rechten Rand der Szene auf sich? Am Anfang scheint, wie schon mehrfach erwähnt, die Neo- Folk Band Death in June zu stehen. Der Name der Band, die 1980 von Douglas Pearce, Patrick Leagas (O´Kill) und Tony Wakeford gegründet wurde, steht für den Todesmonat des SA-Führers Ernst Röhm. Douglas Pearce, der mittlerweile das einzige verbliebene Mitglied von Death in June ist und in Australien lebt, erklärte dazu 1992:

„Auf der Suche nach einer zukünftigen politischen Perspektive stolperten wir über den nationalistischen Bolschewismus, der sich wie ein Leitfaden durch die Hierarchie der SA zog. Leute wie Gregor Strasser und Ernst Röhm (…) fielen uns auf. (….) Man kann sich fragen, ob Röhm im Falle eines Sieges über Hitler den 2. Weltkrieg verhindert hätte.“2

Völlig totgeschwiegen wird von Pearce, der angeblich einst Geschichte studiert hat, dass der nationale Sozialismus der NSDAP, mit seiner Unterscheidung von „schaffenden und raffenden Kapital“, unter zweiterem wurde das jüdische Kapital verstanden, nur wenig bis gar nichts mit marxistischem Sozialismus zu tun hat. Außerdem entbehrt die Theorie von Röhm als theoretischen Friedensstifter jegliche historische Grundlage und dürfte vergleichbar mit der langjährigen Hess- Verehrung der deutschen Neonazi- Szene sein. Denkbar wäre es auch, dass der homosexuelle Uniformfetischist Pearce (das ist nicht abwertend gemeint, sondern beschreibt nur Tatsachen) in Röhms SA, der ja nachgesagt wurde, viele Homosexuelle als Mitglieder zu haben, eventuell eigene erotische Fantasien verwirklicht sieht.3 Das Symbol von Death in June besteht aus dem leicht veränderten Totenkopf der SS. Pearce betont zwar immer wieder, dass er ursprünglich mal in einer trotzkistischen Punk- Band gespielt hat und dadurch gar kein Faschist sein könne; in seinen Statements und seiner Kunst gibt es jedoch immer wieder Hinweise an dieser Eigenbeurteilung zweifeln zu müssen. Allerdings ist Death in June natürlich keine primitive Skinhead- Band, deren Texte man eindeutig beurteilen könnte (und so tölpelhaft, sich offen rassistisch zu äußern, ist ja nicht einmal der Armanen- Orden). Auffällig ist aber eine ständige Beschäftigung mit, bestenfalls, germanentümelnder Symbolik, wie beispielsweise der von der SS- benutzten Runenzeichen und anderen, ebenfalls vom Nationalsozialismus her, bekannten „Kunstwerken“. Hinweise auf zumindest kritisch zu beurteilende Inhalte ihrer Platten bzw. CDs gibt es zuhauf, ich möchte nur einige wenige nennen: auf der LP-Brown Book, wiederveröffentlicht als CD namens „The Cathedral of Tears“, ist das Lied „Brown Book“ enthalten. In diesem Lied singt ein Sänger (wahrscheinlich Ian Read) das, in Deutschland verbotene, Horst-Wessel-Lied in Deutsch, wenn auch mit starkem britischen Akzent. In dem Lied sind auch noch andere Samples enthalten, wie etwa der Text einer jüdischen Großmutter, die ihrem HJ-Begeisterten Enkel ein Gleichnis erzählt (entnommen aus dem antifaschistischen Nachkriegsfilm „Die Welt in jenem Sommer“). In einem anderen Sample hört man einen Nazi, der über die homosexuellen Neigungen von SS und SA spekuliert (ebenfalls aus „Die Welt in jenem Sommer“). Pearce selbst fasst dieses Lied als bewusste Provokation auf, wen und vor allem warum er damit provozieren will, bleibt selbst nach dem Lesen seiner Stellungnahmen zu dem Lied schleierhaft.4 Das einzige was deutlich wird ist, dass er wieder einmal mit nationalsozialistischen Motiven gearbeitet hat. Andere, willkürlich herausgegriffene Liedtitel, die anscheinend nicht provokativ gemeint sind, da nach Pearces Eigenaussage „Brown Book“ sein einziges Lied war mit dem er „vorsätzlich provozierte“ sind „Rose Clouds of Holocaust“, „Burn Again“, „Omen- filled Season“, „Symbols of the Sun“, „Rule Again“, „Blood Victory“ und „Red Dog – Black Dog“. Da hier wirklich nicht der Raum ist, eine Analyse jedes einzelnen Liedes zu leisten und man sich anscheinend selbst dann nicht immer zu einer eindeutigen Aussage über die politische Haltung von Pearce durchringen kann (wie z.B. die Pearce und andere Künstler, man möchte manchmal vermuten, gegen besseres Wissen, verzweifelt verteidigende Stöber zeigt) überlasse ich es dem Leser die Symbolkraft dieser Liedtitel zu deuten. Einige Hinweise auf die politische Gesinnung Pearces geben aber vielleicht die Spende der Erlöse der Death in June Platte „Something Is Coming – Live And Studio Recordings From Croatia“ von 1993 an ein Militärkrankenhaus der oft als faschistisch bezeichneten, nationalistischen kroatischen HOS-Miliz. Pearce verweigerte sowohl beim „Dark X- Mas“– Festival 1992 in Hamburg die Unterschrift unter eine sich von Neonazis und Faschisten distanzierende Petition (Anlass waren damals die Pogrome von Hoyerswerda), wie auch beim 1994 stattfindenden „Festival Of Darkness“. Außerdem äußerte er in dieser Zeit Verständnis für die pogromartige Stimmung in den neuen Bundesländern (wahrscheinlich bezogen auf Rostock- Lichtenhagen):

„Hast du jemals Tür an Tür mit Zigeunern gelebt? Ich kann denn Groll, der in Ostdeutschland zum Vorschein kommt, verstehen … .“5

Der einzige ehemalige Musiker von Death in June, der sich anscheinend mittlerweile grundlegender von Pearces Einstellungen abgewandt hat, ist Patrick O´Kill (jetzt Sixth Comm und Mother Destruction), der eingesteht,

„dass das, was mal als Provokation in den ´linken 80ern´ gedacht war in etwas tatsächlich Negatives umgeschlagen ist. Seine ´menschenverachtende Phase´ sei Vergangenheit.“6 Das dritte ehemalige Gründungsmitglieder von Death in June, Tony Wakeford (heute Sol Invictus und L´Orchestre Noir), vertritt offensichtlich eine magische, kulturpessimistische und sozialdarwinistische Denkweise, die aus der Theosophie nur allzu bekannt ist. Er titelte eine seiner Platten nach einem Buchtitel des faschistischen italienischen Philosophen Julius Evola (1898- 1974): „Against the Modern World“. Er sagt allerdings, dass er das tat, ohne wirklich etwas über Evola zu wissen:

„´Wider die moderne Welt´- das hat damals genau auf den Punkt gebracht, wie ich mich gefühlt habe, aber eher in einem allgemein heidnischen als politischen Sinn“.

Er äußert sich in dem selben Interview aus dem Jahr 1991 (über Aleister Crowley und Widersprüche zwischen Crowleys Lehre und „Nordischer Tradition“):

„Er war ein echter Individualist, mit einem gesunden Ekel vor jeglicher Vermassung. Leider scheinen die meisten Leute, die ihm auf den Pfaden von Thelema (übersetzt: ´Willen´; Kurzform von Crowleys wichtigstem Gesetz: ´Tu was du willst´ O.Z.) folgen, genau die Sorte schwacher, liberalistischer Narren zu sein, auf die Crowley voller Abscheu gespuckt hätte. Aber man kann nicht ihn verantwortlich machen für die Sklavengeister, die seinen Namen mißbrauchen. Die Runen und ihre Tradition scheinen mir das stärkste aller magischen Systeme, mit denen ich gearbeitet habe, in ihm fühle ich mich am meisten verwurzelt. Wahrscheinlich, weil ich glaube, daß sie ein Teil meiner Vergangenheit sind… (…) Wesentlich scheint mir die Erkenntnis von der natürlichen Ordnung der Dinge. Auf der Welt wird einem nichts geschenkt und die Starken werden immer über die Schwachen hinwegschreiten, ohne sich darum zu kümmern, für wie unfair wir dies vielleicht halten.“

Im weiteren Verlauf des Interviews benutzt er zwar das Wort „Rasse“, ohne diesen Begriff auch nur andeutungsweise zu problematisieren. Er bestreitet aber, wenn auch mit etwas eigenwilligen Argumenten, Rassist zu sein:

„Zum Begriff ´Rasse´ will ich nur sagen, daß ich nicht glaube, daß irgendeine Rasse einer anderen überlegen ist. Um mich herum gibt es zuviel weißen Abschaum, als daß mir dergleichen wahrscheinlich vorkommen könnte… Jede Rasse bringt einige Kreative und Massen von Kretins hervor.“

Zum Thema Politik äußert er folgendes:

„Für Politik interessiere ich mich nicht mehr, sei es nun ´linke´ oder ´rechte´; vielmehr glaube ich, daß alle politischen Dogmen und Parteien nichts als reine Zeitverschwendung bedeuten. Die einzige Hoffnung liegt wahrscheinlich im selbstbewußten Zurückweisen der Massenkultur und ihrer Massenideale. Ich glaube jedes Individuum hat das Recht zu leben, zu denken und zu sagen wie und was es will. Wohl kaum eine Ansicht, mit der sich Kommunisten oder Faschisten anfreunden könnten!“7

Wohl aber die Neue Rechte, deren Elitedenken und Antidemokratismus sich deutlich mit den Ansichten Wakefords trifft. Im Umfeld der oben vorgestellten Künstler sammelten sich auch andere Musiker mit ähnlichem Gedankengut, die sich jeweils häufig als Gastmusiker gegenseitig unterstützen. Die meisten davon sind ebenfalls Vertreter des Neo- Folk. Dazu zählen die Bands (die eigenlich fast alle nur Soloprojekte jeweils eines Musikers sind) Fire & Ice (Ian Read), Blood Axis (Michael Jenkins Moynihan), Radio Werwolf (Nikolaus Schreck8), der Sänger Boyd Rice (NON), Sorrow (Wendy van Dusen, ehemals Strawberry Switchblade) und neuerdings auch die österreichischen Bands The Moon lay hidden beneath a Cloud sowie Der Blutharsch (beide Albin Julius). Boyd Rice begann als Vertreter des Industrial. Damals wollte er normale Hörgewohnheiten brechen und die Zuhörer am Produktionsprozeß selbst beteiligen. So war seine Platte „Pagan Music“ mit verschiedenen Löchern versehen, um so diszentrisches Abspielen zu ermöglichen. Außerdem erhielt sie den Hinweis „playable at any speed“. Seine Live- Performances waren reine Lärmorgien. Damit vertrat er damals ein ähnliches Konzept, wie die Einstürzenden Neubauten und andere Bands. Geändert hat sich sein musikalisches Konzept mit der CD „In the Shadow of the Sword“ (1989). Sie beginnt mit dem Lied „Total War“:

„Do you want/ Total war/ Turn man into/ Beast once more/ Do you want/ To rise and kill/ To show the world/ An iron will“9

Die Frage wird am Ende mit „ja“ beantwortet, was nicht überrascht wenn man die theosophische, sich in den Schwanz beißende Schlange, welche das Cover ziert, mit der Aussage des Liedes verbindet. Auch die anderen Lieder der CD lassen nur eine Interpretation zu: Die Welt muss zerstört werden, um eine neue aufzurichten. Mit dem Lied „A World on Fire“ wird diese Aussage noch deutlicher:

„`In meinem Traum sehe ich eine Welt befreit von der Last der Falschheit. Ich sehe eine Welt wiedergeboren in Perfektion. Ich sehe die Herrschaft der Reinheit. Und wie kann dieser Traum wahr werden?` Rice weiß die Antwort: Großes und schreckliches Leiden sowie Zerstörung seien notwendig, die Wiederkehr der Kämpfe um Land, Nahrung und Wasser, eine Rückkehr zur Barbarei. In seinem Traum sieht er die Plätze der Städte erhellt durch die brennenden Leichname gekreuzigter Christen.(…) Die hinter ihr (seiner Musik O.Z.) stehende Ideologie ist eine Mischung aus Sozialdarwinismus und Feindschaft auf das Christentum.“10

Seit 1993 erscheint in Dresden das Fanzine „Sigill. Magazin für die konservative Kulturavantgarde Europas“, welches auch in diversen Plattenläden, besonders in solchen mit Schwerpunkt auf der Gothic- und Darkwave- Szene verkauft wird. In diesem Magazin sind neben vielen Plattenkritiken von Neo- Folk- und Industrial- CDs und Interviews mit den entsprechenden Bands, Beiträge mit den Schwerpunkten neues Heidentum und Neue Rechte zu lesen. Kurze Zeit später (ungefähr 1995) gründet sich in Berlin, das inzwischen wieder eingestellte Fanzine „Europakreuz“ (ihre Aktivitäten verlegen die ehemaligen Macher nun auf das Internet), welches in Berliner Gothic- Clubs auslag und das auch einen Mailorder- Katalog beinhaltete, in dem faschistische und heidnische (ariosophische) Literatur angeboten wurde. Beide Fanzines versuchen (bzw. versuchten) über Interviews, Plattenkritiken und Berichten über Heidentum , natürlich nur über das in ihrem Sinne praktizierte, die Gothic- Szenen zu umarmen und ihrer rechtsextremistischen Szene anzugliedern. In der Szene wurde das Anfangs als die Spinnerei Einzelner abgetan und nicht weiter beachtet.11 Eine andere Qualität bekamen diese Vorfälle jedoch als die „Junge Freiheit“, das Zentralorgan der Neuen Rechten, im „Zillo“, dem damals größten Szene- Magazin, im Februar 1996 Werbung schaltete. Dank der Proteste des Hamburger Labels „Strange Ways“ wurde bekannt, dass der ständige Redakteur der „Jungen Freiheit“ Peter Boßdorf, auch seit einiger Zeit im „Zillo“ Artikel veröffentlichte. Boßdorf war bis 1989 stellvertretender Vorsitzender des „Ostpolitischen Deutschen Studentenverbandes“ (mittlerweile „Gesamtdeutscher Studentenverband). 1985 ist er Mitglied des „Witikobundes“, einer ultrarechten Gruppierung in der, auch nicht gerade für Linksradikalismus bekannten „Sudetendeutschen Landsmannschaft“. Seit 1992 ist er außerdem Mitarbeiter des „Thule- Seminars“, veröffentlichte in „Nation und Europa“ und engagierte sich kommunalpolitisch für die Republikaner.12 Zur gleichen Zeit schaltet auch das „Europakreuz“ Werbung im damaligen Berliner Veranstaltungskalender für die Gothic- Szene „Black Book“. Erst nach Leser- Protesten entschloss sich die Redaktion, diese Anzeigen nicht mehr abzudrucken. Die Reaktion des „Zillo“ dauerte etwas. Nach einer längerer Zeit des Schweigens und sich häufenden Protestbriefen (sowie von Drohungen mehrererer Plattenlabels, keine Werbung mehr zu schalten), trennte sich die „Zillo“– Redaktion aber letztendlich (im Frühjahr 1997) von Boßdorf. Alle diese Aktivitäten können nur als abgesprochene Aktionen der Neuen Rechten gewertet werden, um ihre Position in der Gothic- und Darkwave- Kultur zu stärken. Erklärbar wird dieser Versuch, wenn man weiss, dass die Rechte vorher damit scheiterte, die Techno- Kultur zu unterwandern. So schrieb Roland Bubik, langjähriger „Junge Freiheit“ (JF)- Redakteur, 1993 unter der Überschrift „Die Kultur als Machtfrage“, dass er in dieser Popmusik Anknüpfungspunkte für eine „Revolte gegen die moderne Welt“ sieht:

„…die Jugendkultur von heute bietet erfolgversprechende Ansätze hierfür. (…) Ein merkwürdiges Bewußtsein, in einer Phase des Niedergangs zu leben, ist virulent, vom ´age of destruction´ ist die Rede, die Parties der Tekkno- Szene gleichen makabren Totenfeiern einer Epoche. Man (…) mißtraut der Erklärbarkeit der Welt, wendet sich sogar rückwärts, etwa in Form der verschiedenen Independent Szenen.“13

Aus Bubiks anfänglicher Begeisterung für Techno („Stahlgewitter als Freizeitspaß“), wurde bald Enttäuschung („seelische Vergewaltigung durch Beat-Computer und Masse“). Welche Mechanismen und Einstellungen dazu führten, dass die Vereinnahmung der Techno-Kultur für die Neue Rechte als (zumindest vorerst) gescheitert erklärt werden kann, müsste an anderer Stelle untersucht werden. Das hält allerdings JF-Autoren wie Jürgen Hatzenbichler (Mitglied der FPÖ) weiter nicht davon ab, so abstruse Fragen zu stellen wie: „Ernst Jünger: der erste deutsche Raver?“14 Bubik indessen entdeckte die Gothic-Szene als neues Schlachtfeld für den Kulturkampf der JF. Im Jahr 1996 veröffentlicht er eine Reportage über die Verleihung des „Zillo“-Preisen an Tilo Wolff (Lacrimosa):

„Deutschland ist das Zentrum einer Musikkultur geworden, die ihre Wurzeln im antimodernistischen Gestus der ´Gothic-´ (gemeinhin auch Gruft-) Szene besitzt. (…) Dieses Gemisch birgt eine Sprengkraft, vor der sich alteingesessene Sittenwächter des Musik- Mainstreams in Acht nehmen müssen. Wenn das Mystische und Irrationale, der Wunsch nach anti- aufklärerischer Innenschau und gelebter Transzendenz ihre Stimme in der Jugendkultur finden, ist der ästhetische Konsens des Westens durchbrochen. Wenn die Bezugspunkte Mittelalter und deutsche Geisteskultur darstellen statt ´Love and Peace´, wenn die Seele gegen den Intellekt ins Feld geführt wir – dann schneidet sich ein Keil in das Establishment oberflächlicher Beliebigkeit.“15

Durch diese nur sehr oberflächliche Betrachtung der Gothic-Szene wird der Ansatzpunkt deutlich, an dem Bubik den Hebel zur Aushebelung der „linken“ subkulturellen Traditionen der Gothic-Szene ansetzen will: Mystik und Irrationalismus. Lächerlich, aber in NS- Tradition, ist natürlich die Darstellung „deutscher Geisteskultur“ als „Kampfes der Seele gegen den Intellekt“. Bubik zählt anscheinend nur die Romantik zur „deutschen Geisteskultur“– und selbst bei Betrachtung dieser kulturellen Epoche wäre sein Bild deutlich zu eindimensional (die von ihm so abschätzig beurteilten Werte „Love and Peace“ haben bspw. auch deutlich ihre Wurzeln in der Romantik). Obwohl dieser Kulturkampf seitens der JF und neuerdings auch einigen NPD nahen Publikationen recht offen geführt wird (auch im Internet hat sich eine vermutlich von der NPD gesteuerte Gruppe „Gothics für Meinungsfreiheit“ gegründet), gilt es in der Szene immer noch umstritten, dass es Unterwanderungsversuche gibt. Auch ein offener Brief der ehemaligen JF-Redakteurin und Mitherausgeberin des Fanzines „Scharlach“ bzw. „Scarlet“ Gerlinde Gronow an den (inzwischen verstorbenen) Chefredakteur von „Zillo“, konnte daran nichts ändern:

„Derlei ist bewährte Taktik der jungen Freiheit: Potentielle Bündnispartner werden dezidiert umarmt (in Wirklichkeit ist es eine Umklammerung), um sie gesellschaftlich und kulturell zu isolieren. Kritiker werden generell als ´Lügner´, ´PC- Kommissare´, ´Meinungswächter´ (O- Ton junge Freiheit) abgetan, bis ihr selbst glaubt, die Junge Freiheit ist die einzige, die es gut mit Euch meint. Mit jedem gutgemeinten Leserbrief, der Toleranz und Meinungsfreiheit einklagt, begebt Ihr Euch, obwohl Ihr es ehrlich meint, immer tiefer in das Fahrwasser der Jungen Freiheit. Der Jungen Freiheit geht es nicht um diese Werte – sie hat ganz andere politische und kulturelle Ziele. Eines davon ist die ´Erringung der kulturellen Hegemonie´. Was man sich darunter vorzustellen hat, beschreibt Roland Bubik unumwunden in seinen Programmschriften: man müsse unpolitische Szenen unter dem Deckmantel der Kultur unterwandern, ohne sich als Rechter zu erkennen zu geben, um Schlüsselpositionen in der Ku(l)turlandschaft zu erringen. Erst dann ist Zeit, sich an die Umsetzung der politischen Ziele zu machen. Anstatt Euch auf Scheingefechte über Meinungsfreiheit und Toleranz einzulassen, solltet iht Euch klar machen, was eine reaktionäre Kulturpolitik für zum Beispiel eine Subkultur, wie es die Wave- Szene ist, bedeuten würde. (…) Für die Junge Freiheit seid Ihr nichts anderes als nützliche Spinner auf dem Weg zur Macht. Als ich dies begriffen hatte, habe ich meine Mitarbeit bei der Jungen Freiheit eingestellt. Nun sehe ich, daß sich meine persönliche Geschichte in größeren Dimensionen zu wiederholen droht. Ich kenne noch die kleinen Anfangstage des Zillo, stamme selbst aus der Wave- Szene – Stichwort Death In June, Sol Invictus, NON. Dadurch wurde ich auf Autoren wie Evola, D`Annunzio, Ernst Jünger aufmerksam. Obwohl ich mich diesen Bands und Schriftstellern ursprünglich kritisch näherte, wurde ich nach und nach durch die unleugbare Faszination, die von dieser Welt ausgeht, ästhetisch so gleichgeschaltet, daß mir der Schritt zur Jungen Freiheit irgendwann als ganz natürliche Konsequenz erschien. Mein ´Einstiegshelfer´ war übrigens Roland Bubik. In dem etwas über einem Jahr (1994- 1995), das ich für die Junge Freiheit schrieb, war ich seine engste Mitarbeiterin. Schon damals hatte Roland Bubik große Pläne für die Wave- Szene, die durch ihre romantische und ästhetizistische Haltung besonders leicht zu beeinflussen wäre (ob sie das ist, wird sich nun herausstellen).“16

Auf jeden Fall fällt auf, wie häufig die JF in den letzten Jahren Wave- und Gothic- Musik, natürlich vor allem die ihr politisch nahestehenden Bands (positiv) rezensieren. Auch im Privatleben hat Bubik Kontakt zur Gothic-Szene. Seine jetzige oder ehemalige Lebensgefährtin Simone Satzger (Felicia), ist Sängerin der Band Impressions of Winter und veröffentlichte auch in Bubiks Buch „Wir 89er“.17 Ebenfalls 1996 greift zum erstenmal ein rechtsextremistischer Verlag in die Musikproduktion der Gothic-Szene ein (wenn man das unbedeutende Projekt des „Europakreuz“-Herausgebers Marco E. Thiel nicht berücksichtigt, der auf seinem Label „Abyss Recordings Europe“ ebenfalls Musik verlegte). Unter dem Namen „Heliocentric Distribution“ wird ein Musiklabel des Bingener Verlages „Verlag & Agentur Werner Symanek“ (VAWS) gegründet. Dort erscheint eine Doppel CD zu Ehren der Filmregisseurin Leni Riefenstahl, die aufgrund ihrer Filme über NSDAP-Reichsparteitage (Sieg des Glaubens (1933) und Triumph des Willens (1934)) und über die Olympiade 1936 (Fest der Völker, Fest der Schönheit) im Dritten Reich Berühmtheit erlangt hat. Warum ausgerechnet Riefenstahl ausgesucht wurde, um dieses erste eindeutig rechtsextremistische Projekt in der Gothic-Szene zu verwirklichen ist unklar. Es könnte mit der Ästhetik der Riefenstahlfilme zu tun haben oder mit ihrem mystischen Erstlingsfilm „Das blaue Licht“; möglicherweise hat man aber auch einfach nach einer Person gesucht, die nahe genug am Nationalsozialismus dran war, um sie mit ihm zu identifizieren und doch auch weit genug von ihm weg, um auf eventuelle Kritik mit dem Totschlagargument der „eingeschränkten künstlerischen Freiheit“ argumentieren zu können. VAWS verlegt neben CDs rechtsextreme Bücher, so z. B. Schriften von Jürgen Rieger, kriegsverherrlichende Literatur über den „Wüstenfuchs Rommel“ und Propagandaschriften gegen die Ausstellung „Verbrechen der Wehrmacht“. Außerdem werden von ihm seit 1969 die „Unabhängigen Nachrichten“ des „Unabhängigen Freundeskreises“ verlegt.

„Gegen die ´Unabhängigen Nachrichten´ laufen seit Jahrzehnten immer wieder Verfahren wegen Volksverhetzung und Aufstachelung zum Rassenhaß. Mitglieder des Freundeskreises wurden 1994 wegen terroristischen Straftaten (z.B. Bombenattentate auf AntifaschistInnen) verurteilt. Symanek arbeitet auch mit dem rechten Arun- Verlag zusammen, der Bücher aus dem rechten und extrem rechten Spektrum zu ´Großdeutschland´, sowie heidnisch- esoterische Bücher verlegt.“18

Auf dem Riefenstahl-Sampler sind u.a. die Bands Forthcoming Fire (D), Strength through Joy (IRL), Death in June (GB/AUS), Allerseelen (AUT), Swirling Swastikas (IT), Andromeda Complex (IT), Turbund Sturmwerk (D), Voxus Imp. (D), Von Thronstahl (D), Northwende, Rückgrat, Preussak (D), Lady Domino, Projekt Blauland und Tombstone vertreten. Das Elektro Projekt PP?, das ebenfalls auf dem Sampler vertreten ist, distanzierte sich später. 1998 erschien die Nachfolge- CD – diesmal zu Ehren des Nazi-Bildhauers Josef Thorak. Auf ihr waren u.a., neben auch schon auf dem ersten Sampler vertretenen Musikgruppen, Stalingrad (IT produziert von Angeo Bergamini von Kirlian Camera) und Egoaedes (Musikprojekt des „Europakreuz“– Herausgebers Marco E. Thiel) vertreten. Das japanische Duo Jack or Jive, welches ebenfalls ein Lied beisteuerte, zeigte sich nach Erscheinen der CD entsetzt über das politisch-musikalische Umfeld, in das sie aus Ahnungslosigkeit geraten waren.19 Von VAWS vertrieben werden außerdem die Bands Waldteufel (USA), Mjölnir Tonkunst (D) und Unternehmen Dreizack (D). Zusammengestellt hat die beiden Sampler Jay Kay (Josef Klumb), der Frontmann von Forthcoming Fire. Er ist Mitarbeiter des VAWS und anscheinend befreundet mit dem Ufo-Esoteriker und Antisemiten Jan van Helsing (Jan Udo Holey), dessen Machwerk „Geheimgesellschaften und ihre Macht im 20. Jahrhundert“ wegen Volksverhetzung verboten wurde und den er auf seinen Plattencovern grüßt. Aufgrund einiger wirrer und rechtsextremistischer Stellungnahmen in Interviews, u.a. zum Thema Illuminaten

„Es ist die Hochfinanz, es sind die Kräfte, welche hinter ihren Marionetten die Welt bewegen (…) Das Gesicht dieses kommenden Regimes drückt sich aus durch die UNO, NATO, Weltbank, Zionismus…“20

verweigerte ihm Forthcoming Fires ehemaliges Label „Hyperium“ bzw. „Hypnobeats“ eine Vertragsverlängerung. Der 8. Mai 1945 war für ihn

„…trotz allem eine Eroberung, eine Unterwerfung und eine Unterdrückung des Geistes, die bis heute anhält und mir sogar mein Bewußtsein noch streitig machen möchte.“21

Es spricht für sich, für wen er nicht spricht:

„Man muß ein für alle mal erkennen, daß, wenn ich für Deutschland rede, ich nicht für circa 50 Millionen geistige Totgeburten spreche, (…), sondern daß die ´Volksseele´, die bis ins Heute so brutal vergewaltigt wurde, daß ich für dieses Heiligtum (…) den Kern und das Zentrum des Begriffes Deutschland eben verteidigen werde…(…)“22

Klumb ist auf den beiden besprochenen Samplern auch mit seinen Projekten Preussak und Von Thronstahl vertreten. Mit einem anderen Projekt, nämlich Weissglut, gelang es ihm tatsächlich einen Plattenvertrag bei „Epic“, einem Unterlabel von „Sony-Music“ zu bekommen, welcher beste Karriereaussichten im Musikgeschäft eröffnet hätte. Im Januar 1999 trennte sich Weissglut jedoch von Klumb, wahrscheinlich auf Druck von Epic. Eine Rolle dürfte dabei sicherlich spielen, dass im Dezember 98 eine Verleumdungsklage von Klumb gegen den „Spiegel“, der ihn in der Ausgabe 44/98 als „Nazi“ tituliert hatte, von Klumb zurückgezogen werden musste. Inzwischen musizierte er auch mit dem verurteilten Thüringer „Sondershausener Satansmörder“ Hendrik Möbus und dessen Metal-Band Absurd, bevor Möbus sich aufgrund einer erneuten Verurteilung, diesmal wegen „Verunglimpfung eines Toten“, ins Ausland absetzte. Möbus hatte seinen Mord an einem jüngeren Mitschüler in Moynihans Buch „Lords of Chaos“ mit den folgenden Worten kommentiert:

„Wenn aber das NS- Recht wirklich auf uns angewordet wäre, hätte man uns für die Vernichtung eines Volksschädlings nicht gestraft, sondern gelobt.“23

Zum Abschluss dieses Kapitels sollen hier noch einige andere Ansichten von weiteren Personen aus diesem rechten Spektrum der Dark-Wave- und Gothic-Szene vorgestellt werden. An erster Stelle soll der eben als Buchautor genannte Michael Moynihan (Blood Axis (USA)) stehen. Auch er stellt sich, wie eigentlich alle der in diesem Kapitel beschriebenen Musiker, gerne als unschuldig Verfolgter dar, der keineswegs rechte Ideen vertrete oder gar Faschist wäre. So etwa in einem siebenseitigen Artikel über eine von Antifaschisten erzwungenen Konzertabsage in Seattle. Darin äußert er folgendes:

„I am not an ´anti- semite´ and to label me as such is deliberately creating a falsehood. But I am also not a humanitarian, and I will state outright I do not believe in any kind of elusive notion about a ´sanctity of human life´ and I would challenge anyone to prove to me that such a thing exists. I also do not believe in moral concepts of ´good´ and ´evil´ and thus am not particularly upset about episodes in history where large numbers of people died. I am not a Holocaust Revisionist, but I also do not really care about the Holocaust one way or the other. I don´t feel responsible for it, and while it may mean a lot (understandably) to some people, it has nothing to do with me.“24

Interessant wird diese verteidigend gemeinte Bemerkung in Zusammenhang mit einer anderen Äußerung Moynihans. Auf die Frage nach seiner Beziehung zur deutschen Sprache und den Begriffen: „Rasse“, „Nation“, „Pflicht“ und „Ordnung“ antwortete er:

„Ich bin durchaus sehr an der deutschen Sprache interessiert und versuche gerade, sie mir anzueignen. Lange Zeit dachte ich, sie sei einzigartig in ihrer Fähigkeit, eine Vielzahl von Bedeutungsnuancen und Gefühlszuständen in einem einzigen Begriff auszudrücken. In gewisser Weise scheint sie erfüllt zu sein von einer magischen Qualität des ´Aufgeladenseins´ mit Inhalten von tieferer Bedeutung. Neben dieser Erkenntnis wurde mein Interesse durch die Faszination verstärkt, die gewisse Perioden der deutschen Geschichte auf mich ausübten, sowie durch die aufrichtige Bewunderung, die ich für bestimmte deutsche Philosophen hege, von denen ich einiges gerne im Original gelesen hätte – Mit den genannten Begriffen verbinde ich folgendes: Rasse- Menschen gleicher Seele und gleichen Geistes; Nation- im Idealfall eine sich selbstversorgende, abgeschlossene Gemeinschaft (egal wie klein) von Menschen einer Rasse; Pflicht- das, was man tun muß, um in Einklang mit den eigenen Instinkten und dem eigenen Ehrgefühl zu leben; Ordnung- ein Zustand von Ausgeglichenheit und Klarheit, das Handeln und Entwicklung stark erleichtert.(…) Ich glaube, es gibt zwei Punkte von größter Wichtigkeit die ´Siege´ (eine Schrift des inhaftierten US- Neonazis James Mason O.Z.) ganz deutlich macht: Erstens, daß es für Reaktion und Konservatismus einfach zu spät ist, und das deshalb die einzig angemessene Strategie – wenn es überhaupt noch eine geben kann – darin bestehen muß, die Zersetzungsprozesse des gegenwärtigen Gesellschaftssystems möglichst voranzutreiben, weil dies der wesentlich vernünftigere und direktere Weg ist, Veränderungen zu erreichen. Zweitens, daß das Überleben an sich das wichtigste Lebensziel sein sollte, aber ohne daß man sich einer Gehirnwäsche unterziehen oder von der Leere der Gesellschaft aufsaugen läßt – also, um es auf den Punkt zu bringen: das Überleben als Geächteter.“25

Neben dem menschenverachtendem Konzept des Anti-Humanismus vertritt er also das, schon bekannte, theosophische Konzept des Untergangs um der Erneuerung willen. Welche Perioden der deutschen Geschichte ihn so sehr interessieren, dürfte nicht schwer zu erraten sein. Im Booklet seiner CD „Im Blutfeuer“ sieht man ihn am Grabe des SS-Brigadeführers beim „Ahnenerbe“ Karl Maria Willigut. Auf der CD selbst hört man Ausschnitte einer Rede des von Evola bewunderten Führers der faschistischen rumänischen „Eisernen Garde“ und eine Passage aus Ernst Jüngers Buch „Auf den Marmorklippen“. In diesem Zusammenhang ist es nicht weiter überraschend, dass Moynihans Verteidigungsbrief auf der Homepage einer Organisation „Third Position – Beyond Left and Right“ erscheint, die über sich selbst schreibt, dass sie eine „revolutionäre nationale Bewegung“ sei, die eine „New Social Order“26 will. Ein Pamphlet dieser Organisation endet mit den Worten: „For the Nation. Against the State!“27 Der geneigte Leser mag sich nun selber fragen: Steht Moynihan wirklich zwischen rechts und links? Die Band Ain Soph folgt dem Vorbild von Julius Evola, wenn sie dem Priesterkrieger Kshatyra, dem Leitbild Evolas für einen politischen Soldaten in seinem Buch „Menschen inmitten von Ruinen“, eine CD widmen. Sie singen auf ihrem Album „Kshatyra“:

„Die Treue ist stärker als Feuer/ Sich erheben, auferstehen/ Eine Form und eine Ordnung schaffen/ Aufrecht durch die Ruinen/ Den schwersten Weg auswählen/ Unseren Mut in Metall gießen/ Endlich wiedergeboren durch das Blut/ stark durch unsere Ehre/ Kshatyra“28

Natürlich könnte man solche Texte auch als spätpubertäre „Männerphantasien“ abtuen, wenn allerdings auf dem Cover ihrer CD „Aurora“ Evola abgebildet ist und sich ein Musiker „von Sebottendorf“ nennt – Sebottendorf war führender Aktivist der Münchener Thule-Gesellschaft, die in die Gründung der NSDAP involviert war – dann darf man sicherlich an dieser Interpretation zweifeln. Auf der Homepage der Dresdener Band Turbund Sturmwerk, der ich einige sehr interessante Interviewausschnitte mit den oben besprochenen Musikern verdanke29, wird, wenn auch nicht ganz offen, rechtsextremistische Propaganda betrieben. Auch wenn sie sich scheinbar von faschistischer Ideologie abgrenzen:

„Zwar rechneten wir mit den üblichen Unterstellungen von Seiten derer, die immer alles vom eingeschränkten Blickwinkel eines ´politischen Ortungssystems´ aus bewerten zu müssen glauben; damit haben wir in den vergangenen Jahren umzugehen gelernt. Wir wußten, daß sich einige finden würden, uns ureflektiert eine ´faschistoide Gesinnung´ oder gar ´Kriegsverherrlichung´ zu unterstellen, weil wir Runen gebrauchten, uns auf Nordische Mythologie bezogen und vom Wert des Opfermuts sprachen. (…) Was wir – ganz abstrakt – als Projektion im Sinne eines ´geistigen Kriegertums´ vorgeben wollten, nämlich das Ideal, sich als Mensch einer Sache in aller Konsequenz hinzugeben, schien für manchen also bereits mit zu ´eindeutigen´ Entschlüsselungshinweisen versehen.“

Um dann aber wenig später eine Abbildung auf dem Cover ihrer CD mit dem, völlig unwissensschaftlichen, „Runenschlüssel Williguts“ zu interpretieren. Ihre Interpretation beenden sie mit den folgenden Sätzen:

„Problematisch erscheint freilich, daß die Materialisation des menschlichen Geistes an sich und grundsätzlich leidbehaftet und negativ erscheint, was manchen – zurecht – nicht einleuchten will, selbst wenn bedacht wird, daß inzwischen längst auch Menschen mit relativ gesunder und harmonischer Persönlichkeitsstruktur an ihrer Umwelt und den äußeren Zuständen leiden, welche sie selbst gar nicht zu verantworten haben. Dies spricht freilich weniger gegen die ´äußere Welt´ als vielmehr gegen diejenigen, die – teils fahrlässig, teils willentlich – ein ´Jammertal´ aus ihr gemacht haben.“30

Da können wohl nur noch die „geistigen Krieger“ helfen! Sie selbst berufen sich vor allem auf „Nationalbolschewismus“ und „Hamburger Nationalkommunismus der 20er Jahre“ und arbeiten musikalisch an einer „Symbiose von Ernst Jünger und Heiner Müller“. Die im Moment in der Szene meist diskutierte Band ist die Band Kirlian Camera um den italienischen Musiker Angelo Bergamini. In einem „Zillo“– Interview mit Dirk Hoffmann wehrt sich Bergamini gegen Vorwürfe von Antifaschisten, hier einige Ausschnitte aus dem Interview:

„Zillo: Von Organisationen wie der Antifa werdet ihr als Neofaschisten bezwichnet, weil ihr ein Konzert mit dem Hitlergruß beendet haben sollt. Falls das der Tatsache entsprechen sollte: Was war euer Beweggrund dafür- reine Provokation oder steckt ein tieferer Sinn dahinter? Angelo: Eins muß von vorneherein klar sein: Ich protestiere gegen solche Gerüchte und Aussage, die zu beweisen versuchen, daß meine Band das Publikum mit dem Hitlergruß begrüßt. Ein gewisser Alfred Schobert hat in einem ´Spiegel´- Interview behauptet, daß wir – man beachte, daß wir – man beachte, daß er im Plural sprach und damit um alle meinte – das Publikum auf diese Weise be(g)rüßen. Das ist ein ernstes Statement und eine ernste Manipulation der Realität. Ich muß an dieser Stelle zum zigsten Mal wiederholen, daß andere Kirlian Camera- Mitglieder verschiedene (M)ale erklärt haben, daß sie ganz aufrichtig politisch links einzuordnen sind. (…) Diese Band hat durch all die Jahre Musiker aus ganz verschiedenen Richtungen (Schwarze, Weiße, Juden, Faschisten, Kommunisten, Christen, Schwule, Anarchisten) im Line- up gehabt und jeden einzelnen respektiert. Wenn aber jemand kindische Sachen mag, erkläre ich einiges zu Herrn Schoberts Aussagen: Im August letzten Jahres traten wir in Berlin auf, und ich muß ehrlicherweise zugeben, daß ich auf eine ähnliche Weise agiert habe, um einfach den schlechten Glauben von einigen Leu(t)en zu testen. Da habe ich die Leute mit ausgestrecktem Arm begrüßt. (…) Weder ich noch Emilia Lo Jacono und Barbara Boffelli haben je den Hitlergruß verwendet, da sie politisch viel zu korrekt sind. (…) Es gab keine versteckten politischen Botschaften in der Vergangenheit, und ich muß niemanden etwas erklären. Zillo: Gibt es denn etwas, das dich aus irgend einem Grund am Dritten Reich fasziniert? Angelo: Die Ästhetik des Dritten Reiches ist zweifellos faszinierend. (…) Aber was ich über Politik denke, geht nur mich etwas an, und das würde ich niemanden erzählen. Wahlen sind geheim, und es ist mein Recht es auch so zu halten. Ist es nicht so? (…) Zillo: Meinst du nicht, da(ß) Künstler eine besondere Verantwortung beim Gebrauch solcher Symbole haben, die eng mit dem Dritten Reich verknüpft sind? Angelo: Ich denke, es gibt zu viele Idioten, die versuchen, einige Werbung damit zu machen, Symbole und anderes Zeugs verwenden, von denen sie nicht mal die Bedeutung verstehen. Ich glaube, daß 90% dieser Bands, die Möchtegern- Nazis werden wollen, nichts weiter als ein Haufen von Verlier(er)n sind, die keine wirkliche Hoffnung besitzen. Sie verlassen sich darauf, populär dadurch zu werden, daß sie das Spiel der ´Verdammten´ spielen, aber sobald jemand kommt, um ihnen gefährlich mit Zensur zu drohen, leugnen sie alles, arme kleine Kätzchen!
(…) Übrigens haben Kirlian Camera nie ein Nazi- Symbol verwendet, weshalb wir mit dem Thema eigentlich nichts zu tun haben.(…) Viele Leute erheben den Anspruch, Dinge zu wissen, die sie nie erfahren werden, und legen dabei die wirklich intolerantesten Einstellung zutage: Sie verfolgen etwas, das sie nicht kennen. Suchen sie nach dem Antichristen oder was?“31

Auffällig bei den Äußerungen Bergaminis ist, dass er, wie auch bei früheren Interviews zu dem Thema, grundsätzlich nur über die politischen Einstellungen von anderen Bandmitgliedern redet. Dazu muss man wissen, dass Kirlian Camera letztlich ein „Ein- Mann-Projekt“ Bergaminis ist. Den Hitlergruß bzw. den „Kühnen-Gruß“ (mit zwei ausgestreckten Fingern), hat Bergamini in diesem Interview, soweit mir bekannt, hier zum ersten Mal zugegeben, nachdem er ihn in mehreren vorangegangenen Interviews abgestritten hatte. Diese Geste von ihm konnte man auch bei weiteren Konzerten von ihm beobachten. In dem Gesprächsteil über andere Bands, denen die Verwendung von NS-Symbolen nicht fremd ist, redet er nur über „Möchtegern-Nazis“. Wie würde er wohl über „richtige Nazis“ urteilen? Seine Ansichten dazu kann man möglicherweise vermuten, wenn man beachtet, dass er mit dem Stück „U- Bahn V. 2 Heiligenstadt“ auf der CD „Todesengel- The Fall of Life“ die „Eiserne Garde“ Codreanus „ehren“ wollte32 und Marco E. Thiel ihn im „Europakreuz“, als einen „Kameraden“ bezeichnet.33 In der selben Ausgabe des „Europakreuzes“ wird an den 52. Jahrestages der Zerstörung Dresdens „durch britische Luftangriffe“ gedacht und um einen „Kamerad Julius B. E. F. jun. (Pseudonym J. Streicher)“34 getrauert. Der österreichische Kadmon (Gerhard Petak), dessen Projekt Allerseelen dem Neo-Folk zugeordnet werden kann, fällt durch die Herausgabe der Magazine „Ahnstern“ und „Aorta“ auf. In diesen Magazinen kommt seine Gedankenwelt, beruhend auf einer Mischung von (NS-) Esoterik, faschistoider Philosophie und Satanismus zum Ausdruck. Ein Ausschnitt aus dem „Ahnstern“-Katalog:

„II. LUCIFER RISING II. Interview (1995) mit dem amerikanischen Filmemacher Kenneth Anger über: Lucifer Rising, Externsteine, Bobby Beausoleil, Aleister Crowley, Friedrich Nietzsche. (…) III: FEUERTAUFE: Ernst Jüngers Werke über den ersten Weltkrieg (…) V: HEIDNAT: Völkischer Weg und thelemitischer Weg. Heimat und Heidentum als Kraftfelder. Heidnat als Entwurf einer halben Moderne, die Technologie und Spiritualität verknüpft. Die Bedeutung von Selbstachtung. Erdung. Widerstand.(…) VII: KRAFTFELD: Das Kornzeichen in Flandorf, Niederösterreich, Juli 1996, eine rätselhafte Einheit aus Kraft und Form (…)“35

Er beteiligte sich an den VAWS-Samplern, wie auch an einem Sampler des Labels des Dresdener „Sigill“– Herausgebers Eislicht-Verlages (Eis und Licht Tonträger); dieser erschien, um „Julius Evola zu ehren“. Das Cover der Allerseelen-CD „Gotos – Kalanda“ ziert die sogenannte „Schwarzen Sonne“, ein Marmormosaik aus dem „Obergruppenführersaal“ der SS-Kult- und Schulungsstätte Wewelsburg. Auch er fühlt sich von Antifaschisten verfolgt, spricht sich aber immerhin für Gewaltlosigkeit seiner Anhänger aus.

„Daß jemand Flugblätter gegen Allerseelen verteilte, freute mich. Ich schätze die, die den Mut haben, Nein zu sagen, den Ketzer. Die sich Schwierigkeiten einbrocken. Daß manche Anhänger von Allerseelen glaubten, diesem Jugendlichen die Flugblätter aus der Hand reissen zu müssen, erfuhr ich erst hinterher. Es mißfiel mir.“36

Daneben benutzt er aber typische Argumentationsmuster der Neuen Rechten:

„Ich verabscheue Bücherverbrennungen und Holocausts, wie sie in Auschwitz, Dresden, Hiroshima und Mururoa geschahen. (…) Was die Anti- Faschisten im Zeichen des roten Pentagramms begehen, stellt die Anschläge rechtsextremer Skinheads in den Schatten.“37

Die Musikpresse und die meisten Plattenlabel fielen bis jetzt durch Totschweigen dieser gefährlichen Tendenzen dieses Teils der Szene auf. Vermutlich aus kommerziellen Gründen, denn die beschriebenen Bands verkaufen sich, nicht zuletzt wegen ihrer „umstrittenen Meinungen“, besser als viele andere, politisch nicht auffallende Bands. Die meisten Szene-Mitglieder dürften aber (noch) eher ungefähr so denken wie Ashley, Kopf der Band Whispers in the Shadow:

„Wenn man einfach akzeptiert, was man vorgekaut bekommt, kann dies üble Folgen haben, und plötzlich haben wir ein ´viertes Deutsches Reich´ und jeder ist plötzlich überrascht und tut so, als ob nichts wäre. Nach außen hin vertreten wir allerdings keine politische Richtung. Aber ich glaube kaum, daß uns irgendwer als ´rechts´ einstufen würde. Es ist wichtig, daß die schwarze Szene nicht ins rechte Lager abrutscht, wie das in letzter Zeit so der Fall ist. Dagegen werden wir uns auf jeden Fall wehren und ich hoffe, wir stehen da nicht alleine da.“38

Das zeigt, dass Pauschalverurteilungen der Szene (wie beispielsweise Jean Cremets Beiträge in der Jungen Welt und anderen Zeitschriften) kontraproduktiv wirken. Dann nämlich fühlen sich auch politisch liberale oder linke Gothics gezwungen, sich Hand in Hand mit den, immer noch wenigen, wirklich rechtsextremistischen und faschistischen Vertretern zu verteidigen. Und gerade gegen dieses falsche Zusammengehörigkeitsgefühl, welches der Umarmungsstrategie von JF und anderen entgegen kommt, muss die Szene in nächster Zeit vorgehen, sollte sie ihre eigenen Wurzeln nicht verleugnen wollen. Ein wichtiger Ansatz dazu war sicher die Gründung der Initiative „Grufties gegen rechts/ Music For A New Society“ (April 1998 in Bremen). Mit den Zielen dieser Initiative solidarisierten sich mittlerweile auch schon einige Musiker wie Deine Lakaien, Sepulcrum Mentis, Einstürzende Neubauten, Dirk Ivens (Dive, Sonar, ehemals The Klinik), Goethes Erben, Love Like Blood, Das Ich und Isecs. Eine Internet-Initative „Gothics gegen rechts“ versucht dem Beispiel der „Grufties gegen rechts“ zu folgen und über rechte Tendenzen in der Szene aufzuklären.

Quelle: Gothic gegen Rechts

  1. Bis vor kurzem war es auch nicht unüblich, der Szene insgesamt Sexismus und Frauenfeindlichkeit vorzuwerfen, möglicherweise wegen der offen zur Schau gestellten SM- Sexualität von Mitgliedern der Szene (so z. B. Anfang der 90er Jahre in einer Flugblattaktion einer Männergruppe vor einer von Gothics besuchten Freiburger Diskothek). Diese Vorwürfe haben mittlerweile nachgelassen. Ob nun auf Grund veränderten gesellschaftlichen Bewusstseins oder einer vorurteilsfreieren Sicht auf die Gothic- Szene mag dahingestellt bleiben. [zurück]
  2. Zillo 2/ 92, zitiert nach: Grufties gegen Rechts: Die Geister, die ich rief, im Internet unter: http://www.pc- easy.de/geister/brosch.htm [zurück]
  3. Dieses Interpretation von Pearces Antrieb liefert auch Steward Home in einem Interview mit dem Münsteraner Fanzine „Auf Abwegen“: „Ich glaube einfach, daß bei Death In June Sexualität im Vordergrund steht. Ich glaube, seine sexuellen Vorlieben sind der Schlüssel zum Verständnis von Death In June, und ich glaube nicht, daß Douglas heute noch ein aktives politisches Interesse hat“. (Zitiert in: Die geilsten Uniformen, in: Jungle World, 26. März 1998) [zurück]
  4. Pockrandt, Stephan: Sexy Uniforms, in: Sigill Nr. 6, 1994, Dresden, S. 20/21, zitiert in: Stöber, a.a.O., S. 69 f. [zurück]
  5. Zitiert nach: Antifaschistisches Info, Juli/ August 1997 [zurück]
  6. Grufties gegen Rechts, Geister, a.a.O. [zurück]
  7. Im Internet unter: http://www.myway.de/secretlab/dturbu56.htm [zurück]
  8. Douglas Pearce sagt in einem Interview von 1990 über Schreck allerdings: „Als ich Boyd Rice in Amerika besucht, hat der mir erzählt, in den USA gelte Schreck inzwischen als ´reicher Jude´, der sich in seltsame okkulte Dinge verstrickt habe. Wen interessiert schon dieser ganze amerikanische Werwolf- und Satanskram. Ich halte das alles für oberflächlich“, im Internet unter: http://www.myway.de/secretlab/dturbu55.htm. Eine Aussage, die Zweifel am Geisteszustand aller drei Beteiligten weckt. [zurück]
  9. NON/ Boyd Rice: Total war, von der CD: In the Shadow of the Sword 1989, zitiert nach Cremet, Jean: The dark side of the music. Jenseits von „Böhse Onkelz“ und „Screwdriver“. Über (neo-) faschistische Tendenzen in der Independent- Musik, in: analyse & kritik 389, 04/ 1996, S. 11 ff, im Internet unter: http://www.pc- easy.de/geister/cremet.htm [zurück]
  10. Cremet, a.a.O. [zurück]
  11. „Europakreuz“ war sich bspw. nicht zu schade, den unsäglichen „Heino der Neonazis“, Frank Rennicke zu interviewen. Orginalton Rennicke: „Frank Rennicke, nationaler Barde, verheiratet, vier Kinder, seit 10 Jahren im Freiheitskampf, gebürtiger Niedersachse, Steckenpferd: Volk, Vaterland, Familie.“ (…) „Ich bin tolerant genug, liberalere und auch radikalere Meinungen von Gleichgesinnten zu dulden, wenn diese mit der ganzen Persönlichkeit gelebt werden.“ (…) „Lest, lernt, treibt Sport, enthaltet euch dem Zeitgeist und sehet mit Abscheu auf die willigen Büttel eines Systems, das es für ´normal´ hält, 600.000 Rapper- und Techno- Idioten in Berlin straßenverdreckend latschen zu lassen, junge Deutsche aber, die für Meinungsfreiheit und Erinnerung an den Mord an Rudolf Heß auf die Straße gehen, einsperren will. Heil euch!“, Europakreuz Nr. 19, April 97, Berlin, S. 9- 12 [zurück]
  12. Grufties gegen Rechts,Geister, a.a.O. [zurück]
  13. Junge Freiheit 10/93, zitiert nach: Grufties gegen Rechts: Revolte gegen die moderne Welt – Braune Graswurzelrevolution in der schwarzen Szene? Über den neurechten Kulturkampf und Widerständiges aus der Gothic- Szene, im Internet unter: http://www.pc-easy.de/geister/aib.htm [zurück]
  14. Im Internet unter: http://www.jungefreiheit.de/108aa16.htm [zurück]
  15. Junge Freiheit 4/96, zitiert nach: Grufties gegen Rechts, Geister, a.a.O [zurück]
  16. Gerlinde Gronow: Offener Brief an Easy Ettler, im Internet unter: http://www.pc-easy.de/geister/easy.htm [zurück]
  17. Grufties gegen Recht, Revolte, a.a.O. [zurück]
  18. Grufties gegen Rechts, Geister, a.a.O. [zurück]
  19. Grufties gegen Rechts, Revolte, a.a.O. [zurück]
  20. Gothic Nr. 23, Sommer 1995, zitiert nach. Grufties gegen Rechts, Revolte, a.a.O. [zurück]
  21. Gothic Nr. 23, Sommer 1995, zitiert nach. Grufties gegen Rechts, Revolte, a.a.O. [zurück]
  22. Gothic Nr. 23, Sommer 1995, zitiert nach. Grufties gegen Rechts, Revolte, a.a.O. [zurück]
  23. Zitiert nach MDR- Fakt vom 26.4.1999, im Internet unter: [zurück]
  24. Im Internet: http://www.thirdposition.com/blrnewsbloodaxis.html [zurück]
  25. Im Internet: http://www.myway.de/secretlab/dturbu54.htm [zurück]
  26. Im Internet: http://www.thirdposition.com [zurück]
  27. Im Internet: http://www.thirdposition.com/blrnation-and-the-state.html [zurück]
  28. Zitiert nach: Cremet, a.a.O. [zurück]
  29. Auffallend ist, dass in letzter Zeit, sogar während der Monate meiner Recherche, immer mehr klare „politische“ Aussagen auf den Homepages der besprochenen Künstlern verschwanden. Ich halte es für möglich, dass das mit der beginnenden antifaschistischen Arbeit in der Gothic- Szene zusammenhängt. [zurück]
  30. Im Internet: http://www.myway.de/secretlab/dturbu25.htm [zurück]
  31. Hoffmann, Dirk: Das Versteck des Antichristen, in: Zillo Musik Magazin (7-8/ 99), im Internet: http://members.tripod.com/~Heydebreck/kczil.html [zurück]
  32. Sigill (Nr. 12, 1996/97), Dresden [zurück]
  33. Europakreuz Nr. 18, Februar 1997, Berlin, S. 1 [zurück]
  34. ebd. [zurück]
  35. Im Internet: http://www.geocities.com/SunsetStrip/Amphitheatre/6522/ahnstern.htm [zurück]
  36. Kadmon: Anti- Faschismus: Katholizismus ohne Gott, im Internet: http://www.geocities.com/SunsetStrip/Amphitheatre/6522/antifa.htm [zurück]
  37. ebd. [zurück]
  38. Back Again (Winter 97/98), Darmstadt und Hamburg, S. 8 [zurück]

Cameraden bei „Zillo“

Auf dem Zillo-Festival in Hildesheim soll die rechtsextreme Band Kirlian Camera spielen

Bei Zillo ist alles easy. Deswegen spielen nicht nur Bands wie Deine Lakaien und Paradise Lost am 14. und 15. August auf dem Hildesheimer Festival, das von dem Independent-Magazin Zillo organisiert wird.

Neben dem national gewendeten NDW-Opa Joachim Witt ist die rechtsextreme Band Kirlian Camera angekündigt, die auch beim diesjährigen Leipziger Wave & Gotik-Treffen mit dabei war. Angelo Bergamini, Kopf der italienischen Elektro-Wave-Gruppe, verabschiedete sich letztes Jahr bei einem Konzert in Berlin mit der neonazistischen Variante des Hitlergrußes.

Was manche unter dem Label „künstlerische Freiheit“ als Provakation relativieren, ist für andere zu Recht ein Protestgrund. Denn Bergamini verharmlost nicht nur den Nationalsozialismus („das wirkliche faschistische Verbrechen ist die Dummheit“) und bezeichnet Amerika als „Seuche“. Er verehrt überdies den 1938 ermordeten rumänischen Faschisten und Antisemiten Corneliu Zelea Codreanu.

Codreanu, Gründer der Legion Erzengel Michael (1927) und der Eisernen Garde (1930), hat Kultstatus im rechtsextremen Musik-Underground. Auf der CD „Todesengel. The Fall of Life“ auf dem Track „U-Bahn V. 2 ‚Heiligenstadt‘“ sampelte Kirlian Camera eine Rede Codreanus. „Ich nahm den Song im Februar 1989 mit einem Teil von Codreanus Rede auf. Zu dieser Zeit suchte ich solches Material, um seine Legion zu ehren“, erzählt Bergamini im rechten Darkwave-Fanzine Sigill (Heft 12). Auch in Büchern über die Eiserne Garde fand er „einige interessante Sachen, aber es ist schwierig, all den Judenhaß zu akzeptieren“.

Selbst der der Totalitarismustheoretiker und Revisionist Ernst Nolte schätzte bereits 1966 Codreanus Eiserne Garde „nicht nur als faschistisch“ ein: „Sie ist vielleicht sogar die interessanteste und vielseitigste aller faschistischen Bewegungen, weil sie (…) ebensowohl vorfaschistische wie radikalfaschistische Kennzeichen in sich vereint.“ Die Legion hatte nach Nolte „nur eine Hauptintention, den Kampf gegen das Judentum und alles, was ihr als ‚jüdisch‘ galt“. Antisemitismus war nicht nur ideologische Grundlage, sondern Motivation für den „individuelle(n) Terror“ der Legion.

Bergaminis Versuch, Codreanu ohne Antisemitismus zu rezipieren, ist allenfalls propagandistischer Schrott. „Es gibt schon einen Bezug zwischen ihm und der musikalischen Atmosphäre“, heißt es im Sigill-Interview. Dies paßt gut in die Strategievorstellungen neurechter Kulturkämpfer, über eine scheinbar neutrale, „unpolitische“ Ästhetik ihre Weltsicht unter die Leute bringen zu wollen.

Für den kulturkampferprobten rechtsextremen Verlag VAWS produzierte Bergamini den Track „Stalingrad“1, der 1998 auf dem Sampler zu Ehren des Nazi-Bildhauers Josef Thorak (Jungle World, Nr. 42/98) erschien. Auch in der aktuellen Ausgabe von Zillo (Juli/August 1999) kommt der Codreanu-Freak mit Verharmlosungen zu Wort: „Die Ästhetik des Dritten Reiches ist zweifellos faszinierend. (…) Nun, ich mag die Nazi-Ästhetik, das kann ich nicht leugnen“, äußert er unwidersprochen in einem Interview mit Dirk Hoffmann.

Und wie viele andere Kameraden, die eine „Querfront“ (Jungle World, Nr. 11/99) propagieren, verweist Bergamini auf frühere Bandmitglieder, „Schwarze, Weiße, Juden, Faschisten, Kommunisten, Christen, Schwule, Anarchisten“, um den Neofaschismus-Vorwurf zu entkräften.

Ebenso kritiklos hatte Hoffmann bereits 1994 und 1996 über Kirlian Camera in Zillo berichtet. Kein Wunder, war damals noch Rainer ‚Easy‘ Ettler Herausgeber der Zeitschrift: Die Junge Freiheit (JF) konnte mit einem Bild von Forthcoming Fire um Josef Klumb eine Anzeige schalten. Zuvor hatte es schon regelmäßige Mitteilungen über Veröffentlichungen des VAWS gegeben. Mit Peter Boßdorf war zeitweise sogar ein JF-Stammautor ständiger Mitarbeiter bei Zillo.

Ettler distanzierte sich zwar nach Protesten aus der Szene, zugleich verharmloste er das Problem durch totalitarismustheoretische Gleichsetzungen von Rechts und Links. Erst nach Ettlers Tod hat sich Zillo gegen rechte Vereinnahmungsversuche gewehrt und Boßdorf vor die Tür gesetzt. Heute jedoch scheint Zillo wieder ganz auf der politischen Linie des früheren Herausgebers zu liegen.

Beim Leipziger Wave & Gotik-Treffen über Pfingsten hatte das Magazin eine Podiumsdiskussion zum Thema „Eine braune Flut – gibt es rechte Tendenzen in der Schwarzen Szene?“ geplant. Neben Vertretern der Bremer DJ-Initiative Grufties gegen Rechts und dem Sozialwissenschaftler Alfred Schobert waren Campino, Joachim Witt, Rammstein und Gabi Delgado (DAF) geladen.

Da von den Musikern nur Witt zusagte, sollte der Ex-Weissglut- und Forthcoming Fire-Sänger Klumb die Lücke füllen. Angesichts früherer Gewalttätigkeiten und Klumbs Verstrikkung in den Rechtsextremismus, sagten Schobert und die Bremer Initiative ab. Klumb sollte keine Gelegenheit geboten werden, über eine öffentliche Diskussion wieder aufgewertet zu werden.

Zillo sieht das anders und begibt sich auf argumentativen Kuschelkurs mit den Rechten. Mitarbeiter Ecki Stieg klagt über die „faschistoide(n) Methoden“ von Klumbs Kritikern und findet es „falsch“, diesen als „‚rechtsradikalen Funktionär‘ zu stigmatisieren“. Joachim Witt bläst ins gleiche Horn und halluziniert von einem „weiten Feld faschistoider Repressalien“. „Pathos ist eben nicht gleich Nationalsozialismus“, meint der „überzeugte Humanist“ und PDS-Wähler Witt.

Bei Zillo steht man nun in (alt)bekannter Manier über den „Kategorien rechts/links“ und hält durch einen falsch verstandenen Pluralismus eine Flanke nach Rechtsaußen offen. Daß man so den Boden für erneute Infiltrationsversuche der modernisierten Braunen in die Schwarze Szene vorbereitet, zeigt sich in der Jungen Freiheit, die bei solchen Tönen die „Immunität der Szene gegen totalitäre Meinungswächter“ (Nr. 23/99) bejubelt.

In Hildesheim wird bereits gegen den geplanten Auftritt von Kirlian Camera mobilisiert. Festivalplakate wurden mit Boykott-Aufrufen überklebt, und weitere Aktivitäten sind zu erwarten.

Daniel Hügel

Quelle: Jungle World

  1. Anmerkung von new dawn fades: Hier liegt Daniel Hügel falsch. „Stalingrad“ ist eine Band, welche von Bergamini produziert wird, und kein Lied . [zurück]

Into the Gruft

Pfingsten trifft sich in Leipzig die Wave & Gotik-Szene

Trotz aller Widersprüche gilt Popkultur weiterhin als irgendwie emanzipativ, zumindest aber als progressiv. Der seit einiger Zeit zu beobachtende Backlash wird deshalb nicht gerne zur Kenntnis genommen. Vor allem die Gruft-Szene ist durchlässig für ein Ideologie-Gemisch, das heidnisch-rassischen Mystizismus mit Runenmagie und der Rückbesinnung auf angeblich naturgegebene Werte verbindet. Zu besichtigen sind die Trends der schwarzen Szene wie jedes Jahr am Pfingstwochenende auf einer der wichtigsten Gruft-Veranstaltungen, dem Wave & Gotik-Treffen in Leipzig.

Vier Tage lang bevölkern 15 000 bis 20 000 Gothic-Fans die Straßen der Messestadt im Osten und besuchen die über das gesamte Stadtgebiet verteilten Veranstaltungen. Die anreisenden Grufts repräsentieren dabei den breiten Teil der Szene, die vom Bankangestellten, der sich am Wochenende mal ein schwarzes T-Shirt überstreift, zum Fulltime-Gestylten reicht. Angelockt werden sie von der Einzigartigkeit des Festivals, das eben nicht nur Konzerte bietet, sondern auch Lesungen, Märkte, Friedhofsführungen, ein „heidnisches Dorf“ und eine „schwarze Tanzmeile“.

Daß die Mehrheit der schwarzen Szene sich immer noch irgendwo zwischen mehr oder weniger ungefährlichen Jura-Studenten und melancholischen Teenagern bewegt, kann allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, daß sich im Zentrum des Dark Wave ganz andere Strömungen ausbilden. Der wegen seiner rechtsradikalen Aktivitäten gefeuerte Ex-Weissglut-Sänger Josef Maria Klumb beispielsweise kommt aus genau diesem Umfeld. Das Fascho-Fanzine Sigill veranstaltete einen Tanzabend in der Leipziger Moritzbastei.

Die völkischen Trendsetter kommen zumeist aus dem Umfeld der genrebildenden Band Death in June und ordnen sich selbst unter „Neo-Folk“ ein. Death in June sind auf dem Festival 1999 lediglich mit diversen Nebenprojekten vertreten, zum regulären Programm gehören dagegen die im Neofolk hochgeschätzten Fire & Ice und Ain Soph, deren Auftritte in vielen Ankündigungen bereits als Höhepunkte des Festivals bezeichnet werden. Beide Gruppen haben sich politisch eindeutig positioniert.

In einem Interview mit dem Fanzine Sigill erklärt Fire & Ice-Frontmann Ian Read, als er auf „faschistische und rassistische Ideen“ angesprochen wird: „Keine Idee ist völlig wertlos. Die Deutschen hatten einen riesigen Komplex, der ihnen von einer Nachkriegsgehirnwäsche eingeimpft worden war. Deutsche Magier sollten sich wirklich von den Meinungen darüber, was korrekt ist und was nicht, die ihnen andere aufgedrängt haben, befreien. Ich biete dir folgendes als Stoff zum Nachdenken an: Konzentrationslager sollte wohl KL abgekürzt werden, man führte jedoch KZ ein, weil das Z es viel schrecklicher klingen ließ.“

Gegenüber dem in Jena erscheinenden Blatt Aeon sagte Read zum Thema multikulturelle Gesellschaft: „Die Idee und baldige Realität, daß Völker einander ähneln werden, ist mir ein Greuel. Gebt mir Diversität anstatt dieser Konformität. Meine Vision der Menschheit würde Stephen King Alpträume verursachen.“ Wer so überzeugt den rassisch begründeten Ethnopluralismus propagiert, dem muß man mit der Gleichheit der Menschen gar nicht erst kommen. Ian Read: „Übermenschen denken für sich selbst ohne Angst (obgleich sie sich manchmal listig verhalten müssen). Ihre Willen sind stark und unabhängig. (…) Solche Männer werden nicht solchen Trends wie political correctness folgen. (…) Untermenschen mangelt es an all diesen Qualitäten.“

Wie fließend der Übergang vom mystischen Hokuspokus zur faschistischen Propaganda ist, belegt auch die aus Italien kommende Band Ain Soph, der selbst die Junge Freiheit attestiert, daß sie „in reaktionärster Weise den transzendent ausgerichteten (und damit) starken Staat auf der Grundlage der Familie und Tugenden von Disziplin und Ehre“ fordert.

Ain Soph lassen sich im amerikanischen Magazin Descent über das Italien der Siebziger und die Roten Brigaden aus: „Es gab einen Bürgerkrieg zwischen Neo-Faschisten und Ultra-Kommunisten. Unser Standpunkt in dem Konflikt ist klar. (…) Wenn Magie ein Fortschritt zu einem übernatürlichen Seinszustand ist, dann sind Doktrine des materialistischen Zurückweisens von allem Heiligen unser Feind. Und das war ebenso der Ansatz von einigen derjenigen, die die Waffen in die Hand genommen haben.“

Die Schlußfolgerung, daß mit „Materialismus“ wohl „Marxismus“ gemeint ist, sie also die Seite der Neofaschisten eingenommen hätten, bleibt dem Leser überlassen. Keine allzuschwere Aufgabe, erscheint das Interview doch in einem Umfeld, in demdem Nationalsozialismus offene Bewunderung entgegengebracht wird: „Nationalsozialismus versuchte die herausragenden Individuen im Dienste der Volksgemeinschaft (Stamm) einzuspannen. Genau wie der Beste ausgewählt wird, eine Herde zu führen.“

Obgleich es an Belegen für die nazistische Gesinnung dieser Gruppen nicht mangelt, haben die Veranstalter des Gotik-Treffens offenbar keine Probleme damit, diese einzuladen. Schwierigkeiten dagegen haben die Leipziger Veranstalter mit den Medien, die über den politischen Background der Bands berichten. So erklärte Nancy Schumann, eine Sprecherin des Festivals, gegenüber Jungle World: „Da muß man schon sehen, daß das in den Medien viel zu sehr hochgepusht wird.“ Gerade wenn es um Neo-Folk geht, sei alles gar nicht so, wie es scheint: „Das ist das Problem, daß sich da viele Leute von der Berichterstattung darauf stürzen, obwohl die Bands mit Faschismus überhaupt nichts zu tun haben. Es ist ein Angriffspunkt, den wir nicht eliminieren können. Die Deutschen reagieren einfach empfindlich darauf, sobald jemand auf das Dritte Reich zeitgeschichtlich zu sprechen kommt.“

Auf das Thema „Neuheiden“ angesprochen, erklärt Schumann: „In diesem Bereich ist es sehr schwierig. Man kommt sehr schnell an eine Grenze, wo man sich einfach mit Kreuzen schmückt und man dann hinterher feststellt: ‚Oh, die sind aber im Nazi-Reich verwendet worden.‘ Und die einfach nur schön fand.“ Selbst wenn Gruppierungen wie die Nationalanarchen des Magazins Sigill ausgeschlossen werden, dann nicht etwa wegen ihrer politischen Gesinnung, sondern wegen ihrer Umgangsformen. Die Veranstalter: „Die legen nicht mehr auf, weil wir gelernt haben, daß die Leute – aus welchen Gründen auch immer – eine provokante Art an den Tag legen. Was auch immer die sich dabei denken.“

Immerhin sollen in diesem Jahr bekennende Nazis mit Aufnähern zurückgewiesen werden. Und tatsächlich haben sich alle Bands vom „Extremismus“ distanziert. Eine Verzichtserklärung, die den völkischen Gruppen nicht schwer gefallen sein dürfte, propagieren sie doch dem eigenen Selbstverständnis nach lediglich eine naturgegebene Werteordung. Oder in den Worten des von Nationalrevolutionären wie Neofolks gleichsam verehrten Julius Evola: „Extremisten sind ebenso wie Reformisten oberflächlich. Sie sind nicht radikal.“

Ebenso wird der Ausschluß der Stiefelnazis von nebenan keinen der musizierenden Mystiker stören, wähnen sich diese doch dem Durchschnittsmenschen (und Rechten) überlegen. Selbst Josef Maria Klumb, der kaum einen geraden Satz zustande bringt, zählt sich zur geistigen Elite. Die verbale Distanzierung gegenüber der völkischen Ideologie ist eine Pflichtübung ebenso wie die von Zillo angesetzte Podiumsdiskussion zum Thema „Die braune Flut“. Bei Ihr sollen „Jay Kay von Weissglut / Forthcoming“ und Joachim Witt auftreten, dem man manchmal wünscht, daß er wirklich nicht weiß, was er tut, und Dampfplauderer Campino von den Toten Hosen.

Das Motiv für diese Distanzierung erläutert die Pressesprecherin des Festivals dankenswerterweise selbst. Darauf angesprochen, daß zumindest Veranstaltungen mit Weissglut oder das Sigill-DJing nicht mehr stattfinden, erklärt sie: „Ja, das ist einfach ein Teil dessen, was wir gerne gemacht hätten. Wo dann gesagt wird: Habt da mal ein Auge drauf. Die haben diverse Medien auf dem Kieker. Seid da lieber vorsichtig. Wartet ab. Vielleicht beruhigt sich die Situation.“

Dirk Franke

Quelle: Jungle World