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Into the Gruft

Pfingsten trifft sich in Leipzig die Wave & Gotik-Szene

Trotz aller Widersprüche gilt Popkultur weiterhin als irgendwie emanzipativ, zumindest aber als progressiv. Der seit einiger Zeit zu beobachtende Backlash wird deshalb nicht gerne zur Kenntnis genommen. Vor allem die Gruft-Szene ist durchlässig für ein Ideologie-Gemisch, das heidnisch-rassischen Mystizismus mit Runenmagie und der Rückbesinnung auf angeblich naturgegebene Werte verbindet. Zu besichtigen sind die Trends der schwarzen Szene wie jedes Jahr am Pfingstwochenende auf einer der wichtigsten Gruft-Veranstaltungen, dem Wave & Gotik-Treffen in Leipzig.

Vier Tage lang bevölkern 15 000 bis 20 000 Gothic-Fans die Straßen der Messestadt im Osten und besuchen die über das gesamte Stadtgebiet verteilten Veranstaltungen. Die anreisenden Grufts repräsentieren dabei den breiten Teil der Szene, die vom Bankangestellten, der sich am Wochenende mal ein schwarzes T-Shirt überstreift, zum Fulltime-Gestylten reicht. Angelockt werden sie von der Einzigartigkeit des Festivals, das eben nicht nur Konzerte bietet, sondern auch Lesungen, Märkte, Friedhofsführungen, ein „heidnisches Dorf“ und eine „schwarze Tanzmeile“.

Daß die Mehrheit der schwarzen Szene sich immer noch irgendwo zwischen mehr oder weniger ungefährlichen Jura-Studenten und melancholischen Teenagern bewegt, kann allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, daß sich im Zentrum des Dark Wave ganz andere Strömungen ausbilden. Der wegen seiner rechtsradikalen Aktivitäten gefeuerte Ex-Weissglut-Sänger Josef Maria Klumb beispielsweise kommt aus genau diesem Umfeld. Das Fascho-Fanzine Sigill veranstaltete einen Tanzabend in der Leipziger Moritzbastei.

Die völkischen Trendsetter kommen zumeist aus dem Umfeld der genrebildenden Band Death in June und ordnen sich selbst unter „Neo-Folk“ ein. Death in June sind auf dem Festival 1999 lediglich mit diversen Nebenprojekten vertreten, zum regulären Programm gehören dagegen die im Neofolk hochgeschätzten Fire & Ice und Ain Soph, deren Auftritte in vielen Ankündigungen bereits als Höhepunkte des Festivals bezeichnet werden. Beide Gruppen haben sich politisch eindeutig positioniert.

In einem Interview mit dem Fanzine Sigill erklärt Fire & Ice-Frontmann Ian Read, als er auf „faschistische und rassistische Ideen“ angesprochen wird: „Keine Idee ist völlig wertlos. Die Deutschen hatten einen riesigen Komplex, der ihnen von einer Nachkriegsgehirnwäsche eingeimpft worden war. Deutsche Magier sollten sich wirklich von den Meinungen darüber, was korrekt ist und was nicht, die ihnen andere aufgedrängt haben, befreien. Ich biete dir folgendes als Stoff zum Nachdenken an: Konzentrationslager sollte wohl KL abgekürzt werden, man führte jedoch KZ ein, weil das Z es viel schrecklicher klingen ließ.“

Gegenüber dem in Jena erscheinenden Blatt Aeon sagte Read zum Thema multikulturelle Gesellschaft: „Die Idee und baldige Realität, daß Völker einander ähneln werden, ist mir ein Greuel. Gebt mir Diversität anstatt dieser Konformität. Meine Vision der Menschheit würde Stephen King Alpträume verursachen.“ Wer so überzeugt den rassisch begründeten Ethnopluralismus propagiert, dem muß man mit der Gleichheit der Menschen gar nicht erst kommen. Ian Read: „Übermenschen denken für sich selbst ohne Angst (obgleich sie sich manchmal listig verhalten müssen). Ihre Willen sind stark und unabhängig. (…) Solche Männer werden nicht solchen Trends wie political correctness folgen. (…) Untermenschen mangelt es an all diesen Qualitäten.“

Wie fließend der Übergang vom mystischen Hokuspokus zur faschistischen Propaganda ist, belegt auch die aus Italien kommende Band Ain Soph, der selbst die Junge Freiheit attestiert, daß sie „in reaktionärster Weise den transzendent ausgerichteten (und damit) starken Staat auf der Grundlage der Familie und Tugenden von Disziplin und Ehre“ fordert.

Ain Soph lassen sich im amerikanischen Magazin Descent über das Italien der Siebziger und die Roten Brigaden aus: „Es gab einen Bürgerkrieg zwischen Neo-Faschisten und Ultra-Kommunisten. Unser Standpunkt in dem Konflikt ist klar. (…) Wenn Magie ein Fortschritt zu einem übernatürlichen Seinszustand ist, dann sind Doktrine des materialistischen Zurückweisens von allem Heiligen unser Feind. Und das war ebenso der Ansatz von einigen derjenigen, die die Waffen in die Hand genommen haben.“

Die Schlußfolgerung, daß mit „Materialismus“ wohl „Marxismus“ gemeint ist, sie also die Seite der Neofaschisten eingenommen hätten, bleibt dem Leser überlassen. Keine allzuschwere Aufgabe, erscheint das Interview doch in einem Umfeld, in demdem Nationalsozialismus offene Bewunderung entgegengebracht wird: „Nationalsozialismus versuchte die herausragenden Individuen im Dienste der Volksgemeinschaft (Stamm) einzuspannen. Genau wie der Beste ausgewählt wird, eine Herde zu führen.“

Obgleich es an Belegen für die nazistische Gesinnung dieser Gruppen nicht mangelt, haben die Veranstalter des Gotik-Treffens offenbar keine Probleme damit, diese einzuladen. Schwierigkeiten dagegen haben die Leipziger Veranstalter mit den Medien, die über den politischen Background der Bands berichten. So erklärte Nancy Schumann, eine Sprecherin des Festivals, gegenüber Jungle World: „Da muß man schon sehen, daß das in den Medien viel zu sehr hochgepusht wird.“ Gerade wenn es um Neo-Folk geht, sei alles gar nicht so, wie es scheint: „Das ist das Problem, daß sich da viele Leute von der Berichterstattung darauf stürzen, obwohl die Bands mit Faschismus überhaupt nichts zu tun haben. Es ist ein Angriffspunkt, den wir nicht eliminieren können. Die Deutschen reagieren einfach empfindlich darauf, sobald jemand auf das Dritte Reich zeitgeschichtlich zu sprechen kommt.“

Auf das Thema „Neuheiden“ angesprochen, erklärt Schumann: „In diesem Bereich ist es sehr schwierig. Man kommt sehr schnell an eine Grenze, wo man sich einfach mit Kreuzen schmückt und man dann hinterher feststellt: ‚Oh, die sind aber im Nazi-Reich verwendet worden.‘ Und die einfach nur schön fand.“ Selbst wenn Gruppierungen wie die Nationalanarchen des Magazins Sigill ausgeschlossen werden, dann nicht etwa wegen ihrer politischen Gesinnung, sondern wegen ihrer Umgangsformen. Die Veranstalter: „Die legen nicht mehr auf, weil wir gelernt haben, daß die Leute – aus welchen Gründen auch immer – eine provokante Art an den Tag legen. Was auch immer die sich dabei denken.“

Immerhin sollen in diesem Jahr bekennende Nazis mit Aufnähern zurückgewiesen werden. Und tatsächlich haben sich alle Bands vom „Extremismus“ distanziert. Eine Verzichtserklärung, die den völkischen Gruppen nicht schwer gefallen sein dürfte, propagieren sie doch dem eigenen Selbstverständnis nach lediglich eine naturgegebene Werteordung. Oder in den Worten des von Nationalrevolutionären wie Neofolks gleichsam verehrten Julius Evola: „Extremisten sind ebenso wie Reformisten oberflächlich. Sie sind nicht radikal.“

Ebenso wird der Ausschluß der Stiefelnazis von nebenan keinen der musizierenden Mystiker stören, wähnen sich diese doch dem Durchschnittsmenschen (und Rechten) überlegen. Selbst Josef Maria Klumb, der kaum einen geraden Satz zustande bringt, zählt sich zur geistigen Elite. Die verbale Distanzierung gegenüber der völkischen Ideologie ist eine Pflichtübung ebenso wie die von Zillo angesetzte Podiumsdiskussion zum Thema „Die braune Flut“. Bei Ihr sollen „Jay Kay von Weissglut / Forthcoming“ und Joachim Witt auftreten, dem man manchmal wünscht, daß er wirklich nicht weiß, was er tut, und Dampfplauderer Campino von den Toten Hosen.

Das Motiv für diese Distanzierung erläutert die Pressesprecherin des Festivals dankenswerterweise selbst. Darauf angesprochen, daß zumindest Veranstaltungen mit Weissglut oder das Sigill-DJing nicht mehr stattfinden, erklärt sie: „Ja, das ist einfach ein Teil dessen, was wir gerne gemacht hätten. Wo dann gesagt wird: Habt da mal ein Auge drauf. Die haben diverse Medien auf dem Kieker. Seid da lieber vorsichtig. Wartet ab. Vielleicht beruhigt sich die Situation.“

Dirk Franke

Quelle: Jungle World

Kampf, Sieg oder Tod – „Unpolitisches“ aus der Gruftszene

»Die schwarze Szene definiert sich gerne als tolerant (…) Leider haben wir jedoch den Eindruck, daß Toleranz häufig mit Kritiklosigkeit und Beliebigkeit verwechselt wird.«1 Schon einige Male beschäftigten wir uns ausführlicher mit rechten Tendenzen innerhalb einiger Kreise der Gruftszene. Auslöser für den folgenden Artikel ist ein offener Brief zweier Berliner DJs, welcher, alle bekannten Fakten ignorierend, antifaschistische Bestrebungen innerhalb der schwarzen Szene in Frage stellt. »Zumal sich die Antifa ja das Wort (Links-)Radikalität auf die Fahnen geschrieben hat und somit wohl kaum sehr viel toleranter als die von ihr gehetzte Zielgruppe ist… Wird demnächst jeder vergast, der ein falsches Wort sagt, welches von jenen Antifa-Saubermannern als rechtsradikal ausgelegt wird?«2 Fast ist man ja geneigt zu sagen, daß es schön wäre, wenn die antifaschistische Arbeit innerhalb der Szene überflüssig sein würde. Ein Blick auf die vergangenen Monate zeigt aber, daß genügend Stoff vorhanden ist, um einigen Teilen innerhalb der schwarzen Szene ein sehr gutes Verhältnis zu rechtsradikalen Gruppen nachweisen zu können.

Eine ganzseitige Anzeige in der Zeitschrift Sigill kündigte im Oktober letzten Jahres ein Konzert der Band Death in June (DiJ)3 in Bucha bei Jena an. Angetreten, um ihre neue CD vorzustellen, war dieses Konzert Bestandteil einer ausgedehnten Europatour dieser rechten Kultband um den in Australien wohnenden Douglas Pearce (vgl. AIB Nr. 39). Bucha zeigte aufs Neue, wie fließend die Grenzen zwischen „unpolitischer“ Gruftszene und rechten Ideologen sind. Etwa 700 Begeisterte zog es am 28. November 1998 in den idyllischen Landgasthof »Zum Nußbaum«, um neben DIJ weiteren Bands des Neofolk zu lauschen. Darunter befanden sich u.a. die ebenfalls aus Australien kommenden Fire & Ice und Der Blutharsch aus Wien. Auffällig beim gesamten Konzert war das Outfit der Mehrheit der BesucherInnen. Ob im schwarzen Military-Look oder in tarnfarbenen Klamotten — insgesamt paßte sich das Publikum dem martialischen Stil der aufspielenden Musikgruppen an.

Die Pausen zwischen den einzelnen Bands überbrückte der amerikanische Sozialdarwinist Boyd Rice, indem er verschiedene Kurzfilme zeigte. Als sehr einfallsreich offenbarte sich der Film „The black sun“, der etwa zehn Minuten lang Hakenkreuze über die Leinwand flimmern ließ. Folgt man der Eintrittskarte, so hätten die Ordnungskräfte ihn vom Konzert entfernen müssen, denn das „Tragen verfassungsfeindlicher Symbole hat den Verweis vom Veranstaltungsort zur Folge“.

Der Blutharsch

Der Hang zum Symbolischen wurde an diesem Abend von der Band Der Blutharsch bis zur Ekstase getrieben. Eingehüllt in Nebel, mit rotem Licht beleuchtet, standen zwei Menschen mit gestreckten Arm und Fackeln in den Händen auf der Bühne. Sie bildeten den Kern einer Gruppe, deren Logo ihr Name in altdeutscher Schrift und eine Sig-Rune ziert. Das martialisch-militärische Auftreten stand im Einklang mit ihrer Musik, die häufiger mit Einspielungen aus der Zeit, als Radios noch „Volksempfänger“ genannt wurden, unterlegt war. Mastermind dieses Projektes ist Albin Julius, der innerhalb der Szene bereits mit seinem Projekt The Moon lay hidden beneath a cloud einen gewissen Bekanntheitsgrad erreichte. Er war später auch ein Teil des Line-up von DIJ. Douglas Pearce berichtete in der Sigill, daß er Julius in Australien traf und beide gemeinsam ein Tonstudio mieteten. „Es war phantastisch mit ihm zu arbeiten, da er fast augenblicklich die Arbeitsweise von Death in June verstanden hat und sich einfügen konnte.«4

Bei dem zweiten Sänger vom Blutharsch handelte es sich vermutlich um Klaus Hilger, der als Betreiber des Mannheimer Musiklabels Tesco einen Namen innerhalb der Apocalyptic-und Industrial-Szene hat.

Alles unpolitisch?

Nicht nur die Atmosphäre ließ Ver­gleiche zu einem Nazi-Konzert aufkom­men. Auch organisierte Neonazis wur­den von diesem Spektakel angezogen. Neben einen Infostand der faschistoiden Zeitschrift Sigill baute das Thule-Seminar aus Kassel seine Zelte aut. Der als „rechte Denkfabrik“ einzuschätzende Verein machte Werbung für die von ihm her­ausgegebene Zeitschrift Elemente und keinen Hehl aus seiner rassistischen Programmatik. „Das Thule-Seminar kämpft für ein heterogenes Europa homogener Völ­ker“ war auf einem vom Seminar verteil­ten Lesezeichen zu lesen.

Es war nicht zufällig, daß die »Den­ker« aus Kassel neben Publikationen ihres Vorsitzenden Pierre Krebs (als Red­ner in der Nazi-Szene unterwegs) eben­falls die Dresdner Zeitschrift Hagal in ihrem Angebot hatten. „Nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes treten völkische und antisemitische Elemente (beim Thule-Seminar -d.A.) stärker hervor.“5

Diese in­haltliche Einschät­zung bringt den gemein­samen Nen­ner von Thule-Semi­nar und Ha­gal treffend auf den Pun­kt, denn letz­tere ist eine heidnische Zeitschrift mit starken antisemiti­schen Untertönen.

Antifaschistische Gegenaktivitäten

Nicht überall konnten DIJ ihre Konzerte so ungestört wie in Bucha über die Bühne gehen lassen. Einen Tag nach dem Buchaer Konzert spielte der gesamte Troß in München. Dort sollte das Konzert ursprünglich im Club Feierwerk stattfinden, wogegen örtliche Antifas jedoch mobil machten. „Ergebnis der ganzen Aktion ist jetzt, daß das Muenchner Jugendamt Death in June als rechts (radikal) einstuft. Das Feierwerk hat sich dieser Meinung zwar nicht angeschlossen, das Konzert aber trotzdem abgesagt.“6 Letztendlich fanden die Organisatoren im „Ballroom“ in Esterhofen einen Ersatzveranstaltungsort.

In Lausanne verhinderte die Öffentlichkeitsarbeit einer Schweizer Antirassismus-Gruppe zumindest den Auftritt von DIJ. Die örtliche Polizei begründete ihr Verbot mit der Gefährdung der öffentlichen Ordnung. Boyd Rice ließ es sich nicht nehmen, das Auftrittsverbot in provokanter Art und Weise zu kritisieren. Im Zuge des Auftrittes setzte er sich die DIJ-typische Maske auf und trug ein Schild mit der Aufschrift »Im Dorf bin ich das größte Schwein, ich laß mich mit den Deutschen, den Kroaten und jetzt den Schweizern ein“.7

Noch mehr…

Bereits einige Wochen vor den DIJ-Konzerten besuchte eine andere rechts-extreme Band die BRD. Es handelte sich hierbei um Blood Axis mit ihrem Kopf Michael Moynihan. Die drei Konzerte dieser amerikanischen Gruppe in Laatzen (bei Hannover), Meißen (bei Dresden) und München wurden von Sigill und LAS e.V. organisiert. Auch hier gab es im Vorfeld einiges an antifaschistischen Gegenaktivitäten. So wundert es nicht, daß auf den Internetseiten des Vorortveranstalters in München, Pagan Muzak, nachfolgendes zu lesen war: „Wer Auftrittsverbote und andere Formen von erzreaktionarer Zensur im Namen von linken Idealen fordert, sollte sich über seinen eigenen Standpunkt Gedanken machen, bevor er anderen etwas vorschreiben will“. Es ist durchschaubar, daß sich die Organisatoren hinter dem political-correctness-Vorwurf, einem Totschlagargument, verstecken wollen. Einige Zeilen später fügten die Autoren hinzu, daß sie selbst „kein Interesse“ an „Faschos“ bzw. ,“Faschoorganisationen“ auf ihrem Konzert hätten.

Selbst wenn man diesen Vorsatz als ehrlich ansieht, so geht er doch komplett an jeglicher Realität vorbei, wie beispielsweise in Laatzen. Dort traten neben den Amerikanern die Wiener Gruppe Allerseelen und Combos mit so einfallsreichen Namen wie Ahnenkult oder Jägerblut auf.8 Das Konzert im Klub „Insomnia“ wurde maßgeblich von Oliver Lindner und Marcel Koch vorbereitet. Unter dem Publikum waren zahlreiche Nazi-Skinheads, die sich u.a. mit dem Tragen von T-Shirts offen zum Nazi-Skinhead-Netzwerk Blood & Honour bekannten. Auch die Clique um den Bielefelder Neonazi Bernd Stehmann gab sich ein Stelldichein. Der ehemalige Kader der GdNF ist inzwischen Herausgeber des Nazizines Unsere Welt und nutzte die Gelegenheit für ein Interview mit Michael Moynihan.

Das Europakreuz

Dafür, daß Koch und Lindner ein Nazi-Konzert maßgeblich vorbereitet hatten, bekamen sie bereits im Vorfeld die entsprechende Quittung. Autonome Antifas griffen ihre Autos an, denn beide sind keine Unbekannten innerhalb der rechtsgerichteten Kreise der Gruftszene. Über beide führt die Spur u.a. zum neofaschistischen Europakreuz (EK).9 Die seit einigen Jahren von Berlin aus vertriebene Zeitschrift begann als düstere Musikzeitung und versteht sich inzwischen als „eine Zeitschrift des europäischen Geistes“. Neben Interviews mit sogenannten Neofolk-Bands bekamen geschichtliche Abhandlungen über faschistische Bewegungen in Europa bzw. rechtsextreme Politik an sich immer mehr Platz. Der politische Kurs ist durch eine offensichtliche Nähe zur NPD gekennzeichnet, was nicht zuletzt durch die Mitarbeit des Vorsitzenden des NHB, Alexander von Webenau, unterstrichen wird. Somit kann das EK als Schnittstelle zwischen dem Neofolk-Bereich und rechtsextremen Gruppen/Organisation eingeschätzt werden.

Herausgeber des EK ist der Berliner Marco E. Thiel, der im Düsseldorfer Hochglanz-Nazizine Rocknord 1997 die Band Death In June vorstellte. Es war ein Novum innerhalb der rechtsextremen Skinheadszene, daß eine eher aus dem Neofolk-Bereich kommende Band in einer Skinheadzeitschrift Platz bekam. Nebenbei ist Thiel in der Band Egoaeoes aktiv.

Das Europakreuz unternimmt aktuell vermehrt Anstrengungen, seine Inhalte über eine mehrsprachige Internetseite zu verbreiten, deren Sprachauswahl für sich selbst spricht. Neben Deutsch sollen die Texte in Zukunft auch in russischer, spanischer, englischer, kroatischer und italienischer Sprache angeboten werden.

Die Wege kreuzen sich

Peter Hauptfleisch, Mitarbeiter für Kunst, Kultur und Geschichte beim Europakreuz, veröffentlichte seine Musikrezensionen auch in der Dresdner Zeitschrift Sigill. Ein Blick in das Impressum der aktuellen Ausgabe zeigt, daß er nicht der einzige rechtsextreme Mitarbeiter bei dem vierteljährlich erscheinenden Periodika ist. So findet sich beispielsweise Martin Schwarz, der parallel zu seiner Sigill-Autorenschaft in so einschlägig bekannten Nazi-Zeitschriften wie Deutsche Stimme (NPD) oder Nation & Europa (älteste rechtsextreme Zeitschrift der BRD) publizierte. Eher den heidnischen Wurzeln verpflichtet ist der Deutsch-Amerikaner Markus Wolff, der Mitglied der rassistischen Asatru-Alliance in den USA ist. Oder eben Oliver Lindner, der in der Vergangenheit auch schon mal als Mitarbeiter der Sigill geführt wurde.

Das ZILLO

Neben dieser Fankultur sollte man den rechten Rand der kommerziellen Independent-Zeitschrift ZILLO nicht vergessen. In ihr sind bis heute immer wieder Beiträge über einschlägige Bands des rechten Lagers zu finden. Dabei scheinen die Musikgruppen auch in der Zillo-Redaktion ihre Anhänger gefunden zu haben. Die Redaktion legt mit dem regelmäßigen Berichten über rechte Bands eine „bemerkenswerte Unbedarftheit“ an den Tag. Hervorzuheben sind dabei Rüdiger Freund und Dirk Hoffmann. Freund verfügt über beste Kontakte zu Personen des Neofolk-Bereiches. Auch der Autor der rechten Wochenzeitung Junge Freiheit, Peter Boßdorf, mischte bei Zillo mit.


Das Ende der „Toleranz der Intoleranz“ kann nur aus der Szene kommen

Abschließend ist festzustellen, daß es im rechtsorientierten Neofolk-Bereich ein kleines, aber festes Netzwerk von Zeitschriften, Musiklabels und Bands gibt. Durch ihre Arbeit schaffen sie Anknüpfüngspunkte zu rechtsextremen Gruppen, die ihrerseits eigene Inhalte in die schwarze Szene hineintragen (dürfen). Ursache und Wirkung sind nicht immer voneinander zu trennen, vielmehr besteht eine Wechselwirkung zwischen dem Stil weiter Teile der Neofolker und der Einflußnahme von außen.

Solange das „Unpolitische“ der Gruftszene eine Art Freibrief für rechtsextreme Kräfte darstellt, solange werden rechte/rechtsextreme Inhalte innerhalb der Szene beheimatet sein. Antifaschistische Interventionen von außen werden aber immer nur einen begrenzten Erfolg haben, da sie an der Eigendynamik der Szene, u.a. an dem „Wir-sind-eine-große-Familie“-Gefühl scheitern werden. Das Ende der »Toleranz der Intoleranz« kann nur aus der Szene kommen, nicht von außen.

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe Nr.47/1999 des Antifaschistischen Info-Blatts

Quelle: Turn it down

  1. Antwort auf den „Offenen Brief an alle Printmedien“, Gruftis gegen Rechts [zurück]
  2. „Offener Brief an alle Printmedien, Betreff: rechte Tendenzen in der Gothic-Szene und Hexenjagd auf WEISSGLUT UND ZILLO«, abgedruckt in »Das Maul“ Nr.9 [zurück]
  3. zu Death inJune siehe AIB Nr.35 [zurück]
  4. Douglas Pearce in Sigill Nr.17 (Herbst 1998) [zurück]
  5. Jens Mecklenburg (Hg.), Handbuch deutscher Rechtsextremismus, 1996, S.312 [zurück]
  6. Feierwerk-Pressemitteiluog aus dem Internet, Dezember 1998 [zurück]
  7. Während des Nationalsozialismus wurden vermeintliche „Rassenschänderinnen“ mit einem Schild »Im Dort bin ich das größte Schwein, ich laß mich mit den Juden ein» gedemütigt. [zurück]
  8. Anzeige in Sigill Nr.17 (Herbst 1998) [zurück]
  9. In den Impressa ist Lindner als Gastautor für Kultur und Kunst geführt. Seinem Kompagnon Koch, Kontaktadresse des Hannoveraner Kleinstlabels StateArt, wurde regelmäßig im EK gedankt. Nebenbei — zur Blood-Axis-Tour — veröffentlichte StateArt exklusiv eine limitierte Split-Single von Allerseelen und der „Blutachse“. [zurück]

Von Stahlgewittern und Gänseblümchen

Schwarze, wallende weite Kleidung, weiße Blusen und Hemden mit Rüschen und hochtoupierte Haare, so sieht er aus, der typische Vertreter der Wavebewegung. Die Mitte der 80er entstandene Subkultur, welche heute in der BRD ca. 150.000 Personen umfasst. Allerdings hat sie sich inzwischen feiner gegliedert hat, so z.B. in die Musikrichtungen Gothic u. Neo-Folk und längst nicht mehr alle SzenevertreterInnen laufen wie oben beschrieben herum. Ihren Ausgangspunkt hatte die Bewegung Mitte der achtziger Jahre. Eigentlich immer mehr der linken Subkultur zugetan, zeigen sich jetzt auch hier die Auswirkungen neurechter Aktivitäten.

Am 8.2. 96 veröffentliche die Junge Welt eine Artikel, in dem sie darauf aufmerksam machte, dass in der Feb. Ausgabe von Zillo, dem wohl bekanntesten, einflussreichsten und auflagenstärksten Blatt (70 000 Exemplaren pro Monat) der ’schwarzen‘ Szene, wie die Dark- Gothicszene auch genannt wird, eine Anzeige der rechtsextremen Jungen Freiheit sei. Des weiteren war aufgefallen, dass der Mitarbeiter der Jungen Freiheit Peter Boßdorf inzwischen Plattenkritiken für Zillo schreibt. Vorwürfe bezüglich dieser Zusammhänge wies der Zillo-Herausgeber Rainer Ettler jedoch in der März Ausgabe weit von sich und der Szene. ‚Zillo ist weder rechts- noch linksradikal!‘. Allerdings wolle man demnächst keine Anzeigen von politischen Zeitungen mehr annehmen. Ansonsten ‚will ich von diesem verdammten Thema kein Wort mehr hören‘, ließ er verlauten und hoffte vermutlich, damit das Thema vom Tisch zu wischen.
Was da bei Zillo zum Vorschein kam, war allerdings nur die Spitze des Eisbergs. Schon seit Jahren versuchen Rechte, einen Platz in der Gothic und Dark-Wave Szene zu finden. Und so ist Peter Boßdorf mit Sicherheit nicht ‚zufällig‘ sowohl für Zillo als auch für die Jungen Freiheit (JF) tätig, wie Ettle behauptet. Wir werden dies im Laufe des Artikels
aufzeigen.

Das Kind mit dem Bade ausschütten

Bevor wir uns allerdings weiter mit den rechten Einflüssen und ihren Ausprägungen in der Szene beschäftigen, soll noch erwähnt werden, dass es in diesem Artikel nicht darum geht, die Szene insgesamt in den Dreck zu ziehen oder in die rechte Ecke zu stellen, wie das im Moment das bayrische Fernsehen und Teile der Kirchen versuchen. Im übrigen verstehen sich Teile der Szene selbst eher links und haben auch gleich auf die Einflussnahme von rechts reagiert. So wehrte sich schon 1994 Gymnastic Records dagegen, dass der Nazivertrieb Werner Symanek, welcher schon 199? in seinem Versandkatalog die Sparte ‚Dark-Wave‘ einführte und Platten von Radio Werwolf, Death in June, Current 93 aber auch Deine Lakaien anbot, erfolgreich gegen den Vertrieb ihrer Platten durch den Nazi.
Auch nach der JF-Anzeige in Zillo organisierten einige Bands und Labels gleich eine Erklärung, in der sie eine eindeutige Distanzierung von der JF und rechtem Gedankengut fordern . Es soll im diesem Artikel darum gehen, die organisatorischen und inhaltlichen Verknüpfungen darzustellen und aufzuzeigen, wo Einfallstore für die Rechten in die Szene sind.

Die Dark-Wave- Independent- u. Gothicszene ist bunt und vielschichtig, noch sind die Einflüsse von Rechts nur in einem kleinen Randbereich zu erkennen, allerdings sind inzwischen Zeitungen, sog. Fanzines, als Sprachrohre dieses Teils der Szene entstanden. So stehen z.B. die Zeitungen Sigill, Codex, Aorta u. Europakreuz eindeutig rechts. An
ihnen lässt sich auch am deutlichsten erkennen, wo die Anknüpfungspunkte zu suchen sind. Von Seiten der Rechten wird die erkannte Verbindung inzwischen auch dargestellt und für Sympathie geworben, so widmete die burschenschaftlich orientierte Zeitung ‚Identität‘ schon 94 eine Ausgabe dem Thema ‚Radikale Ästhetik‘, welche
unter Überschriften wie ‚Stahlgewitter als Freizeitspass‘ oder ‚Schwarze Flaggen, stolze Herzen‘ den inhaltlichen Standpunkt der Musikszene, deren rechte politischen Vertreter (Blood Axis, Death in June) und deren historischen Vorbilder (den Futurismus, die Avantgarde und auch die Romantik) thematisiert. Auch die JF hat sich des Bereichs angenommen und veröffentlicht regelmäßig dazu u.a. Artikel über Forthcoming Fire, die Zillo Preisverleihung , Allerseelen oder ‚Jugendkultur im Blutfeuer – Neues aus der rechten Indepentent-Szene‘. Bisheriger Höhepunkt war mit
Sicherheit das Interview das JF-Chefideologen mit J.W. Klumb von Forthcoming Fire, welches unter der Überschrift ‚Die Lage darf sich nicht beruhigen‘ stand.

Worum geht es eigentlich?

Tod, Blut und Mystik standen schon immer auf dem Programm der Dark-Wave- und Gothicbands. An diesen Themen wird angeknüpft und sie werden mit rechten Inhalten aufgeladen. Es entsteht ein sonderbares Gemisch, in welchem Geschichtsrevisionismus, SS-Mystik, Sozialdarwinismus und Rassismus fröhliche Urstände feiern. Zentral scheint dabei die Angst vor der Mittelmäßigkeit, der Masse zu sein.

Jenseits von Mob und Vermassung

‚Essentiell ist einzig und allein das Ästhetische und Kulturelle, das Titanische und Heidnische, jenseits von Mob und Vermassung‘, so Stepfan Pockrandt im Vorwort des in Dresden erscheinenden Magazins Sigill. ‚Ich habe keine Achtung vor Religionen, welcher Art auch immer wenn sie zu einer Massenbewegung werden.‘ Ian Read, früher bei Current 93 (C 93), Death in June (DiJ) u. Sol Invictus (SI), ist heute zentrale Person von Fire & Ice. Ein anderer Musiker von Sol Invictus, Tony Wakeford, äußerte sich im Magazin ‚Scharlach‘ der ex-JF Redakteurin Gerlinde Gronow folgendermaßen: ‚Die Leute scheinen größtenteils wertlos zu sein‘.
‚Größtenteils versuchen die Leute nie, sich von der Masse abzuheben…‘. Fast erstaunt die Suche nach Stärke in der Masse, gewohnt vernimmt man Worte wie ‚Die größte Gefahr …ist, eine individuenlose Gesellschaft zu werden‘. Ließt man jedoch weiter wird schnell alles klar: ‚einer Massengesellschaft‘. Es geht hier nicht um das Individuum Mensch, mit seinen eigenen Bedürfnissen und Wünschen, sondern es geht darum, die Avantgarde eines Volkes zu sein. Ein Motiv, welches sich auch schon im Nationalsozialismus und im Faschismus fand.
Dieser Quellen ist man sich heute wohl bewusst: ‚Das 3. Reich ist ein Symbol für die Verschmelzung von der Technologie des 20. Jahrhunderts und einer archaischen Vorzeit, sowie ein totaler Dualismus zwischen Totalitarismus und dem Individuum.‘ So der Wiener Kadmon, Hrg. Des Magazins ‚Aorta‘ und Kopf der Gruppe ‚Allerseelen‘, in einem Interview nach einem Konzert in Dresden.

Ich liebe Stärke und Gewalt…

‚Wir alle sind Nachkommen von Kriegern. Und wenn wir unsere kämpferische Natur nicht wiedererlangen, werden wir als Volk verdammt sein…Ich liebe Stärke und Gewalt und hasse die Schwäche.‘ ‚Krieg ist etwas natürliches. Das Tierreich…entwickelte sich so.‘ oder auch:‘Scharlach: Das Gesetz des Starken scheint dich zu faszinieren? Sol Invictus: Ja es fasziniert mich…es ist die Erkenntniss, dass das Leben Kampf ist, dass die Natur den Starken, den Geschickten, den Raffinierten Leben zugesteht.‘…‘Ich glaube nicht an Gleichheit (equali)‘ Zitate wie diese finden sich laufend, es wird ein dem Tierreich entliehener Lebenskampf beschrieben, in dem nur der Stärkste ein Recht auf Leben und vor allem Führung hat. Vielleicht finden viele Gruppen das Motiv des Wolfes so reizvoll, weil er das klassische Beispiel für Leitwolf und Rudel, Lebenskampf und Gemeinschaft ist. So formuliert T. Wakeford auch in Sigill ‚Die Idee der Gemeinschaft ist gut…‘ Es geht um Ehre, Volk und Vaterland, denn auch wenn es um Patriotismus und Geschichtsrevisionismus geht, ist man in der Gothicszene nicht allein.

Schwarz – Weiß – Rot sind unsere Farben

‚Die Farben Schwarz, Weiß und Rot der Flagge … beeindruckten mich schon als Kind … Später kam ich zu dem Schluss, dass das Interesse angeboren war.‘ Boyd Rice von NON und SPELL redet hier von Deutschland und dem ‚Reich‘, von dem angeblich sein Name abgeleitet sei. Nicht ganz so abseitig klingt das Ganze im JF-Interview bei J.M. Klumb von Forthcoming Fire, dessen Vision ein Bewusstseinssturm in Deutschland ist, und welcher sich zur Romantik bekennt: ‚Man kann positiv zu Deutschland stehen und Hitler gerade deshalb nicht mögen. Meine Kritiker sollten sich vor Augen halten, dass für mich die Person Stauffenbergs Vorbildcharakter besitzt.‘ Sollte der gute Mann vielleicht ‚Hitlers rechte Gegner‘ aus dem von Sigill reichlich angepriesenen Arun Verlag gelesen haben? In einem Interview bezeichnete Klumb,
der ‚an die Reinheit und den Lichtgehalt dieser geschändeten Nation‘ Deutschland glaubt, den 8. Mai 1945 nicht nur als Tag der Befreiung, sondern auch als Tag der ‚Unterwerfung und eine Unterdrückung des Geistes‘ – oh du armes, unschuldiges Deutschland, welches nie einem anderen auch nur ein Haar krümmte. Ganz im Stil der normalen Neo-Nazipropagandisten wäscht Ian Read von Fire and Ice den Nationalsozialismus rein:
‚Keine Idee ist voellig wertlos, … alles ist Gleichgewicht. Die Deutschen haben einen riesigen Komplex, der ihnen ehrlich gesagt von einer Nachkriegsgehirnwäsche eingeimpft worden war.‘ ‚Ich biete dir folgenden Stoff zum Nachdenken an: Konzentrationslager sollen wohl KL abgekürzt werden, man führte jedoch KZ ein, weil das Z es viel schlimmer klingen ließ…‘
Ach ja, damals in Auschwitz im Ferienlager…

‚Blut und Ehre‘

So lautete der Wahlspruch der SS, jener Truppe, welche ihr brutales Handeln mit einer elitär, mystischen und biologistische Ideologie rechtfertigte. Blut und Ehre könnte auch das Motto mehrere Bands und Gruppen der Dark-Wave Szene sein. So trat z.B. Death in June, welche ihren Bandnamen vom Todesmonat des SA-Gründers Ernst Roehm ableitete, welcher im Juni 34 als Konkurrent im innerfaschistischen Machtkampf aus dem Wege geschafft wurde, in SS-Uniformen auf. Bandsymbol ist der SS-Totenkopf. Auf die Frage, ob er dieses richtig findet antwortete Douglas Pearce: ‚Death in June hat immer alles mit sündlosem, guten Geschmack getan, und mit dem passenden Verständnis zur Ästhetik und dem Symbolismus hinter solchen Dingen.‘ Aber DiJ sind nicht die Einzigen, die sich der SS bedienen, auch der ‚Neo-Folk Musiker‘ Eric Owens, welcher beste Beziehungen zur Skinbewegung hat und eigentlich aus
dem ‚Blut u. Ehre‘ Naziskin-Netzwerk kommt, verwendet den SS-Totenkopf als Symbol. In Dresden wurde ein Konzert mit Allerseelen von einem ‚Ahnenerbe Kulturzirkel‘ veranstaltet und mit einem Bild der Wewelsburg beworben. Das ‚Ahnenerbe‘ war die zentrale Forschungsstelle der SS unter Heinrich Himmler, die Wewelsburg sollte später der Sitz des SS-Ordens sein. Dass die organisierenden Personen dies nicht wussten erscheint fast unmöglich. Besteht doch immerhin eine enge Verbindung zur ebenfalls in Dresden herausgegebenen Zeitung ‚Zeitenwende‘, welche enge Kontakte zum Collegium Humanum des Oeko- u. Altfaschisten W.G. Haverbeck pflegt. Von diesem, welcher selbst noch Schüler bei Wirth war, wird die AutorInnenschaft der ‚Zeitenwende‘ auch ihre Vorliebe für Herman Wirth, den Gründer des ‚Ahnenerbe‘, haben.
Veranstaltet dieser Kreis doch inzwischen zusammen mit der rechtsextremen ‚Gesellschaft für Europäische Ur- und Frühgeschichte‘ Schulungsseminare zu H. Wirth in Dresden.
Auch die Musikszene hat es ihnen angetan, so wird der Zeitenwenderedakteur Sven Henkler in ‚Codex – Musik und Kult(ur)-Magazin‘ als Mitarbeiter geführt, hinter Peggy K. in Sigill wird die Zeitenwende-Redakteurin Peggy Kun vermutet. Diese könnte auch das Interview mit Kadmon von Allerseelen geführt haben, welcher ebenfalls dem SS-Kult anhängt. So zeigt das Cover seiner CD ‚Gothos = Kalanda‘ das zwölfarmige Sonnenrad aus dem Bodenmosaik der Wewelsburg. In seiner Heftreihe ‚Aorta‘ huldigt er dem SS-Mann und Himmlerberater Karl Maria Wiligut.
Angeblich wurde der Schöpfer des SS-Totenkopfringes nur ausgenutzt, weshalb er keine Probleme hat, sich auf ihn
zu beziehen. Das Heft Nr. 7 der Schriftenreihe beschäftigte sich mit dem SS-Gralssucher Otto Rahn, welcher im Auftrag der Himmlers durch die Welt zog.

‚Politik ist eine Niederung‘

Dieser Ausspruch Kadmons könnte auch ein Zitat von Ernst Jünger sein, welcher mit seinen Schriften den Krieg und die Gewalt pries und ideologisch den Faschismus vorbereitete. Mit den grausamen und schmutzigen Konsequenz ihrer Ideologie wollten die Vordenker der Vernichtung allerdings nichts zu tun haben, schon die NSDAP war Jünger zu bürgerlich. Kein Wunder also, dass sich die rechte Wave- und Independentszene auf Personen wie ihn bezieht. So z.B. Sigill, oder Michael Moyniham von Blood Axis, welcher Zitate von Jünger in seinen Texten verwendet und Juengers ‚In Stahlgewittern‘ im Techno-sound veröffentlichte. Aber auch andere Ideologen des Faschismus oder Praefaschismus stehen hoch im Kurs, so z.B. der germanentümelnde Antisemit Lanz von Liebenfels, der 1946 als Kriegsverbrecher hingerichtete ‚Beauftragte des Führers…für die weltanschauliche Erziehung der NSDAP‘ Alfred Rosenberg, Leni Riefenstahl der Kadmon eines seiner Aorta-Hefte widmete und deren Film ‚Das blaue Licht‘ er neu vertonen will. Riefenstahl wurde von Codex hofiert und die Gruppe ‚Wolfsheim‘ wollte das Video zu ihrem Lied ‚Its not too late‘ von ihr drehen lassen. Gern gesehen ist auch der Mussolini Berater Julius Evola, dessen Hauptwerk ‚Revolte gegen die moderne Welt‘ im Arunverlag erschien und in Sigill positiv besprochen wurde.

Revolte gegen die moderne Welt

Julius Evola, bzw. seine Ideologie scheinen ein weiterer wichtiger Bezugspunkt zu sein. Nicht nur weil seine Bücher positiv besprochen wurden, und angeblich die Platte ‚In The Shadow Of The Sword‘ von NON ‚Im Geiste Evolas veröffentlicht‘wurde, sein Buchtitel ‚Revolte gegen die moderne Welt‘ bildet
vielmehr die ideologische Klammer, mit welcher sowohl die Dark Wave-, die Gothicszene, als auch die Nazikreise angesprochen werden. Seine Zivilisationskritik und seine Verbindung von Bewegung, Aufbruch und Romantik ermöglichen auch den Übergang in breitere Kreise wie Zillo. ‚Romantik, Seelentiefe, Zauber, Begehren, Sehnsucht und immer wieder Sturm und Feuer‘ nennt J.M. Klumb von Forthcoming Fire im Jungen Freiheit-Interview als Kernelemente
des Dark-Wave. Daraus soll dann der angebliche Aufstand gegen das ‚Establishment‘ entsteht, allerdings ohne an den existierenden Machtverhältnissen etwas zu ändern. ‚Konservative Avantgarde‘ wollen sie sein, rückwärtsgewandte Nachahmer in den Faschismus führender Ideologen sind sie. Allerdings haben sie, wie gesagt gerade mit dem Konzept von Antimoderne den Hebel gefunden, über den Nazis mit ihren Inhalten über die rechte Musikszene
in breitere Kreise vorstoßen.

‚Ideen reichen weiter als Kanonen‘

Damit jetzt aber niemand auf die Idee kommt, dass wir es hier mit harmlosen Denkern zu tun haben, gleich weiter:‘früher oder später (tritt) der Zeitpunkt ein, wo man die Feder gegen das Gewehr tauschen muss, um sich nicht selbst zu belügen.‘ So das ‚neurechte‘ Thule Seminar, welche es als erste Stufe des Kampfes ansieht, nicht Wahlen zu gewinnen, sondern rechtes Gedankengut in die Koepfe der Menschen bringen. Dabei griffen sie zurück auf eine Strategie. welche von dem Kommunisten Antonio Gramsci in den 30er Jahren entwickelt wurde. Diese
Strategie der ‚Metapolitik‘ und der ‚kulturellen Hegemonie‘ besagt, dass sich die Macht in einem Staat nicht allein in der Regierung und der militärischen Macht ausdrückt, sondern dass sie in den Köpfen und den Gedanken der Menschen anfängt. Und dass dieses Denken nicht nur durch Wahlkämpfe und politische Reden,
sondern vielmehr auch durch den kulturellen Bereich und die allgemeinen Erfahrungen auf der Strasse gebildet wird. Diese Strategie, also die Agitation im sog. ‚vorpolitischen‘ Bereich griff die ‚Neue Rechte‘, eine Strömung der Rechten, welche Ausdruck, Formen und Themengebiete der Alt- und Parteinazis
modernisieren und so besser an Mann und Frau bringen wollte, auf und propagierte diese. Wohl aktivste Organisation bei dieser Erneuerung der Rechten war das Thuleseminar aus Kassel, in dessen erlesenen Kreisen Peter Boßdorf Mitglied war. Wer soll den da noch seinen Beteuerungen, dass sein Wirken im Musikbereich
‚nicht politischer Art‘ sei und es ‚ein Zeichen totalitären Denkens (sei), wenn man die Gesellschaft und so auch die Musikszene durchgängig politisieren will‘ glauben? Auch das Peter Boßdorf ein Konservativer ist, der halt nur Adenauer statt Marx als Vorbild hat, ist gelogen. Dass er ‚einen echten Nazi als Schreiber…in keinem Fall akzeptieren‘ würde, scheint mit dem Verbleib Boßdorfs auch gelogen. Dass dieser ein gut geschulter Hardcorenazi ist, welcher nur keine Baseballkeule schwingt, zeigt ein kurzer Blick auf seinen Lebenslauf. Peter Boßdorf, Jahrgang 62, engagierte sich als Jugendlicher in der Schüler- und Studentenunion Ostpreussen, übernahm später Funktionen im Ostpolitischen
Deutschen Studentenverband (ODS) oder offiziellen Studentenvertretung der Vertriebenen, dort wurde er 1981 stellvertretender Vorsitzender, was er auch über dessen Umbenennung in Gesamtdeutscher Studentenverband (GDS) bis 1989 blieb. Erste journalistische Erfahrung sammelte er als verantwortlicher der Jugendzeitung des ODS ‚Aktion‘. Seit 1980 ist er Autor der ‚Mitteilungen – VDA,
Gesellschaft für deutsche Kulturbeziehungen in Ausland e.V.‘ des VDA- NRW. Noch 1992 war er hier taetig. 1985 wurde er Mitglied im Witikobund, einem elitären Hardliner Braintrust der Sudeten- deutschen, 1992 war er Mitglied im Thule Seminar, parteipolitisch engagiert er sich für die REPs. 1991 wurde er Wirtschaftredakteur der Jungen Freiheit, seit 1993 schreibt er in der Jungen Freiheit die Kolumne ‚Neue Geräusche des Jahres‘. Er ist allerdings nicht der einzige, der in der Jungen Freiheit die Durchführung der Strategie der ‚kulturellen Hegemonie‘ über die Musik vertritt. Ebenfalls in diesem Bericht agierte die inzwischen scheinbar ausgeschiedene Gerlinde Gronow. Sie, Jahrgang 1974, gewann 1993 den Jungen Freiheit-Nachwuchswettbewerb für die ‚Zeitgeist und Medien‘ Redaktion. Die geb. Kielerin, Studienfach Japanologie schrieb zumindest von Ende 1993- März 1995 für die JF. Vor allem in dem Bereich ‚Zeitgeist und Lebensart‘. Dabei befasste sie sich mehrfach mit Musikgruppen, welche rechte Tendenzen aufweisen, wie z.B. Type O Negative oder Radio Werewolf. Ansonsten
beschäftigte sie sich auch mit dem italienischen Futurismus, schreibt gegen die Frauenbewegung und für ein biologistischen Weltbild. Sie war Herausgeberin der Avantgardezeitung ‚Scharlach‘, in welcher fast alle gängigen Bands der rechten Gothicszene beleuchtet wurden. Ihre Tätigkeit zeichnet sich durch eine gewisse Doppelstrategie oder Züngigkeit aus, verreißt sie eine Band noch in der Jungen Freiheit, so kann sie dieselbe in Scharlach schon wieder präsentieren. Auch schrieb sie den schon erwähnten ‚Schwarze Flaggen, stolze Herzen‘ Artikel in der Identität 2/96. Inzwischen hat sie sich angeblich von der Politik verabschiedet, allerdings wurde ihr Magazin Scharlach in der Auseinandersetzung um die ’schwarze Avantgarde‘ noch im März 96 lobend hervorgehoben. Neben diesen beiden betätigen sich auch Jürgen Hatzenbichler, Werner Bräuniger, Claus M. Wolfschlag, das vermutliche Pseudonym Gerhard Prinz und der Chefideologe der Jungen Freiheit Roland Bubik mit dem Thema.

In die Mitte der Gesellschaft

Dorthin zielt die Agitation der Rechte. Ganz soweit sind sie via Dark-Gothicmusik zum Glück noch nicht gekommen, allerdings reicht es ja auch zunächst, ein kleines Segment der Gesellschaft zu überzeugen. Und der Jugend kommt dabei ein besonderer Stellenwert zu. Hatte die Rechte es lange nicht
geschafft, hier außer in der Skinheadbewegung einen festen Fuß in die Tür zu bekommen, könnte dies jetzt gelingen. ‚Easy – Ettle‘ Herausgeber von Zillo jedenfalls scheint dieser Entwicklung keinen Riegel vorschieben zu wollen.
Bezeichnete er Peter Boßdorf doch als einen ‘ Konservativen‘, ‚Einen echten Nazi oder Neonazi als Schreiber würde ich allerdings auf keinen Fall akzeptieren‘ schiebt er noch zur Beruhigung der LeserInnen nach. Danach noch etwas Geseusel,
was er doch für ein toller linker sei und wie er immer die Punks vor den Bullen beschützt habe. Währenddessen vergleichen seine Zillo Leser die kritisierenden AntifaschistInnen mit ‚Intoleranten Typen in der Tradition von SA-Schlägern‘. In
der gleichen Ausgabe bietet Ettler Patrick O‘Kill ex DiJ und Sixth Comm fast unhinterfragt eine Aussteigerstory, da dieser sich nun angeblich vom Faschismus ab und der ‚nordischen Mythologie‘ zugewandt habe. Nordische Mythologie? Droht uns da demnächst schon wieder ein blonder, blauäugiger Arier? Bei einem solch unhinterfragten Umgehen ist also aus Richtung Zillo nur mit (finanziellem) Druck von außen etwas zu erreichen. Und diesen versuchen auch Labels, Bands und Kunden aufzubauen. Ein weiteres Indiz lässt im Übrigen das Vordringen der rechten Teile schließen. Seit Anfang des Jahres ist am Kiosk ein neues Gothic Magazin namens ‚Grimoire‘ zu bekommen, in dessen 1. Ausgabe sich Jan Kay alias J. M. Klumb mal unzensiert äußern durfte, dem ‚Gothic magazin for Underground‘ war die 1. Version des Interview dann doch wohl zu hart. Zu sagen hat er allerdings nicht besonderes, seine Feinde als ‚Kulturfaschisten‘ bezeichnend stellt er sich selbst in eine Reihe mit Kadmon und Jan Van Helsing, welcher in seinen Büchern über Geheimgesellschaften die antisemitischen Protokolle der Weisen von Zion‘ wiederauferstehen lässt. In der Schweiz ist dieses Buch im übrigen inzwischen wegen Rassismus beschlagnahmt worden.

Die Diskussion und die Auseinandersetzung, um den Einfluss und um das Thema sind noch sehr neu, auch der Artikel ist erst ein Anfang, wichtige ideologische Bereiche wie die Art des Bezuges auf das Heidentum und den Satanismus fehlen. Genauso Informationen über die Labels und die Bands. Allerdings sind wir der Meinung, dass sich dabei ganz behutsam vorgetastet werden muss. Runen werden z.B. in der Szene viel und häufig ohne großen Hintergrund verwendet. Es geht nicht darum Leute in die rechte Ecke zu schieben, sondern darum eine Auseinandersetzung über die Inhalte zu führen. Dass dies nicht heißt, dass ein Autor wie Peter Boßdorf geduldet werden darf ist für uns klar, es geht uns darum, diejenigen, welche nur unreflektiert mit verschiedenen Namen und Symbolen umgehen, von den ‚Überzeugungstätern‘ zu trennen. Wenn wir es schaffen, werden wir in nächster Zeit noch was zu verschiedenen Bands veröffentlichen.

Ansonsten schönen Dank fürs Interesse und den langen Atem

einige AntifaschistInnen

p.s. leider sind uns beim konvertieren die Fußnoten abhanden gekommen. Wir haben einfach die Quellenangaben druntergelassen, wenn ihr konkrete Fragen habt meldet euch einfach.

Ansonsten möchten wir uns noch bei den Leuten vom ID-SH für ihre Serviceleistung, die Veröffentlichung bedanken.

Quelle: Informationsdienst Schleswig-Holstein