Archiv der Kategorie 'Der Blutharsch'

Kritik ja, Schmähung nein

Die österreichische Band »Der Blutharsch« wollte nicht als »Neonazi-Band« bezeichnet werden und strengte deshalb ein Verfahren gegen die Jungle World an. Das Landgericht gab jedoch der Zeitung Recht.

Verlagsmitteilung

Das Landgericht Frankenthal hat geurteilt, dass die Wochenzeitung Jungle World die Musikgruppe »Der Blutharsch« in einem Artikel als »Neonazi-Band« bezeichnen durfte. Es handle sich bei dieser Äußerung um ein von der Meinungsfreiheit der Presse geschütztes Werturteil und keine Schmähkritik. Das Urteil ist jetzt rechtskräftig geworden.

Mit dem Urteil hat das Gericht einen Antrag von Albin Julius Martinek, dem Sänger der österreichischen Band »Der Blutharsch«, auf Erlass einer einstweiligen Verfügung gegen die Wochenzeitung Jungle World und deren Redakteur Ivo Bozic zurückgewiesen.

Das Gericht führt zur Begründung aus, dass sich die Zeitung in dem beanstandeten Artikel in sachlicher Weise mit der Band »Der Blutharsch« und deren Aufreten in der Öffentlichkeit auseinandergesetzt habe.

Zudem dränge sich aufgrund des gesamten Auftretens und Verhaltens der Band »Der Blutharsch« die Bewertung auf, dass es sich um eine Band aus dem Neonazi-Milieu handle. Dies ergebe sich aus den Live-Auftritten der Band in »durchgängig faschistisch und nationalsozialistisch kodierten Uniformen« und der Verwendung von Zeichen aus der NS-Zeit auf der Homepage, Merchandising-Artikeln und Plattencovern. Wer sich so präsentiere, müsse sich eine kritische Würdigung seines öffentlichen Wirkens gefallen lassen. Die Wochenzeitung Jungle World habe sich daher keine presserechtlichen Verfehlungen zuschulden kommen lassen.

Thomas Moritz, der Rechtsanwalt der in Berlin erscheinenden Wochenzeitung, kommentierte das Urteil mit den Worten: »Das Gericht hat sich eingehend mit der Band »Der Blutharsch« beschäftigt und ist zu denselben Erkenntnissen gelangt wie meine Mandanten.«

Quelle: Jungle World

Informationen zu „Dernière Volonté“ und „HAURUCK!“

„Dernière Volonté“ („Der letzte Wille“) ist die Military-Pop-Band des französischen Musikers Geoffroy D. (bei Live-Auftritten in der Regel mit Trommler-Unterstützung). Als Band-Logo diente lange Zeit das Zeichen der in Frankreich stationierten SS-Division „Götz von Berlichingen“. Thematisch beschäftigt sich Geoffroy D. insbesondere mit Vichy-Frankreich, Kameradschaftlichkeit und der Gedankenwelt faschistischer und reaktionärer „Vordenker“.

So beteiligte sich Dernière Volonté 2001 mit dem Lied „Ma Foi Est Mon Combat“ („Mein Glaube ist mein Kampf“) an einem CD-Sampler zu Ehren des rumänischen Reaktionärs Corneliu Codreanu, Anführer des antisemitisch-nationalistischen Kampfbundes „Legion Erzengel Michael“.

Schnell jedoch wurde das alte Logo durch ein selbstentworfenes, unbedenkliches Symbol ausgetauscht. Die Nutzung von SS-Symbolik „bedauert“ Geoffroy D. nun öffentlich und beteuert zu der Teilnahme an dem Codreanu-Sampler förmlich genötigt worden zu sein. Interesse habe nur an dessen „gnostischer und föderaler Seite“ bestanden. Nach dieser Distanzierung, die über das rechte Internetportal „Neo-Form.de“ erfolgt ist, fährt er jedoch fort die „Intelligenz […] und [das] maßloses Werk“ Albert Speers, dem er mit „A.Speer“ ein Lied gewidmet hat, zu loben und bezeichnet es als ein „schreckliches Ende [..], dass A. Speer zu all diesen „verfemten“ Künstlern“ gehöre.

Trotz einiger ästhetischer „Entschärfungen“ – die Musik von Geoffroy D. wird zunehmend poppiger – bewegt Dernière Volonté sich inhaltlich weiterhin auf bekannten Pfaden. So auch auf ihrer neusten Veröffentlichung mit dem Titel „Devant Le Miroir“ („Vor dem Spiegel“).
Die CD setze sich hauptsächlich mit dem Buch „Le Feu Follet“ („Das Irrlicht“) des Faschisten Pierre Drieu la Rochelle auseinander. (Ein Zitat von la Rochelle: „Wir europäischen Faschisten […]. Wir können beruhigt sterben. Wir haben eine Aufgabe vollbracht, die andere als wir in Europa nicht vollbringen konnten.“)

Die CD kommt in rechten Szene-Kreisen gut an. So erhält sie auch in der Zeitschrift „zwielicht“ (verlinkt auf der [krankpop]-Homepage) des rechten CD-Labels Eis&Licht (ebenfalls verlinkt bei [krankpop]) von Stephan Pockrandt eine – sehr aufschlussreiche – positive Kritik:


[…] ihre Musik wurde poppiger […]. Ein streng militärisches Flair bleibt jedoch durch die militärischen Trommeln, das Bühnenoutfit und die virilen Texte, die den Wert der „Kameradschaft“ preisen, erhalten. […] Auf „Devant Le Miroir“ sind die Pop-Elemente noch erheblich ausgebaut worden, atmosphärisch und konzeptionell bleibt jedoch alles beim Alten, und das ist auch gut so, denn ihr Stil ist einfach stimmig […] Textlich wird auf die großen Europäer Pierre Drieu La Rochelle und Guillaume Apollianaire zurückgegriffen

Rochelle, seit 1934 Parteigänger des französischen Faschismus, leitete von 1940 bis ’43 die avantgardistische Literaturzeitschrift NRF und veröffentlichte drei Bücher. Nach dem Sieg der Alliierten beging er Selbstmord. Sein Grab ziert die letzte Seite des Booklets der CD „Devant Le Miroir“. Darüber steht der Text des Liedes „Die Freude Vor Dem Tod“ („La Joie Devant La Mort“).

Eine gewisse „Grauzone“, in der sich viele Bands dieser Musiksparte bewegen, hat Dernière Volonté auch durch die enge Zusammenarbeit mit der rechten Military-Pop Band „Der Blutharsch“ und dessen Label „HAURUCK!“ verlassen.

„Der Blutharsch“ ist ein Musikprojekt des Österreichers Albin Julius. Gegründet 1997, fiel „Der Blutharsch“ schnell durch exzessive Verwendung nationalsozialistischer Symbolik (u.a.. handelt es sich bei dem Bandlogo um ein Eisernes Kreuz mit Lorbeerkranz) und Tonausschnitten aus der NS-Zeit auf. Julius, der in Interviews ein totalen Migrationsstopp fordert und von einer Rückkehr zu einem Europa der Nationalstaaten phantasiert, arbeitet dabei sehr eng mit bekennenden Sozialdarwinisten, wie z.B. dem US-Noise-Künster Boyd Rice, zusammen (Zitat: „Wenn ich irgendwelche Probleme diesbezüglich hätte, würde ich wohl nicht mit ihm auf Tour gehen.”).

Neben Mitgliedern der Band „Genocide Organ“ („Sprachrohr des Völkermords“), die bei Live-Auftritten auch schon mal lautstark „Freiheit für Pinochet!“ fordern (und auch bei [krankpop] in der Playlist auftauchen), war Geoffroy P. von Dernière Volonté dabei mehrmals mit von der Partie. Neben diversen Split-LPs von Dernière Volonté und Der Blutharsch wirkte dieser auch auf der Blutharsch-Veröffentlichung „Time is thee enemy!“ mit – ebenso wie der Kopf von Genocide Organ.

Dies ist kaum verwunderlich, handelt es sich bei Dernière Volonté doch um eines der Vorzeige-Projekte des rechten Labels „HAURUCK!“, das Albin Julius von Der Blutharsch betreibt.

Dernière Volonté reiht sich dabei ein in Veröffentlichungen von rechten Bands wie „Spiritual Front“, “Zetazeroalfa”, „SPQR” etc. und rechten Musikprojekten wie die “Adresso viene il bello”, die Vertonung italienischer Märsche, größtenteils aus der Zeit des Mussolini-Faschismus. Eine Gesellschaft in der man sich allem Anschein nach sehr wohl fühlt – auch die nächste CD wird wohl auf „HAURUCK!“ erscheinen.

Quelle: Polit-Cafe Azzoncao

In rosa Watte

Wird ihr die Verharmlosung des Judenmords vorgeworfen, meint der Holocaust für die Dark-Wave-Band »Death In June« im Zweifelsfall eine »vulkanische Landschaft«.
von christian dornbusch und andreas speit

Die Eingabefrist für den »Death in June Art Contest« ist abgelaufen. Bis zum 1. Mai dieses Jahres konnten die Fans zum Thema »Visualize DIJ« ihre Beiträge für den Wettbewerb einreichen, der von Neo-Form, dem Online-Magazin »für Neofolk, Industrial, Avantgarde und Kultur« veranstaltet wird. Die Teilnahme sei einfach: »Visualisiert einen Song von Death in June! Fotos, Fotomanipulation, Malerei (…) jede Art der visuellen Kunst ist zur Teilnahme berechtigt.« Der Gründer der Band »Death in June«, Doug­las Pearce, werde über »jedes neue Kunstwerk« informiert, und der Gewinner soll von ihm persönlich geehrt werden.

Der subkulturelle Gestus der Dark-Wave-Szene, zu dem eine gewisse Introvertiertheit und Intellektualität gehören, dürfte sich ästhetisch und konzeptionell in den eingereichten Beiträgen widerspiegeln. Dies könnte auch die Ähnlichkeit zu Wettbewerben übertünchen, die etwa Bravo gerne veranstaltet: »Mal ein Bild von deinem Superstar, bau eine Collage!« Hauptgewinn: Besuch beim Star!

»Irgendwie scheinen dem Kunstwerk auch Grenzen gesetzt zu sein, wenn man es per Mail schicken soll«, kommentiert jedoch ein Interessierter im Forum. Ein anderer Fan von »Death in June« hingegen könnte es sich vorstellen, gleich eine CD seiner Lieblinge zu visualisieren: »Also ›Rose clouds of Holocaust‹ wäre bei mir eine Art Modelleisenbahn mit entsprechendem Lager, und aus dem Schornstein kämen rosa Wattebällchen. Huuuaaar makaber!«

Provokanter Scherz oder politischer Ernst? Seit Jahren lieben Protagonisten aus der Dark-Wave-Szene das Spiel mit vermeintlichen Tabus. Ein Bestandteil dieses Spiels sind die erwartbaren Reaktionen von Kritikern. Echauffieren sollen sie sich. Die Spielregeln sind bekannt: Nach einer Aussage, etwa einer Idealisierung oder Relativierung des Holocaust, erfolgt die Erwiderung: Derlei sei keineswegs beabsichtigt, die Fans würden das provokante Konzept erkennen, und nur die Kritiker könnten nicht zwischen ästhetischen Motiven und politischen Aussagen unterscheiden.

Die Independent-Szene versteht sich selbst, wie vermutlich alle Popszenen, größtenteils als »unpolitisch«. Die Fans mögen die Musik der frühen Szenestars »Joy Division« oder die Lieder von »Goethes Erben«. Mit den melancho­lisch-romantischen Klängen oder harten Rhyth­men verbinden sie weder politische Aussagen noch politische Motive. Die rechten kulturkritischen Töne überhören so einige Fans immer noch gern, etwa wenn Pearce den Band-Klassiker »Death of the West« singt: »They’re making the last film / They say it’s the best / And we all helped make it / It’s called the death of the West / The kids from fame / Will all be there / Free Coca-Cola for you!«

Die Daily Soap und die Getränkemarke stehen im Song als Synonym einer »Unkultur« des amerikanischen Westens, die sich in aller Welt ausbreite. Die Rettung scheint Pearce im Wiedererwachen einer heidnischen Tradition in Europa zu sehen, wenn er intoniert: »A star is rising in our northern sky / And on it we’re crucified.«

Seit Anfang der neunziger Jahre sind rechtsextreme Tendenzen in der »Schwarzen Szene« evident. Einer der Trendsetter ist bis heute die Band »Death in June«, die im Jahr 1981 von Douglas Pearce und Tony Wakeford gegründet wurde. Bereits der Name »Tod im Juni« ist eine Aussage, nämlich eine Reverenz an den SA-Führer Ernst Röhm. Im Interview mit dem Magazin Zillo erzählte Pearce einmal: »Auf der Suche nach einer zukünftigen politischen Perspektive stolperten wir über den Nationalbolschewismus, der sich wie ein Leitfaden durch die Hierarchie der SA zog.«

Die Band war nicht die einzige, die auf der Suche nach neuen ästhetischen Inspira­tionen auf alte politische Ideen stieß. »Allerseelen«, »Blood Axis«, »Von Thronstal«, »Der Blutharsch« oder »Waldteufel«, all diese Bands ließen sich in ihrer Beschäftigung mit den Themen der Szene – nämlich Tod, Zerfall, Treue, Liebe, Reinheit, Einfachheit und Natürlichkeit – von rechtsextremen Ideologemen, Symbolen und Metaphern anregen.

Sie bedienen sich bei völkischen Künstlern, konservativ-revolutionären Literaten, faschistischen Theoretikern und manchmal eben auch bei nationalsozialistischen Funktionären. In ihren ästhetischen Projekten komprimieren sie die antimodernen Mo­tive der extremen Rechten zu einer politischen Synthese, durch die der individuelle Pessimismus und die kollektive Melancholie der »Schwarzen Szene« zum heroischen Realismus und totalen Antimodernismus der braunen Szene wird.

Dabei ist weniger das einzelne vermeintlich »Tabuisierte« oder »Häre­tische« problematisch, sondern die Kombination und der Kontext der rekurrierten Metaphern und Mythen. Mögen die rechtsextremen Dark Waver sich damit verteidigen, die Synthese von faschistischen Ideologiefragmenten sei »reine Kunst« und die faschis­tische Ästhetik »reiner Fetisch«, sind sie es selbst, die mit diesen Operationen ihre Ästhetik politisieren, und nicht erst die Kritiker, die darauf aufmerksam machen.

Die Anleihen bei den Nazis bewogen das frühere Bandmitglied Patrick Leagas zum Ausstieg. »Wir hatten gerade ein Konzert in Bologna absolviert«, erzählte er rückblickend, »als sich eine junge Frau näherte und schrie: ›Ich hoffe, deine Mutter hasst dich!‹ (…) Wir trugen SS-Uniformen in einer Stadt, in der rechtsradikale Terroristen gerade viele Menschen umgebracht hatten. Ich schämte mich.«

In der Lyrik, dem Artwork des Booklets oder bei den Live-Auftritten wartet man vergeblich auf eine Dekonstruktion der nationalsozialistischen Motive. Vielmehr verdichten die rechtsextremen Dark Waver die harmonische Inszenierung zu einem »faschistischen Stil«, den auch der neurechte Theoretiker Armin Mohler schätzte.

In diesem Stil, meinte Mohler, drücke sich die Sehnsucht nach einer »un­bedingteren Lebensform« aus, die nur in Grenzerfahrungen des antibürgerlichen Lebens erlebt werden könnten, vom Drogengenuss bis zum Sturmangriff.

So inszeniert »Blutharsch« permanent Kampf und Tod als nihilistischen Akt. Vielleicht denkt die Band dabei an Gottfried Benns Einlassungen über die »Liebe zur Gefahr« oder »die schönen Ideen, für die man stirbt«. Die Glorifizierung des Kriegs geht, bemerkte Walter Benjamin, mit der Idea­lisierung von Brutalität und Barbarei einher.

Wie bewusst Pearce Stile, Symbole und Metaphern verwendet, erläuterte er selbst: »Death in June hat immer alles mit sündlos gutem Geschmack getan und mit dem passenden Verständnis für die Ästhetik und den Symbolismus hinter solchen Dingen.« Das Bandlogo, der SS-Totenkopf, sym­bolisiere denn auch »den totalen Ein­satz« und zeige den Feinden, »dass sie nicht toleriert werden«.

Angesichts dessen dürfte die Idee des Fans, der mit »verspielten Bildern« eines Vernichtungslagers das Cover von »Rose clouds of Holocaust« gestalten möchte, nicht überraschen. Solche Assoziationen dürfte Pearce jedoch unterbinden wollen. Insbesondere, seit ein Rechtsstreit wegen der CD anhängig ist. Im vergangenen Jahr wurde nämlich das Album »Rose clouds of Holocaust«, das bereits im Jahr 1995 erschienen ist, auf Empfehlung des Brandenburger Landeskrimi­nalamts von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien indiziert.

Im Titelsong singt Pearce: »Rose clouds of Holocaust / Rose clouds of flies / Rose clouds of bitter / Bitter, bitter lies / And when the angels of ignorance / Fall down from your eyes / Rose clouds of Holocaust / Rose clouds of lies.« Die anfänglich klare Aussage wird im folgenden kryptischer: »Rose clouds of twilight truth / Rose clouds of night / Rose clouds of harvested / Love, all alight / And when the ashes of life / Fall down from the skies / Rose clouds of Holocaust / Rose clouds of lies.«

Die Irritation, die der Text auslöste, wurde von der Single-Auskopplung »Sun Dogs« verstärkt. Deren Cover zeigt ein linksdrehendes, aus Hundeköpfen gebildetes Haken­kreuz mit einer blühenden roten Rose in der Mitte. Doch natürlich war alles nicht so gemeint, wie man als unbedarfter Beobachter hätte annehmen können. Vor beinahe zehn Jahren, als die Wochenzeitung Junge Freiheit Pearce nach seiner »Inspiration« für das Stück »Rose clouds of Holocaust« fragte, verwies er auf ein Naturerlebnis in Island.

Gegenüber der Bundesprüfstelle er­neuer­te er diese Geschichte: »Ich erfuhr ein spirituelles Erlebnis.« Das Wort »Holocaust« bedeute »verbranntes Opfer«, und Island sei eben voller Vulkane. »Die vulkanische Land­schaft ist der ›Holocaust‹, von dem hier die Rede ist.« Dieser »Holocaust« habe nichts gemein mit der »Verfolgung und Vernichtung von Juden, Homosexuellen, Zigeunern und anderen in Deutschland während der Zeit des Dritten Reichs«.

Die Prüfstelle ließ sich von diesen Einlassungen allerdings nicht überzeugen und blieb bei der Auffassung, dass der Verfasser »den Holocaust während des sog. ›Dritten Reichs‹ mit Lügen« gleichsetze. Diese »Lüge vom Holocaust«, meinte die Behörde weiter, soll »wie ›die Engel der Ignoranz‹ von ›den Augen der Menschen‹ ›abfallen‹«. Zudem sei »Holocaust« ein »feststehender Begriff für die Ermordung von Millionen Menschen in Konzentrationslagern«. Dass der Verfasser den Holocaust als »Rosenwolke«, mit »Rosenwolken aus bitteren Lügen« und einer »zwielichtigen Wahrheit« beschreibe, impliziere, dass er diesen Massenmord »als Lüge entlarven« wolle. Gegen die Entscheidung wurde eine Klage eingereicht, wie eine Sprecherin der Behörde der Jungle World berichtete.

Gleichzeitig dürfte die Indizierung die Platte endgültig zum »Kultobjekt« erheben – und zwar nicht nur bei eingefleischten Fans. Diesen Effekt kann man fast schon klassisch nennen.

Anfang der neunziger Jahre, als die Intellektuellen der »Neuen Rechten« damit begannen, sich in bestimmte popkulturelle Szenen einzumischen, und fast gleichzeitig Intellektuelle aus der »Mitte der Gesellschaft« auf den rechtsextremen Ideologie- und Symbolfundus zurückgriffen, betonte Umberto Eco: »Um tolerant zu sein, muss man die Grenzen dessen, was nicht tolerierbar ist, festlegen.« Man könne nicht das Tolerierbare ablehnen und zugleich tolerant sein. Indizierungen markieren Grenzen. Aber sie ersetzen keine Diskussionen.

Quelle: Jungle World

Braunes aus der Schwarzen Szene

Ein aktueller Überblick über rechte Bands in der Darkwave-Szene und ihre Absichten

Innerhalb der Darkwave-Szene1 hat sich seit Mitte der 90er Jahre ein kleiner, dafür um so frecher agierender Kreis von Aktivisten herausgebildet, die bewusst rechtes Gedankengut aufgreifen und propagieren. Im kulturellen Faschistische Ästhetik beim Auftritt rechter Darkwave-Bands (Juni 1999 auf Burg Falkenstein).Gewand bezieht man sich auf alte Denker der Konservativen Revolution und des Faschismus und bekämpft die Moderne mit all ihren Facetten. Dabei agieren die Protagonisten nicht als geschlossene Gesellschaft, sondern können sich vielmehr in der Grauzone zwischen Darkwave und Rechtsextremismus tummeln – schließlich kommt man aus der gleichen Szene, nur die Intentionen bei der Beschäftigung mit Tod, Religion, Symbolen etc. sind andere.

Als einer der Stars des extrem rechten Flügels der Darkwave-Szene gilt nach wie vor die englisch-australische Gruppe Death in June mit ihren kulturpolitischen Inhalten, ihrer militaristischen Ästhetik, ihrer Musik und den gängigen Vieldeutigkeiten, mit denen die Band spielt und sich damit Kritik entziehen will. Gemeinsam mit dem Sozialdarwinisten Boyd Rice tourt Death in June seit geraumer Zeit durch die USA und Europa. Der europäische Auftakt fand am 10. April in Brest statt, wo die Intervention französischer Antirassismus-Gruppen die Vorbereitung des Konzertes behinderte und zur Verlegung der Veranstaltung führte. Im Gegensatz zu den anderen Konzerten wurde der deutsche Auftritt von Death in June am 27. April im Raum Chemnitz sehr konspirativ vorbereitet. Der ursprünglich geplante renommierte Veranstaltungsort Kraftwerk wurde im Vorfeld gekündigt, weshalb der Gig dann in Bucha bei Jena stattfand.

Zur jüngsten Veröffentlichung von Death in June wurden offiziell keine Liedtexte veröffentlicht, was an den offensichtlich antisemitischen Ausfällen liegen dürfte. So wird im Lied »We said destroy II« offen auf das orthodoxe Judentum angespielt, aus Shakespeares »Der Kaufmann von Venedig« zitiert und indirekt die dort handelnde Person des Shylock2 aufgerufen. In einem anderen Lied ist von »shylock piggies« die Rede, der Titel der gesamten Veröffentlichung lautet dann »All pigs must die«.

Albin Julius, Sänger von Der Blutharsch. Bereits im März gastierten zwei andere extrem rechte Bands auf Einladung der Dresdner Gruppe LAS-Kulturavantgarde3 in Sachsen. blutharschHier musste ebenfalls ein in Claußnitz geplantes Konzert wegen antifaschistischer Interventionen verlegt werden und fand schließlich im Gasthof Goldener Anker in Marbach statt. Die ungarische Band Scivias trug an diesem Abend die Odal-Rune offen zur Schau und Der Blutharsch aus Österreich präsentierte sich in schwarzen Uniformen. Die Bands kreierten eine militaristische Atmosphäre und griffen oftmals Elemente der nationalsozialistischen Ästhetik auf. Abgerundet wurde dieser Eindruck durch die Verkaufsstände, wo es u.a. Bücher aus den rechtsextremistischen Verlagen Grabert und Arun zu kaufen gab und die extrem rechten Zeitschriften Hagal (Dresden) und Die Tat (Halle) feilgeboten wurden.

Der Sampler »Fidelis Legio« als Beispiel

Wofür eine Band wie Scivias ideologisch steht, macht deren Beteiligung am Sampler »Fidelis Legio« deutlich, der sich als Huldigung an Corneliu Zelea Codreanu (1899-1938) versteht. Der Gründer und Führer der rumänischen Legion des Erzengels Michael (alias Eiserne Garde) propagierte einen christlich orthodox fundierten Faschismus und war ein fanatischer Antisemit. Bis heute bieten die Positionen der ehemaligen Legionäre wichtige ideologische Bezugspunkte für europäische Neonazis. Erstellt wurde der Sampler von Calin Dan Ghetu, der als Aktivist der reanimierten Eisernen Garde von Rumänien aus Verbindungen zu verschiedenen Neonazis in ganz Europa hält. Martin Schwarz (Wien) bemüht sich im Begleitheft, die Vorzüge des rumänischen Faschismus im Gegensatz zum Nationalsozialismus herauszuarbeiten. In der ebenfalls maßgeblich von Schwarz editierten Kshatriya-Mailingliste wird Codreanu als der »asketisch-religiöse Erwecker der rumänischen Seele« bezeichnet, der eine »Leitfigur für die Elite der national-europäischen Erhebung wider die dekadente Welt [ist], der er anders als der Duce oder der Führer mit keiner Faser seines Leibes angehörte«.

Die teilnehmenden Bands aus dem Darkwave-Spektrum4 betonen in ihren Beiträgen die Bedingungslosigkeit des Kampfes der Eisernen Garde und ästhetisieren den Tod als Höhepunkt im Dasein eines Legionärs. Exemplarisch ist der Beitrag »Europa – long live death!« der italienischen Band Londinium SPQR.5 Das Stück beschwört den fanatischen Kampf der Eisernen Garde, deren Schlachtruf »long live death« war: »Europas Wind bläst wieder auf diesen Fahnen. (…) Das Sterben im Kampf hieß ewige Ehre. Sag mir, was ist los mit meinem Land? Es lässt sich nicht mehr erkennen. Und wir sind jetzt bereit, mit unseren Brüdern den Kampf zu teilen bis zum Sieg«. Die insgesamt fünf Sprachen, in denen das Lied vorgetragen wird, sollen die europäische Ausrichtung der Band bzw. des gesamten Samplers verdeutlichen.

Eine Szene mit Abgrenzungsschwierigkeiten

Ebenfalls ein Werk zu dem Codreanu-Sampler beigesteuert hat die Band Darkwood aus Dresden, die Mitte Mai beim Wave-Gotik-Treffen (WGT) in Leipzig anzutreffen sein wird, dem weltgrößten Treffen der schwarzen Szene. Derartige Auftritte (extrem) rechter Bands sind mittlerweile normal, schließlich sind hier alle kulturellen, musikalischen und politischen Facetten vertreten. darkwoodDie (extrem) rechten Bands werden geduldet, indem beim WGT jeder seine eigene Party feiert. Mit dabei ist in diesem Jahr beispielsweise auch Camerata Mediolanense (angekündigt als Camerata Sforzesca), die sich vor zwei Jahren für das deutsche Blood & Honour-Magazin interviewen ließen und mehrmals bei rechtsextremen Veranstaltungen spielten.

Kritik an den politischen Aussagen einzelner Bands wird in der schwarzen Szene nur ungern angenommen; in der Vergangenheit in die Szene hineingetragene Diskussionen waren wenig ergiebig. Dies liegt zum einen an einem verkürzten Begriff des Rechtsextremismus: Bestimmend ist das Klischee von Glatze und grüner Bomberjacke; die viel größere Gefahr der Mischung von sozialen, politischen, kulturellen und ästhetischen Werten in der Szene wird nur selten gesehen. Verkörpert wird diese z.B. von dem Neonazi Christian Kapke, der vor wenigen Jahren mit seiner Band für Blood & Honour aufspielte und heute federführend beim Neofolk-Internetprojekt lichttaufe.de [nonpop.de] aktiv ist.

Die zweite Schwierigkeit bei Diskussionen in der Szene besteht in den absichtlichen Uneindeutigkeiten der einschlägigen Bands. O-Töne wie »genaugenommen gab es Runen doch schon vor dem Nationalsozialismus« oder »Vertreter der Konservativen Revolution der 20er Jahre wurden schließlich auch im Nationalsozialismus verfolgt« gehören in der Argumentation zum Standardrepertoire. Problematisch für antifaschistische KritikerInnen ist also, dass jeder einzelne Aspekt eines Projektes aus dem extrem rechten Darkwave-Spektrum fast immer vieldeutig zu interpretieren ist. Für eine fundierte politische Bewertung ist daher die Addition aller Einzelaspekte (Texte, Ästhetik, Bezüge, Fans, Rezensionen etc.) zu einem Gesamtbild notwendig.

Fazit

Nicht zuletzt muss man sich der Logik entziehen, dass das Wirken (extrem) rechter Bands, Zeitschriften etc. ausschließlich kulturell verstanden werden soll. Für den erwähnten Christian Kapke ist klar, »dass man bewusst versucht, politische Inhalte über Kunst zu transportieren, einfach weil es dadurch unscheinbarer oder entsprechend eingängiger erscheint«.

Thomas Naumann

Quelle: Turn it down

  1. Um Missverständnissen vorzubeugen: Die Darkwave-Szene ist nicht per se (extrem) rechts. [zurück]
  2. Der verhasste jüdische Geldverleiher symbolisiert den antisemitischen Stereotyp vom gierigen Juden. Für Alfred Rosenberg vereinte das Wesen Shylock »äußerlich (…) alle jüdischen Rassenzüge (…). Shylock ist also sowohl Einzelmensch wie Typus, ein Jude sowohl wie das Judentum«. Vgl.: Rosenberg, Alfred: »Der Mythus des 20.Jahrhundert«. München 1934, S.411. [zurück]
  3. Ein ebenfalls von LAS anberaumtes Konzert mit der Band Ostara (früher Strength through Joy) Ende April 2002 wurde aufgrund bandinterner Gründe abgesagt. [zurück]
  4. Mit dabei sind unter anderem Blood Axis, Spiritual Front, Ain Soph, The days of the trumpet call, Belborn (Rosenheim) und Von Thronstahl, die am 29./30.Juni 2002 beim Pressefest der rechtsextremen Zeitschrift Signal in Köln spielen sollen. [zurück]
  5. Die Band ist der Identitätsrock-Bewegung zuzurechnen und spielte in den vergangenen Jahren bei zahlreichen neonazistischen Skinhead-Konzerten. [zurück]