Archiv für Juni 2006

„Völkische Graswurzelrevolution“

In der Juli-Ausgabe der NPD-Zeitschrift Deutsche Stimme finden sich zwei bemerkenswerte Artikel. Einer ist „Angst vor der völkischen ‚Graswurzelrevolution‘. Nationale Jugendkultur setzt sich zunehmend durch“ betitelt. Bemerkenswert sind die Zeilen des Mitglied des sächsichen Landtags Jürgen W. Gansel insofern, als der Autor hier kein Wort der im Untertitel konstatierten Dominanz „nationaler Jugendkultur“ widmet, und statt dessen die Bemühungen verspottet, dem etwas entgegen zu setzen:

„Solche ‚Argumentationstrainer‘ werden ganz sicher keine Schutzdämme gegen den modernen Nationalismus errichten können, der mit seinem glaubhaften Widerstand gegen Zuwanderung, EU-Fremdbestimmung und Globalisierung schlicht und einfach den Nerv der krisenhaften Zeit trifft.“1

Wo nur noch konstatiert wird, „Nationale Jugendkultur setzt sich zunehmend durch“, und nicht durch Argumente und Fakten belegt, ist zumindest in der Wahrnehmung der extremen Rechten erreicht, was Roland Bubik in der Zeitschrift Junge Freiheit bereits 1993 einfordert hatte:

„[Der Machtfrage] gilt es, sich zu stellen, die Jugendkultur von heute bietet erfolgversprechende Ansätze hierfür.
[…]
So kennzeichnet es die Lage trefflich, dass im besten Sinne reaktionäre Ästhetik und Lebensauffassung nicht von ‚rechten Postillen‘ am erfolgreichsten verbreitet wurden, sondern mittels silberner CD-Scheiben. Neo-Folk, Gothic, Gruppen wie ‚Dead can dance‘ oder ‚QNTAL‘ (Leser der JF-Musikkritik wissen Bescheid) sprechen eine andere Sprache als die der Moderne.“2

„Die Kultur als Machtfrage“ war der Text übertitelt. In ihm griff Bubik zumindest implizit Vorstellungen der Neuen Rechten auf, wonach vor einem politischen Umsturz in einem „ideologischen Stellungskrieg“, wie es der neurechte Vordenker Alain de Benoist formuliert hatte, das Feld der „kulturellen Macht“ zu besetzen sei. Diese habe den Vorteil, dass „ihr direktiver und suggestiver Charakter als solcher nicht klar erkannt wird und folglich nicht auf die dieselben rationalen und bewussten Widerstände stößt“.

„So vollzieht sich unter der Wirkung der kulturellen Macht die Umkehrung der ideologischen Mehrheit3

Ganz ähnlich argumentierte Bubik, als er den „nicht-kognitiven“, also den verstandesmäßig nicht erfahrbaren Charakter von Jugendkulturen bei der Übermittlung ihrer Botschaften hervorhob. Hier werde, s. o., eine „andere Sprache als die der Moderne“ gesprochen.

Welche Sprache dort gesprochen wird, wo jene „Jugendkultur“ sich versammelt, an die schon Bubik seine Hoffnungen geknüpft hatte, das berichtet die Deutsche Stimme Nr. 7 / 06 in ihrer Reportage über das 15. „Wave-Gotik-Treffen“ vom 2. bis 5. Juni 2006 in Leipzig.

Am Abend des 4. Juni hatte die NeoFolk-Band Orplid zu Konzert und Lesung ausgerechnet in die Krypta des Leipziger Völkerschlachtdenkmals geladen.

„[…] dann blicken die vier zehn Meter hohen Statuen der Totenwächter auf den Besucher herab, die die deutschen Volkstugenden Glaubensstärke, Tapferkeit, Volkskraft und Opferbereitschaft personifizieren sollen. […] In dieser weihevollen Atmosphäre warten am frühen Abend des 4. Juni 2006 Hunderte von Freunden neufolkloristischer Musik und deutscher Dichtung […] Die gespannte Atmosphäre löst sich, als Uwe Nolte eines der frühesten Lieder von ‚Orplid‘, den ‚Bruder Lucifer‘ anstimmt und mit seiner getragenen Stimme die Zuhörer sofort in ihren Bann zieht. […] Frank Machau und Uwe Nolte gehören zu der kleinen Gruppe von Künstlern, die noch ganz stilsicher und sprachfertig aus dem abendländisch-antiken Erbe Europas schöpfen und dabei heidnische, romantische und christliche Motive verarbeiten.“4

Mit von der Partie war der Dichter Rolf Schilling, der, wie das Online-Lexikon Wikipedia ohne Arg meldet, die „Beschwörung eines endzeitlichen Rausches“ zu seinem Hauptthema mache. Im Rahmen des Orplid-Konzertes las Schilling aus seinem Essay „Geheimes Deutschland“, in dem er dafür plädiert, Adolf Hitler nicht zum „Universal-Erben und Allein-Eigentümer des deutschen Mythos“ zu machen, der „fruchtbar für künftige Zeiten“ bleibe.

Orplid-Mann Uwe Nolte las aus seinem Barbarossa-Zyklus, ein Thema, das in Noltes Bearbeitung an den Wieland-Mythos angelehnt ist.

„Noch atmend, gefangen im Wort der Legende,
Mit Fesseln von Flüchen an Armen und Hals,
Jahrhunderte grüßend, verharre ich durstig
Am Born meines Schicksals, in steinerner Pfalz.
Es ist eine Lüge, das stumm ich die Jahre
Durchschlafe als leblose Sagengestalt.
Mein Name im Blute erkorener Völker
Mit lockendem Klange fanfarengleich hallt.“5

Diese Zeilen zitiert auch der Deutsche-Stimme-Autor Arne Schimmer. Sie sind für ihn der „intensive und unter die Haut gehende Abschluss“ eines Auftritts, der den „unbezweifelbaren Höhepunkt des diesjährigen ‚Wave-Gotik-Treffens‘“ markiert. Schimmer schwärmt von der „entspannt-kameradschaftlichen Atmosphäre im heidnischen Dorf“ während des Treffens. Getrübt sei es einzig durch die Medienberichterstattung und ihren „Alarmismus über vermeintliche und tatsächliche ‚Rechte‘ unter den Besuchern“ worden. Er zitiert aus der Leipziger Volkszeitung vom 6. Juni 2006, die vom „BDM-Look einiger Blondinen“, von „Braunhemden und Uniformen einiger Scheitelträger“ berichtet hatte: „Da kapituliert der Verstand“. Diese Vorlage lässt sich der Deutsche-Stimme-Autor nicht entgehen:

„Nun, gerade beim ‚Wave-Gotik-Treffen‘, bei dem sich alljährlich alle künstlerischen Formen der Romantik – ob nun in ihrer populären oder auch klassischen Form – präsentieren, darf der Verstand ruhig einmal für vier Tage Pause machen.“6

Man mag einwenden, dass kein Künstler sich sein Publikum aussucht: Niemand ist davor gefeit, nach einem öffentlichen Auftritt von Medien der extremen Rechten besprochen zu werden. Auch, dass zentrale Themen des historischen Nationalsozialismus und des Neonazismus aufgegriffen werden können, ohne dass sie dadurch automatisch diskreditiert sind, mag mancher anführen. Im Neofolk hingegen ist es neurechtes Konzept: Anlässlich des Wave-Gotik-Treffens im Jahr 2000 bemühte Sabine Behrendt für die Zeitschrift Metapo Nr. 3 / 2000 des neurechten Thule Seminar (www.idgr.de) die in der Szene durchaus übliche Sprachregelung von der „Hatz- und „Diffamierungs-Kampagne“, die von einer Allianz aus Verfassungsschutz, der APO-Generation der 68er, Antifas und Medien lanciert werde. Auch sei die „Schwarze Szene“ unpolitisch, referiert sie eine andere beliebte Mär: „in den Liedtexten [ist] von Politik keine Rede“. Mit dieser Mischung aus Verschwörungsparanoia und vorgeschobener Naivität bewies Frau Behrendt in ihrem Artikel „Gothik-Festival in Leipzig“ eine gehörige Portion Kaltschnäuzigkeit, denn im selben Heft der Metapo sprach ein anderer Vordenker der Neuen Rechten Klartext:

„Wir wissen ja, warum wir kämpfen: für unseren Boden, für unser Volk, die gefährdet sind, für ihre Identität, für den langfristigen Aufbau Eurosibiriens […]
Es hat keinen Sinn, das gegenwärtige System ‚reformieren‘ zu wollen: Das Übel sitzt zu tief, der Punkt, ab dem es kein Zurück mehr gibt, ist schon erreicht worden. […]
Die Machtübernahme dank die identitäre Weltsicht [sic!] sowie ihre Übersetzung im Bereich der Großpolitik bleiben unser übergeordnetes, strategisches Endziel. […]
Der ‚Gesellschaftswechsel‘ wird nunmehr nur aus einem Prozess des Umbruchs und des Chaos hervorgehen können. […]
Das politische Endziel aller ideologischen, kulturellen, aufklärerischen Arbeit muss nie aus den Augen verloren werden. […] Das Politische dagegen dient der Volksgemeinschaft. […]“7

Quelle: Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung

  1. Deutsche Stimme Nr. 07 / 06, Juli 2006 [zurück]
  2. Junge Freiheit Nr. 10 / 93 [zurück]
  3. A. de Benoist: Kulturrevolution von rechts. Gramsci und die Nouvelle Droite. Krefeld 1985, S. 51; Benoists Hervorhebung [zurück]
  4. Deutsche Stimme Nr. 7 / 06, Julin 2006 [zurück]
  5. www.noltex.de [zurück]
  6. Deutsche Stimme Nr. 07 / 06, Juli 2006 [zurück]
  7. Guillaume Faye: Die Strategie der Vorkriegszeit (in: Metapo Nr. 3 / 2000, S. 6f.) [zurück]