Archiv für Dezember 2003

Störfall im Zwischenfall

Wieder einmal machte das „Zwischenfall“ in Bochum-Langendreer von sich reden. Am vergangenen Samstag sollte dort eine Releaseparty der mehr als umstrittenen Neofolkband „Ostara“ stattfinden. Nach Protesten von AntifaschistInnen sahen die VeranstalterInnen davon ab – weniger aus Einsicht, sondern weil man offensichtlich Ärger vermeiden wollte.

Zentrale Figur der Band Ostara ist der Australier Richard Levy (alias Richard Leviathan). In der Szene sind sowohl er als auch Ostara nicht unumstritten. Grund dafür sind zum einen gemeinsame Auftritte sowie Seitenprojekte mit extrem rechten MusikerInnen aus der Dark Wave- und Neofolkszene, zum anderen zweifelhafte Texte und Aussagen der Bandmitglieder. So finden sich auf dem neuen Album mit dem Titel „Ultima Thule“ zwei Leni Riefenstahl gewidmete Lieder. In einem Szene-Review heisst es bezeichnend: „ … wird diese CD der ohnehin heftig kritisierten Band Ostara inhaltlich keine Entlastung bringen. Wer sich an den verwendeten Bildern und Motiven stört, wird hier wenig Freude haben.“

Strength through Joy

Bis zum Umzug von Bandmitglied Timothy Jenn nach Deutschland 1999 nannte sich die Band „Strength through Joy“, was in Deutschland jedoch verboten ist, da „Kraft durch Freude“ (KDF) der Name einer Unterorganisation der nationalsozialistischen Deutschen Arbeitsfront war, welche durch Freizeitgestaltungen den „Erhalt der Arbeitskraft“ gewährleisten sollte. Tatsächlich diente die KDF der Verbreitung von NS-Propaganda.

Das der Name nicht von ungefär gewählt worden war, zeigte sich neben den Texten auch an Hand der Bands, mit denen man zusammen auftrat. So heißt es in einem Bericht im neonazistischen Skinheadfanzine „Der Lokalpatriot“ (Nr. 7) zu einem Konzert mit Strength through Joy, Death in June und Boyd Rice 1996 in München: „Sehr nett waren die Fahnen anzusehen, die auf der Bühne gehißt bzw. über das Schlagzeug gelegt wurden, sowas würde zur Erstürmung von jedem Blood & Honour-Konzert führen, ungerecht das!“

EisLicht

Auch das Label EisLicht (ehem. Eis & Licht), auf welchem die neue CD erschien, ist im rechten Teil der Szene zu verorten. So erschien dort das rechte Fanzine Zinnober (vormals Sigill), zudem werden Platten wie eine Hommage zum hundertsten Geburtstag des Vordenkers des italienischen Faschismus Julius Evola veröffentlicht . Auf diesem sind gleich mehrere namhafte Bands des rechten Spektrums vertreten, so Allerseelen, Von Thronstahl, Blood Axis und Waldteufel.

In Kassel konnte am 15. Juli 2000 ein Konzert mit Ostara verhindert werden, zu dem auf diversen Internetseiten von Neonazis mobilisiert worden war. Angekündigt waren u.a. die Bands Kirlian Camera, Kapo, Ostara und Aurum Nostrum. Neben den Bands, darunter auch die australische Band Death in June, waren etwa 500 BesucherInnen aus dem ganzen Bundesgebiet und Europa angereist. Ein Teil von ihnen mit eindeutig neofaschistischem Outfit. Die Polizei war mit einem Großaufgebot vor Ort. Da bereits mehrere VeranstalterInnen in Nordhessen das Konzert zuvor abgesagt hatten, zog auch die Salzmann-Fabrik in Kassel schließlich nach.

In Nürnberg wurde ein Ostara-Konzert von der Stadt verboten. Bezuggenommen wurde in der Begründung u.a. auf die Namen „Strength through joy“ und „Ostara“ – eine Band mit solchen Namen dürfe in Nürnberg nicht spielen, erteilte die Stadtspitze den Rechten eine klare Absage. Anders in Bochum.

Veranstalter der „Nebelwelt“-Parties ist „Ignis et ferrum“, eine Gruppe von DJs, welche eigenen Angaben zu Folge das Ziel hat, jenseits teurer Mainstream-Veranstaltungen Parties für die schwarze Szene zu organisieren. Neben den regelmäßigen Events in Bochum legt man auch in Köln, Koblenz oder anderswo auf.

Der Hintergrund von Ostara war der Veranstaltungs-Gruppe bekannt, allerdings meinte man, dies sei Vergangenheit, zudem habe man von rechten Positionen in der Szene noch nie etwas mitbekommen. Nicht besonders glaubwürdig, war es doch nicht das erste mal, das eine ihrer Veranstaltungen Rechten eine Bühne bot: Bereits im Jahr 2000 fanden sich bei einer „Ignis et ferrum“-Nacht zwei rechte Büchertische, verkaufte mit Thomas Lückwewerth ein Autor der faschistischen Dark Wave-Zeitung „Sigill“ deren neuste Ausgabe.

Zwar wurde die Ostara-Releaseparty abgesagt, inhaltlich wollte man sich jedoch nicht davon distanzieren, sondern lediglich „Ärger vermeiden“, wie vom Zwischenfall zu erfahren war. Das es mit der gegenüber AntifaschistInnen behaupteten Unschuldigkeit nicht weit her sein kann, zeigt sich an der Tatsache, dass Auftritte wie beim Konzert der extrem rechten Band „Sol Invictus“ 1999 in Krefeld im Gespräch geleugnet und anschließend die entsprechenden Hinweise auf der Homepage plötzlich entfernt wurden.

Zwischenfall

Das Bochumer Zwischenfall gilt schon seit Jahren als eine der bundesweit bekanntesten Treffpunkte der Dark Wave-, Gothic- und Neofolk-Szene. Neben Szeneveranstaltungen finden aber auch verschiedenste andere Konzerte und Parties statt, so z.B. Punk- bzw. Hardcorekonzerte und Discos.

Angesichts der Tatsache, dass das Zwischenfall eigentlich eher ein Laden mit linkem Publikum und auch Anspruch war und ist, mag es auf den ersten Blick verwundern, dass ausgerechnet dort einer derartigen Veranstaltung wie dieser Releaseparty Raum geboten wird. Doch gab es es bereits mehrfach Ärger wegen Auftritten rechter Bands im Zwischenfall. So sollte am 28. Februar 1997 ein Konzert der rechten Dark Wave-Band „forthcoming fire“ stattfinden, was jedoch von AntifaschistInnen verhindert wurde. Auch die Ostara-Vorgängerband „Strength through joy“ sollte bereits einmal im Zwischenfall spielen, zusammen mit „Death in June“ und „Boyd Rice“ und zwar am 9. Mai 1997. Nach heftigen Protesten wurde dieses Konzert damals abgesagt.

Deshalb verwundert es um so mehr, dass die Musik der gleichen Leute unter anderem Namen jetzt dort präsentiert werden sollte.

Carsten Draeger

Quelle: Bochumer Stadt und Studierenden Zeitung