Archiv für Mai 2000

In Lichtgewittern

Beim 9. Wave-Gotik-Treffen über Pfingsten in Leipzig will auch die rechtsextreme Prominenz der Dark Wave-Szene dabei sein – über zehn braune Bands haben sich angesagt.
von daniel pagórek und dj kersten / grufties gegen rechts

»Lichttaufe?« Die Stimme am anderen Ende der Leitung wird kühler: »Wir sagen zu diesem Thema gar nichts«, heißt es schroff und das kurze Telefonat mit einer Mitarbeiterin des Leipziger Wave-Gotik-Treffens ist beendet. Man hält sich bedeckt. Aus gutem Grund: Die »Lichttaufe« ist zwar nur eine von vielen Veranstaltungen bei dem wichtigsten Event der Schwarzen Szene. Doch die diesjährige Ansammlung brauner Musikprojekte stellt die vereinzelten rechtsextremen Aktivitäten der vergangenen Jahre in den Schatten. Zwei Tage lang geht es am Völkerschlachtdenkmal und an anderen Orten Leipzigs zur Sache. Für genug Publikum ist gesorgt: Rund 20 000 Menschen werden voraussichtlich anreisen.

Für die »Lichttaufe« wurde schon früh in Szene-Blättern geworben. Die selbst ernannte »konservative Avantgarde« der Schwarzen Szene kämpft gegen Anglizismen und für Germanien: In einer Werbeanzeige im Independent-Magazin Zillo musste der Genre-Begriff Neo-Folk dran glauben. »Neufolkloristisch« ist angesagt. Auch das rechtsextreme Dresdner Kulturkampfblatt Sigill (Jungle World, 16/00) mobilisiert für den 10. und 11. »Brachmond« – so heißt der Juni auf Germanisch.

Dort wird ein alter Bekannter angekündigt: Josef Maria Klumb und sein Projekt Von Thronstahl. Wegen seiner nazistischen Umtriebe kann er inzwischen auf einen eigenen Eintrag im VS-Bericht (Bund) 1999 verweisen. Mit Neo-Folk hat Von Thronstahl zwar wenig zu tun, doch bei der Bandauswahl für die »Lichttaufe« dürften eher politische Gemeinsamkeiten den Ausschlag gegeben haben. Braune Gesinnungsstärke ist gefragt.

Die Band Death In June lässt in dieser Hinsicht kaum Zweifel übrig: Mit ihrem Namen spielt die 1981 gegründete Gruppe um Douglas Pearce auf die Ausschaltung der SA im Juni 1934 an. »Auf der Suche nach einer zukünftigen Perspektive stolperten wir über den nationalistischen Bolschewismus, der sich wie ein Leitfaden durch die Hierarchie der SA zog«, gab Röhm-Fan Pearce im Zillo (Nr. 5/1992) zum Besten. Mit Nazi-Symbolik hat Pearce keine Probleme: Der SS-Totenkopf dient als Bandsymbol und soll für »den totalen Glauben und die Hingabe« an das Projekt stehen. 1992 besuchte Pearce während des Bürgerkrieges in Ex-Jugoslawien das Hauptquartier der kroatischen HOS-Miliz, die sich in der Tradition der mit NS-Deutschland verbündeten Ustascha sieht.

Ein Kumpane aus den Anfangstagen von Death In June kommt ebenfalls zur Taufe: Tony Wakeford und sein Sextett Noir. Auf den Platten seines Hauptprojektes Sol Invictus zitiert Wakeford den italienischen Faschisten Julius Evola. Seinen Antiamerikanismus propagiert er auf der CD »Death Of The West»; der Titel ist wohl eine Anspielung auf Oswald Spenglers »Untergang des Abendlandes«.

Ideologisch bornierter als Wakeford ist der Österreicher G. Petak alias Kadmon. Sein Musikprojekt Allerseelen beteiligte sich an einer Compilation zu Ehren von Evola und an dem Riefenstahl-Sampler aus dem Hause VAWS. Besonders die SS-Esoterik hat es dem Wiener angetan: Auf der CD »Gotos=Kalanda« hat Kadmon »mystische Liebeslieder« von Karl Maria Wiligut, einem Mitglied des SS-Ahnenerbes, »vertont«. Das Cover ziert das zwölfzackige Sonnenrad, das zentrale Symbol der SS-Kultstätte Wewelsburg.

Mit Sympathien für den NS habe dies nichts zu tun, verteidigt sich Petak und verharmlost die »medizinischen« Experimente der SS-Organisation als bloße »Gewalttaten«, mit denen der Himmler-Berater Wiligut nie etwas zu tun gehabt habe (Aorta, 5. Mai 1997). Wer, was nahe liegt, den selbst ernannten Tonkünstler einen Nazi-Esoteriker nennt, wird als »totalitär« beschimpft. Unter dem Label »künstlerische Freiheit« betreibt Kadmon die musikalische und ästhetische Aufbereitung von vermeintlich »positiven« Seiten des Nazismus.

Heidentum, Nazi-Esoterik und völkisches Denken bilden eine gefährliche Mischung, die der Österreicher auch in den »Schriftreihen« Ahnstern und Aorta propagiert. Neben Lobeshymnen auf Ernst Jünger und Evola publiziert er über »Flugscheiben«, die als »geheime Wunderwaffen« der Nazis gelten, und bezeichnet »Heimat und Heidentum« als »Kraftfelder«.

In solchen Kraftfeldern dürfte auch die US-Band In Gowan Ring um den Verstand gekommen sein. Die Musiker spielen zum Teil bei Blood Axis um Michael Moynihan. Der rechtsextreme Funktionär verteidigt Auschwitzleugner, rechtfertigt die NS-Vernichtungspolitik und greift für Nazi-Blätter wie Plexus. A National Socialist Theoretical Journal zur Feder. Moynihan ist Mitglied des Tribe Of The Wulfings, einem Teil der nordischen Religionsgemeinschaft Asatrœ. Der deutsch-amerikanische Wolfing-Glaubensbruder Markus Wolff, der in Leipzig mit seinem Projekt Waldteufel angekündigt ist, zog im Black-Metal-Fanzine Germanenmacht vom Leder: »Mein Stolz als Deutscher ist mehr ein völkischer Stolz als Glied einer langen Blutskette, die bis in die goldene Vorzeit zurückreicht« (Nr. 2, 1997).

Natürlich ist das Wave-Gotik-Treffen kein »Nazi-Festival«. Ein Großteil der Festival-BesucherInnen und die meisten Bands wollen mit den braunen Tönen bei der »Lichttaufe« nichts zu tun haben. Für die Veranstalter hingegen dürfte es schwer werden, sich mit einem unpolitischen Deckmantel zu umhüllen. Obwohl seit einigen Jahren innerhalb der Szene eine kritische Debatte über den »neurechten Kulturkampf« geführt wird, bedienen sich die Organisatoren der »neurechten« Sprache: In den Werbeanzeigen werden CDs zu »Silberscheiben« und das Internet zum »Weltnetz«.

Schon jetzt regt sich Widerstand von Teilen der Schwarzen Szene gegen die rechtsextreme Unterwanderung. Eine Reihe von Gothic-Bands hat bereits einen Aufruf gegen rechte Tendenzen in der Dark-Wave-Szene unterzeichnet, und das Leipziger Zentrum Conne Island, ein langjähriger Mitveranstalter des Treffens, hat sich in diesem Jahr wegen der »Lichttaufe« von dem Festival zurückgezogen.

Quelle: Jungle World