Archiv für März 2000

Betreff Bergamini & Kirlian Camera

Offener Brief der Grufties gegen Rechts Bremen an Angelo Bergamini

Sehr geehrter Herr Bergamini,

Da sie bereits mehrfach den Wunsch nach einer persönlichen Stellungnahme unsererseits geäußert haben (Zillo 10/99; Black 18, Winter 1999/2000, S. 4) und wir auch von Szeneseite dazu aufgefordert wurden (Zillo 2/2000, S. 117-118), wollen wir diesem Wunsch hiermit nachkommen.

Vielleicht interessiert es sie, daß die Initiative “Grufties gegen Rechts” ohne sie möglicherweise gar nicht existieren würde. Dabei waren sie jedoch nicht die eigentliche Ursache unserer Besorgnis, sondern lediglich der Auslöser initiativ zu werden. Es gab bereits seit Längerem in unserer lokalen Szene Diskussionen um zunehmendes rechtes Gedankengut, welches sich in Interviewaussagen, Texten, Ästhetik und auch bereits in persönlichen Beleidigungen und Drohungen von seiten “rechtslastiger” Szenemitglieder manifestierte. Außerdem entwickelten sich die Versuche rechter Organisationen, wie des Verlag und Agentur Werner Symanek (VAWS) oder der Zeitschrift “Junge Freiheit” zunehmend zu einem Ärgernis. Doch zurück zu Kirlian Camera:

Am 2. Mai 1998 besuchte eine unserer Mitbegründerinnen das “Dark Rush III-Festival” in der Berliner “Arena”. Niemand von uns hatte derzeit irgendwelche Vorbehalte gegen Kirlian Camera. Die Ästhetik ihrer damaligen Bühnenshow weckte dann allerdings unangenehme Assoziationen. Die verwendeten Ton- und Filmdokumente hätten für sich allein jedoch noch Interpretationsspielraum geboten, denn schließlich wurden nicht ausschließlich Materialien aus dem faschistischen Kontext gezeigt, und das Vorführen von Filmdokumenten besagt nicht zwangsläufig, daß man die dahinterstehenden Ideologien auch positiv bewertet. Das letzte (eventuell das vorletzte) Stück des Konzertes trugen sie dann jedoch mit ausgestrecktem Arm mit “nicht ganz verbundenen Fingern” (Zillo 7-8/99, S. 51) – dem sogenannten “deutschen Widerstandsgruß” oder “Kühnengruß” – vor. Leider ist uns bis heute keine veröffentlichte Version des Stückes bekannt, so daß wir den Titel nicht kennen. Es wurde in deutscher Sprache gesungen. Über diese eindeutige Geste ihrerseits war unsere Mitbegründerin dermaßen entsetzt, daß wir uns im Verlauf der daraus folgenden Diskussionen dazu entschlossen, eine öffentliche Stellungnahme in Form einer kleinen Broschüre zu verfassen (“Die Geister, die ich rief…”, s. Anlage), die Ende Mai 1998 erschien. Darin steht bezüglich dieses Vorfalls:

“Auf dem Dark Rush III – Festival am 2. 5. 1998 in der „Arena“ in Berlin zeigte die italienische Gothic-Band „Kirlian Camera“ in ihrer Dia-Show Bilder von Hakenkreuz-Monumenten und Hitlergrüßen und verabschiedete sich mit der neonazistischen Variante des Hitlergrußes.”

(In der Originalfassung der Broschüre ist als Konzertdatum fälschlicherweise der 2. 6. 98 angegeben.)

Diese Textpassage aus unserer Broschüre war die Grundlage der Aussage von Alfred Schobert im Spiegelinterview (Nr. 17/1999, 26. 4. 99, S. 174): “Aber am Ende eines Konzertes haben sich die Musiker von Kirlian Camera mit dem Hitlergruß verabschiedet.”

Die gleiche Geste wurde von einem späteren Mitglied der Grufties gegen Rechts Rostock bei ihrem Auftritt auf dem “Black Moon-Open-Air-Festival” am 1./2. August 1998 in Schönermark bei Neuruppin beobachtet. Dort begannen sie das Konzert mit selbigem Gruß.

Im Zillo (7-8/99, S. 51) sagen sie zu diesem Vorwurf:

”Ich muß sagen, daß ich nie ein Publikum in Deutschland mit dem Hitlergruß begrüßt habe. Wenn aber jemand kindische Sachen mag, erkläre ich einiges zu Herrn Schoberts Aussagen: Im August letzten Jahres traten wir in Berlin auf, und ich muß ehrlicherweise zugeben, daß ich auf ähnliche Weise agiert habe, um einfach den schlechten Glauben von einigen Leuten zu testen. Da habe ich das Publikum mit ausgestrecktem Arm begrüßt. Sorry, aber meine Finger waren nicht ganz verbunden. Was gibt’s zu einem Hitlergruß ohne miteinander verbundene Finger zu sagen.”

Im “Communiqué” auf der Maxi-CD “The Burning Sea” (1999) ist zu lesen:

“The reason for this refusal seems to come from the fact, that several eye witnesses claim to have seen us give “nazi salutes” in public. This is not possible, since a fact of this kind never occured, and what’s more, the use of the plural form would tend to involve all the members of the group. It may have happened only in a couple of occasions that only Angelo Bergamini showed a “salute” indicating belonging both to the extreme left as well as the extreme right, not to mention various religious doctrines and in particular the Christian one. Someone might have noticed something in the beam and hand motion above the beam which occurs when one wants to modulate the sound of the Roland MC-505 synthesizer …”

Im Interesse einer ernsthaften Auseinandersetzung, möchten wir sie darauf hinweisen, daß wir weder dumm noch blind sind, wie sie uns anscheinend unterstellen wollen. Wir sind durchaus in der Lage einen ausgestreckten Arm von der Bedienung eines Synthesizers zu unterscheiden. Wir gestehen jedoch ein, daß es richtiger gewesen wäre, in Bezug auf die genannte Geste von ihnen persönlich, und nicht von Kirlian Camera als Band zu sprechen. Ihre widersprüchlichen Aussagen zu diesen Vorfällen tragen jedoch nicht zur Klärung des Sachverhalts bei. Die entscheidende Frage, die wir hiermit von ihnen beantwortet haben möchten, ist: Was für einen Beweggrund kann es geben mit einer derartigen Geste aufzutreten? Uns fällt beim besten Willen kein integrer Grund ein!

Sie unterstellen uns, wir würden Kirlian Camera lediglich diffamieren wollen, und fordern von uns eine direkte Auseinandersetzung anhand von präzisen Fakten (“…but are not even able to report precise news about us, in fact they choose the way of pure defamation.”; “Communique”, 1999). Das ist eine berechtigte Forderung. Statt jedoch auf die konkreten Vorwürfe einzugehen, die im Spiegel (17/99, S. 174) und in unserer Broschüre “Die Katastrophe der Phrasen” (1999) vorgetragen wurden, blieb es in all ihren Stellungnahmen und Dementis bei allgemeinen Statements a la “we are not a racist band”. Sie beklagen Diffamierung, wählen aber selbst den Weg polemischer Verleumdungen:

“Feiglinge mit einer großen Kraft, einer Kraft, die aus der Hinterhand rührt. Sie haben Geld. Ihr Verhalten erinnert mich an die Mafia, niemand kennt sie, niemand sieht sie, aber sie existieren.” (Black 18, Winter 1999/2000, S. 4)

Wir können ihnen versichern, daß wir weder unsichtbar noch unerreichbar sind, wie sie behaupten, obwohl sie bereits zuvor im “Communiqué” auf der Maxi-CD “The Burning Sea” (1999) zwei Faxnummern unserer Initiative veröffentlicht haben. Auf dem Zillo-Festival am 14. 8. 1999 in Hildesheim waren wir beispielsweise mit einem Infostand auf dem Festivalgelände anwesend und für jeden öffentlich ansprechbar. Ebensowenig verfügen wir über größere Geldmengen, sondern wir sind froh, daß das Kulturzentrum Schlachthof in Bremen unsere Portokosten trägt. Und mit mafiösen Strukturen haben wir schon gar nichts zu tun. Um jedoch endlich zu einer sachlichen Diskussion zu gelangen, möchten wir sie hiermit auffordern, zu den im Folgenden genannten “präzisen Fakten” konkret Stellung zu nehmen:

In ihrem Stück ”U-Bahn V.2 “Heiligenstadt” auf der CD ”Todesengel – The Fall of Life” verwenden sie Ausschnitte aus einer Rede des rumänischen Faschistenführers Corneliu Zelea Codreanu, Gründer der Legion Erzengel Michael (1927) und Führer der Eisernen Garde (ab 1930). In einem Interview mit dem Magazin Sigill (Nr.12, 1996/97) sagen sie dazu:

”Ja, ich nahm den Song im Februar 1989 mit einem Teil von Codreanu’s Rede auf. Zu dieser Zeit suchte ich solches Material, um seine Legion zu ehren…”

Was für Beweggründe kann es geben einen Faschistenführer zu ehren?

Als Produzent des Projektes Stalingrad waren sie mit dem Titel “Der letzte Flug / Anthem” an einem Sampler zu Ehren des Nazi-Bildhauers Josef Thorak beteiligt. Der Sampler wurde vom Verlag und Agentur Werner Symanek (VAWS) verlegt und vertrieben, der im Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen von 1998 als rechtsextrem eingestuft wird. Ihre Beteiligung an diesem Projekt erfolgte, trotzdem Ihnen die politische Ausrichtung des VAWS bekannt war, da es bereits bei dem vorherigen Sampler des VAWS, zu Ehren der Nazi-Filmerin Leni Riefenstahl (1996), Diskussionen um eine geplante Beteiligung von Kirlian Camera gab, die dann zu einem Verbot der Teilnahme seitens ihres damaligen Labels Discordia führten (Sigill 12, Herbst/Winter 1996/97; “Riefenstahl”, Begleitbuch zum gleichnamigen Sampler, 1996). Im Sigill 12 äußern sie bezüglich des Riefenstahl-Samplers außerdem:

“Wie auch immer, ich hoffe, daß der Sampler ohne weitere Probleme veröffentlicht werden kann, weil die Produzenten gute Leute zu sein scheinen.”

“Ich weiß nicht, ob das Projekt etwas mit “Nazis” zu tun hat oder nicht, aber das ist für mich nicht so wichtig.”

Das Stück ”Days of Laura Zero” auf der CD ”Erinnerung” beginnt mit dem Sample einer Vereidigung aus dem Dritten Reich:

“Wir kommen zum Eid. Ich schwöre hier, Adolf Hitler, als Führer und Kanzler des Reiches …”

Laut ihrer eigenen Aussage (Europakreuz Walpurgis-Ausgabe 1995) handelt es sich dabei um die Vereidigung der Waffen-SS in München am 11. 9. 1935. Im Internet (http://members.tripod.de/Hey­debreck/Erinnnerung.html, 12. 9. 99) findet sich demgegenüber die folgende Erklärung:

“The Sample at the beginning of “Days of Laura Zero” is the (slowed down) new Wehrmacht’s inauguration oath … which was introduced immediately after the so called “Roehm-Putsch”. By this means the German army leaders demonstrated a dubious and surprising loyalty towards Hitler in summer 1934.”

Im Song “Der tote Liebknecht” befindet sich ein weiterer Sample eines “Original-Auszugs … von einer berühmten Kundgebung des Dritten Reiches.” (Angelo Bergamini in Sigill 12, 1996/97)

Kirlian Camera sind an der “Knights of Abyss”-Compilation (1995) des Berliner Labels “Abyss Recordings Europe” beteiligt. Auf dem selben Label erschien 1994 ein Tape namens “Azazium collection” auf dem ebenfalls ein Stück von Kirlian Camera enthalten ist. Der Geschaftsführer des Labels, Marco E. Thiel, ist gleichzeitig Herausgeber des rechtsradikalen Fanzines Europakreuz. Im Europakreuz 18 (2/1997, S. 1) schreibt Marco Thiel in der Einleitung zu einem Interview mit Kirlian Camera:

“Niemand soll sich über die persönliche Form des “Gespräches” wundern, ich bin nicht etwa respektlos oder ohne Manieren. Kirlian Camera und ich kennen uns seit Jahren und deshalb sei es unter Kameraden erlaubt, sich zu duzen.”

Im Interview im Zillo (Nr. 7/8 99, S. 51) bezeichnen sie die Ästhetik des Dritten Reiches als ”zweifellos faszinierend”: “Nun ich mag die Nazi-Ästhetik, das kann ich nicht leugnen. Aber was ich über Politik denke, geht nur mich etwas an, und das würde ich niemandem erzählen.” Diese Faszination kommt z. B. bei Live-Auftritten in Dia- und Videoshows deutlich zum Ausdruck.

Uns ist durchaus bewußt, daß die von Kirlian Camera in Musik, Texten oder Bühnenshows verwendeten Bezüge nicht ausschließlich aus dem Kontext rechter Ideologien stammen, sondern oft auch aus neutralen oder linken Spektren (z. B. Stanislav Lem, Tarkowskij, Fritz Lang, August Stramm, Jean Genet, Rainer Werner Fassbinder, Pier Paolo Pasolini, Stanley Kubrick, Nancy Grace Appiah, Dostojewski, Thomas Mann, etc.). Wir glauben ihnen auch, daß sie militanten Faschismus und Rassismus ablehnen. In unseren Vorwürfen geht es jedoch primär um die Versuche der intellektuellen Neuen Rechten (Nouvelle Droite, Synergies Europeennes, Thule Seminar, Junge Freiheit) völkisches, nationalistisches und faschistisches Gedankengut in der Gesellschaft zu verankern. Es ist heutzutage durchaus nichts Ungewöhnliches mehr, daß sich neurechte Kreise auf linke Autoren beziehen (z. B. Che Guevarra, Rudi Dutschke, Walther Rathenau, Albert Einstein, Antonio Gramsci). Die von ihnen häufig propagierte Offenheit gegenüber linken und rechten politischen Richtungen und das Fehlen jeglicher Abgrenzung zu rechten Ideologien wird in ähnlicher Form auch von der Neuen Rechten und von Nationalrevolutionären vertreten, die ebenso wie sie eine Aufhebung der Gegensätze von links und rechts fordern, zugunsten einer neuen “nationalen Identität und Einheit”. Faschistische Ideologien sind aber keine bloßen “Meinungen”, die im Rahmen der Meinungsfreiheit gleichberechtigt neben anderen stehen, sondern sie beinhalten “den Anreiz zu Ausschluß, Gewalt und Verbrechen” (französischer “Aufruf zur Wachsamkeit”, Juli 1993). Mit ihren wiederholten glorifizierenden Bezügen auf faschistische Persönlichkeiten, Ästhetik, etc. leisten sie einer gesellschaftlichen Entwicklung nach rechts Vorschub. Dies manifestiert sich auch in der Beliebtheit von Kirlian Camera in politisch rechten Kreisen, die sowohl am Presseecho in rechten Medien, als auch an einem Potential an rechten Fans zu erkennen ist. Der Angriff von Rechtsradikalen auf den Tourbus von Attrition am 24. 9. 1999 in Berlin ist dabei der derzeitige Höhepunkt. Wir finden es unverständlich, wie sie nach einem derart deutlichen Zeichen noch sagen können:

“Ich verstehe seine [Martin Bowes von Attrition] Probleme, sehe aber keine Schuld bei mir. Jemand wollte, daß ich Skins verbiete meine Konzerte zu besuchen – ein für allemal will ich klarstellen, daß ich dazu kein Recht habe und ich will keinen diskriminieren. Ich wiederhole, jeder, wer auch immer kann zu unseren Konzerten kommen. Ich will lediglich, daß es ruhig bleibt, so daß wir relaxed sind beim Gig. Alle zusammen, Band und Publikum müssen beweisen, daß wir keine versteckten Ziele haben. Lediglich den Wunsch uns zu treffen, nicht irgendwem etwas anzutun.” (Black 18, S. 4)

Es bleibt aber nicht ruhig! In immer mehr Städten (z. B. München, Berlin, Rostock, Greifswald, …) kommt es in jüngster Zeit wieder vermehrt zu Übergriffen militanter Nazis auf Gothic- und Dark-Wave-Fans. Und selbst in einem konkreten Fall, wie am 24. 9. 99 in Berlin, sehen sie keine Notwendigkeit sich von den Tätern abzugrenzen.

Ihre Neigung zu Nazi-Ästhetik, scheint aber auch innerhalb der Band nicht unumstritten zu sein, wie ihre wiederholten Verweise auf das politisch linke Engagement anderer Bandmitglieder, sowie einige Zitate vermuten lassen, die auf Diskrepanzen innerhalb der Band bezüglich ihrer Äußerungen hindeuten:

“Die anderen Mitglieder von Kirlian Camera stimmen mir da nicht so zu, wie gewöhnlich bei solchen Punkten, ich muß also sagen, daß das meine Gedanken sind, und nicht die von Kirlian Camera.” (Sigill 12, Herbst/Winter 1996/97)
“Jedenfalls hat meine angebliche Nähe zu “seltsamen” politischen Kreisen auch innerhalb der Band für einigen Streß gesorgt. Besonders, da z. B. Emilia oft ihre Sympathie für die extreme und radikale “rote” Seite geäußert hat und solche Andeutungen nicht mag.” (Nova Files Mai-Juni 1998, S. 31)
“Ich muß an dieser Stelle zum zigsten Male wiederholen, daß andere Kirlian Camera-Mitglieder verschiedene Male erklärt haben, daß sie ganz aufrichtig politisch links einzuordnen sind.” (Zillo 10/99, S. 51)

Wir wären sehr an den Ansichten von Emilia Lo Jacono und den anderen Mitgliedern von Kirlian Camera zum Thema interessiert.

Wir haben ihnen im Übrigen nie unterstellt einem gewalttätigen militanten Neo-Nazismus oder Rassismus das Wort zu reden. Wir schrieben in unserer beiliegenden Presseerklärung vom 20. 9. 99 lediglich:

“Wir können Angelo Bergamini nach sorgfältiger Prüfung der Tatsachen nicht von dem Verdacht freisprechen, die oben genannten Mittel in wohlwollender bzw. verherrlichender Weise einzusetzen.”

Ihre Gegenargumente fanden wir bis dato nicht überzeugend.

Mit freundlichen Grüßen

Grufties gegen Rechts Bremen

Quelle: Grufties gegen Rechts Bremen