Archiv für November 1999

Zur Absage eines Kirlian Camera Konzerts in Bremen 1999

Presseerklärung der Grufties gegen Rechts Bremen

Am 10.10.99 tritt die italienische Dark Wave-Gruppe Kirlian Camera im Tower in Bremen auf. Der Sänger der Band, Angelo Bergamini, verwendet auf seinen CD’s und bei Live-Auftritten häufig faschistische Symbole und Originaldokumente:

In ihrem Stück “U-Bahn V.2.Heiligenstadt” auf ihrer CD “Todesengel – The Fall of Life” verwendet Angelo Bergamini Ausschnitte aus einer Rede des rumänischen Faschisten und Antisemiten Corneliu Zelea Codreanu, Gründer der Legion Erzengel Michael (1927) und Führer der Eisernen Garde (ab 1930). In einem Interview mit dem rechten Fanzine Sigill (Nr.12 96/97) verkündet Angelo Bergamini hierzut: “Ich nahm diesen Song im Februar 1989 mit einem Teil von Codreanus Rede auf. Zu dieser Zeit suchte ich solches Material, um seine Legion zu ehren.”

Desweiteren beteiligte sich A. Bergamini als Produzent des Projektes Stalingrad an einem Sampler zu Ehren des Nazi-Bildhauers Josef Thorak. Dieser Sampler wird von dem rechtsextremen Verlag & Agentur Werner Symanek (VAWS) verlegt und vertrieben. Der Verlag und Vertrieb VAWS hat im NRW-Verfassungsschutzbericht von 1998 im Bereich Rechtsextremismus einen eigenen Eintrag. Diese Beteiligung Angelo Bergaminis erfolgte, trotzdem Kirlian Camera auf dem vorherigen VAWS-Sampler zu Ehren der Nazi-Filmerin Leni Riefenstahl aufgrund eines formlosen Verbotes ihres Labels Discordia nicht erscheinen durften.

Am Anfang des Stückes “The Days of Laura Zero” auf der CD “Erinnerung” verwendet Angelo Bergamini ein verlangsamtes Sample des Wehrmachtseides.

In einem Interview mit dem Zillo (Nr. 7/8 99) bezeichnete Angelo Bergamini die Ästhetik des Dritten Reiches als “zweifellos faszinierend”, was bei Liveauftritten der Band in Dia/Videoshows deutlich zum Ausdruck kommt.

Auf dem Dark Rush III-Festival am 2. 05. 98 in der “Arena” (Berlin) verabschiedete sich Angelo Bergamini mit der neonazistischen Variante des Hitlergrußes von der Bühne. Im Zillo (7-8/99) sagte er zu dem Vorwurf, mit dem Hitlergruß aufzutreten: “Im August letzten Jahres traten wir in Berlin auf, und ich muß ehrlicherweise zugeben, daß ich auf ähnliche Weise agiert habe, um einfach den schlechten Glauben von einigen Leuten zu testen. Da habe ich das Publikum mit ausgestrecktem Arm begrüßt. Sorry, aber meine Finger waren nicht ganz verbunden. Was gibt’s zu einem Hitlergruß ohne miteinander verbundene Finger zu sagen (Anmerkung: Entweder hat er sich im Datum geirrt oder Bergamini spricht von einem weiteren Vorfall).

Bei Kritik reagiert Bergamini häufig mit wenig glaubwürdigen, oberflächlichen Distanzierungen. So sagte er dem Sigill (Nr.12, 96/97): “Die anderen Mitglieder von Kirlian Camera stimmen mir da nicht so zu, wie gewöhnlich bei solchen Punkten, ich muß also sagen, daß das meine Gedanken sind, und nicht die von Kirlian Camera.” Im Zillo (Nr.7-8/99) konnte man Ähnliches vernehmen: “Ich muß an dieser Stelle zum zigsten Male wiederholen, daß andere Kirlian Camera-Mitglieder verschiedene Male erklärt haben, daß sie ganz aufrichtig politisch links einzuordnen sind.”

Wir können Angelo Bergamini nach sorgfältiger Prüfung der Tatsachen nicht von dem Verdacht freisprechen, die oben genannten Mittel in wohlwollender bzw. verherrlichender Weise einzusetzen.

Vor dem Hintergrund der in den letzten Jahren verstärkten Bemühungen rechtsextremistischer Ideologen, in der Dark Wave-Szene mittels eines rechten “Kulturkampfes” Fuß zu fassen, sollten sich die Veranstalter unserer Meinung nach ernsthaft Gedanken darüber machen, ob sie ein Konzert mit einer Band stattfinden lassen wollen, deren Sänger wiederholt durch eine Nähe zu faschistischen Zeitschriften, Verlagen und Bewegungen aufgefallen ist.

Bremen, 21. September 1999

______________________________________________

2. Pressemitteilung der Grufties gegen Rechts Bremen

Betreff: Konzert mit rechter Dark Wave-Band Kirlian Camera abgesagt

Am 27. September 1999 verschickten die Bremer „Grufties gegen Rechts“ eine Presseerklärung bezüglich des geplanten Auftrittes der italienischen Dark Wave-Band Kirlian Camera am 10. Oktober 1999 im Tower. Diese informierte zahlreiche Presse- und MedienvertreterInnen über rechtsextreme Äußerungen und Verstrickungen des Sängers der Band, Angelo Bergamini, mit faschistischen Zeitschriften, Verlagen und Bewegungen.

DER AUFTRITT VON KIRLIAN CAMERA WURDE VOR WENIGEN TAGEN VOM VERANSTALTER ABGESAGT!

Hintergrund dieser Entscheidung ist unseres Wissens nicht unser Schreiben, sondern aktuelle Ereignisse auf der laufenden Deutschland-Toumee von Kirlian Camera. Bei ihrem Auftritt in Berlin mit der englischen Band Attrition hielt sich eine Gruppe von Neonazis auf. Nach dem Auftritt der Bands gab es Angriffe auf den Tourbus von Attrition. Die englische Band, die mit rechtem Gedankengut nichts zu tun haben will, beschloß daraufhin die Tournee abzubrechen und nach England zurückzukehren. Von Attrition existiert dazu auch eine Presseerklärung. Der Bremer Veranstalter entschloß sich aufgrund der jüngsten Ereignisse dazu, das Bremer Konzert mit Kirlian Camera abzusagen. Unseres Wissens ist auch das Konzert in Gießen abgesagt worden und der Kirlian CameraAuftritt am 3. Oktober 1999 in der Kulturfabrik Krefeld fand ohne die Vorgruppe Laudanum statt. Wir begrüßen aufgrund der uns bekannten Fakten über Kirlian Camera und ihre Verstrickungen mit rechtem Gedankengut die Entscheidung des Bremer Veranstalters außerordentlich, das Kirlian Camera nicht in Bremen auftreten werden. Ebenso wie die Entscheidungen der Bands Attrition und Laudanum sind sie für uns ein Zeichen, daß es in unserer Gothic- / Wave-Szene nicht nur rechte Tendenzen, sondern auch Zivilcourage gibt.

Grufties gegen Rechts / Music for a new society
Bremen, 4. Oktober 1999

_________________________________________

Orkus 11/99

Nachdem Attrition nach ihren Berliner Gig mit Kirlian Camera von rechtsradikalen Anhängern eben jener Band angegriffen wurden, sagten sie sofort alle folgenden Deutschland-Termine mit Kirlian Camera ab. Attrition wollen sich hiermit bei den deutschen Fans entschuldigen. aber die Band hält es für überaus notwendig, gegen jegliche rechte Tendenz sofort einzuschreiten. Eventuell falsch Beschuldigte sollten nach Meinung der Band eine offizielle Gegendarstellung herausbringen. Alle ausgefallenen Termine ihrerseits verspricht die Band aber Anfang nächsten Jahres ganz sicher nachzuholen. Zur Absage des Konzertes am 10. Oktober im Bremer -Tower- hier die Stellungnahme des Club Noir:

Mit Bedauern müssen wir euch mitteilen, dass wir das geplante Konzert mit Kirlian Camera, Attrition und Breathe nicht veranstalten konnten. Der -Tower- Bremen war nicht mehr in der Lage. das Konzert stattfinden zu lassen. da davon auszugehen war, dass es von Seiten verschiedener Gruppierungen (Grufties gegen Rechts, Antifa etc.) zu Aktionen kommen würde, die die Sicherheit aller Beteiligten gefährdet hätten. Der Club Noir bedauert dies und möchte ausdrücklich darauf hinweisen, dass er die Vorwürfe gegen die Band Kirlian Camera nicht teilt.

_______________________________________

Lesebrief der Grufties gegen Rechts Bremen zu obenstehenden Artikel

Liebe Orkus-Redaktion,

bezugnehmend auf die Kurzmeldung im Orkus 11/99 (S. 16) möchten wir euch hiermit kurz unsere Seite des Disputs darlegen:

Im Vorfeld des Kirlian Camera Konzertes im Bremer „Tower“ am 10. 10. 99 verschickten wir die beiliegende Presseerklärung an die regionale Presse und an die Konzertveranstalter. Wie der Presseerklärung zu entnehmen ist, richtete sich unsere inhaltliche Kritik weder gegen den „Club Noir“ als lokalen Veranstalter, noch gegen den „Tower“ als Veranstaltungsort. Abgesehen von dieser Presseerklärung waren unsererseits keinerlei „Aktionen“ geplant und erst recht keine, die die „Sicherheit irgendeines Beteiligten gefährdet hätten“. Unsere Tätigkeiten bestehen darin aufzuklären und zu informieren. Zur Verdeutlichung unseres Selbstverständnisses legen wir euch unsere Selbstdarstellung bei. Auch von Seiten der Bremer Antifa sind uns keinerlei Aktivitäten bezüglich des Konzertes bekannt geworden. Uns ist schleierhaft, womit der „Club Noir“ den in seiner Presseerklärung geäußerten Vorwurf begründet.

Da es in einer Stadt wie Bremen selbstverständlich persönliche Kontakte untereinander gibt, gab es auch Gespräche über dieses Konzert. In einem dieser Gespräche sagte uns der Veranstalter des „Club Noir“, der Hauptgrund für die Absage sei die Erklärung von Attrition gewesen, mit denen er persönlich befreundet sei. Aus diesem Grunde haben wir in einer weiteren, ebenfalls beiliegenden, Presseerklärung den Schritt des Veranstalters ausdrücklich begrüßt.

Da es sich bei der Aussage des „Club Noir“ um eine Fehlinformation handelt, die erfahrungsgemäß dahingehend ausgelegt werden wird, daß wir mit gewaltsamen Mitteln versuchen würden Konzerte zu verhindern, bitten wir euch diesen Sachverhalt in eurer nächsten Ausgabe richtigzustellen.

Bremen, 4. 11. 99

Quelle: Grufties gegen Rechts Bremen