Archiv für August 1999

Antifa heißt Quo Vadis

Es klumbt wieder

Josef Klumb ist wieder da. Zwar war er nie weg, und doch ist er nun wieder da. Absurd, denken Sie nun. Da haben Sie recht: Absurd heißt die Band, an die Klumb als Galionsfigur des rechtsextremen Flügels der Darkwave- und Gothic-Szene nun angedockt ist.

Absurd wurde 1993 durch einen Mord bekannt. Band-Sänger Hendrik Möbus kommentiert die Ermordung seines früheren Mitschülers mittlerweile als „Beendigung eines Lebens eines lebensunwerten Geschöpfes“. Die Bandmitglieder machten nie einen Hehl aus ihrer Nazi-Gesinnung. Ein frühes Demo-Band widmeten sie den „volksdeutschen Kameraden in Schlesien und Pommern, für immer vereint im Großgermanischen Reich“.

Vor einem knappen Monat hat die Erfurter Black-Metal-Band nun eine neue CD veröffentlicht. Sie ist im Label IG Farben Produktion erschienen und heißt „Asgardsrei“ – benannt nach „jener halbmythisch, halb-realen Armee aus Gotteskriegern, welche ihr Leben dem Dienst an Wotan geweiht haben“, wie Möbus erklärt.

Im Beiheft zur CD ruft Absurd „zu den Waffen“ und fordert, das Leben und Handeln dem Kampf für Wotan zu widmen. Die Krieger der Vergangenheit sollen dafür Leitbild sein. Dazu zählt Möbus auch die Waffen-SS – „germanische Edelmänner (Ö) im Dienst einer geheiligten Sache“.

Möbus weiß neben der SS aber noch mehr zu mystifizieren: „Zwei Musiker aus der Gothik/Wave-Szene haben für uns das Lied (‚Sonnenritter‘; C.D.) komponiert und aufgenommen, wir addierten dann nur noch Gitarre und zweiten Gesang dazu. Einer dieser Musiker wurde recht bekannt durch die Affäre seines Rauswurfs aus einer Band, welche bei SONY MUSIK unter Vertrag steht“, erklärte er dem Fanzine MoinMoin (Nr. 3, 1999).

Gemeint ist Josef Klumb. Durch die Zusammenarbeit mit Absurd sind seine „Sonnenritter“, geleitet vom Symbol des SS-Ahnenerbes, der Schwarzen Sonne, „emporgestiegen aus dunkler Tiefe, (Ö) um zu lösen Heimat aus Feindesland“ (Liedtext). Sie sind die arischen Kämpfer für Wotan und das neue Reich. Organisiert werden soll der Kampf von der Internationalen Organisation der Allgermanischen Heidnischen Front. Deren Begründer in Deutschland heißt Hendrik Möbus.

Klumb, der sich seit seinem Rauswurf bei Weissglut immer wieder als Opfer einer Medienkampagne wähnt, wird nun wohl ein weiteres Mal alle Vorwürfe von sich weisen: Er sei kein Rechter, habe nichts mit der extremen Rechten zu tun, seine Beiträge für die Zeitschrift Sleipnir – die als deutsche Agentur der internationalen Szene der Holocaustleugner fungiert – würden nichts beweisen usw.

Vielleicht wird er auch – ähnlich wie bei seinem Freund Symanek – darauf abheben, daß Möbus kein Rechter und im Grunde ein netter Mensch sei.

Christian Dornbusch

Quelle: Jungle World

Cameraden bei „Zillo“

Auf dem Zillo-Festival in Hildesheim soll die rechtsextreme Band Kirlian Camera spielen

Bei Zillo ist alles easy. Deswegen spielen nicht nur Bands wie Deine Lakaien und Paradise Lost am 14. und 15. August auf dem Hildesheimer Festival, das von dem Independent-Magazin Zillo organisiert wird.

Neben dem national gewendeten NDW-Opa Joachim Witt ist die rechtsextreme Band Kirlian Camera angekündigt, die auch beim diesjährigen Leipziger Wave & Gotik-Treffen mit dabei war. Angelo Bergamini, Kopf der italienischen Elektro-Wave-Gruppe, verabschiedete sich letztes Jahr bei einem Konzert in Berlin mit der neonazistischen Variante des Hitlergrußes.

Was manche unter dem Label „künstlerische Freiheit“ als Provakation relativieren, ist für andere zu Recht ein Protestgrund. Denn Bergamini verharmlost nicht nur den Nationalsozialismus („das wirkliche faschistische Verbrechen ist die Dummheit“) und bezeichnet Amerika als „Seuche“. Er verehrt überdies den 1938 ermordeten rumänischen Faschisten und Antisemiten Corneliu Zelea Codreanu.

Codreanu, Gründer der Legion Erzengel Michael (1927) und der Eisernen Garde (1930), hat Kultstatus im rechtsextremen Musik-Underground. Auf der CD „Todesengel. The Fall of Life“ auf dem Track „U-Bahn V. 2 ‚Heiligenstadt‘“ sampelte Kirlian Camera eine Rede Codreanus. „Ich nahm den Song im Februar 1989 mit einem Teil von Codreanus Rede auf. Zu dieser Zeit suchte ich solches Material, um seine Legion zu ehren“, erzählt Bergamini im rechten Darkwave-Fanzine Sigill (Heft 12). Auch in Büchern über die Eiserne Garde fand er „einige interessante Sachen, aber es ist schwierig, all den Judenhaß zu akzeptieren“.

Selbst der der Totalitarismustheoretiker und Revisionist Ernst Nolte schätzte bereits 1966 Codreanus Eiserne Garde „nicht nur als faschistisch“ ein: „Sie ist vielleicht sogar die interessanteste und vielseitigste aller faschistischen Bewegungen, weil sie (…) ebensowohl vorfaschistische wie radikalfaschistische Kennzeichen in sich vereint.“ Die Legion hatte nach Nolte „nur eine Hauptintention, den Kampf gegen das Judentum und alles, was ihr als ‚jüdisch‘ galt“. Antisemitismus war nicht nur ideologische Grundlage, sondern Motivation für den „individuelle(n) Terror“ der Legion.

Bergaminis Versuch, Codreanu ohne Antisemitismus zu rezipieren, ist allenfalls propagandistischer Schrott. „Es gibt schon einen Bezug zwischen ihm und der musikalischen Atmosphäre“, heißt es im Sigill-Interview. Dies paßt gut in die Strategievorstellungen neurechter Kulturkämpfer, über eine scheinbar neutrale, „unpolitische“ Ästhetik ihre Weltsicht unter die Leute bringen zu wollen.

Für den kulturkampferprobten rechtsextremen Verlag VAWS produzierte Bergamini den Track „Stalingrad“1, der 1998 auf dem Sampler zu Ehren des Nazi-Bildhauers Josef Thorak (Jungle World, Nr. 42/98) erschien. Auch in der aktuellen Ausgabe von Zillo (Juli/August 1999) kommt der Codreanu-Freak mit Verharmlosungen zu Wort: „Die Ästhetik des Dritten Reiches ist zweifellos faszinierend. (…) Nun, ich mag die Nazi-Ästhetik, das kann ich nicht leugnen“, äußert er unwidersprochen in einem Interview mit Dirk Hoffmann.

Und wie viele andere Kameraden, die eine „Querfront“ (Jungle World, Nr. 11/99) propagieren, verweist Bergamini auf frühere Bandmitglieder, „Schwarze, Weiße, Juden, Faschisten, Kommunisten, Christen, Schwule, Anarchisten“, um den Neofaschismus-Vorwurf zu entkräften.

Ebenso kritiklos hatte Hoffmann bereits 1994 und 1996 über Kirlian Camera in Zillo berichtet. Kein Wunder, war damals noch Rainer ‚Easy‘ Ettler Herausgeber der Zeitschrift: Die Junge Freiheit (JF) konnte mit einem Bild von Forthcoming Fire um Josef Klumb eine Anzeige schalten. Zuvor hatte es schon regelmäßige Mitteilungen über Veröffentlichungen des VAWS gegeben. Mit Peter Boßdorf war zeitweise sogar ein JF-Stammautor ständiger Mitarbeiter bei Zillo.

Ettler distanzierte sich zwar nach Protesten aus der Szene, zugleich verharmloste er das Problem durch totalitarismustheoretische Gleichsetzungen von Rechts und Links. Erst nach Ettlers Tod hat sich Zillo gegen rechte Vereinnahmungsversuche gewehrt und Boßdorf vor die Tür gesetzt. Heute jedoch scheint Zillo wieder ganz auf der politischen Linie des früheren Herausgebers zu liegen.

Beim Leipziger Wave & Gotik-Treffen über Pfingsten hatte das Magazin eine Podiumsdiskussion zum Thema „Eine braune Flut – gibt es rechte Tendenzen in der Schwarzen Szene?“ geplant. Neben Vertretern der Bremer DJ-Initiative Grufties gegen Rechts und dem Sozialwissenschaftler Alfred Schobert waren Campino, Joachim Witt, Rammstein und Gabi Delgado (DAF) geladen.

Da von den Musikern nur Witt zusagte, sollte der Ex-Weissglut- und Forthcoming Fire-Sänger Klumb die Lücke füllen. Angesichts früherer Gewalttätigkeiten und Klumbs Verstrikkung in den Rechtsextremismus, sagten Schobert und die Bremer Initiative ab. Klumb sollte keine Gelegenheit geboten werden, über eine öffentliche Diskussion wieder aufgewertet zu werden.

Zillo sieht das anders und begibt sich auf argumentativen Kuschelkurs mit den Rechten. Mitarbeiter Ecki Stieg klagt über die „faschistoide(n) Methoden“ von Klumbs Kritikern und findet es „falsch“, diesen als „‚rechtsradikalen Funktionär‘ zu stigmatisieren“. Joachim Witt bläst ins gleiche Horn und halluziniert von einem „weiten Feld faschistoider Repressalien“. „Pathos ist eben nicht gleich Nationalsozialismus“, meint der „überzeugte Humanist“ und PDS-Wähler Witt.

Bei Zillo steht man nun in (alt)bekannter Manier über den „Kategorien rechts/links“ und hält durch einen falsch verstandenen Pluralismus eine Flanke nach Rechtsaußen offen. Daß man so den Boden für erneute Infiltrationsversuche der modernisierten Braunen in die Schwarze Szene vorbereitet, zeigt sich in der Jungen Freiheit, die bei solchen Tönen die „Immunität der Szene gegen totalitäre Meinungswächter“ (Nr. 23/99) bejubelt.

In Hildesheim wird bereits gegen den geplanten Auftritt von Kirlian Camera mobilisiert. Festivalplakate wurden mit Boykott-Aufrufen überklebt, und weitere Aktivitäten sind zu erwarten.

Daniel Hügel

Quelle: Jungle World

  1. Anmerkung von new dawn fades: Hier liegt Daniel Hügel falsch. „Stalingrad“ ist eine Band, welche von Bergamini produziert wird, und kein Lied . [zurück]