Archiv für Juli 1999

Braune Strömungen innerhalb der Gruft-Szene

sind kein allzu neues Thema. Auch im Vorfeld des diesjährigen Wave-Gotik-Events wurde das Thema weiter behandelt, u.a. auch im Klaro 5/99. In manchen Medien und einigen Zusammenhängen wurde jedoch recht platt übers Ziel hinaus geschossen und die gesamte Szene zu Nazis erklärt. Entsprechend gereizt war die Stimmung, als das Thema dann während und nach dem Festival weiter angesprochen wurde. Die einen griffen aggressiv jeden Gruft an, was für Faschos sie doch alle wären, die anderen fühlten sich angegriffen, als in Antifapublikationen veröffentlicht wurde, was für Nazis sich auf dem diesjährigen Wave-Gotik-Treffen rumgetrieben haben. Wir veröffentlichen in diesem Zusammenhang einen Artikel, den uns ein „Leipziger Vertreter der schwarzen Szene“ (Selbstbeschreibung) zur Verfügung gestellt hat.

Wir wollen hier darüber hinaus lediglich nüchtern zusammentragen, was an Naziaktivitäten, auf dem Treffen dieses Pfingsten bekanntgeworden ist. Im Kosten an der Seite findet Ihr außerdem jede Menge Beispiele für Nazitendenzen in der schwarzen Szene, die von den „Grufties gegen Rechts Bremen“ zusammengetragen worden sind.

Auf dem Festival stellten sowohl das Dresdner Neu-Rechte Zine „Sigill“, der „Verlag+Agentur Werner Symanek“ (VAWS) (Infos zu beiden: siehe Kasten), als auch „Hagal“ und die Wochenzeitung „Junge Freiheit“ Infostände auf. Letzterer wurde nach Aussagen von TeilnehmerInnen des Treffens jedoch von Grufts dazu gezwungen, wieder abzuhauen. Auf den Veranstaltungen wurden immer wieder Leute gesehen, die vom Auftreten und Aussehen relativ eindeutig dem Faschospektrum zuzuorden sind. Die Fotos sollen nur ein paar Beispiele sein, bekannte Kader sind auf ihnen bisher noch nicht erkannt worden. Es gab Gerüchte über die Sichtung ziemlich relevanter Faschokader wie Christian Worch, diese konnten jedoch nicht bestätigt werden. Es spielte u.A. die rechte Neofolk-Band „Fire&Ice“ ebenso wie Joachim Witt, der in letzter Zeit mit seinen Videos auffiel, in denen durchweg Nazi-Ästhetik kolportiert wurde. Ursprünglich sollte eine Diskussionsveranstaltung der „Zillo“ zum Thema „Braune Flut?“ auf dem Treffen stattfinden, zu der auch der paranoide Antisemit Josef Klump der Band „Weissglut“ eingeladen worden war. Nach ewigem Hin und Her fiel diese jedoch aus (siehe Erklärung der Bremer Grufties).

Die OrganisatorInnen des Festivals versuchten gegenüber der LVZ, das Problem herunterzuspielen und verstiegen sich zu der Aussage, daß es immer „ein paar rechte und linke Spinner“ gebe. Für das Ausfallen der Diskussion wurde an selber Stelle auch noch eine vermeintlich angekündigte Antifa-Aktion verantwortlich gemacht.

Bleibt festzuhalten, daß es nach wie vor ein kleines, aber stabiles Nazi-Netzwerk aus Fanzines, Bands und Labels innerhalb der Gruftie-Szene gibt, daß dieses von vielen Veranstaltern, Labels, Vertrieben etc. aus kommerziellen Gründen nicht boykottiert wird, daß der Mehrheit der Szene das Problem wahrscheinlich egal ist und manche Nazibands wie Death in June sogar umso mehr als Kult gelten, es aber trotzdem (hoffentlich zunehmende) Bestrebungen gibt, den Nazis auch innerhalb der schwarzen Szene das Wasser abzugraben.


Wave‘n’Gotik-Treffen und was ich dazu zu sagen habe

Leipzig ist wieder bunt, nur noch vereinzelt sieht man Gothics, Waver, EBM-er oder wie auch immer Menschen aus der Gruftiszene sich selbst bezeichnen oder von Anderen genannt werden. Müde aber immer noch glücklich gehe ich wieder meinem ganz normalen Leben nach und denke manchmal leicht wehmütig über die vier Tage nach, die in meinem Kalender Jahr für Jahr rot angestrichen sind. Ich bin nicht wirklich überrascht oder unvorbereitet aber trotzdem sehr verunsichert über den Umfang, in dem mir plötzlich Feindseligkeiten, Beleidigungen und latente Gewalt begegnen. Ich selbst werde offen als Faschist bezeichnet, meine Freundin als Faschoschlampe. Völlig undifferenziert wird abgeurteilt, werden Schubladen geöffnet und, nachdem Menschen einsortiert wurden, wieder geschlossen. Und das nicht nur von Menschen auf deren Meinung ich so oder so keinen Wert lege, sondern auch von Menschen die mich eigentlich besser kennen müssten. Innerhalb weniger Tage werden sehr viele Dinge, an die ich glaube, öffentlich in Frage gestellt, von vielen Leuten und in den Medien diskutiert, bewertet und ausgewertet. Alles unter der großen Überschrift „Rechte Grufties“.

Im Folgenden möchte ich meine persönliche, durchaus subjektive Sicht auf die rechten Tendenzen in der schwarzen Szene (die von mir bevorzugte Bezeichnung), auf Vorurteile, Halbwahrheiten und pauschale Beurteilung und Berichterstattung darstellen.

Zum Gruftie wird man sicher genauso wenig geboren wie zum Punk, Hippie oder eben zum
Fascho. Meist sind es sehr persönliche Dinge und Erlebnisse die einen Menschen zum Gruftie werden lassen. Melancholie, Angst und Trauer werden zu vorherschenden Gefühlen. In Musik, Bekleidung und Auftreten findet man, ansonsten oft in sich selbst zurückgezogen, eine Möglichkeit, seine Gefühle auf Umwegen in die Öffentlichkeit zu tragen. Oft ist dies leider auch mit Teilnahmslosigkeit und Desinteresse an politischen Fragen verbunden. Das eigene Ich ist oft das einzige, auf das man sich verlässt, dem man noch vertraut. Freunde werden sehr genau ausgewählt, sind dann aber sehr wichtig. Freund kann auch eine persönlich unbekannte Person, ein Maler, ein Schriftsteller oder auch eine Band werden. Man fühlt sich verbunden durch gemeinsame Ansichten über Leben und Tod, über Trauer und Freude. Politische Bekenntnisse werden eher selten gemacht und sind auch eher selten gefragt. „Grundsätzlich haben die meisten Jugendkulturen zunächst ein unpolitisches Selbstverständnis. Sie enthalten immer Elemente die eher reaktionär sind, aber gleichzeitig auch solche, die in eine emanzipatorische Richtung weisen. Manche Subkulturen entwickeln sich nach links und politisieren sich. Andere werden durch ähnliche Prozesse, z.T. durch gezielte Unterwanderung, zum Objekt der extremen Rechten …“ (Antifaschistisches Infoblatt, Nr. 35, S.22) Die schwarze Szene mag von außen im großen und ganzen als unpolitisch erscheinen, ist aber sicher schon lange nicht mehr „politisch indifferent“. Und sicher wird sie sich in nächster Zeit immer mehr äußern müssen, da sie vor allem von außen politisiert wird. Sehr viele Projekte, Bands und Einzelpersonen greifen immer mehr politische Themen auf und machen ihre Meinung, auch gegen rechts, sehr deutlich klar.

Unkommentiertes Verwenden von Symbolen, das Auftreten bei Konzerten, gewisse Vorstellungen über Ästhetik können sehr schnell in fast jede Richtung, auch nach rechts, interpretiert werden. Diese Interpretation erfolgt sicher sowohl vom künstlerischen Standpunkt aus, als auch vom politischen, Aber gerade der politische Standpunkt ist oft gar nicht vorhanden. Und gerade deswegen ist es eben auch so schwer, sich in gewissen Fällen zu verteidigen, in denen eine politisch motivierte Interpretation erfolgt, die der Betreffende oft nicht beabsichtigt hat. „Die Gothik-Szene zeigt tatsächlich bestimmte Ansatzpunkte für rechte Beeinflussung. Sie orientiert sich an der irrationalen Romantik, verwendet eine rückwärtsgewandte Symbolik (Frakturschrift, Runen etc.), liebäugelt mit esoterischem ‚Wissen‘ und hat eine offene Flanke zu Okkultismus und Satanismus (AIB, Nr. 35, S.22). Aber nicht alles, was nicht in Richtung Zukunft, Erneuerung und Verbesserung zielt, ist deswegen „erzkonservativ“. Sehr viele Ansichten, Werte und Glaubensrichtungen sind einfach nur Flucht aus der realen Welt, gedankliches Leben in einer besseren so nicht oder nicht mehr vorhandenen Realität. Man kann die Verehrung heidnischer Götter, Okkultismus, die Benutzung germanischer Runen oder das martialische Auftreten mancher Band sicher sehr leicht in nationalsozialistische Zusammenhänge bringen. „Als … die Gruppe Hagalaz Rune Dance auf die Bühne tritt, versammelt sich auf den vorderen Rängen eine größere Anzahl streng gescheitelter, sonnenbebrillter Männergestalten. Allesamt ausgestattet mit schwarzen Hemden und Krawatten. … was kein Wunder ist. Ein blonder Joan Baez-Verschnitt singt mit verklärter Mine romantische Lieder. Dazu schlagen sehr ernst dreinblickende junge Männer auf ihre Trommeln ein. Teils verziert mit halbierten Rautenmustern sehen die Trommeln aus wie jene, die Neonazis gern auf ihren Demonstrationen mitführen, und es klingt auch so. Schicksalsschwangeres dumpfes Donnergehall, vorgetragen in einem stark beschleunigten Marschrhythmus. Frenetischer Jubel, als die Sängerin demonstrativ feierlich zur Volksweise ‚Die Gedanken sind frei‘ anhebt. Wenig später erscheint die italienische Combo Camerata Mediolanense mit einer Sopranistin und einem ganzen Trommlercorps, um eine ähnliche Show abzuziehen.“ (Jungle World, Nr. 23, S.29)

Ich finde diese Art der Bewertung einer Band über einen extrem geringen Teil ihres Publikums sehr oberflächlich. Man sollte nicht einfach die Benutzung von Symbolen und Art und Weise des Auftretens mit der Meinung derer gleichsetzen, die gleiche und ähnliche Dinge in extrem negativer Absicht benutzen oder benutzt haben, es gibt auch einige (Gruppen d.A.), die schon mehr oder weniger lange mit okkulten und … geschichtlich belegten Symbolen und Figuren hantieren … Diese Bands sollte man natürlich ganz genau abklopfen, aber selbst wenn sich nicht alle von ihnen solchen Vorwürfen stellen, sollte man vorsichtig sein, und sie nicht sofort in eine rechte, faschistische Ecke stellen.“ (AIB, Nr. 35, S. 24 ) Leider ist es aber immer mehr so, dass nur noch pauschal geurteilt wird, daß Erklärungen verlangt werden, die viele Bands eigentlich gar nicht geben wollen.

Aber selbst wenn ein Projekt oder eine Band sich öffentlich äußert, scheint das immer noch nicht auszureichen. Ein Beispiel dafür mag das Projekt Feindflug sein. Feindflug benutzen während ihrer Konzerte unter anderem Samples aus alten Filmen, Dokus und aufgezeichnete Reden. Unter anderem auch die Erklärung über den Angriff Deutschlands auf Polen von Adolf Hitler, vom 1.9.1939, dem Beginn des zweiten Weltkrieges. Dieses Sample war nur ein TEIL eines Ganzen Konzertes. in dem ein Lied mit dem nächsten zu tun hat, das einem Konzept folgt, eine Geschichte erzählt. In der TAZ ist zu lesen: „Eine Erklärung von Feindflug ist vorsichtshalber noch einmal am Eingang vom Werk 11 an eine Tür gepinnt. „Jede Form der Verherrlichung/Verharmlosung des Zweiten Weltkrieges widerspricht der Intention des Projektes“ … die Leute sollen durch die Musik von Feindflug zum Nachdenken angeregt werden. Es geht bestimmt nicht darum, rechte Ideologie zu verbreiten. „…Den tobenden Fans vor der Bühne hatte man den Denkanstoss allerdings nicht direkt angesehen.“ (TAZ, 26.5.99, S. 13) Die Gruppe reagierte dann doch noch in einem Leserbrief: „… unsere ansatzweise zitierte Erklärung hätte ich gern vollständiger gelesen, da noch einige Sätze folgen, die durchaus einen weiteren (im Sinne von weit) Blick eröffnet hätten. Ausgesprochenen Wert legen wir zum Beispiel auf die Aussage ´Use your brain, and think about it‘… Auch hatte ich darauf hingewiesen, dass die Musik von Feindflug unbedingt als geschichtlicher Zyklus zu sehen ist und man in diesem Zusammenhang nicht einfach einzelne Punkte (speziell auf diesem einem Hitlerzitat baut der TAZ-Artikel auf d.A.) unreflektiert herausgreifen kann, ohne diese in Verbindung zum Rest zu setzen. … ich möchte hier also nochmals zu Protokoll geben, dass die Musiker von Feindflug keinerlei faschistoides Gedankengut vertreten und auch nicht propagieren.“ Und da man sowieso schon mal dabei war, aus einer sehr bedenklichen Splittergruppe innerhalb der schwarzen Szene ein allgemeines Problem zu machen, wurde im oben zitierten Artikel auch die italienische Band Kirlian Camera als rechts abgestempelt Grund: Das einmalige Zeigen des Hitlergrusses bei einem Konzert in Berlin. Unerwähnt blieb aber, dass mindestens zwei der Gruppenmitglieder, unter anderem der Sänger und Texter, in ihrer Heimat vom ‚Staatsschutz‘ als linksradikal eingeschätzt werden und deshalb überwacht werden. Als differenzierten und objektiven Journalismus kann ich so etwas nicht mehr bezeichnen. Und solange sehr viele Sachen derartig aufgebauscht werden, um immer neue Bestätigungen für Rechtsextremismus in der schwarzen Szene zu finden, sollte es nicht wundern, wenn viele Bands sich gar nicht mehr äußern. Mir persönlich reichen die wenigen eindeutig faschistoiden „Szenemitglieder“ und Projekte schon. Es gibt sie, und ich stelle die Notwendigkeit einer Gegenbewegung nicht in Frage.

„Es ist festzustellen, dass es im … Neofolkbereich ein kleines, aber festes Netzwerk von Zeitschriften, Musiklabels und Bands gibt. Durch ihre Arbeit schaffen sie Anknüpfungspunkte zu rechtsextremen Gruppen, die ihrerseits eigene Inhalte in die schwarze Szene hineintragen (dürfen). Ursache und Wirkung sind nicht immer voneinander zu trennen, vielmehr besteht eine Wechselwirkung zwischen dem Stil weiter Teile der Neofolker und der Einflussnahme von außen. Solange das unpolitische in der Gruftiszene eine Art Freibrief für rechtsextreme Kräfte darstellt, solange werden rechte/rechtsextreme Inhalte innerhalb der Szene beheimatet sein. Antifaschistische Interventionen von außen werden aber immer nur einen begrenzten Erfolg haben, da sie an der Eigendynamik der Szene, u.a. an dem ‚wir-sind-eine-grosse-Familie-Gefühl scheitern werden. Das Ende der ‚Toleranz der Intoleranz‘ kann nur aus der Szene kommen, nicht von außen.“ (AIB, Nr. 47, S. 33)

Nun war es leider so, dass bei einigen Konzerten eindeutig faschistoide Leute auftauchten. Auch durchaus wichtige Leute aus der rechten Szene wurden gesehen und haben auch keineswegs versucht, sich zu verstecken. Und leider war es auch so, dass nur sehr wenige etwas dagegen gesagt oder getan haben. Insofern sind Aussagen über „Kritiklosigkeit, Ignoranz und Beliebigkeit“ der Szene gerechtfertigt, sollten aber nicht zu einem pauschalen Urteil über die politische Orientierung der Szene führen. „Selbst in der Dark-Wave Szene … sind mit unterschiedlichem Einfluss oder Erfolg Strömungen geblieben oder am Entstehen, die sich nicht nur offen gegen rechts wenden, sondern auch die Gedankenlosigkeit der eigenen Leute thematisieren. Die antirassistische Bewegung sollte sich um Differenzierung bemühen und sich dort als Ansprech- und Austauschpartner anbieten.“ (AlB, Nr. 39, S. 8 ) Nicht aber als Ankläger einer ganzen Szene.

Einige Tatsachen möchte ich hier nicht unerwähnt lassen.

- Es gab vor, während und nach dem Festival sehr viele Bands und Einzelpersonen, die sich sehr deutlich gegen rechts aussprechen.

- Auf öffentlichen Foren beim Festival wurde mit sehr vielen Besuchern auch über politische Themen diskutiert.

- Ein Stand der „Jungen Freiheit“ wurde noch vor Ende des Aufbaus von Besuchern „entfernt“.

- Es bilden sich immer mehr AGs und Initiativen gegen rechts innerhalb der Szene.

- Auch von Besuchern wird immer mehr Kritik an der „Sorglosigkeit“ des Veranstalters, in Bezug auf politische Meinungsäußerung und rechte Tendenzen geübt.

Ich glaube und hoffe die Szene wird sich effektiv gegen weitere Einflussnahme von rechts wehren. Nur sollte man Ihr auch eine Chance geben, bevor der Sack zugemacht und der Knüppel rausgeholt wird. Fragen, Kommentare und Informationen zum Thema interessieren mich weiterhin. Meinerseits ist dies nur ein Anfang und eine direkte, sicher sehr persönliche, Reaktion auf die Ereignisse vor, während und nach dem Festival.

O.H. im Klarofix 07 / 99

Quelle: Grufties gegen Rechts Bremen