Braune Graswurzelrevolution in der schwarzen Szene?

Über den neurechten Kulturkampf und Widerständiges aus der Gothic-Szene

Artikel aus dem Antifaschistischen Infoblatt 07 / 99

Seit Mitte der 90er läuft die Auseinandersetzung über den neurechten Kulturkampf in der “Dark Wave / Gothic” – Szene. Mittlerweile können wir nicht nur auf eine widerwärtige rechte Kampagne zurückblicken, sondern auch auf einen wachsenden Widerstand innerhalb der Szene selbst. Eine Zwischenbilanz der Initiative “Grufties gegen rechts / Music For A New Society” (Bremen).


I. Von der “Jungen Freiheit” in die Szene: Der rechte Kulturkampf

“Nur die Spitze eines Eisberges ist sichtbar. Die Masse liegt im Verborgenen und lauert.” (Inschrift auf der CD “Die Brut” (1992) der Dark Wave-Band Goethes Erben)

Theoretiker der “Neuen” Rechten begannen Anfang der 90er Jahre nachzudenken über ein Thema, was den Nazis scheinbar per se diametral entgegenstand: Popmusik. Während klassische Rechte diese irgendwo zwischen “Negermusik”, “amerikanischer Massenkultur”, “Dekadenz” und “Heimatlosigkeit” verorteten, begannen einige ihrer realistischeren Köpfe zu begreifen, daß sie mit ihrer starren Ablehnung keinen Pfifferling mehr ernten würden. “Pardon, ich höre Popmusik” überschrieb der Österreicher Jürgen Hatzenbichler (Mitglied der FPÖ) einen Artikel in “Nation& Europa” (3-4/91), in welchem er sich von “afrikanischen Strömungen”, “schnelle(n) Rhythmen und auf Gestammel reduzierte(n) Texte(n)” distanziert, um gleichzeitig zur Herausbildung einer rechten “Gegenkultur und Alternativkultur” aufzurufen. Was bei ihm noch mit “Provokation” untertitelt war, präsentierte Roland Bubik, Stipendiat der Konrad-Adenauer-Stiftung,im Herbst 1993 in der Jungen Freiheit unter dem Schlagwort: “Die Kultur als Machtfrage”.Angelehnt an den italienischen Kulturphilosophen und Klassiker der Anti-Moderne Julius Evola (1898 – 1974), den Umberto Eco als “faschistischen Guru” beschrieb, sieht er in Teilen der Popmusik Anknüpfungspunkte für die von Evola postulierte “Revolte gegen die moderne Welt” und kommt zu dem Ergebnis: “…die Jugendkultur von heute bietet erfolgversprechende Ansätze hierfür. (…) Ein merkwürdiges Bewußtsein, in einer Phase des Niedergangs zu leben, ist virulent, vom “age of destruction” ist die Rede, die Parties der Tekkno-Szene gleichen makabren Totenfeiern einer Epoche. Man (…) mißtraut der Erklärbarkeit der Welt, wendet sich sogar rückwärts, etwa in Form der verschiedenen Independent-Szenen.” (JF 10/93) Nachdem Bubik‘s Träume von der Techno-Szene (“Stahlgewitter als Freizeitspaß”) sich bald als Schäume entpuppten (“seelische Vergewaltigung durch Beat-Computer und Masse”), versuchte er in der Neo-Folk-und Gothic-Szene Anknüpfungspunkte zu finden. Er nennt Bands wie Dead Can Dance oder Qntal, deren “mittelalterliche” Musik “eine andere Sprache als die der Moderne” spreche. In Wahrheit haben beide Bands nichts mit rechtem Gedankengut zu tun. Qntal gehören in den Kreis der deutschen Dark Wave – Bands (Deine Lakaien, Estampie, Das Ich), die sich wiederholt und vehement gegen den rechten Kulturkampf zu Wort gemeldet haben.Und Bubiks Redaktionskollege Peter Bossdorf (s.u.) mußte feststellen, daß Dead Can Dance längst nicht auf eine Rezeption mittelalterlicher Musik zu reduzieren sind und keine (musikalischen) Grenzen kennen. Anläßlich ihrer CD “Spiritchaser” (4 AD/Rough Trade 1996) stellt er enttäuscht fest: “Man parodiert in gezierter Pose den Orient, (…) begleitet von nicht mehr an Langeweile zu übertrumpfenden Percussion-Einlagen der Marke Dschungel. (…) Wenn dies Weltmusik sein soll, ist die Welt nicht zu beneiden” (JF 29/96).

Doch es gab durchaus reale Anknüpfungspunkte in der Szene: Bubiks Lebensgefährtin Simone Satzger (alias Felicia), Sängerin der Gruft-Band Impressions Of Winter, propagierte 1995 eine rechte Kulturinstrumentalisierung und empfahl, “sich aktuellen kulturellen und politischen Phänomenen zu öffnen, um sie für die eigenen Zwecke zu nutzen” (aus “Elemente”, in: “Wir 89er” von Roland Bubik (Hg.), 1995). Darüber hinaus existierten schon damals eine Reihe von Bands mit tatsächlich rechten Inhalten.

Von Interesse für die “Neue” Rechte war zudem ein in der Gothic-Szene verbreiteter Hang zum Mystischen. Auch die Bezüge von Teilen der Szene zu Romantik, Heidentum und Esoterik sind für die Rechten von Interesse, da sie als Anknüpfungspunkt für rechte Propaganda dienlich sind.

Die “Operation Dark Wave” nahm in der Jungen Freiheit ihren Lauf. Über einen Nachwuchswettbewerb konnte eine mit Dark Wave vertraute Schreiberin gefunden werden. Diese schmiß freilich bald das Handtuch und warnte schließlich eindringlich vor dem rechten Kulturkampf und gab den Gothics mit auf den Weg, daß sie für die Rechten nur “nützliche Spinner auf dem Weg zur Macht” seien (Zitat aus dem Offenen Brief an den damaligen Herausgeber des Zillo-Musikmagazins Rainer “Easy” Ettler, 1996). Leider wurde der Brief vom Zillo bis heute nie abgedruckt, obwohl er damals genau dort hingehört hätte und bis heute keine breite Debatte darüber stattgefunden hat.

Mit Peter Bossdorf, der auf eine lange Vergangenheit u.a. im Thule-Seminar und bei den Republikanern zurückblicken kann, konnte Mitte der 90er Jahre ein Junge Freiheit-Redakteur in der auflagenstärksten Zeitschrift der “Independent Szene” plaziert werden: Das Zillo unter seinem damaligen Herausgeber Rainer “Easy” Ettler war sich zudem nicht zu schade, wiederholt rechte Anzeigen abzudrucken, darunter auch der Jungen Freiheit (Zillo 2 / 96).

Die Liaison Zillo / Junge Freiheit war aufgrund von Protesten aus der Szene selbst bekanntgeworden: das Hamburger Wave-Label Strange Ways (u.a. Goethes Erben) und der Vertrieb Indigo machten den Skandal öffentlich. Erst nach dem Tod des Zillo-Chefredakteurs Rainer Ettler wurde Peter Boßdorf im Frühjahr 1997 endlich vor die Tür gesetzt. Neuer Chefredakteur wurde Joe Asmodo.

Doch damit war der rechte Kulturkampf nicht zu ende. Die Junge Freiheit bespricht bis heute wohlwollend Platten, Bands und Zeitschriften (nicht nur) aus dem rechten Spektrum der Dark Wave – Szene; der Medienhype der sog. “Neuen Deutschen Härte” war für die JF willkommener Anlaß, sich für die kritisierten Künstler (Weissglut, Rammstein und Witt) ungeachtet aller offensichtlichen Unterschiede einzusetzen (JF 47/98). Mittlerweile erscheinen selbst im NPD-Organ Deutsche Stimme Artikel zum Thema, so etwa über Joachim Witt (Deutsche Stimme 3 / 99). Mittlerweile haben sich am rechten Rand feste Strukturen herausgebildet und vernetzt. So sind Verlage, Zeitschriften, Konzertveranstalter und eine ganze Reihe von Bands durch eine kontinuierliche Arbeit für die Sache einer rechtsextremen “Kulturrevolution” aufgefallen.


II. Zentrale Säulen des rechten Kulturkampfes

1. Der VAWS: Nazi-Propaganda, Musik & Kommerz

“Es beherrscht unser Leben / es bringt kein Heil,
ich schreibe ein paar Zeilen / das Wetter hier ist fein,
doch dröhnt es Tag und Nacht / durch Lautsprecher.”

(Siouxsie & The Banshees 1979, Mittageisen (Metal Postcard), dem kommunistischen Montagekünstler John Heartfield gewidmet)

Neben der Jungen Freiheit besonders negativ aufgefallen ist in den letzten Jahren immer wieder der Verlag & Agentur Werner Symanek (VAWS). Der von Werner Symanek gegründete Vertrieb verbreitet eine Herrn Frey durchaus ebenbürtige Palette rechtsextremer Videos: “Auf den Spuren Ostpreußens” (“Durch den Zerfall der UdSSR rückt Ostpreußen wieder in das Blickfeld deutscher Interessen. Ist eine Rückkehr Ostpreußens zu Deutschland möglich?”), “Die Waffen-SS: Hitlers Elitetruppe”, “Erwin Rommel: der Wüstenfuchs” (“Seine legendären Siege…machten Rommel zu einem der bekanntesten Kriegshelden.”) und Leni Riefenstahls Olympia-Filme. Das Buchsortiment enthält u.a. Bücher über den “Hitler-Putsch” und den darauffolgenden Prozeß (“alle (!) stenographisch erfaßten Aussagen Hitlers unkommentiert…”), Rechtstips vom Deutschen Rechtsbüro für “Mäxchen Treuherz, (den) wackere(n) Streiter für die ‚Nationale Sache‘”, damit “es ihm gelingt, innerhalb der bestehenden Rechtsordnung trotzdem für seine Ideale wirken zu können” (“Mäxchen Treuherz und die juristischen Fußangeln”), und, natürlich: antisemitische Hetze (VAWS über die biblische Königin Esther: “Es gibt kein anderes Volk auf der Welt, das den Mord an 75.000 Menschen zum Anlaß eines seiner höchsten Feiertage erwählt hat.”). Im VAWS-Report werden verschwörungstheoretische Bücher gegen das Finanzkapital verbreitet (Rubrik: “Insiderwissen”), aber auch Bücher über Nazi-Architekten (Albert Speer) und “Aktfotographie in den 30er und 40er Jahren”. Wenn es in das inhaltliche Konzept des VAWS paßt, dann werden auch Titel aus seriösen oder gar linksradikalen Verlagen vertrieben, so etwa “Der kleine Abhörratgeber”(Verlag id-Archiv) oder linke Bücher zu Themen wie EG, MAI-Abkommen oder Geheimdiensten. Hin und wieder kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, daß hier nicht nur Nazis, sondern auch Psychopathen am Werke sind: “Deutschland muß vernichtet werden” lautet der Titel eines Buches, welches “die weltweit angelegten Pläne zur endgültigen und totalen Vernichtung Deutschlands” enthüllen soll. “Eine in ihrer Quellenvielfalt bestechende Dokumentation über die real existierenden Strategien”. Na dann: Prost!

Auch die seit 1969 erscheinenden Unabhängigen Nachrichten (UN) der ultrarechten UnabhängigenFreundeskreise (UFK) werden durch VAWS verbreitet.Mitglieder der UFK wurden 1994 wegen terroristischer Straftaten verurteilt (bis hin zum versuchten Bombenattentat auf Simon Wiesenthal), immer wieder laufen Verfahren wegen Volksverhetzung und Aufstachelung zum Rassenhaß. Die UN-Redakteure JohannBrandt und Friedhelm Kathagen sind ehemalige SS-Offiziere. Über Artikel etwa zum 8. Mai 45 mit Titeln wie “Alliierter Massenmord am Deutschen Volk” (UN 3/95) braucht man sich also nicht zu wundern.

Doch VAWS wäre nicht VAWS, würde er nur Alt-Nazis, Antisemiten, Verschwörungstheoretiker und Esoteriker bedienen wollen. Der VAWS übt sich auch im Kulturkampf: neben Techno-CD‘s ( “Kicking‘ House Tunes”, “Ravermeister” usw.) vertreibt er die gesammelten Werke der rechten Band Forthcoming Fire inklusive der Gedichtbände ihres Sängers Josef Maria Klumb (alias Jay Kay), der seit Jahren Mitarbeiter bei VAWS ist. 1996 erscheint ein von Klumb zusammengestellter Doppel-CD-Sampler zu Ehren der Nazi-Kultur-Ikone LeniRiefenstahl, der angeblich zum “Verkaufsschlager” wurde und – oftmals sehr unkritische – Besprechungen in einer Vielzahl von Medien erfuhr. Nachdem u.a. die Wave-Zeitung New Life die VAWS-Anzeige dafür abgelehnt hatte, erfand Symanek den Tarnnamen Heliocentric Distribution für den Vertrieb.

1998 erscheint das dem Nazi-Bildhauer Josef Thorak gewidmete Nachfolgeprojekt, zu dem selbst die Junge Freiheit anmerkt: “Für soviel Rehabilitierung reicht tatsächlich eine biographische Skizze aus, die als eine Art Begleitbroschüre erhältlich ist” (JF 2/99). Die CD‘s enthalten ein who is who des rechtslastigen Bereichs der Gothic-Szene: neben den schon erwähnten Forthcoming Fire mit ihren Nebenprojekten Von Thronstahl und Preussak sind auch Death In June (England/Australien), die Band um den SA-Verehrer Douglas Pearce, und Turbund Sturmwerk aus Erlangen auf beiden Samplern vertreten. Letztere lassen sich wie auch Waldteufel (USA), Mjölnir Tonkunst aus Dresden, und Unternehmen Dreizack aus dem Rhein-Main-Gebiet direkt vom VAWS vertreiben.

Die “Riefenstahl-CD” enthält außerdem Beiträge von Strength Through Joy (“Kraft durch Freude”, Irland), Voxus Imp. (Dresden), Allerseelen (Wien), Swirling Swastikas (“Wirbelnde Hakenkreuze”, Italien) u.a.

Für den “Thorak-Sampler”konnten zusätzlich Stalingrad (produziert von Angelo Bergamini / Kirlian Camera, Italien), Egoaedes (ein Projekt von Marco E. Thiel, dem Herausgeber des Nazi-Blatts Europakreuz mit Sitz in Berlin)sowie weitere Bands aus Italien, Spanien, Frankreich, Tschechien und Litauen gewonnen werden, über die uns nichts näheres bekannt ist, weshalb sie hier unerwähnt bleiben sollen.

Das Electro-Projekt PP? war beispielsweise auf dem Riefenstahl-Sampler mit dem Titel “Vive La France”(!) vertreten und distanzierte sich öffentlich, nachdem sie bemerkt hatten, wo sie da gelandet waren. Das japanische Duo Jack Or Jive ist in großer Ahnungslosigkeit auf der Thorak-Compilation gelandet und zeigte sich über das politisch-musikalische Umfeld entsetzt (peinlicherweise gefiel dem JF-Rezensenten deren Beitrag am besten).

Immer wieder versucht der VAWS, auch mit nicht-rechten Bands Geschäfte und Propaganda zu machen. Bereits 1994 schaltete der Vertrieb Anzeigen in Musikmagazinen und vertrieb auch Platten populärer Bands wie Deine Lakaien. Neben der bestellten Ware erhielten Grufties dann Propagandamaterial der UFK! (nachzulesen in: Sub Line 8 und 9 / 94). Das Lakaien-Label Gymnastic Records stoppte damals die Belieferung, nachdem Fans Alarm geschlagen hatten, und legte sich mit dem VAWS an. Umso ärgerlicher, daß derlei Bauerntricks immer wieder funktionieren. Im Sommer 1998 erscheint bei VAWS der Profile Bizarre-Wandkalender 1999, der Fotos von 13 nicht-rechten, aber umso prominenteren Independent-Bands enthält. Die Initiative Grufties gegen rechts hat die Bands angeschrieben und über die rechtsextremen Machenschaften von VAWS aufgeklärt. Bisher kamen distanzierende Antworten von den Einstürzenden Neubauten, Lacrimosa, dem Fan-Club derKrupps,Subway To Sally, Such A Surge und Think About Mutation. Der Mechanismus war bei allen gleich: Eine unscheinbare Promo-Anfrage, wie sie täglich dutzendfach bei den Plattenfirmen eingehen. Über den VAWS wußten Bands und Labels nichts. Alle zeigten sich entsetzt und versprachen in Zukunft die Zusammenarbeit abzubrechen, einige informierten auch andere Bands und Labels.

Es ist also unerläßlich, über dieses faschistische Zentrum aufzuklären und dagegen vorzugehen, um dem VAWS möglichst gründlich das Handwerk zu legen. Die Postfach-Adresse von VAWS ist in Duisburg, nachdem der Verlag durch eine antifaschistische Nachbarschaftsinitiative aus Mühlheim / Ruhr vertrieben werden konnte.

2. Josef Klumb und seine Projekte Forthcoming Fire, Von Thronstahl, Preussak und Weissglut

“Only buy British!” -
“Nazi-Bastard!!!” (Schuß)

(Sample zu Beginn von: Velvet Acid Christ – Futile (Nazi-Bastard-Mix) 1996)

Ein wichtiges Sprachrohr für die VAWS-“Propaganda” (so nennen sie selbst ihren “Medieninformationsdienst”) ist der “ex-Punk” Josef Klumb. Seit Jahren läßt er in Interviews Verschwörungstheorien und deutschtümelndes Gefasel vom Stapel. Daß er in der Zeit, in der er für den VAWS arbeitete, nur Pakete für 12 DM die Stunde packte, weil er gerade arbeitslos war und einen Job brauchte (wie er im “Rock Hard”-Interview 1/99 mal wieder selbstmitleidig weismachen will), ist eine Lüge. Nicht nur, daß er das Vorwort zum ersten Band von “Deutschland muß vernichtet werden” schrieb und auf der Frankfurter Buchmesse 1997 eine gegen die Ausstellung “Vernichtungskrieg” gerichtete Sonderausgabe der “Unabhängigen Nachrichten” verteilte. Noch im Sommer 1998 wurde er hinter dem Verkaufsstand des VAWS beim Zillo-Festival in Hildesheim gesehen.

Daß er die von ihm verpackten Bücher offensichtlich auch mit Interesse gelesen hat, läßt sich auch an seinen Äußerungen erkennen. In einem Interview mit der Zeitschrift Gothic (Nr. 23, Sommer 95) erklärt er auf die Frage, wer denn die “Illuminaten” sind, von denen er auf dem zweiten Album singt: “Es ist die Hochfinanz, es sind die Kräfte, welche hinter ihren Marionetten die Welt bewegen… Das Gesicht dieses kommenden Regimes drückt sich aus durch die UNO, NATO, Weltbank, Zionismus…”. Immer wieder bezieht er sich auf den befreundeten Verschwörungstheoretiker Jan Udo Holey, der unter dem Pseudonym Jan van Helsing die antisemitischen Bände “Geheimgesellschaften I & II” veröffentlichte. Der zweite Band wurde im Februar 1996 in der Schweiz wegen Verstoßes gegen das Anti-Rassismus-Gesetz beschlagnahmt. Als hätte er “Mäxchen Treuherz und die juristischen Fußangeln” gründlichst studiert, folgt auf jede eindeutig rechte Aussage eine scheinbar relativierende: “Ich wirke in Hinsicht auf eine Elite, und wenn ich in diesen Zeiten die Erhebung einer Elite fordere und heraufbeschwöre, dann meine ich eine Elite des Herzens, eine Gefühls-, Gedanken- und Seelenelite, deren freies Selbstbewußtsein und Liebesfähigkeit jeglichen Rassismus einfach nur entbehrt.” Derlei wirres Zeug mag verstehen wer will, Jay Kay ist das auch egal, denn “…wer uns im Reich der Lüfte aufgrund seiner Beschränktheiten nicht folgen kann, soll sich erst gar nicht die Mühe machen, uns zu verstehen.” Um wenige Sätze später noch deutlicher zu werden: “Man muß ein für alle mal erkennen, daß, wenn ich für Deutschland rede, ich nicht für circa 50 Millionen geistige Totgeburten spreche, (…), sondern daß die ‚Volksseele‘, die bis ins Heute hinein so brutal vergewaltigt wurde, daß ich für dieses Heiligtum (…) den Kern und das Zentrum des Begriffes Deutschland eben verteidigen werde…” und immerhin drei Jahre vor Martin Walser hinzuzufügen: “Ich gestatte mir einfach die Freiheit, mich hin und wieder einfach mal deutsch zu geben, weil ich ein- für allemal die Rolle des Sündenbocks nicht länger mitzutragen gewillt bin.” Da es für ihn weder rechts ist, die Nazi-Propaganda der “Liquidierung von Rudolf Hess” nachzubeten noch in Hinblick auf die Feiern anläßlich der Befreiung Deutschlands vom NS zu bemerken, daß der 8. Mai 1945 “…trotz allem eine Eroberung, eine Unterwerfung und eine Unterdrückung des Geistes (war), die bis heute anhält und mir sogar mein Bewußtsein noch streitig machen möchte”, lassen wir den Erleuchteten selbst definieren, was Faschismus für ihn ist: “Faschismus, das ist Nonstop-Fernsehen, MTV, und alles, was auf Massen hin ausgerichtet ist.” (alle Zitate in diesem Abschnitt aus dem Gothic-Interview)

Zwischenzeitlich war Klumb auf dem besten Wege, selbst Teil des MTV-“Faschismus” zu werden. Die Nachfolgeband von Forthcoming Fire mit dem bezeichnenden Namen Weissglut wurde 1998 vom Sublabel Epic, Teil des “renommierten” Sony-Konzerns, unter Vertrag genommen, die sich nicht scheuten, einen handfesten Neonazi unter Vertrag zu nehmen.

Im Jahre 1996 begann sich nach dem Interview im Gothic auch die Junge Freiheit für ihn zu interessieren und veröffentlichte ein ausführliches Interview von Roland Bubik. Wer da wen rechts überholt hat, sei im Nachhinein dahingestellt, bemerkt Jay Kay doch in einem aktuellen Interview in der Heavy-Zeitschrift “Rock Hard” (1/99), daß es eines Redakteurs der Jungen Freiheit bedurfte, um ihn von einem weiteren wirren Plan abzubringen: “Nachdem ich drei Jahre die Repressalien (der “Antifa”) ertragen mußte, war ich so genervt, daß ich auf das Cover der letzten Forthcoming Fire-CD ‚Verurteilt – gerichtet – lebendig verbrannt‘ ursprünglich ein Foto von den Nürnberger Prozessen packen wollte, in das die Köpfe der vier Bandmitglieder hineinmontiert werden sollten.”

Seinem damaligen Label Hyperium & Hypnobeats platzte jedenfalls nach dem JF-Interview der Kragen: in einer öffentlichen Erklärung sagte man sich von der Band los und verweigerte eine Vertragsverlängerung.

Seine Vorliebe für Ausreden, die sein rechtes Weltbild vertuschen sollen, wird auch deutlich in einem Zillo-Interview (2/97): “Wie rechtsextrem kann ich sein, wenn mich aufgrund meines Interviews , das ich der ‚Jungen Freiheit‘ gab, ehemalige NS-Widerstandskämpfer in ihren Briefen an mich bestätigen?” fragt er und fügt an: “Ich habe mich mit einem Überlebenden der ‚Weißen Rose‘ (demokratische Widerstandsgruppe im NS) getroffen…”. Daß es sich bei dem Überlebenden der Weißen Rose um den stellvertretenden Bundesvorsitzenden der Republikaner, Hans Hirzel handelte, verschwieg er.

Inzwischen darf man Josef Klumb wohl auch juristisch abgesegnet einen “Nazi” nennen:

nachdem ihn das Landgericht Hamburg mit den vorliegenden Dokumenten konfrontierte nahm Klumb am 17. Dezember 1998 seinen Antrag auf Erlaß einer einstweiligen Verfügung wegen Verleumdung gegen den SPIEGEL zurück, der ihn in einem Artikel (44/98) als den Nazi präsentierte, der er ist.

Das machte es auch dem Epic-Label schwer, Klumb zu halten. Im Januar ’99 trennte sich Weissglut von Josef Klumb, vermutlich auf Druck von Epic, die bis dato seine rechtsextremen Verstrickungen unter den Tisch zu kehren versuchten. Auch große Teile der Musikpresse (allen voran Rock Hard und Metal Hammer) taten sich bis zuletzt durch unkritisch-solidarische Berichterstattung hervor. Auch wenn der große Plattendeal des Josef Klumb vorerst gescheitert ist, sieht es danach aus, als ob sowohl der Bandname aus auch Klumbs Texte weiterhin Bestandteil des in die Großkonzerne eingegangenen rechten Kulturkampfes bleiben werden. Josef Klumb konnte seine Jammermärchen anschließend zwar gerade noch der Jungen Freiheit “verkaufen”, so daß wenigstens dieses Unterkapitel mit dem Stempel “erledigt” versehen werden hätte können, da wollte ihn Ecki Stieg, Moderator, DJ, “Szene-Papst” und Zillo-Schreiber, anläßlich einer geplanten Zillo-Podiumsdiskussion zum Thema “Eine braune Flut?” auf dem 8. Wave-Gotik-Treffen in Leipzig wieder aus der Versenkung holen, indem er ihn nachträglich zu den seit Monaten geladenen Gästen auf das Podium setzen wollte! Nachdem allerdings der ebenfalls geladene Campino aus Termingründen abgesagt hatte, fehlte offensichtlich ein dezidierter Klumb-Gegner auf dem Podium, so daß Stieg eine Woche vor Veranstaltungsbeginn die Grufties gegen Rechts einlud. Wir teilten ihm unser Unverständnis für diese unnötige erneute Medienöffentlichkeit Klumbs mit und baten, die Einladung Klumbs noch einmal zu überdenken. Doch Stieg hing offensichtlich so sehr an der Einladung Klumbs, daß er wenige Tage später den ganzen Programmpunkt “Eine braune Flut?” ersatzlos strich und die “Schuld” dafür in barschen Worten den Grufties gegen Rechts und dem ebenfalls kurzfristig als Campino-Ersatz eingeladenen Sozialforscher und Klumb-Kritiker Alfred Schobert (Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung) gab. Stieg behauptete in seiner Presse-“Stellungnahme” grundlos, es hätte “Droh- und Einschüchterungsgebärden” in Zusammenhang mit der Klumb-Einladung gegeben. In der Gothic-Szene z.T. verbreitete Vorurteile gegenüber Antifas ausnutzend, stellte er gar die Behauptung auf, es wäre “Ärger” angedroht worden. Schobert hatte es lediglich abgelehnt, sich mit einem “Diskutanten” an einen Tisch zu setzen, der in einem Brief an den Herausgeber der nationalrevolutionären Zeitung Sleipnir ganz im Sinne von van Helsings antisemitischen Verschwörungstheorien verkündet hatte, daß “Schobert, der Hund” bestimmt “Mitglied der ADL” sei (ADL=Anti-Defamation-League; jüdische Organisation, die sich gegen rassistische Diskriminierung einsetzt). Darüberhinaus verwies Schobert darauf, daß Klumb seine Kritiker in der Vergangenheit wiederholt tätlich angegriffen habe (der detaillierte Ablauf der Vorgänge um die abgesagte Podiumsdiskussion kann bei den Grufties gegen Rechts angefordert werden).

Wie diese aktuelle Episode zeigt, scheint Josef Klumb alias Jay Kay noch immer über gute Kontakte zur Musikszene zu verfügen und so darf man gespannt sein, wann dieses in den organisierten Rechtsextremismus verstrickte Großmaul die nächsten Bündnispartner findet.

(im nächsten Teil werden weitere “Zentrale Säulen des rechten Kulturkampfes” vorgestellt werden, jetzt aber zunächst etwas zum Widerstand)

III. Widerständiges aus der Gothic-Szene

“No More Blood And Soil!”(Songtitel der britischen Gothic-Band Positive Noise)

“Nazischweine aufgepaßt – noch gehört sie uns die Nacht!” (Parole von Gothics aus Bayern)

“Schwarz statt braun” (Logo der Rostocker Grufties gegen Rechts)

Genervt von den braunen Schafen in der schwarzen Szene gründete sich im April 1998 in Bremen die Initiative Grufties gegen Rechts. Anlaß war ein Konzert der italienischen Band KirlianCamera in Berlin, bei dem sich der Sänger Angelo Bergamini mit dem neonazistischen Hitlergruß von der Bühne verabschiedete. Wir wollten dem Treiben nicht mehr länger tatenlos zusehen und verfaßten ein vierseitiges Flugblatt, welches über rechte Bands, Labels und Verstrickungen informierte und mit einem Boykott-Aufruf gegen jene endete. Dabei war erfreulich, daß fast alle DJ‘s aus der schwarzen Szene Bremens den Aufruf unterstützten. Dieser war verbunden damit, den rechten Kram in Zukunft nicht mehr aufzulegen. Ban it from the clubs…

Bereits im Mai 1998 wurde das Flugblatt zu einer 16-seitigen A6 – Broschüre umgeschrieben, die unter dem Titel “Die Geister, die ich rief…” (Auflage: 2000 Stück) erstmals auch bundesweite Verbreitung fand: wir verteilten das kostenlose Heftchen beim 7. Internationalen Wave-Gotik-Treffen in Leipzig (Pfingsten 1998). Dabei stießen wir auch auf eine Gruppe Berliner Gothics, die ein Flugblatt mit dem knackigen Titel “Jay Kay- verpiß Dich!” verteilten. Auf dem Campingplatz stießen wir auf ein Transparent “Grufties gegen Faschismus”. Erste Kontakte entstanden, kurz darauf gründete sich auch in Berlin eine Grufties gegen Rechts-Gruppe. Desweiteren war in Leipzig auch Gelegenheit zu Gesprächen mit Herausgebern von Musikzeitschriften. Die Bitte, Rezensionen unserer Broschüre zu veröffentlichen, erfüllten das Zillo und das Berliner Fanzine Dark Sign. Während im Dark Sign ein völliger Verriß erschien, machte das Zillo kräftig Werbung für unser Heft. Seitdem erreichten uns unzählige Briefe und E-Mails, fast durchweg positive Resonanz von Grufties aus ganz Deutschland, der Schweiz, Österreich, den Niederlanden und Schweden, Bestellungen zum Weiterverteilen, Solidaritätserklärungen, informative Briefe mit beigelegtem Material usw. Zudem gab es große Resonanz von Antifa-Initiativen und Infoläden. Zum Zillo-Festival im August 1998 in Hildesheim erschien eine erweiterte 2. Auflage von “Die Geister, die ich rief…” (24 Seiten, Auflage: 10.000 Stück). In Berlin gab es ein Soli-Konzert mit den linken Gruft-Bands Endzeit,Korbak und Exedra, eine Reihe von Parties und zwei Infoveranstaltungen zum Thema. In Bremen mehrere DJ-Abende, ein Soli-Konzert (Lichtmaschine &Steril) mit Party im Oktober 98 und im März 99 eine sehr gut besuchte Vortragsveranstaltung mit anschließender Party mit Gästen aus dem ganzen Bundesgebiet. Seit November 98 gibt es auch in Rostock eine Grufties gegen Rechts-Gruppe, mit der wir versuchten, die Veranstalter eines Konzerts von Death In June, Fire & Ice, Boyd Rice und Der Blutharsch am 26. November auf dem Motorschiff Stubnitz in Rostock zu einer Absage zu bewegen. Auch wenn dies nicht gelang, da sich die VeranstalterInnen immer wieder auf die “Freiheit der Kunst” zurückzogen, so konnte immerhin zeitweilig ein Transparent mit der Aufschrift “Kunst Heil?” am Schiff angebracht und viel Info-Material, “Geister-Broschüren” und Flugblätter unter die Leute gebracht werden, was viele Diskussionen hervorrief. Als sich Albin Julius von Der Blutharsch mit den Worten “Freiheit für Pinochet” von der Bühne verabschiedete, wurde er dann nicht nur von MitarbeiterInnen unserer Initiativen ausgepfiffen.

Im April 99 machten die Bremer und Rostocker Grufties gegen Rechts zusammen mit Alfred Schobert eine erfreuliche Tour durch Mecklenburg-Vorpommern mit gut besuchten Vortragsveranstaltungen und Soli-Parties in Neubrandenburg, Greifswald, Rostock und Wismar. Inzwischen arbeiten Gothics und andere SymphatisantInnen aus dem ganzen Bundesgebiet mit uns eng zusammen. Soli-Parties bis nach Süddeutschland laufen zugunsten unserer Initiative. Prominenz wie die Einstürzenden Neubauten oder die Industrial-Legende Dirk Ivens (ex-The Klinik; Dive, Sonar) unterzeichneten unseren Aufruf. Bands wie GoethesErben, Das Ich oder Deine Lakaien ließen uns Info-Stände machen oder wollen sogar für uns auftreten. Die Newcomer ISECS, die mit “Einheitsschritt”, einer selbstironischen “Gruftie-Verarschung”, bundesweit einen Club-Hit haben, verfaßten sogar einen Artikel für unsere nächste Broschüre.

Erfreulich auch Siouxsie (ehemals & The Banshees), die auf dem diesjährigen Wave-Gotik-Treffen in Leipzig bei ihrem Auftritt mit The Creatures den Rechten zu hören gab: “Fuck all uniformes”. Ob sie es tatsächlich gehört haben, darf allerdings bezweifelt werden: am gleichen Abend fand an anderer Stelle in Leipzig ein Konzert mit einer ganzen Reihe von braunen Bands statt: Die Veranstalter hatten u.a. Camerata Mediolanense und Kirlian Camera eingeladen…

Neben rechten Bands waren wie in den letzten Jahren Stände (neu)rechter Zeitschriften (wie Sigill und Hagal) vertreten. Die Junge Freiheit war ebenso anwesend wie VAWS, Josef Klumb, Nazi-Konzert-Veranstalter Oliver Lindner aus Hannover und Hardcore-Nazis wie Christian Worch. Wir haben zwar keine Umfrage gemacht, aber von vielen Leuten gehört, daß ihnen die massive Anwesenheit der Rechten mächtig auf den Zeiger geht. Das diesjährige Wave-Gotik-Treffen in Leipzig zeigte überdeutlich, daß es höchste Zeit ist, den Widerstand gegen die “braune Flut” zu verstärken und den braunen Vormarsch in der schwarzen Szene zu stoppen.

Den neurechten Strategen das Handwerk zu legen, und zwar solange und so nachdrücklich, bis sie die “Operation DarkWave” aufgeben, wird immer mehr zur Tagesaufgabe der “Gruft-Szene”.

Bis dahin ist es freilich noch ein weiter Weg. Ein Weg, den wir auch weiterhin mit unseren FreundInnen aus der schwarzen Szene gehen werden, auch wenn es erste Anzeichen dafür gibt, daß den (neu)rechten “Kulturkämpfern” unsere Arbeit so sehr stinkt, daß sie seit einiger Zeit auch vor E-Mail-Bombing, Diffamierung und Drohungen nicht zurückschrecken.

Carpe noctem – Nazis raus!

Siouxsie Sioux auf dem Kriegspfad

Ausgewählte Lesetips:

Zum rechten Kulturkampf:

Alfred Schobert: “Geheimnis und Gemeinschaft – Die Dark-Wave-Szene als Operationsgebiet “neurechter” Kulturstrategie” (DISS Internet Bibliothek, hier auch weitere lesenswerte Texte von A. Schobert zum Thema)

Zum VAWS, W. Symanek und J. Klumb:

Alfred Schobert: “Rechter ‚Kulturkampf‘: VAWS in Mühlheim” (in: Antifaschistische NRW-Zeitung 17, Sommer 1998)

In die diffuse Gedankenwelt des Josef Klumb:

Gothic Nr. 23 (Sommer 1995): “Forthcoming Fire – Flammen und Irrlichter” (Aufgrund der “radikalen und totalitären Züge” Klumbs hatte die Redaktion damals Zweifel, “ob der Beitrag veröffentlicht werden sollte”, wie im Vorwort zu lesen ist.)

Daniel Hügel in: Jungle World Nr.3 (Jan.) 1999: “Rechtsrock läßt den Rubel rollen” (über “Weissglut”)

Quelle: Grufties gegen Rechts Bremen