Braune Strippen in der „Schwarzen Szene“

Ein Artikel der Internetplattform Turn it down.

Im AIB Nr. 35 veröffentlichten wir ein Interview mit der Darkwave-Band Deine Lakaien. Damit versuchten wir eine in der Szene sehr populären Band ein Forum zu bieten und so darzustellen, daß es sich bei den thematisierten Einflüssen eher um eine kleine Minderheit handelt. Weiterhin ging es uns darum, ein wenig von der Stimmung und der Motivation der Szene darzustellen. Im folgenden Artikel wollen wir inhaltliche Bezugspunkte der faschistischen Minderheit der Szene und deren Kristallisationspunkte darstellen. Des weiteren sollen die Brücken in die gesamte Szene und der Versuch massiver Einflußnahme von Rechts auf die Szene dargestellt werden.

Gothic?

Die „Gothic“ oder auch „Darkwave“ genannte Szene entstand Ende der 70er/Anfang der 80er Jahre als Teil und Ausdifferenzierung der Independentszene. Als Vorläufer gelten Bands wie „Joy Division“, „Bauhaus“, „The Cure“ und „New Model Army“. In der BRD hat Gothic längst den Status einer jugendlichen Randgruppe verlassen und ist in Mode gekommen.

Die als „Zentralorgan“ der Szene geltende Hochglanzzeitschrift Zillo hat immerhin eine Auflage von 70.000 Exemplaren. Als szenetypisches Auftreten gelten schwarze wallende Kleider, weiss/schwarzes Make Up und hochgestylte Haare. Das Lebensgefühl der Szene orientiert sich zumeist am Mittelalter, immer wiederkehrende Themen sind Esoterik, Romantik, Heidentum, Tod oder Todessehnsucht, exotische Religionen und Avantgarde. Als „Suchende“ könnte man viele Szenemitglieder charakterisieren.

Gesucht wird eine romanisch verklärte „Ganzheit“ welche in Form des Mittelalters oder von Naturdarstellungen gefunden wird, aber auch das Motiv der Endzeit, der Zerstörung und des Kampfes findet sich. Der heldenhaft esoterisch verklärte Kampf stellt den Weg zum Heil dar. Das unpolitische Selbstverständnis und die gefühismässig-irrationale Orientierung der Szene birgt die Gefahr, daß diese leicht ideologisch aufgeladen und instrumentalisiert werden kann.

Als faschistisches „Vorzeigeprojekt“ könnte man die Zeitschrift Sigill bezeichnen. In dieser, immer wieder durch Kleinanzeigen in unpolitischen Szenemagazinen, wie Zillo, auf sich aufmerksam machenden Zeitschrift werden viele Theoretiker und Vordenker des Faschismus aufgegriffen und dargestellt. So soll die Szene nach rechts gedrückt werden.

„Magazin für die konservative Kulturavantgarde Europas“ lautet der Untertitel des aus Dresden kommenden Musikmagazins. Neben der „konservativen Revolution“, eine profaschistische Denkströmung der 20er Jahre, sind Vordenker des italienischen Faschismus Hauptbezugspunkte in Sigill. Musikalisch stehen jene Bands im Mittelpunkt, welche sich ebenfalls auf diese Denker berufen. So zum Beispiel Death in June, die sich auf den angeblich linken Flügel» der NSDAP und Ernst Röhm beziehen, die den italienischen Mussoliniberater verehrende Band Ain Soph oder Allerseelen, welche den Antisemiten Lanz von Liebenfels und auch Ernst Jünger in ihren Liedern zitieren.

Neben musikalischen Beiträgen und Plattenkritiken findet sich auch ein Interview mit Stefan Ulbrich. Der ehemalige Wiking Jugendler, der bis Dezember `’93 das Ressort Politik bei der Junge Freiheit (JF) betreute, betreibt heute den Arun Verlag und den Gaja Versand. Dort verlegt er jene Vordenker die sich auch in Sigill wiederfinden: Spengler, Evola, Nietzsche, Jünger, Riefenstahl und Breker.

Deren Bücher bietet der Bingener Nazi Werner Symanek in einer Anzeige in Sigill an. Sie sind gleichzeitig die zentralen Ideologen und Anknüpfungspunkte der Rechten an die Gothicszene. Spengler steht für Endzeitstimmung und Kulturverfall, der Elitetheoretiker Evola dessen Hauptwerk „Revolte gegen die moderne Welt“ als Leitbild gesehen werden kann, verkündet den Kampf um eine esoterische Ständegesellschaft, Nietzsche wird für die Propagierung eines heidnischen Sozialdarwinismus genutzt und Jünger stellt schließlich die Verherrlichung von Kampf und Tod dar, welche im industriellen Kampf den angeblich schaurig/schönen Untergang der verhassten Moderne bedeutet.

Die Regisseurin von NS-Propagandafilmen Leni Riefenstahl und der NS-Bildhauer Arno Breker prägen das Schönheitsideal in Sigill.

Hier entsteht ein ästhetisiertes Bild von Gesellschaft, das nur Kraft, Macht und Gewalt kennt. Widerspruch oder demokratisches Miteinander sind in dieser Ästhetik unmöglich. Hier gilt nur der Kampf. Wieweit der Kampf und der Tod verherrlichtwird zeigt sich in dem Sigill-Artikel über den Japaner Yukio Mishima.

„Der Weg des Kriegers, habe ich erkannt, bedeutet zu sterben.“

Todessehnsucht, Friedhöfe und Grabessymbolik als Ausdruck von empfundener Sinnlosigkeit und gleichzeitiger Sinnsuche sind in der Gothicszene weit verbreitet. Auch in der faschistischen Ideologie spielt der Tod und dessen Akzeptanz eine wichtige Rolle. Die totale Hingabe für eine Idee, den Führer oder Kaiser, der Tod als die höchste Erfüllung des Seins. All das will Mishima ausdrücken wenn er den Tod als den Weg des Kriegers bezeichnet. Mishima, auf den sich auch Death in June und Current 93 beziehen, pries den Heldenmut der Kamikazeflieger und versuchte die „Katastrophe der Moderne“ in Japan, als welche er das Abdanken des Kaisers und die zunehmende Demokratisierung des Landes empfand, zu stoppen. Er gründete eine rechtsextreme Wehrsportgruppe und beging rituellen Selbstmord nachdem er mit dieser einen Putschversuch unternommen hatte.

„allein kulturell, nicht politisch“

Das betonen die MacherInnen von Sigill immer wieder, sei ihre Arbeit. Damit wollen sie sich vor allem der Kritik an ihnen und ihren Inhalten entziehen. Vermutlich unbewußt verlegen sie damit jedoch ihre Arbeit auf ein Gebiet, welches aus theoretischen Gründen schon lange Ziel der sogenannten „NEUEN RECHTEN“ ist, die Kultur. Nach dem Wahldebakel der NPD 1969 überlegten Teile der Rechten nach neuen Möglichkeiten der Einflußnahme.

Dabei entdeckten sie den italienischen Kommunisten Antonio Gramsci. Dieser entwickelte in den 30erJahren die Theorie und Strategie der „Metapolitik“ und der „kulturellen Hegemonie“. Diese besagt, daß sich die Macht in einem Staat nicht allein in der Regierung und der militärischen Macht ausdrückt, sondern daß sie in den Köpfen und den Gedanken der Menschen anfängt. Und das dieses Denken nicht nur durch Wahlkämpfe und politische Reden sondern vielmehr auch durch den kulturellen Bereich und die allgemeinen Erfahrungen auf der Straße gebildet wird. Diese Strategie, also die Agitation im sogenannten „vorpolitischen“ Bereich griff die «Neue Rechte« auf. Wenn Sigill also behauptet „nur kulturell“ zu arbeiten ist dies falsch. Kultur und so auch Musik sind hochpolitisch.

Zwischen Unterwanderung und inhaltlicher Nähe

Seit einiger Zeit versuchen Personen aus dem Umfeld der „Neuen Rechten“ Einfluß auf die Gothicszene zu nehmen. Als Beispiele seien nur die Tätigkeit des JF-Autors Peter Boßdorf beim Musikmagazin Zillo und die massive Berichterstattung der Junge Freiheit zu diesem Thema ge­nannt. Auch eindeutige Personen wie der Bingener Nazi Werner Symanek versuchen, einen Fuß in die Szene zu bekommen. So produzierte Symanek eine Doppel-CD zu Ehren Leni Rie­fenstahls, auf der vertreten war, was bei rechten Gothics Rang und Namen hat (Forthcoming Fire, Strength through Joy, Death in June, Allerseelen).

Seitdem von antifaschistischer Seite die braunen Stippen in der Go­thicszene thematisiert werden, scheint ein wahrer Run von Rechts auf die Szene angefangen zu haben. Die Naziskinzeitschrift Rock Nord veröffentlicht einen Artikel zu Death in June, in der neuen Ausgabe der JN-Zeitung Einheit und Kampf werden die Riefenstahl Doppel-CD und Gothic­bands bei den Plattenkritiken bespro­chen. Auch im Rundbrief des Thuleseminars ist Gothic Thema usw.

Daß allerdings eine Gefahr der Einflußnahme aus dieser Richtung ausgeht, erscheint unrealistisch. Wenn, dann liegt sie an den rechten Vertretern innerhalb der Szene, wie dem Personenkreis um Sigill oder bei Personen, die sich direkt in die Szene hineinbegeben, wie es Stefan Ulbrich oder Peter Boßdorf tun. In letzter Zeit gab es sowohl Hinweise auf eine wei­tere Etablierung des rechten Teil der Szene als auch für wachsenden Wi­derstand.

Bedenklich stimmt die größer ge­wordene Präsenz rechter Bands in der Szene, so zum Beispiel Forthcoming Fire und Allerseelen beim 6. Wave/Gothik- Treffen zu Pfingsten 1997 in Leipzig, wo auch das Sigill­-Team auflegen durfte. Andererseits di­stanzieren sich andere Bands deutlich von rechten Bands und hinterfragen auch inhaltliche Anknüpfungspunk­te. Die Mehrzahl der Konzerte von Death in June mußten abgesagt werden, Forthcoming Fire erging es nicht besser. Letztendlich wird es aber auf die innere Entwicklung der Szene an­kommen, ob sich die rechten Strippen in der Schwarze Szene vermehren oder eine Randerscheinung bleiben werden.

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe Nr.39/1997 des Antifaschistischen Info-Blatts

Quelle: Turn it down